12.

[265] Der sinesische Übersetzer, ohne der besondern Unterredungen des Sultans Gebal mit seinem Hofphilosophen, und der Entwürfe oder wirklichen Anstalten, welche vermutlich die Früchte davon waren, weiter Erwähnung zu tun, begnügt sich auf seinem bisherigen Wege fortzuschreiten, und berichtet uns, daß der Sultan des folgenden Abends, da die Rede wieder von Tifan und seiner Gesetzgebung gewesen, das Gespräch auf seinen Lieblingsgegenstand, auf die Staatswirtschaft, gelenkt, und ein großes Verlangen bezeigt habe, zu wissen, wie dieser Fürst so große Ausgaben, als er, nach einigen Proben zu urteilen, sich selbst aufgelegt, habe bestreiten können? Diese Neugier Seiner Hoheit hätte zu einer sehr umständlichen Erörterung der Sache geführt, wovon er, da einem sinesischen Prinzen über diese Rubrik nichts gesagt werden könne was er nicht zu Hause eben so gut finde, sich begnügen würde, folgenden Auszug zu liefern.

»Die Schriftsteller«, sagte Danischmend, »aus welchen ich meine Nachrichten von Tifans Grundsätzen über das Finanzwesen und die Staatsökonomie gezogen habe, erzählen uns davon Dinge, die beim ersten Anblicke sehr seltsam, wo nicht gar unglaublich klingen. Tifan rühmte sich (sagen sie) wenige Tage vor seinem Tode gegen seinen Nachfolger, daß er ihm einen Schatz hinterlasse, dergleichen kein einziger von allen Königen Asiens aufzuweisen habe. ›Es ist wahr‹, sagte er, ›in meiner Kasse wirst du keinen großen Vorrat antreffen: aber ich hinterlasse dir sechzig Millionen vergnügte, wohl genährte, wohl gekleidete, wohl gesittete, fleißige und unsrer Regierung wohl geneigte Untertanen, welche, sobald du sie zum Besten des Staats vonnöten hast, mit allen ihren Fähigkeiten, mit allem ihrem Vermögen, mit allem Blut in ihren Adern, freiwillig dein eigen sind. Ich hinterlasse dir Städte, die von arbeitsamen und geschäftigen Menschen wimmeln, und Landschaften, die einem blühenden Garten ähnlich sind. Wie sehr anders sah dies alles aus als ich König wurde! Aber funfzig Jahre, mein Sohn, sind eine schöne Zeit für einen König, der den Willen hat Gutes zu tun, und der alle seine Untertanen zu Gehülfen zu machen weiß. Auch hoffe ich, du wirst in diesem ganzen Reiche keine verfallene Stadt wieder herzustellen, keinen Sumpf[265] auszutrocknen, keine Einöde zu bevölkern und anzupflanzen übrig finden. Die Provinzen deines Reichs sind wie die Glieder eines gesunden und voll blühenden Körpers; ein gemeinschaftlicher Lebenssaft strömet durch sie hin; jede dient der andern, jede unterstützt die andre; jede trägt das ihrige bei, das Ganze vollkommen zu machen, und erhält vom Ganzen Lebenswärme und Nahrung, und jeden Beistand dessen sie benötigt sein kann. Jede Klasse des Staates ist was sie sein soll, und Ein durch sie alle ausgegossener Geist der Eintracht und Vaterlandsliebe verbindet sie zum allgemeinen Besten. Die Jugend einer jeden Klasse wird zu ihrer künftigen Bestimmung erzogen. Alle eitle Gelehrsamkeit ist aus Scheschian verbannt; die Akademie der Wissenschaften ist in eine Werkstatt nützlicher Erfindungen, in eine Schule der Weisheit, der Tugend und des Geschmacks verwandelt. Nenne mir eine Geschicklichkeit und Kunst, die zum Wohlstand eines Volkes anwendbar ist, und in Scheschian nicht Aufmunterung und Belohnung finde. Und nun, mein Sohn, gestehe, daß dein Vater ein guter Wirtschafter war, und folge seinem Beispiele.‹

Die Wahrheit von der Sache war, daß Tifans Nachfolger an dem Tage da er den Thron bestieg, – zwar keine Schulden, aber wirklich kaum so viel Geld in der Schatzkammer fand, als der reichste Kaufmann zu Scheschian in seiner Kasse liegen hatte. Welch eine Wirtschaft!

Bei den meisten andern Fürsten ist nichts willkommner, als ein Projekt, aus hundert Taels, die in die Schatzkammer fließen, zweihundert zu machen. Bei Tifan würde mit allen Projekten, wobei es darauf ankam die Untertanen ärmer zu machen, nichts als ein Platz im Zuchthause zu verdienen gewesen sein. ›Bringt mir Vorschläge‹, pflegte er zu sagen, ›die Scheschianer klüger, besser, arbeitsamer, geschickter und glücklicher zu machen! Je mehr sie alles dies sind, desto reicher werden sie sein: und bin ich nicht reich genug, wenn es meine Scheschianer sind?‹

Noch eine Seltsamkeit! In allen andern Staaten, oder doch beinahe in allen, pflegen die Auflagen auf das Volk unvermerkt (oft auch sehr merklich) zuzunehmen. Die Bedürfnisse des Staats, sagt man, werden immer größer: und da in den meisten das Vermögen des Volkes in eben der Maße abnimmt wie die Staatsbedürfnisse zunehmen; so kommt zuletzt der Augenblick, wo das Volk, gerade wann der Staat am meisten bedarf, nichts mehr zu geben hat. In Scheschian war dies ganz anders eingerichtet. Tifan verstand die Kunst große Dinge mit wenigen Kosten zu tun; welches[266] ungefähr eben so viel ist, als die Kunst der alten Helden, mit kleinen Heeren große Siege zu erfechten. Gleichwohl war es nicht anders möglich, als daß die Scheschianer anfangs alle ihre Kräfte aufbieten mußten, um die großen Summen zu erschwingen, die zur Ausführung seiner Anstalten zum gemeinen Besten vonnöten waren. Aber schon im zehnten Jahre seiner Regierung sah er sich im Stande, die Last des Volkes merklich zu vermindern; und in den letzten Jahren bezahlten die Scheschianer dem Staate kaum den dritten Teil dessen, was ihnen unter Sultan Azorn abgenommen worden war; und gleichwohl war der öffentliche Schatz nicht um eine Unze leichter als in den ersten Jahren Tifans, und wenigstens um neunzehn Teile von zwanzig reicher als unter Azorn.«

»Wie ging dies zu?« fragte Gebal.

»Durch die einfachste Operation von der Welt«, antwortete Danischmend. »Im zehnten Jahre Tifans waren ungefähr dreißig Millionen Menschen in Scheschian, welche zusammen zweihundert Millionen Unzen Silbers in die Schatzkammer bezahlten. Im funfzigsten Jahr eben dieses Königs zählte man über sechzig Millionen Einwohner, welche, um die nämliche Summe zusammen zu bringen, nur halb so viel bezahlten als ihre Vorgänger, aber noch immer in die Schatzkammer. Hingegen befanden sich in den letzten Jahren Azors vierzig Millionen Einwohner in Scheschian, welche drei- und zuletzt viermal so viel bezahlen mußten; aber unglücklicher Weise das meiste weder an die Schatzkammer noch an den König, sondern an die ungeheure Anzahl der Pachter und Einnehmer, an die Mätressen des Königs, an die Günstlinge und Höflinge, an die königliche Küche, an die königliche Garderobe, an die königlichen Pferde, Hunde, Katzen, Elefanten, Riesen, Zwerge, Affen und Papageien, und an eine unendliche Menge anderer entbehrlicher Geschöpfe, die zum Hofstaat Seiner Majestät gehörten, und insgesamt sehr große Bedürfnisse hatten. Alle diese Teilnehmer an den Staatseinkünften nahmen soviel davon zum voraus weg, daß ein mäßig starker Esel wenig Mühe hatte, den Rest in die königliche Schatzkammer zu tragen; und dieser einzige Umstand löset, deucht mich, das ganze Geheimnis auf.«

Es gefiel dem Sultan Gebal, bei dieser Stelle in ein so starkes Gelächter auszubrechen, daß Danischmend inne halten mußte. »Der arme Azor«, rief er einmal über das andere aus, »der arme Mann! Kann man auch ein ärmerer Schelm sein als Azor!«

»In der Tat«, sagte Danischmend, »der gute Azor war beinahe noch ärmer als seine armen Untertanen[267] »Du hast recht, Danischmend«, versetzte Schach-Gebal: »die guten Leute sind wirklich zu bedauern! – Aber wo blieben wir? Die Wahrheit zu sagen, ich sehe noch nicht sehr hell in der Haushaltung deines Tifan.«

»In kurzem, hoffe ich, soll Ihrer Hoheit alles sehr deutlich werden«, erwiderte der Philosoph. »Sultan Tifan machte in seinem Gesetzbuch eine merkwürdige Distinktion zwischen den Bedürfnissen des Königs und den Bedürfnissen des Staats, und folglich auch zwischen dem Beutel des einen und des andern. Zu jenen bestimmte er eine beträchtliche Anzahl von Krongütern, welche seit den Zeiten Ogul-Kans die Domänen des Königs ausgemacht hatten. Er vermehrte sie, mit Bewilligung der Nation, durch einen Teil der verödeten Gegenden, welche, von den bürgerlichen Unruhen her, aus Mangel an Bewohnern unangebaut lagen, und als dem Staat anheim gefallen betrachtet, von Tifan aber mit fremden Kolonisten bevölkert und in wenig Jahren in einen sehr ergiebigen Stand gesetzt wurden. Außerdem waren die Einkünfte von den Bergwerken und Salzgruben von jeher als königliche Güter angesehen worden; und Tifan ließ es um so mehr dabei bewenden, weil er sich und seinen Nachfolgern das Vermögen auch willkürlich Gutes zu tun nicht entziehen wollte; eine Idee, welche sich mit der menschlichen Schwachheit vielleicht entschuldigen läßt, wiewohl sie durch ihre Folgen in spätern Zeiten dem scheschianischen Reiche verderblich geworden ist.

Alle diese Einkünfte betrugen durch die gute Wirtschaft des Königs Tifan in seinen letzten Jahren ungefähr neun bis zehn Millionen Unzen Silbers, welche der König verwalten konnte wie er wollte, ohne jemand deswegen Rechenschaft zu geben. Hingegen mußte er davon seine ganze Hofhaltung, alle seine Privatausgaben, und, nach Tifans ausdrücklicher Verordnung, selbst alle diejenigen bestreiten, welche die Majestät des Thrones erfordert. Da nun diese Summe, so beträchtlich sie war, gar leicht für die Begierden eines schwachen oder ausschweifenden Fürsten unzulänglich hätte sein können: so verordnete Tifan in einem besondern Abschnitte seines Gesetzbuches, wie der Hofstaat des Königs, seine Tafel, und alles was zu seiner Haushaltung gehörte, eingerichtet sein sollte. Eine edle Einfalt und eine sehr große Mäßigung war der Geist dieser Verordnungen. ›Wenn der Luxus‹, sagte Tifan, ›einem wohl eingerichteten Staate verderblich, und nur in einem sehr verdorbenen eine Zeit lang ein notwendiges Übel ist; wenn der größte Reichtum desselben in der Menge arbeitsamer Einwohner besteht, und die Bevölkerung,[268] ohne Mäßigung der Begierden und des Aufwands, unmöglich so weit gehen kann als sie sonst natürlicher Weise gehen würde: so fällt in die Augen, wie notwendig es ist, daß der Hof dem ganzen Staat ein fortdauerndes Beispiel einer Tugend gebe, welche die stärkste Schutzwehre der guten Sitten ist. Nach dem Hofe bilden sich die Großen und der Adel: und vereinigen sich diese, dem Volke mit dem Beispiel einer einförmigen, in die Schranken der Anständigkeit und einer guten Wirtschaft eingeschlossenen Lebensart vorzuleuchten; so wird das Volk desto weniger der Gefahr ausgesetzt sein, den Geist seines Standes und den Geschmack an der Einfalt seiner eigenen Lebensart zu verlieren. Diese Einförmigkeit ist nur solchen Leuten zuwider, in welchen der Müßiggang ausschweifende Begierden und einen grillenhaften Geschmack ausbrütet: in Scheschian kann es keine solche Leute geben; denn das Gesetz duldet keine Müßiggänger. Vom König an bis zum Tagelöhner ist jedermann mit den Pflichten seine Standes oder mit der Ausübung seiner Talente beschäftigt; und beschäftigte Leute, für welche die bloße Ruhe schon eine Art von Vergnügen ist, haben nur einfache und ungekünstelte Ergetzungen vonnöten, weil die Ergetzungen für sie keine Beschäftigung, sondern nur Erholungsmittel nach der Arbeit sind.‹

Eine nach diesen Begriffen eingerichtete Hofhaltung konnte, wiewohl das Anständige, und bei gewisser Gelegenheit selbst das Glänzende, nirgends vermißt wurde, nicht so viel kosten, daß der König nicht noch große Summen in Händen behalten hätte, wovon er einen edeln, wohltätigen und gemeinnützigen Gebrauch machen konnte. Tifan, zum Beispiel, der ein großer Liebhaber der Naturforschung war, wendete einen beträchtlichen Teil seiner eigenen Einkünfte auf physische Versuche, auf mathematische Werkzeuge, und auf Belohnung derjenigen, welche in diesem Fache sich vorzüglich verdient machten. Er stiftete aus seiner eigenen Kasse eine Akademie der schönen Künste, deren immer zunehmendes Wachstum eine seiner angenehmsten Ergetzungen ausmachte. Überdies setzte er für alle Arten nützlicher Bemühungen jährlich eine beträchtliche Anzahl von Preisen aus. Alle Unternehmungen, von welchen dem Staat Ehre oder irgend ein andrer Nutzen zugehen konnte, fanden in ihm einen großmütigen aber zugleich einsichtsvollen Beförderer, welcher Schein und Wahrheit sehr genau zu unterscheiden wußte. Hauptsächlich aber standen alle jungen Leute, welche sich durch Proben außerordentlicher Fähigkeiten hervortaten, unter seinem unmittelbaren Schutze. Er hielt ein Verzeichnis über alle, die zu dieser Klasse gehörten; er verschaffte ihnen[269] Gelegenheit sich vollkommen zu machen; und da er sie genau genug kennen lernte, um ihre mannigfaltigen Talente aufs beste benützen zu können, so mag es wohl diesem Umstande vornehmlich zuzuschreiben sein, daß er im Stande war, die vortreffliche Staatswirtschaft zu führen, deren er sich gegen seinen Nachfolger rühmte.

Bei einem solchen Gebrauch, als Tifan von seinen eigenen Einkünften machte, läßt sich leicht begreifen, warum er seinem Sohne keinen großen Vorrat an barem Gelde hinterließ; wiewohl unter allen Rubriken seiner Ausgaben keine einzige war, über die er zu erröten Ursache gehabt hätte. Aber daß es auch mit dem öffentlichen Schatze die nämliche Bewandtnis hatte, würde gegen seine gute Wirtschaft einigen Verdacht erwecken können, wenn Tifan sich nicht zum Grundsatz gemacht hätte, die Einnahme und Ausgabe des Staats so genau gegen einander abzuwägen, daß beim Schlusse jedes Jahres, nach Abzug der letzten von der ersten, wenig oder nichts übrig blieb.42 Dieser öffentliche Schatz bestand aus den Abgaben, welche teils von den Eigentümern aller liegenden Grundstücke, teils von dem beweglichen Vermögen und Erwerb aller übrigen Einwohner des Reichs erhoben wurden. Er betrug unter Tifans Regierung ordentlicher Weise niemals über zweihundert Millionen Unzen Silbers, und durfte auf nichts andres als die unumgänglichen Ausgaben des Staats, oder auf solche, welche augenscheinlich zum Besten desselben gereichten, und im Gesetzbuch ausdrücklich benannt waren, verwendet werden. ›Der König‹, sagt Tifan, ›hat nicht die mindeste willkürliche Gewalt über das Vermögen seiner Untertanen: er ist schuldig sie dabei zu schützen; aber er ist so wenig als irgend ein andrer Mensch befugt, ihnen nur den Wert einer Stecknadel wider ihren Willen wegzunehmen. Hingegen sind die sämtlichen Bürger des Staats verbunden, zu den Bedürfnissen desselben und zu gemeinnützigen Anstalten nach Verhältnis ihres Vermögens[270] oder Einkommens beizutragen; und da keiner ohne Unsinn diese Schuldigkeit mißkennen, noch ohne ein Verbrechen gegen den Staat sich derselben entziehen kann, so kommt alles bloß darauf an:


daß der Nation dieser Beitrag auf alle mögliche Art erleichtert, und daß ihr die vollständigste Sicherheit wegen gesetzmäßiger Verwendung desselben gegeben werde.‹


Die Verordnungen Tifans zu Erreichung dieser zweifachen Absicht sind so einfach, als man sie von einem Gesetzgeber erwarten kann, der immer den nächsten Weg gehen konnte; weil keine Hindernisse, die er hätte schonen müssen, in seinem Wege lagen, und weil er keine andre Absicht hatte, als je eher je lieber zum Zweck zu gelangen. Vermöge dieser Verordnungen mußten alle Klassen der Einwohner von Scheschian dem Staate jährlich einen festgesetzten sehr mäßigen Beitrag entrichten, der überhaupt so bestimmt war, daß die reichste Klasse am meisten, die ärmste hingegen beinahe nichts bezahlte. In jedem Dorfe und Flecken, so wie in jeder kleinen Stadt, war in der Vorhalle des Tempels ein wohl verwahrter Kasten, in welchen jeder Kontribuent monatlich seinen Beitrag in einem Papier, auf welchem sein Name angemerkt war, durch eine zu diesem Zweck angebrachte Öffnung hinein steckte.43 Wer sich hierin saumselig finden ließ, ohne eine von den wenigen im Gesetze für gültig anerkannten Ursachen zum Erlaß anführen zu können, wurde sofort mit Gewalt zu seiner Schuldigkeit gebracht. Zwei besonders hierzu angestellte obrigkeitliche Personen führten Rechnung über diese Einnahme, und lieferten das Eingegangene alle Monate von den Dörfern und Flecken in die nächste Stadt, an welche sie angewiesen waren. Aus den kleinern Städten wurde diese Kontribution in die Hauptstadt der Provinz geliefert, und von da alle drei Monate an die Schatzkammer des Staats zu Scheschian Rechnung abgelegt. An jedem Ort, in jeder Stadt und Provinz hatten die bestellten Einnehmer ein Verzeichnis der Kontribuenten ihres Ortes, ihrer Stadt, und ihrer Provinz, so wie die Obereinnehmer zu Scheschian das ihrige von dem, was jede Provinz nach dem einmal festgesetzten Anschlage beizutragen schuldig war. Dieser Anschlag bezog sich teils auf die Ländereien und Häuser, welche, nach Tifans[271] Verordnung, so lange auf dem nämlichen Fuß angesetzt blieben, bis der König und die Stände der Nation gemeinschaftlich eine Erhöhung desselben dem Staate zuträglich oder notwendig finden würden; teils auf alle einzelne Bewohner des Staats (mit Ausnahme der Dienstboten und der Kinder in den untersten Klassen), deren jeder, nach der Klasse zu welcher er gehörte, mit einer unveränderlichen Schatzung belegt war. Da nun alle Monate ein genaues Verzeichnis aller Gebornen und Gestorbenen jedes Ortes an die Vorsteher jeder Provinz, und von diesen jedesmal nach Verfluß dreier Monate an den Hof eingeschickt werden mußte: so war nichts leichter, als die Berichtigung dessen was jede Provinz monatlich zu bezahlen hatte. Und weil keine Reste geduldet, sondern in gewissen Fällen, wo das Unvermögen des Kontribuenten erweislicher Maßen unverschuldet war, der monatliche Ansatz lieber gänzlich erlassen wurde: so ging die ganze Operation immer in gleicher Ordnung fort, ließ sich immer gleichsam mit Einem Blicke übersehen, und war von allen nachteiligen Folgen einer verwickeltern Art von Einrichtung frei.«

»Herr Danischmend«, sagte der Sultan, »es wäre sehr viel über diese Sache zu sprechen. Simplizität ist in allen mechanischen Veranstaltungen eine schöne Eigenschaft. Aber Tifans Finanzeinrichtung setzt etwas voraus, welches sich nirgends als in einem idealen Staate voraussetzen läßt. Wenn nicht alle seine Kontribuenten und Einnehmer die ehrlichsten Leute von der Welt waren, so wollte ich ihm keinen küpfernen Baham um seine ganze Operation gegeben haben.«

»In der Tat«, erwiderte Danischmend, »ist Tifans ganze Gesetzgebung und Staatsverwaltung auf die Sitten gebaut; aber man muß auch gestehen, daß er nichts unterlassen hat, um seinen Untertanen Sitten zu geben. Liebe zum Vaterlande, zu den Gesetzen, zur Ordnung, waren Tugenden, zu welchen die Scheschianer unter seiner Regierung von Kindheit an gebildet wurden. Die Verbindung des Begriffs der Ehre mit der genauesten Erfüllung jeder bürgerlichen Pflicht, und des Gefühls der Schande mit jeder Unterlassung derselben wurde ihnen zuletzt so natürlich und mechanisch, daß der gemeinste Mann, im Notfall, sich lieber etwas von seiner Nahrung entzogen als der Schande sich ausgesetzt hätte, zur Entrichtung des Beitrags, den er dem Staate schuldig war, mit Gewalt angehalten zu werden. Was die Einnehmer der Staatseinkünfte betrifft, so wurden sie aus einer Klasse gezogen, bei welcher das Gefühl der Ehre eine vorzüglich starke Triebfeder ist. Aber wenn es[272] auch bei einigen weniger wirksam gewesen wäre, so war es, nach Tifans Einrichtung, nicht leicht sich einer Untreue schuldig zu machen, und sehr schwer unentdeckt zu bleiben. In diesem Falle wartete eine äußerst schimpfliche Strafe auf sie; und so wie Tifan die Scheschianer gewöhnt hatte, gab es wenige, welche nicht lieber das Leben als ihre Ohren hätten verlieren wollen.

Es ist vielleicht niemals eine Monarchie gewesen, worin die Untertanen der Schatzkammer weniger bezahlt hätten, als die Scheschianer unter Tifan und seinem ersten Nachfolger. Aber der Hauptgrundsatz, worauf dieser Fürst seine Staatsökonomie gründete, war: Der höchste Wohlstand eines so großen Staates als der scheschianische hange von der möglichsten Bevölkerung ab; die möglichste Bevölkerung von der Leichtigkeit Unterhalt zu finden; diese von dem möglichst geringen Preise aller Erfordernisse des Lebens; und das letztere zu erzielen, hielt er für das einfachste Mittel, die Abgaben des Volkes so leicht zu machen als möglich, die unentbehrlichsten Lebensmittel hingegen auf einen festen Preis zu setzen, welchen die Eigentümer der Ländereien, ohne ausdrückliche Bewilligung des Königs und der Stände, nicht erhöhen durften.

Während der Regierungen Azors und Isfandiars hatten die Scheschianer, unter unzähligen Titeln und Rubriken, welche zu unzähligen Bedrückungen des Volkes Anlaß gaben, nach und nach vierzig, dann funfzig, und zuletzt sechzig bis siebzig vom Hundert ihres jährlichen Einkommens oder Verdienstes abgeben müssen. Tifan schaffte alle diese Rubriken ab. ›Ein Fürst‹, sagte er, ›der alles, was seine Untertanen besitzen, für sein Eigentum ansieht, mag wohl vonnöten haben, auf Kunstgriffe zu denken, wie er sich desselben auf die unmerklichste Art bemächtigen wolle; und freilich ist ein Unterschied, ob ich einen Körper durch kleine aber oft widerholte Ausleerungen langsam abmergele, oder ob ich ihm sein Blut auf Einmal abzapfe: aber am Ende erfolgt in jenem Falle was in diesem; ein wenig Zeit ist alles was man dabei gewinnt. Nach meinen Grundsätzen‹ (fügte er hinzu) ›ist die Frage niemals, was ist des Hofes Interesse? Aber, wenn ich auch, wie Isfandiar, alle Einwohner von Scheschian mit den Rindern und Schafen auf den Triften meiner Kammergüter in die nämliche Klasse setzte, so müßte ich dennoch anders mit ihnen verfahren als Isfandiar. Bin ich mit hunderttausend Untertanen, deren jeder mir, ohne sich zu entkräften, dreimal so viel geben könnte, als ich von ihm fordre, nicht unendliche Mal reicher als mit funfzigtausend Bettlern, die mir endlich nichts mehr zu[273] geben haben, als die Haut die noch um ihre marklosen Knochen hängt?‹

Außer den besagten Personal- und Vermögenssteuern hatte die Schatzkammer in Scheschian keine Einkünfte. Alle Zölle auf ein- und ausgeführte Waren waren mit Tifans wirtschaftlichen Begriffen unverträglich. Getreide und andere Naturalien, oder unverarbeitete Waren in fremde Länder auszuführen, war bei angemeßnen Strafen verboten: denn der erstern hatte ein so weitläufiger und volkreicher Staat wie Scheschian für sich selbst vonnöten, und ohne die äußerste Verarbeitung aller möglichen Produkte der Natur würde es unmöglich gewesen sein, ein unzählbares Volk hinlänglich zu beschäftigen. Hingegen konnte, seiner Meinung nach, ein Zoll auf die ausgeführten verarbeiteten Waren zu nichts dienen, als die Manufakturen und den Handel zu kränken und zu hemmen, welche doch von einer weisen Regierung auf alle nur ersinnliche Art aufgemuntert werden. Auf der andern Seite blieb die Einführung fremder verarbeiteter Waren aus einem doppelten Grunde frei: erstens, weil die scheschianischen wohlfeiler und besser waren; und dann, weil Tifan die begüterten Scheschianer durch ein solches Verbot nicht unnötiger Weise zum Ungehorsam reizen wollte. Die Einführung aber solcher rohen Waren, an welchen sein Land Mangel hatte, mit Abgaben zu belegen, hielt er für unschicklich, weil es vorteilhafter war, sie zum Behuf der einheimischen Manufakturen und Gewerbe auf alle mögliche Weise zu begünstigen. Endlich hatte Tifan noch einen vortrefflichen Grund für die Abschaffung aller Arbeiten von Abgaben, außer der einzigen monatlichen Steuer; und dieser war – weil der Staat ihrer nicht vonnöten hatte. Denn zu allen gewöhnlichen Ausgaben reichten die ordentlichen Einkünfte zu; und bei außerordentlichen Erfordernissen waren die Stände bereit, dem König alles zu bewilligen was er nötig haben konnte.«

»Tifan hatte doch auch ein Kriegsheer?« fragte Schach-Gebal.

»Die nötige Beschützung eines so weitläufigen Reiches erforderte nicht weniger als ein stehendes Heer von zweimal hunderttausend Mann, welche gut diszipliniert und besoldet waren, aber ihren Unterhalt, wie billig, dem Staate durch die friedsamen Dienste abverdienten, wozu sie sich (da ein ununterbrochener Friede ihre Arme zur Verteidigung desselben unnötig machte) gebrauchen lassen mußten. Landstraßen, dergleichen man erst in spätern Zeiten unter der Römer Herrschaft wieder sah, schiffbare Kanäle zum Vorteil des einheimischen Handels, abgeleitete Flüsse, ausgetrocknete[274] Sümpfe, ausgestockte Wälder und dergleichen, waren die rühmlichen Beweise, daß Tifan wußte, wozu zweimal hunderttausend starke, wohl genährte Müßiggänger brauchbar sind.«

»Abermal ein Notabene in Eure Schreibtafel gemacht, Herr Danischmend«, sagte der Sultan. »Man lernt doch immer etwas, woran man nicht gedacht hatte. Dieser Tifan war wirklich ein Mann, wie – ich einen Minister haben möchte!«

»Außerdem machte er« –

»Gut, gut«, rief der Sultan: »er hat die Miene noch sehr viel gemacht zu haben; aber für heute genug!«

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Der goldne Spiegel und andere politische Dichtungen. München 1979, S. 265-275.
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