Sechstes Capitel
Don Sylvio wird in die Gärten der
Fee Radiante entzückt
Seltsames qui pro quo so daraus entsteht
Unangenehme Folgen desselben

[74] Unsre kleine Gesellschaft, oder doch wenigstens die Damen, welche die Seele davon ausmachten, befanden den Spaziergang so angenehm, daß die Nacht sie überschlich, ohne daß sie es merken wollten.

In der Tat war es eine Nacht, welche dazu gemacht schien, die Liebe zu begünstigen, eine so angenehme und heitre Nacht, daß die keusche Diana keine schönere gewählt haben konnte, den schönen Endymion einzuschläfern, oder die Göttin der Liebe, ihren Adonis glücklich zu machen.

Die zärtliche Donna Mencia und ihr Aeneas blieben unvermerkt in einer dicht bewachsenen Laube zurück, ungeachtet es ziernlich dunkel darin war, und die nicht weniger zärtliche Mergelina drückte ihrem Begleiter die Hand mit einem Nachdruck, der geschickter war die Stärke ihrer Leidenschaft als die Leichtigkeit ihrer Hand zu beweisen, in der Absicht ihn aus einer Träumerei zu erwecken, worin er sich seit einer geraumen Weile verloren hatte.

Nicht weniger als die übrigen von den Schönheiten der schlummernden Natur gerührt, die im dämmernden Mondschein, wie in einem Nachtgewand von durchsichtigem Flor, in nachlässiger Anmut ausgestreckt zu liegen schien, hatte der[74] entzückte Don Sylvio vergessen, wo er war, und wen er neben sich hatte. Er bildete sich ein in die bezauberten Gärten der Fee Radiante versetzt zu sein, er glaubte unter gewölbten Gängen von etherischem Jasmin und niemals welkenden Rosen zu wandeln; die Sterne deuchten ihn lauter Salamander und Salamandrinnen, die sich auf dem Azur des Himmels mit Contre- Tänzen belustigten; und die Frösche, die sich in einem benachbarten Graben hören ließen, waren in seinen Ohren eben so viel entzückende Stimmen, die den Ruhm seiner unvergleichlichen Princessin und das Glück seiner Liebe besangen. Kurz, er war so sehr außer sich selbst, daß er in dem Augenblick, da ihn die schöne Mergelina die Schwere ihrer Hand fühlen ließ, sich einbildete, seine geliebte Princessin an seiner Seite zu sehen.

Wie? rief er ganz entzückt aus, darf ich meinen Augen glauben? Götter! ist es ein Traum, womit mein Sehnsuchtvolles Herz mich täuscht, oder seh ich sie würklich, schönste Prinzessin, und hat endlich die Stärke meiner Leidenschaft die Gewalt einer verhaßten Zauberei übermocht, und ihnen diese himmlische Gestalt wieder gegeben, deren blendender Glanz die abwesende Sonne ersetzt und einen neuen reizendern Tag über die verschönerte Natur ausbreitet? – –

In diesem Ton der erhabensten Schwärmerei fuhr er eine gute Weile fort der erstaunten Mergelina Dinge vorzusagen, von denen sie nicht das mindeste verstund, ohne darum weniger davon gerührt zu werden. Sie merkte doch wenigstens aus dem Ton und der Lebhaftigkeit, womit er sie sagte, daß die Rede von sehr feurigen Empfindungen war, und da sie die Sprache der feinen Welt nur aus Ritterbüchern und schwülstigen Romanen kannte, und überdies von der Erziehung des Don Sylvio bereits die günstigsten Vorurteile bekommen hatte, so beredete sie sich leicht, daß dieses die schöne Art sei, wie Leute von Stand und feiner Lebensart ihre Liebe zu erklären pflegten. Denn der Gedanke, daß er ihrer vielleicht nur spotten wolle, so wahrscheinlich er auch einer dritten Person geschienen hätte, war natürlicher Weise der letzte von allen, die einem Frauenzimmer von ihrer Gattung einfallen konnten. Sie hörte ihm also ohne Unterbrechung mit desto mehr Vergnügen zu, da sie hoffte, daß die schönen Sachen, die er ihr vorsagte, und die sie ihm in[75] der Tat gerne geschenkt hätte, am Ende doch zu gewissen Erläuterungen führen würden, wovon sie aus dem geheimen Umgang mit einem jungen Krämer in ihrer Nachbarschaft, einem sehr anti-platonischen Gesellen, gewisse Begriffe erhalten hatte, und welche allerdings mit den Begierden, wovon sie gepreßt wurde, besser übereinstimmten als die erhabensten Liebes-Erklärungen. Um inzwischen doch nicht ganz untätig zu sein, und diese erwünschte Augenblicke so viel an ihr war zu beschleunigen, lehnte sie sich mit einer zärtlichen Art an ihn, drückte seine Hand an ihren Busen, der von zärtlicher Sehnsucht bis an den Hals empor stieg, und drehte ihre gläsernen Augäpfel so schnell im Kopf herum, daß sie electrisch wurden, und funkelten wie die Augen einer Katze im dunkeln.

Allein, es sei nun, daß die Einbildungs-Kraft unsers Helden durch die ungeheure Menge von Galimathias, womit er seine vermeinte Princessin bewillkommt hatte, erschöpft war, oder daß keine Verblendung, Schwärmerei oder Bezauberung stark genug sein konnte, gegen das nähere Anschauen der Donna Mergelina auszuhalten, so warf er kaum, indem sie aus dem Gebüsch hervor kamen, und eine lichte Stelle betraten, einen Blick auf seine Gefährtin, als er mit einem großen Schrei und einem nicht geringern Entsetzen von ihr zurück bebte, als dasjenige war, womit die Princessin Lädronnete an statt eines Gemahls, den sie sich schöner als den Liebesgott eingebildet hatte, den scheußlichen grünen Serpentin in ihre Arme verwickelt fand.

Himmel, was seh ich? rief er ganz bestürzt aus, was für eine entsetzliche Verwandlung? ha! verfluchte Fanferlüsch, haben die Verfolgungen, die ich schon von dir erleiden mußte, deinen ungerechten Haß noch nicht befriedigen können? Was hab ich dir getan, daß du in dem Augenblick, da ich meine geliebte Princessin zu umarmen glaubte, diese abscheuliche Zwergin an ihre Stelle schiebst, in deren ekelhaften Umhalsung ich ohne das wohltätige Licht der keuschen Göttin, vielleicht selbst zum Ungeheuer geworden, oder wie vom Anblick der Medusa zum Stein erstarrt wäre? Aber glaube nicht, daß ich eine solche Beleidigung ungerochen lassen werde. Rede, du kleine unausgeschaffene Mißgeburt, wo ist meine Princessin? dein Leben[76] hängt an deiner Antwort. Ich kenne die lächerliche Ansprüche, die du an mein Herz machst; aber wisse, daß du, trotz allen Fanferlüschen und grünen Zwergen, unter meinen Füßen wie ein Wurm zermürset werden sollst, wofern du sie nicht in diesem Augenblick wieder in meine Arme lieferst – –

Wer bei diesen Reden aus den Wolken fiel, war die arme Mergelina. Der grimmige Ton, womit er sie ausstieß, und die drohenden Gebärden, womit sie begleitet waren, erschreckte sie so heftig, daß sie ein fürchterliches Geschrei erhub, auf welches Donna Mencia und der edle Rodrigo nicht ermangelten so schleunig herbei zu eilen, als es die Unterredung erlaubte, worin sie begriffen waren.

Man kann leicht erachten, wie sehr sie über dasjenige erstaunten, was sie sahen und hörten. Der Zustand, worin sie den ergrimmten Don Sylvio antrafen, und die Erzählung, so ihnen die beleidigte Schöne nicht ohne große Tränen-Güsse von allem demjenigen machte, was vorgegangen war, brachten sie allerseits auf den Schluß, daß er verrückt sein müsse; und die Reden, womit er in der Hitze seines Affects gegen sie alle fortfuhr, waren nichts weniger als geschickt, sie auf bessere Gedanken zu bringen.

Inzwischen liefen auf den Lerm, den diese Scene machte, auch die Bedienten des Hauses herbei, und das Ende davon war, daß Don Sylvio, ungeachtet des tapfern Widerstands, den er tat, an Händen und Füßen gebunden in sein Zimmer getragen wurde.

Man kleidete ihn aus, brachte ihn zu Bette, und bestellte den getreuen Pedrillo, auf ihn Acht zu haben, indessen daß Donna Mencia in ihrer kleinen Haus-Apothek beschäftiget war, ein niederschlagendes Pulver für ihn zurecht zu machen, und die schnellfüßige Maritorne abgeschickt wurde, den Barbier zu holen, der ihm eine Ader öffnen sollte.[77]

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Werke. Band 1, München 1964 ff., S. 74-78.
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