Erstes Capitel
Heimliche Flucht unsrer Abenteurer;
Wortstreit, der zwischen ihnen wegen eines Baums entsteht, den Pedrillo für einen Riesen ansieht

[85] Es war ungefähr eine halbe Stunde nach Mitternacht, als Don Sylvio, unter vielen andächtigen Seufzern an die Gebieterin seines Herzens, in Gesellschaft des getreuen und wohlbepackten Pedrillo seine abenteurliche Wanderschaft antrat. Der kleine Pimpimp, der nach dem Befehl der Fee mit von der Partie war, hüpfte munter vor ihnen her, und führte sie, es sei nun aus bloßem Instinct, oder durch den geheimen Antrieb irgend einer Fee, den nämlichen Weg, auf welchem Don Sylvio das Bildnis seiner Princessin gefunden hatte. Pedrillo machte zwar viele Einwendungen dagegen, und stellte vor, daß sie längst des linken Ufers des Guadalaviar, der sich an dem Walde hinab zog, einen bequemern Weg haben würden. Allein Don Sylvio blieb dabei, daß er keinen andern Wegweiser haben wolle als Pimpimp, von welchem er zu vermuten anfing, daß er vielleicht wohl selbst eine Art von Fee, oder wenigstens von vernünftigen Tieren sein könnte. Pedrillo mußte sich also ergehen, so sehr er sich fürchtete bei nächtlicher Weile durch einen Wald zu reisen, wo seine Phantasie alles was er sah, in Gespenster verwandelte. Das schlimmste war, daß sich, nachdem sie kaum eine Stunde lang gewandert waren, der Himmel mit Wolken zu bedecken anfing, die ihnen kaum so viel Heiterkeit übrig ließen, daß sie einen Weg in dem Gehölze finden konnten, ob es gleich keines von den dichtesten war.

Dieser Umstand ermangelte nicht die Einbildung des armen Pedrillo vollends in Verwirrung zu setzen. Es fielen ihm auf einmal alle Gespenster-Historien ein, die er von seiner Kindheit an gehört hatte, er glaubte alle Augenblicke etwas verdächtiges zu sehen, und zitterte bei dem mindesten Geräusch, das er merkte, so laut oder noch lauter als ein Klopfstockischer Teufel.[85]

Du schnatterst ja als ob du das Fieber hättest, sagte endlich Don Sylvio, der schon lange gemerkt hatte, wo es ihm fehlte.

Um des Himmels willen; gnädiger Herr, stotterte Pedrillo, und faßte ihn dabei beim Rock, seht ihr nichts? Ich sehe Bäume, so gut als man sie im Dunkeln sehen kann, versetzte Don Sylvio.

Gott steh uns bei! Sagte Pedrillo keuchend, seht ihr dann den greulichen Riesen nicht, der dort auf einmal aus dem Boden hervor kommt, dort linker Hand? Er wird immer größer und größer, und streckt, deucht mich, wohl hundert Arme gegen uns aus, seht ihr, er kommt immer näher. – –

Ich glaube, du bist nicht klug, erwiderte Don Sylvio; tu die Augen besser auf, und schäme dich, daß du einen Baum für einen Riesen ansiehest.

Gott gehe nur, daß es nicht noch etwas ärgers als ein Riese ist, versetzte Pedrillo. Ein Baum sagt ihr? Wo hat denn ein Baum Arme und Füße?

Ich sage dir alberner Tropf, antwortete Don Sylvio, daß es ein Baum ist; was du für Arme ansiehst, sind seine Äste, er scheint immer größer zu werden, weil der Grund, worauf wir gehen, etwas erhaben ist, und er kommt uns immer näher, weil wir auf ihn zugehen. Wenn du so furchtsam bist, daß du Eichbäume für Riesen ansiehst, so möcht ich wohl wissen, wofür du die würklichen Riesen halten wirst, die uns vielleicht noch aufstoßen werden? Was mich betrifft, so schwör ich dir, daß alle Bäume in diesem Walde zu Riesen werden könnten, ohne daß ich sie fürchten würde.

Ich bitte euch, mein lieber Herr, versetzte Pedrillo, redet nicht so laut; die Haare stehen mir zu Berge, wenn ich euch so reden höre. Die Riesen könnten euch beim Worte nehmen; glaubt mir Herr, ein einziger würde euch so viel zu tun geben, daß ihr genug hättet. Ich bitte euch ums Himmels willen, geht ihm aus dem Wege, und tut ihm nichts; es daurte mich nur mein junges Blut; der Popanz würde keinen Unterschied machen, und ich müßte dran glauben, so unschuldig ich immer bin.

Das dachte ich wohl, antwortete Don Sylvio lachend, daß es dir nur um deine eigne Haut ist; aber besorge nichts; die Fee Radiante hat dich ja ausdrücklich zu meinem Gefährten ernannt,[86] und du stehest also unter ihrem Schutz so gut als ich selbst. Ich sag es dir noch einmal, wenn aus jedem Baum in diesem Walde ein Riese würde, und aus jedem Blatt ein junger Feldteufel hervor kröche, so hätten wir doch nichts zu besorgen. Aber siehst du denn nicht, daß dein Riese nichts mehr und nichts weniger ist als was ich dir sagte? Wir sind nun ganz nah bei ihm, und wenn du noch nicht glauben willst, daß es ein Baum ist, ein Eichbaum sag ich dir, ein eichener Eichbaum, so gut als es jemals einer gewesen ist, so will ich zur Probe einen Ast davon abhauen.

Ach, mein lieber gnädiger Herr, rief Pedrillo, indem er ihm den Arm zurück hielt, tut es ja nicht, ich bitte euch; ums Himmels willen, laßt es bleiben, und macht nicht euch und mich durch eure Tollkühnheit unglücklich. Es mag nun jetzt eine Eiche oder eine Linde sein, so hab ich doch mit meinen Augen gesehen, daß es ein ungeheurer Riese war, ich will eben nicht sagen, ein Riese, Gott weiß, was es gewesen sein mag; aber ich weiß doch, was ich gesehen habe; der Teufel, Gott behüt uns! ist ein Tausendkünstler, und er kann eben so gut Weißt du wohl, Pedrillo, fiel ihm Don Sylvio ins Wort, daß ich deiner blödsinnigen Einfälle müde bin? Ich glaube zum Henker, du willst einen Don Quischotte aus mir machen, und mich bereden, Windmühlen für Riesen anzusehen? da siehe, wie viel ich mir aus deinen Riesen mache! Mit diesen Worten zog er seinen Säbel, und hieb auf einen Zug einen ziemlichen Ast herunter.

Pedrillo erschrak anfangs so sehr über diese verwegene Tat, daß er beinahe umgesunken wäre; da er aber sah, daß sie keine schlimme Folgen hatte, so faßte er wieder Mut. Ich hätte nicht gemeint, sagte er zu unserm Helden, daß ihr so viel Herz hättet, Herr Don Sylvio; ich glaube, verzeih mirs Gott, ihr wäret toll genug, mit dem Teufel und seiner Großmutter anzubinden. Aber wir wollen nicht zu früh Triumph singen. Seht einmal ob nicht Blut aus dem Ast heraus fleußt?

Da sieh selbst, sagte Don Sylvio, indem er ihm den Ast darbot, und gesteh einmal, daß du der albernste dumme Junge bist, den ich jemals gesehen habe. Woher nimmst du doch alles das altvettelische Zeug, das du sagst?[87]

Was ich da sagte, gnädiger Herr, ist, meiner Six! nicht so einfältig als ihr denkt; ich habe dergleichen Dinge mehr gelesen, und was einmal begegnet ist, kann ein andermal wieder begegnen. Zum Exempel, ich besinne mich jetzt gleich eines gewissen Trajanischen Prinzen, ich weiß selbst nicht mehr Coridor oder Isidor3, aber es dort sich so was in seinem Namen, der von einem Mahommetanischen Zauberer in einen Cypressenbaum verwandelt worden war, und da ihn der Pabst Aeneas Sylvius, ich weiß nicht mehr warum, wollte umhauen lassen, da floß bei jedem Hieb Blut heraus, frisches Blut, so rot als man es nur sehen wollte. Die Leute erschraken entsetzlich, wie ihr euch einbilden könnt; allein der Pabst Aeneas, der gleich merkte, daß ein Geheimnis darunter stecken müsse, befahl, man sollte nur fortfahren zu hauen, und was meint ihr wohl, was da geschah? Man hörte eine Stimme aus dem Baum, eine überaus klägliche Stimme, welche sagte, daß sie die Seele des Isidorus sei, oder wie er hieß, und wie es ihr ergangen, und wie sie von dem unglaubigen Zauberer in diesen Baum verwandelt worden sei, ohne daß sie vorher habe beichten oder sich vorbereiten können; und bat alle Christliche Herzen, die gegenwärtig waren, so flehentlich, daß jedermann die helle Zähren weinen mußte, daß sie doch zu Linderung ihrer Pein etliche dutzend Ave für sie beten möchten.

Das muß ich gestehen, sagte Don Sylvio, nachdem Pedrillo mit seiner Erzählung zu Ende war, daß du eine erstaunliche Belesenheit hast Pedrillo; und was die Gabe der Erzählung betrifft, so will ich mein Schloß und alles Meinige verloren haben, wenn zu Salamanca oder in irgend einer andern Universität von Spanien ein Baccalaureus ist, der es mit dir aufnehmen dürfte. Ich biete ihnen allen Trotz, daß sie einen Trojanischen Prinzen mit dem Pabst Aeneas Sylvius, oder Pius dem andern zusammen bringen, wie du getan hast, es müßte denn in der Hölle sein, wohin gewiß Aeneas Sylvius nicht gekommen ist, denn er war einer von den frömmsten und gelehrtesten unter allen, die jemals der Kirche vorgestanden sind.

Es beliebt Eu. Gnaden so zu sagen, erwiderte Pedrillo; aber es mag nun euer Ernst sein oder nicht, so versichre ich euch,[88] daß ich mir in diesem Stück, wenn ich schon nicht gestudiert bin, vor keinem fürchte, er mag sein wer er will, und wenn er auch ein dreifacher Bacularius oder gar ein Doctor in allen sieben Facultäten wäre. Ich war noch nicht acht Jahr alt, so wußte ich schon alle Historien des Ovidius Nasus, und alle Fabeln in Florians Chronik auswendig; gelt, das hättet ihr nicht hinter mir gesucht? Aber ich hatte ein Gedächtnis wie ein Elephant, und unser alter Pfarrer, tröst ihn Gott! sagte meiner Großmutter oft, wenn man mich studieren ließe, so könnte ich noch wohl einmal, ob Gott wollte, Bischof oder gar General Vicarius werden. Wer weiß auch was geschehen wäre! wenn der gnädige Herr, Eu. Gnaden Herr Vater mich nicht ins Schloß genommen hätte, da mich meine Großmutter eben zu ihrem Bruder tun wollte, der damals Küster in einem Dorf ohnweit Toledo war, und wie die Leute sagten, sehr viel beim Erzbischof galt. Ihr müßt aber nicht meinen, als ob ich damit sagen wolle, daß ich bei diesem Tausch verloren habe. Es ist überall gut Brot essen. Eu. Gnaden weiß, daß ich euch so zu sagen, von eurer Kindheit an treulich und redlich gedient habe, und ich bin gewiß, daß ihr mein Glück machen werdet, wenn wir einmal, Gott gebe nur bald! unsre Princessin gefunden haben. Denn ob ihr schon ein so edler Edelmann seid als einer in der Christenheit, so bin ich doch gewiß, daß ihr euer Wort so ehrlich halten werdet, als ob ihr nur ein Bauer wäret.

Auf diese Art fuhr der gute Pedrillo noch eine gute Weile fort zu plaudern, ohne daß sein Herr, der in ganz andern Gedanken vertieft war, die geringste Acht darauf gab. Pedrillo schwatzte wie die Kinder im Finstern zu singen pflegen; denn er fürchtete sich noch immer so sehr, daß er schwitzte, und es war kein Heiliger im Calender, dem er nicht bei sich selbst ein Gelübde tat, wenn er ihn lebendigen Leibs und unbeschädigt das Tageslicht wieder sehen lassen würde.[89]

3

Seh. Virgil. Æneid. L. III. v. 20. seq.

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Werke. Band 1, München 1964 ff., S. 85-90.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die Abenteuer des Don Sylvio von Rosalva
C. M. Wielands Sammtliche Werke (11); Die Abenteuer Des Don Sylvio Von Rosalva
C. M. Wielands Sammtliche Werke (12); Die Abenteuer Des Don Sylvio Von Rosalva
Die Abenteuer des Don Sylvio von Rosalva - Aus der Serie: Deutsche Klassiker - Bibliothek der literarischen Meisterwerke

Buchempfehlung

Grabbe, Christian Dietrich

Hannibal

Hannibal

Grabbe zeigt Hannibal nicht als großen Helden, der im sinnhaften Verlauf der Geschichte eine höhere Bestimmung erfüllt, sondern als einfachen Menschen, der Gegenstand der Geschehnisse ist und ihnen schließlich zum Opfer fällt. »Der Dichter ist vorzugsweise verpflichtet, den wahren Geist der Geschichte zu enträtseln. Solange er diesen nicht verletzt, kommt es bei ihm auf eine wörtliche historische Treue nicht an.« C.D.G.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon