14.

[281] Die Welt wird durch so wenig Weisheit als nur immer möglich ist, oder, um uns gelehrt auszudrücken, durch ein Minimum von Weisheit regiert. – Dies ist ein Satz, der von Nimrod und seinem Itimadulet an bis auf diesen Tag, durch eine ununterbrochene Überlieferung von einem Sultan und Itimadulet auf den andern fortgepflanzt worden sein soll, und der (wofern er so richtig ist als diejenigen, die es am besten wissen können, behaupten) vermöge des berühmten Grundsatzes der möglichsten Ersparung, in der Tat beweisen würde, daß die Welt unverbesserlich regiert werde. In der Tat gehen die Kenner so weit, uns zu versichern: Wenn es auch zuweilen begegne, daß ein Epiktet unter dem Namen Antoninus ein Imperator, oder unter dem Namen Thomas Morus ein Großkanzler werde; so lehre die Erfahrung, daß, trotz aller Weisheit dieser vortrefflichen Männer, die Sachen in der Welt gleichwohl nicht merklich besser gingen als unter den gewöhnlichen Imperatoren und Großkanzlern; zum offenbaren Beweise, daß eine gewisse Fatalität, welche aller menschlichen Weisheit zu stark ist, die Umstände und mitwirkenden Ursachen so fein zu verbinden wisse, daß die Weisheit der besagten Epiktete immer, oder doch meistens – wie eine Kugel, die durch den unterwegs erlittenen Widerstand entkräftet worden – wenige Schritte vor dem Ziele matt und kraftlos zu Boden sinke, und also am Ende dennoch das oben bemeldete Minimum heraus komme, welches nach den Gesetzen und dem ordentlichen Laufe der Natur hinlänglich ist, die Welt im Gange zu erhalten.

Dieses vorausgesetzt wird man es wenigstens nicht ganz unbegreiflich finden, daß der neue Itimadulet Danischmend – ungeachtet er, die Wahrheit zu sagen, von allen zu diesem hohen Amte erforderlichen Eigenschaften, die Gutherzigkeit und Aufrichtigkeit ausgenommen, wenig oder nichts besaß, und (wie unsre scharfsichtigen Leser bemerkt haben werden) von der Regierungskunst nicht viel mehr verstand als ein Blinder von[281] Farben – mit Hülfe seines guten Genius und des Zufalls gleichwohl seine Rolle ganz erträglich spielte, und sie vielleicht mit der Zeit wohl gar vortrefflich zu spielen gelernt haben würde, wenn die Derwischen und Bonzen (die sich's nicht aus dem Kopfe bringen ließen, daß er böse Absichten wider sie im Schilde führe) nicht Mittel gefunden hätten, ihn dem Sultan seinem Herrn verdächtig zu machen. In der Tat geschah dem ehrlichen Danischmend Unrecht: denn niemand konnte von irgend einer übeltätigen Absicht gegen sie entfernter sein als er; er, der den bloßen Schatten des Unrechts tödlich verabscheuete, und nicht fähig gewesen wäre, den geringsten unter allen Fakirn ohne Regungen der Menschlichkeit leiden zu sehen. Aber bei diesen Herren war es eine ausgemachte Sache, daß ein Mann, der sie gern zu bessern Leuten machen wollte, als sie zu sein Lust hatten, ihr geschworner Feind sei:44 und da sie unter Schach-Gcbals Regierung einen desto größern Einfluß hatten, je abgeneigter ihnen der Sultan war; so war es noch immer viel Glück für den guten Danischmend, daß er mit dem Verlust seiner Ehrenstelle und einer kleinen Entschädigung davon kam, die ihn in den Stand setzte, in seinen alten Tagen, fern vom Hofe und vom Geräusche des geschäftigen Lebens, seinen Betrachtungen über eine Welt, die ihn vergessen hatte, nachzuhängen, und oft bei sich selbst, so herzlich als Demokritus, zu lachen, wenn er sich an alles, was er gesehen hatte, erinnerte; besonders wenn ihm wieder einfiel, daß er Hofphilosoph bei Schach-Gebal, Aufseher über die Bonzen und über das königliche Theater, Biograph der Könige von Scheschian, und, was das Lustigste unter allen war, etliche Monate lang sogar Itimadulet von Indostan gewesen war.

Wir hoffen, Freund Danischmend werde sich durch seine Betrachtungen, durch die Episode von dem Emir und den Kindern der Natur, und durch den guten Willen, der aus seiner Erzählung von den Königen in Scheschian allenthalben hervorsticht, dem geneigten Leser schon so wohl empfohlen haben, daß diese kleine Abschweifung, wozu er uns veranlaßt hat, keiner Abbitte vonnöten haben werde. Und so lenken wir ohne weiteres wieder in den Weg unsrer Geschichte ein.

Die Beförderung des weisen Danischmend zum ersten Minister machte keine Veränderung in seinem Amte, den Schlaf des Sultans seines Herrn durch Erzählung der Denkwürdigkeiten von Scheschian[282] zu befördern. Die Geschichte der von Tifan ausgeführten Staatsverbesserung wurde also bei der ersten Gelegenheit wieder vorgenommen; und da Schach-Gebal nochmals sein Verlangen äußerte, zu hören wie es den blauen und feuerfarbnen Bonzen dabei ergangen sei, so befriedigte Danischmend seinen Willen durch folgenden Bericht.

»Die Grundsätze und die gereinigten Empfindungen, welche der weise Dschengis seinem Pflegesohn über den erhabensten Gegenstand, der die menschliche Seele beschäftigen kann, über die Religion, beigebracht hatte, lassen nicht weniger erwarten, als daß Tifan, sobald er den öffentlichen Ruhestand im Reiche hergestellt und die dringendsten Angelegenheiten desselben besorgt hatte, sich mit allem Eifer einer aufgeklärten Frömmigkeit dazu verwendet haben werde, den Völkern von Scheschian, statt des elenden Aberglaubens worin sie seit so vielen Jahrhunderten von ihren Priestern unterhalten worden waren, eine vernünftige und dem wahren Besten der Menschheit angemessene Religion zu geben; und man muß gestehen, daß er hierin alles getan hat, was man billiger Weise von einem Gesetzgeber fordern kann, dessen Schuld es nicht war, etliche tausend Jahre vor der Geburt unsers großen Propheten in die Welt gekommen zu sein.

Um zu seinem Zwecke zu gelangen, mußte er zwei große Dinge zu Stande bringen, – den Aberglauben vernichten, der noch immer dem größern Teile seines Volkes in dem feuerfarbnen oder in dem blauen Affen den geheiligten Gegenstand einer verjährten Anbetung zeigte; – und schickliche Mittel finden, die Scheschianer an würdige Begriffe von dem höchsten Wesen und an einen vernünftigen Gottesdienst zu gewöhnen. Beides würde manchem andern Regenten unendlich schwer und vielleicht ganz unmöglich gefallen sein. Aber Tifan, der in dieser wichtigen Sache ohne Nebenabsichten, nach Grundsätzen die aus der tiefsten Kenntnis des Menschen geschöpft waren, und nach einem durchdachten Plane, langsam, aber anhaltend und standhaft verfuhr, Tifan erreichte seinen Zweck, und – was in einem Geschäfte dieser Art das Außerordentlichste ist, aber die natürliche Folge seines klugen Verfahrens war – erreichte ihn, ohne daß eine so große Veränderung die geringste Erschütterung im Staate verursacht, oder irgend einem Scheschianer einen Tropfen Blut gekostet hätte.

Der erste Schritt, den er zu diesem Ende tat, war eine Verordnung, in welcher beide Teile, Blaue und Feuerfarbne, zum Frieden und zu gegenseitiger Duldung angewiesen wurden. Tifan schilderte darin[283] mit wenigen aber starken Zügen den Abgrund von Elend, worein die Nation unter Azorn und Isfandiarn durch schwärmerischen Eifer und unduldsame Grundsätze gestürzt worden. Er stellte den Geist der Verfolgung in seiner ganzen abscheulichen Ungestalt dar: er führte an, daß die Begriffe der Menschen weder von ihrer eigenen Willkür noch von den Befehlen eines Obern abhangen; daß Irrtum niemals ein Verbrechen sei; daß kein Mensch, kein Priester, keine Obrigkeit in der Welt ein Recht haben könne, andere zu zwingen, ihrer Überzeugung und ihrem Gewissen zuwider zu handeln; und daß der Weg des sanftesten Unterrichts und eines guten Beispiels der einzige sei, auf welchem Verirrete in die Arme der Wahrheit und der Tugend zurück geführt werden können. Diesen Grundsätzen zu Folge versicherte er nicht nur beiden Teilen seinen königlichen Schutz für die ungekränkte Ausübung desjenigen Gottesdienstes, zu welchem sie sich in ihrem Gewissen verbunden hielten; sondern gewährte auch einem jeden, welcher itzt oder künftig von der besten Art das höchste Wesen zu verehren andere Begriffe hegen würde, als diejenigen welche bisher in Scheschian geherrschet hätten, aus gleichem Grunde völlige Freiheit, hierin seinem Gewissen zu folgen: indem er sich ein- für allemal erklärte, daß alle Meinungen, welche mit der Ruhe des Staats und mit den guten Sitten nicht unverträglich wären, sich seines Schutzes auf gleiche Weise zu erfreuen haben sollten.

Von dieser allgemeinen Duldung waren diejenigen allein ausgenommen, welche unglücklich genug sein sollten, sich verbunden zu glauben, die Duldung, welche sie für sich selbst verlangten, niemandem, der anders dächte als sie, angedeihen zu lassen. ›Solche allein‹, sagt Tifan, ›sprechen sich ihr Urteil selbst: indem sie ihre störrige Unverträglichkeit öffentlich zu Tage legen, beweisen sie auf die unleugbarste Weise ihre gänzliche Unfähigkeit zum geselligen Leben. Ferne sei es gleichwohl von uns, sie, die durch eine solche Denkungsart schon elend genug sind, mit einiger Strafe an Vermögen, Ehre, oder Freiheit deswegen zu belegen! Aber daß wir sie für Glieder unsers gemeinen Wesens erkennen, dies können sie ohne offenbare Unbilligkeit nicht erwarten. Sie mögen, so viel ihrer sind, ohne einige Bedrückung von uns und unsern Untertanen, mit Hab und Gut aus unsern Grenzen ziehen, und sich Wohnungen suchen wo sie wollen. Aber in Scheschian kann und soll niemand geduldet werden, der nicht bereit ist seinen Nebenmenschen und Mitbürgern alles Gute zu erweisen, was er will daß sie ihm erweisen sollen.‹«[284] »Itimadulet«, sagte Schach-Gebal, »die Verordnungen meines guten Bruders Tifan haben einen ganz eigenen Ton, der nicht der gewöhnliche Kanzleiton ist; aber ich dächte, daß dies der gute Ton ist. Er begnügt sich nicht zu befehlen; er überzeugt den Menschenverstand, daß seine Befehle gerecht und billig sind. Dies muß notwendig eine gute Wirkung tun.«

»Tifans Verordnung tat eine sehr gute«, versetzte Danischmend. »Sie bahnte ihm den Weg zu seinem großen Vorhaben, und setzte die Gemüter unvermerkt in die Fassung, Neuerungen, zu welchen ein Teil der Scheschianer ohnehin schon gestimmt war, ohne Widerwillen anzusehen.

Bald darauf ging er weiter. Er hatte, seitdem er in Scheschian lebte, unter den Bonzen und sogar unter den Ya-faou selbst nicht wenige angetroffen, welche besser dachten als die übrigen, und nicht ohne innerliche Beschämung sich als die niedrigen Werkzeuge betrachteten, wodurch Dummheit und Aberglauben in ihrem Vaterlande verewiget würden. Es kostete ihm wenig Mühe, alle Priester von diesem Schlage in kurzer Zeit zu seinem Vorhaben zu gewinnen; und nachdem er sich einmal einer ziemlichen Anzahl derselben völlig versichert hatte, konnte er sie ohne Bedenken den Anfang machen lassen, dem Volke stufenweise Begriffe beizubringen, von welchen man mit der Zeit eine heilsame Umstimmung der Gemüter hoffen konnte. Aber auch hier ging er mit aller der Vorsicht zu Werke, womit man verfahren muß, wenn man eingewurzelte Vorurteile ohne gewaltsame Mittel ausrotten will. Eine Zeit lang begnügte man sich, durch Unterricht in denjenigen Wahrheiten, die zum Glauben des Daseins und der Vollkommenheiten des höchsten Wesens und seines Verhältnisses gegen die Menschen leiten, und durch Verbindung dieser Wahrheiten mit einer gereinigten Sittenlehre, einen höhern Grad von Licht und Wärme in die Seelen der Scheschianer zu bringen; und erst dann, da man gewahr wurde, daß sie über die Ungereimtheit ihres bisherigen Götzendienstes selbst betroffen zu sein anfingen, erleichterte man ihrer noch ungeübten Vernunft die Arbeit, und bewies ihnen geradezu, daß sie bisher irre geführt worden seien. Dieses konnte nun freilich ohne einige Bewegungen nicht geschehen. So unbegreiflich es einem jeden scheinen muß, der die Macht der Vorurteile nicht genugsam erwogen hat, so ist doch gewiß daß die beiden Affen noch immer Anhänger behielten, welche für ihre Erhaltung mit einem Eifer arbeiteten, der einer bessern Sache würdig war. Aber Tifan begnügte sich sie zu beobachten, und ihrem Eifer, sobald er die Schranken der Mäßigung überschreiten wollte,[285] durch die gelindesten Mittel Einhalt zu tun; hingegen trug er kein Bedenken, sie mit gleicher Unparteilichkeit gegen alle Störungen ihrer Gegner zu schützen: und anstatt daß dieses kluge Betragen den Fortgang der guten Sache gehemmt haben sollte, war es derselben vielmehr beförderlich; indem dadurch die Hindernisse unvermerkt aus dem Wege geräumt wurden, und, was bei einem andern Verfahren ein Werk des Zwanges oder einer schwärmerischen Hitze gewesen wäre, nun das langsam reifende, aber desto vollkommnere und dauerhaftere Werk der Überzeugung war.

Die Geschichtschreiber von Scheschian erwähnen bei dieser Gelegenheit eines geheimen Gottesdienstes, welchen Tifan, mit Hülfe der Priester seiner Partei, für alle diejenigen, welche sich geneigt erklärten den Dienst der beiden Affen zu verlassen, angeordnet habe. Sie drücken sich aber so dunkel über diese Sache aus, daß es unmöglich ist, etwas Genaues davon zu sagen. Alles was sich davon vermuten läßt, ist, daß dieser geheime Gottesdienst mit den Mysterien bei den Ägyptern und Griechen viele Ähnlichkeit, und zum hauptsächlichen Gegenstand gehabt habe, diejenigen, welche in dieselben eingeführt wurden, teils durch symbolische Vorstellungen, teils durch deutlichen Unterricht, von der Eitelkeit des Götzendienstes zu überzeugen, und, vermittelst einer Art von feierlicher Verpflichtung auf die Grundwahrheiten der natürlichen Religion, zu besserer Erfüllung ihrer menschlichen und bürgerlichen Pflichten verbindlich zu machen. Insbesondere mußten die Eingeweihten eine allgemeine Sanftmut und Duldung der Irrenden, in Absicht alles andern aber, was sie bei diesen Mysterien gesehen und gehört hatten, so lange bis die Abgötterei aus Scheschian verschwunden sein würde, ein unverletzliches Stillschweigen angeloben. Diese Veranstaltung (sagen die Geschichtschreiber) wirkte mehr als alles übrige, die große Absicht des weisen Tifan zu befördern. Die Begierde, zu diesen Mysterien zugelassen zu werden, wurde nach und nach eine Leidenschaft bei den Scheschianern; und je mehr Schwierigkeiten ihnen dabei gemacht wurden, desto heftiger war das Verlangen, Anteil an einer Sache zu nehmen, die ihnen, durch die geheimnisvolle und feierliche Art womit sie behandelt wurde, von unendlicher Wichtigkeit zu sein schien. In der Tat mußte Tifan, indem er daran arbeitete, den Scheschianern die sinnlichen Gegenstände ihres bisherigen vermeinten Gottesdienstes zu entziehen, etwas anderes, welches ihre Sinne und ihre Einbildungskraft gehörig zu rühren geschickt war, an dessen Stelle setzen; und ich zweifle sehr, ob er in dieser Absicht auf ein zweckmäßigeres und[286] zugleich unschuldigeres Mittel hätte verfallen können. Vielleicht möchten seine Mysterien in der Folge diese letztere Eigenschaft verloren haben, wenn er nicht die Vorsicht gebraucht hätte, von dem Augenblick an, da der Dienst des höchsten Wesens in Scheschian der herrschende war, die Pflicht des Stillschweigens aufzuheben. Und glücklich wär es für dieses Reich gewesen, wofern er eben so viele Behutsamkeit in Bestimmung des Amtes der Priester gezeigt, und nicht durch eben dasjenige, wodurch er sie zu nützlichen Bürgern des Staates zu machen dachte, ihnen die gefährliche Gelegenheit gegeben hätte, in der Folge sich unvermerkt zu Herren desselben zu machen.«

»Ei, ei, ei!« sagte Schach-Gebal, den Kopf schüttelnd, »was höre ich! Wer hätte so etwas von einem Sultan wie Tifan vermutet!«

»In der Tat läßt sich nicht leugnen, daß ihn seine gewöhnliche Klugheit in diesem Stück ein wenig verlassen habe. Indessen kann gleichwohl zu seiner Entschuldigung dienen, daß es, in seinen Umständen, schwer war, es besser zu machen; und, wenn auch dies nicht zureicht, welcher Gesetzgeber hat Weisheit genug gehabt, jeden möglichen Mißbrauch seiner Anordnungen voraus zu sehen, und durch entgegen wirkende Mittel im Keime zu ersticken? Tifan hatte, aus erheblichen Gründen, den Bonzen die Mühe der öffentlichen Erziehung der Jugend abgenommen, und glaubte verbunden zu sein, sie dafür durch ein anderes Amt zu entschädigen, welches sie bei gebührendem Ansehen erhalten, aber zugleich in die Notwendigkeit setzen würde, gern oder nicht, das gemeine Beste zu befördern. Er bestellte sie also (wie ich neulich schon erwähnt zu haben glaube) zu öffentlichen Lehrern des Buchs der Pflichten und Rechte. Er glaubte den Gesetzen den Charakter der Unverletzlichkeit nicht tiefer eindrücken zu können, als indem er den Unterricht in denselben zu einem wesentlichen Teile des Gottesdienstes machte; und die nachteiligen Folgen, die von dieser Einrichtung etwa zu besorgen sein möchten, glaubte er verhütet zu haben, indem er im Gesetzbuche selbst die Priester gemessenst anwies, sich aller willkürlichen Auslegungen, Ausdehnungen oder Einschränkungen, so wie aller spitzfündigen Fragen und Unterscheidungen, gänzlich zu enthalten, und sich bloß auf die buchstäbliche Erklärung der Gesetze, auf eine ihrem Geiste gemäße praktische Anwendung derselben, und auf die Sorge einzuschränken, die Beweggründe zu ihrer getreuen Erfüllung dem Volke mit der rührendsten Beredsamkeit einzuschärfen. Kurz, nach seiner Vorschrift sollte das Gesetzbuch bloß der Text zum moralischen Unterrichte der Bürger sein. Aber,[287] da es schwer, wo nicht ganz untulich war, die Priester in eine physische Unmöglichkeit zu setzen, aus den ihnen vorgeschriebenen Grenzen heraus zu treten: so begab sich's (wiewohl sehr lange nach Tifans Zeiten), daß die Priester Mittel fanden, aus Lehrern des Gesetzes unvermerkt Ausleger, aus Auslegern Richter, und aus Richtern, zu großem Nachteile der Scheschianer, zuletzt selbst Gesetzgeber zu werden; – wie ich, wofern Ihre Hoheit an der Fortsetzung dieser Geschichte Gefallen tragen sollten, zu seiner Zeit umständlich zu erzählen die Ehre haben werde.

Indessen scheint Tifan alles dies, wenigstens einiger Maßen, vorausgesehen, und daher die Notwendigkeit empfunden zu haben, alle Glieder eines Ordens, der einen so wichigen Einfluß in den Staat hatte, so viel nur immer möglich, zu rechtschaffenen Bürgern zu bilden. Er wendete deswegen, nachdem er die Erblichkeit des Priesterstandes auf ewig aufgehoben hatte, eine ganz besondere Vorsorge auf die Erziehung der künftigen Priester; und seinen unverbesserlichen Anstalten ist es ohne Zweifel zuzuschreiben, daß er selbst noch in seinem Alter das Vergnügen hatte, eine Zucht von Priestern aus seiner Schule hervor gehen zu sehen, dergleichen die Welt vor ihm und nach ihm nur selten gesehen hat. Würdige Diener einer wohltätigen Gottheit, schienen sie keinen andern Wunsch zu kennen als Gutes zu tun. Die Wichtigkeit ihres Amtes erhob und veredelte ihren sittlichen Charakter, ohne sie aufzublähen; und das Beispiel ihres Lebens machte beinahe allen andern Unterricht überflüssig. Ihre Weisheit war bescheiden, sanft, herablassend; ihre Tugend unerkünstelt, ungefärbt und ohne hinterlistige Absichten, die Frucht der glücklichen Harmonie ihres Herzens mit ihrer Überzeugung; sie leuchtete andern vor ohne Begierde gesehen zu werden, und hatte der Folie eines gleisnerischen Ernstes nicht vonnöten. Menschenliebe und patriotischer Geist waren die allgemeine Seele ihres ganzen Ordens. Jedes gemeinnützige Unternehmen fand in ihnen seine eifrigsten Beförderer. Die sich selbst immer gleiche Heiterkeit ihres Geistes, die großen und edeln Gesinnungen wovon sie belebt waren, die Gewohnheit sich in einem von allen Sorgen des Lebens befreiten Zustande bloß mit Betrachtung der Wahrheit und Ausübung der Tugend zu beschäftigen, die Leichtigkeit, womit sie jede Pflicht ausübten, und der sittliche Reiz, der sich dadurch über ihr ganzes Leben ausbreitete, vereinigten sich, sie zu würdigen Lehrern der Nation, zu wahren Weisen, zu Vorbildern einer unverfälschten Tugend, zu Schutzgöttern der guten Sitten, und zu Gegenständen der allgemeinen Verehrung zu machen.«[288] »Itimadulet«, sagte Schach-Gebal, »schaffe mir solche Priester, und dann soll man sehen ob ich ein Feind ihres Ordens bin, wie boshafte Leute vorgeben! Du hast das Rezept, wie man sie machen kann; warum sollte in Indostan nicht möglich sein was in Scheschian möglich war?«

»Sire«, versetzte Danischmend, »was ich im Begriffe bin zu sagen, wird Ihrer Hoheit einer von den paradoxesten Sätzen scheinen, die vielleicht jemals von einem Philosophen behauptet worden sind; aber nichts desto weniger hat es seine völlige Richtigkeit damit. Sollten Ihre Hoheit wohl glauben, daß eben dieser vortreffliche Charakter der scheschianischen Priesterschaft in der Folge eine der wirksamsten Ursachen des Untergangs der Gesetzgebung Tifans wurde, und durch eine lange Reihe von Mittelursachen zuletzt den Untergang des ganzen Reichs beförderte?«

»Und wie kann dies zugegangen sein, Herr Danischmend?«

»Auf die natürlichste Weise von der Welt. Priester, die so weise, so rechtschaffen, so liebenswürdig waren, als diejenigen, welche Tifans Veranstaltungen hervorbrachten, mußten durch eine unfehlbare Notwendigkeit nach und nach zu einer Stufe von Ansehen gelangen, welche sie unvermerkt zu Meistern aller Herzen machte. Man beeiferte sich um ihre Freundschaft, man suchte ihren Umgang, man erbat sich ihren Rat, man unternahm endlich weder Großes noch Kleines ohne einen Priester beizuziehen. Sie wurden die Schiedsrichter aller Zwistigkeiten, die Ratgeber der Großen, und einige von ihnen stiegen durch den Ruf ihrer Tugend und ihrer Talente sogar zu den höchsten Würden des Reiches. Ich denke dies ist genug gesagt, das Rätsel auflöslich zu machen. Man weiß nun wie es weiter ging. – Die Priester von Scheschian waren Menschen – was wollen wir mehr?«

»Verzweifelt!« rief Schach-Gebal, indem er eine gewisse Miene von komischem Unwillen annahm, welche Seiner Hoheit nicht übel zu lassen pflegte: »man ist doch wirklich übel mit diesen Herren dran! Sind sie schlimm, so – sind sie es insgemein in einem so hohen Grade, daß man nicht weiß, wie man ihnen genug wehren soll; sind sie gut, so werden sie dem Staate durch ihre Tugenden gefährlich! In der Tat, ich wollte zu Gott – aber was hilft wünschen? Unentbehrlich sind sie nun einmal! – Denn, unter uns, Danischmend, ich habe mir schon mehr als Eine Nacht in meinem Leben mit Nachdenken verdorben, wie es anzufangen wäre, damit man sich für ihre ferneren Dienste ein- für allemal bedanken könnte: aber ich bin überzeugt daß nicht weiter daran zu denken ist; man kann ihrer eben so[289] wenig entübriget sein, als« – hier hielt der Sultan ein, und setzte nach einer langen Pause – nichts weiter hinzu.

»Ihre Hoheit wollen sagen, als aller andern Stände, von den Sultanen und ihren Visiren an bis zu den Wasserträgern und Holzhackern. Aber welche Klasse von Menschen kann lange das bleiben was sie sein sollte? Die Priester von Scheschian waren nicht die einzigen im Staate, welche nach und nach ausarteten; und nimmermehr würden sie ihm so verderblich geworden sein, wenn die übrigen Klassen ihrem Charakter und ihren Pflichten treu geblieben wären. Indessen ist zur Ehre des Priesterstandes und der Gesetzgebung Tifans genug, daß sie mehr als hundert Jahre nach seinem Tode noch immer die besten unter allen Scheschianern, und überhaupt (wenn man das Landvolk ausnimmt) die letzten waren, die dem Hange zur Verderbnis nachgaben, der sich unter den Nachfolgern Tifans allmählich des Hofes, der Hauptstadt, und endlich der ganzen Nation bemächtigte.

Die Verbesserung, welche Tifan in der Religion seines Reiches so glücklich zu Stande brachte, war ohne Zweifel der wichtigste Dienst, den er seinen Untertanen leisten konnte. Er stellte dadurch eine friedsame Eintracht zwischen Religion und Staat, zwischen den Pflichten der ersten und dem Interesse des andern, zwischen Glauben, Vernunft und Sitten her; eine Eintracht, welche die Quelle von unendlich vielem Guten, und dadurch allein schon ein unschätzbares Gut war, weil sie alles das Böse verschwinden machte, was der Mangel einer solchen Harmonie in den meisten Staaten zu verursachen pflegt. Man muß auch gestehen, daß die Klugheit, womit er in dieser Sache zu Werke ging, die Aufmerksamkeit aller Fürsten verdient, welche sich in einem ähnlichen Falle befinden könnten. Indessen würde er dennoch seinen Zweck entweder gar nicht oder nur sehr unvollkommen erreicht haben, wenn er nicht, durch eine der merkwürdigsten Verordnungen seines Gesetzbuches, alle darin nicht gebilligte Klassen und Gemeinheiten, unter welchen die Ya-faou die ersten waren, gänzlich aufgehoben hätte.

So viel sich aus einigen Umständen abnehmen läßt, müßte eine ausführliche Erzählung, wie er dieses bewerkstelligte, etwas sehr Unterhaltendes sein; aber unglücklicher Weise findet sich hier in den Handschriften eine Lücke« – –

»Schon wieder eine Lücke!« rief Schach-Gebal ungeduldig, »und immer eine Lücke, wo mir am meisten daran gelegen ist, die Sachen recht zu wissen! Ich erkläre hiermit, daß ich dieser Lücken äußerst[290] überdrüssig bin, und – mit Einem Worte, Freund Danischmend, ich will nichts dabei verlieren, verstehst du mich? Wenn eine Lücke in deinen Handschriften ist, so magst du sie ergänzen wie du kannst; kurz – ich will binnen drei Tagen den ganzen Entwurf, wie Tifan in dieser Sache zu Werke gegangen, auf meinem Tische liegen haben, oder – ich wasche meine Hände über die Folgen die daraus entstehen mögen!«

Der Itimadulet versprach, indem er seine Hand auf seinen Kopf legte, dem Willen seines gebietenden Herrn Genüge zu tun; und er entwarf zu diesem Ende einen weitläufigen Plan, worüber der Sultan, da er ihn durchblätterte und die Anzahl der Blätter zählte, ein großes Behagen äußerte. Gleichwohl ist zweifelhaft, ob Seine Hoheit diesen Plan jemals zu lesen Zeit gewinnen konnte. So viel ist gewiß, daß der Derwisch Zikzak, der dem weisen Danischmend in der Würde eines Itimadulet folgte, diesen nämlichen Plan unter den Papieren, welche der Sultan von Zeit zu Zeit von seinem Tische wegräumen ließ, unversehrt und in vergoldetes Leder eingebunden liegen fand, und daß von diesem Augenblick an weiter nichts davon gehört worden ist.

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Der goldne Spiegel und andere politische Dichtungen. München 1979, S. 281-291.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Jean Paul

Vorschule der Ästhetik

Vorschule der Ästhetik

Jean Pauls - in der ihm eigenen Metaphorik verfasste - Poetologie widmet sich unter anderem seinen zwei Kernthemen, dem literarischen Humor und der Romantheorie. Der Autor betont den propädeutischen Charakter seines Textes, in dem er schreibt: »Wollte ich denn in der Vorschule etwas anderes sein als ein ästhetischer Vorschulmeister, welcher die Kunstjünger leidlich einübt und schulet für die eigentlichen Geschmacklehrer selber?«

418 Seiten, 19.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon