Fünftes Capitel
Erscheinung der Fee
Wie gefährlich es ist, wenn einer ein Frauenzimmer antrifft, das seiner Liebste gar zu ähnlich sieht

[208] Es ist, geneigter Leser, bereits zwei und vierzig Minuten, achtzehen Secunden, richtig an einer zu Genf fabricierten Londner-Uhr abgezählt, daß wir einem halben dutzend schönen neuen Gleichnissen nachsinnen, wodurch ein Poet benötigten Falls den höchsten Grad des Erstaunens und der Bestürzung abzuschildern versuchen könnte, ohne daß wir so glücklich gewesen sind, nur ein einziges zu finden, welches nicht durch die vielen Hände, wodurch es seit den Zeiten des alten Homers bis auf diesen Tag gegangen, so abgenutzt worden wäre, daß es würklich zu nichts mehr zu gebrauchen ist.

Wir wissen uns also für diesmal nicht anders zu helfen, als durch eine gewisse rhetorische Figur, die wir einem der geschicktesten Zueignungs-Schriften-Machern unsrer Zeit abgesehen haben, und sagen also: Weder der Schrecken eines unvorsichtigen Knaben, der seine Hand in eine Höhle gesteckt hat, und unversehens eine Schlange ergreift, noch das Entsetzen jenes Bräutigams, der des Morgens nach seiner Hochzeit-Nacht an statt der schönen Schwester, die er liebte, die häßliche[208] an seiner Seite fand, noch die Bestürzung eines Richters bei Erblickung eines silbernen Waschbeckens voll Cremnitzer Ducaten, womit ihm ein Client, der zu leben weißt, die Gerechtigkeit seiner Sache begreiflich gemacht hat – sind hinlänglich uns nur den zehnten Teil der Bestürzung vorzubilden, in welche Don Sylvio geriet, da er in der Fee dieses Zauberschlosses das Urbild seiner geliebten Schäferin erblickte – Doch wir sagen zu viel; denn da er sich seit seinem letzten Traum von neuem überredet hatte, daß sie noch ein Sommervogel sei, so war er bloß darüber bestürzt, wie es zugehe, daß eine so erstaunliche Ähnlichkeit zwischen ihr und dieser Fee sein könne.

Donna Felicia (denn wir können und wollen es nicht länger verbergen, daß wir zu Lirias sind) hatte Sorge getragen, sich unserm Helden in einem Anzug zu zeigen, der, indem er ihre Annehmlichkeiten auf die vorteilhafteste Art entwickelte, ihr zugleich ein so sonderbares Ansehen gab, daß ihr nur ein Stäbchen von Ebenholz fehlte, um eine vollkommene Lüminöse vorzustellen.

Sie hatte sich würklich an ihrem Nacht-Tische befunden, um sich auf die Ankunft ihres Bruders auszuputzen, der sie auf eine unerwartete Gesellschaft vorbereitet hatte, als ihr Laura die überraschende Zeitung brachte, daß Don Sylvio, sie wisse nicht wie, in ihrem Saal sichtbar geworden sei, und der glückliche Instinct, der bei den Beherrscherinnen unsrer Herzen die Stelle unsrer langsamen Vernunft einnimmt, hatte ihr in einem Augenblick begreiflich gemacht, daß sie nicht Feen-mäßig genug aussehen könne, um den Eindruck zu befördern, den sie auf ihn zu machen wünschte.

Sie bewillkommte ihn mit dem edlen und anmutsvollen Anstand, der ihr eigen war, ob sie sich gleich Gewalt antun mußte, die Unruhe zu verbergen, die in ihrem schönen Busen pochte. Sie bezeugte sich dem Zufall sehr verbunden, der einen jungen Ritter, dessen Ansehen keine gemeine Verdienste ankündigte, in ihr Schloß geführt hätte, und versicherte ihn, daß ihr Bruder, dessen Ankunft sie alle Augenblicke erwartete, sehr erfreut sein würde, eine so angenehme Bekanntschaft zu machen.

Hätte Don Sylvio nichts als die Bestürzung über eine unverhoffte Ähnlichkeit zu bekämpfen gehabt, so möchte es wohl[209] nicht schwer gewesen sein, sich in der gehörigen Fassung zu erhalten. Allein die Natur, die ihre Rechte nie verliert, und am Ende doch allemal den Sieg über die Einbildungs-Kraft davon trägt, spielte ihm in diesem critischen Augenblick einen andern Streich, gegen den es so viel als unmöglich war, sich zu verteidigen.

Der gute Sylvio hatte die Eindrücke, die das Bildnis seiner vermeinten Princessin auf ihn gemacht, und die Wünsche, die es in seinem Herzen erregt hatte, für Liebe gehalten; er hatte sich geirrt; es war nur eine schwache Vorempfindung, nur ein armes Schatten-Bild der Liebe, die ihm das Urbild selbst ein flößen würde.

Ihr erster Blick, der dem Seinigen begegnete, schien ihre Seelen auszutauschen. Die ganze Gewalt dieser unbeschreiblichen Entzückung, womit eine sympathetische Liebe, zumal wenn es die erste ist, bei Erblickung ihres Gegenstands, eine empfindliche und zu dieser glücklichen Art von Schwärmerei aufgelegte Seele berauschen kann, durchdrang, erfüllte, überwältigte sein ganzes Wesen – Alle seine vorige Ideen schienen ausgelöscht, neue Sinnen schienen plötzlich in seinem Innersten sich zu entwickeln, um alle diese unzähliche Reizungen aufzufassen, die ihm entgegen strahlten – Kurz, er war so sehr außer sich selbst, daß er die verbindliche Anrede der vermeinten Fee mit nichts anderm als stammlenden und abgebrochenen Sylben zu beantworten vermochte.

Donna Felicia würde vermutlich mit dem zierlichsten und wohl gesetztesten Compliment nicht halb so gut zufrieden gewesen sein, als sie es mit der weit beredtern Verwirrung war, worin sie ihn sah. Dasjenige, was in ihrem eigenen Herzen vorging, ergänzte ihr bis zum Überfluß, was in der Anrede unsers Helden mangelhaft und unverständlich war; aber weil sie mehr Gewalt über sich selbst hatte, oder, um uns richtiger auszudrücken, weil sie ein Frauenzimmer war, so wußte sie nicht nur ihre eigene Unruhe zu verbergen, sondern sie hatte auch so viel Gefälligkeit, und gab ihm Zeit sich selbst wieder zu erholen, indem sie sich so gleich auf den Sopha niedersetzte, und nachdem sie ihn ersucht einen Lehnstuhl neben ihr einzunehmen, von dem weißen Kätzchen, das seinen Platz auf ihrem[210] Schoße genommen hatte, Anlaß nahm, über die Gedanken zu scherzen, die beim Eintritt in diesen Saal in ihm hätten veranlaßt werden müssen. Gestehen sie mir, Don Sylvio, sagte sie, daß sie, bei Erblickung einer so ansehnlichen Gesellschaft von Katzen, die bei meinem kleinen Liebling Cour zu machen schien, sich kaum erwehren konnten zu glauben, daß sie in dem Palast der weißen Katze seien?

Man kann auf keine glücklichere Art betrogen werden, schönste Fee, erwiderte Don Sylvio. Möchten sie mit eben der Scharfsichtigkeit, womit sie meinen ersten Gedanken, der, ehe ich sie selbst zu sehen das Glück hatte, natürlich genug war, zu entdecken wußten, in das Innerste meiner Seele schauen, und darin zu lesen würdigen, was ich weder Kühnheit noch Vermögen habe, auszusprechen.

Donna Felicia fand für gut, an statt auf diese ehr furchts-volle Liebes-Erklärung zu antworten, ihn mit der Lebens-Geschichte und den bewundernswürdigen Tugenden der kleinen weißen Katze zu unterhalten; und so geringfügig dieser Gegenstand an sich selbst war, so wichtig wurde er, zumal für einen so geneigten Zuhörer als Don Sylvio war, auf den schönen Lippen der Donna Felicia, und durch den Reiz, den sie über alles was sie sagte oder tat, auszugießen wußte. Don Sylvio erfuhr es nur allzusehr. Jeder ihrer Blicke, jedes Wort, das sie sprach, jede kleine Bewegung, die sie machte, vermehrte die Entzückung, worin er ganz verloren schien. Seine Einbildungs-Kraft, unfähig etwas vollkommeners zu erstreben, als sich seinen Augen darstellte, wurde nun auf einmal ihrer vorigen Macht beraubt, und diente zu nichts als den Sieg der Empfindung vollkommen zu machen. Alle diese schönen Phantomen, womit sie angefüllt gewesen war, verschwanden wie die leichten Dünste eines Frühlings-Morgens vor der aufgehenden Sonne; er erinnerte sich seines vorigen Zustands nur wie eines Traums, oder, richtiger zu reden, er vergaß ihn und alles was er kurz vorher gedacht, geliebt, gehofft und gefürchtet hatte, so lang er Donna Felicia vor sich sah, so gänzlich, als ob er den ganzen Lethe ausgetrunken hätte.

Dieser Zustand mochte für ihn selbst angenehm genug sein, aber er machte ihn nicht sehr kurzweilig für seine Gesellschafterin,[211] und nachdem alles, was sich von ihren Katzen nur immer sagen ließ, völlig erschöpft war, so würde die Conversation ziemlich matt geworden sein, wenn die Papagaien, die von Zeit zu Zeit in den Saal gehüpft kamen, und überaus witzig und schwatzhaft waren, sich nicht zuweilen in das Gespräch gemischt hätten.

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Werke. Band 1, München 1964 ff., S. 208-212.
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