Drittes Capitel
Anmerkungen über die vorstehende Geschichte

[338] Wenn das ihre Absicht gewesen ist, Don Gabriel, sagte Hyacinthe, so bedaure ich, daß sie solche so wenig erreicht haben, als nur möglich ist. Wenn ich ihnen die Wahrheit sagen soll, so halte ich es für unmöglich, das abenteurliche und ungereimte weiter zu treiben, und Don Sylvio müßte wohl sehr gut sein, wenn er nicht schon lange gesehen hätte, daß ihre Absicht ist, die Feen um allen ihren Credit bei ihm zu bringen. Sie urteilen sehr strenge, versetzte Don Eugenio; es ist wahr, daß die Natur in dieser ganzen Geschichte vom Anfang bis zum Ende auf den Kopf gestellt ist, daß die Characters eben so ungereimt als die Begebenheiten unglaublich sind, und daß, wenn man die einen und die andern nach den Gesetzen der Vernunft, der Wahrscheinlichkeit und der Sittlichkeit beurteilen wollte, nichts tollers erdacht werden kann. Allein das wäre nicht billiger, als wenn man das Clima von Siberien nach dem Clima von Valencia, oder die Höflichkeit der Schineser nach der unsrigen beurteilen wollte. Das Land der Feerei liegt außerhalb der Grenzen der Natur, und wird nach seinen eigenen Gesetzen, oder richtiger zu sagen, (wie gewisse Republiken, die ich nicht nennen will) nach gar keinen Gesetzen regiert. Man kann ein Feen-Märchen nur nach andern Feen-Märchen beurteilen, und in diesem Gesichtspunct finde ich den Biribinker nicht nur so wahrscheinlich und lehrreich, sondern in allen Betrachtungen weit interessanter, (die vier Facardins vielleicht allein ausgenommen) als irgend ein anders Märchen in der Welt. Ich möchte doch,[338] zum Exempel, wissen, was sie lehrreiches in diesem Märchen finden, fragte Hyacinthe. Moralisten von Profession, erwiderte Don Eugenio, Leute, die im Stande sind, ein ganzes System von Sittenlehre aus einer Elegie des Tibullus auszuziehen, würden ohne Zweifel geschickter sein als ich, diese Frage zu beantworten. Aber, damit ich meinen Satz nicht ganz unerwiesen lasse, wird nicht in dieser Geschichte die Ausschweifung und das Laster durchgängig bestraft? wird nicht die Unschuld in der Person des Milchmädchens am Ende belohnt? und ist nicht das Ganze eine sehr überzeugende Bestätigung der moralischen Maxime: Daß der Vorwitz über unser künftiges Schicksal, in der Absicht, uns demselben zu entziehen, töricht und gefährlich sei. Hätte der König mit dem großen Wanst den großen Caramussal unbefragt gelassen, so würde man nie gewußt haben, daß es gefährlich für den Prinzen seie, vor seinem achtzehnten Jahr ein Milchmädchen zu sehen, und so würde er auch den Namen Biribinker nie bekommen haben. Er würde wie andere Prinzen am Hofe seines Vaters aufgewachsen sein, und wenn es Zeit gewesen wäre ihn zu vermählen, so würde man durch Gesandte um die Princessin Galactine haben werben lassen, und alles wäre den natürlichen Gang fortgegangen. Der Vorwitz des Königs und das fatale Oraculum des großen Caramussal war ganz allein an allem Unheil schuld. Die Mittel, wodurch man ihn vor dem Milchmädchen verwahren wollte, dienten zu nichts, als sie desto bälder zusammen zu bringen, und der Name Biribinker, der ihm freilich aus allen seinen Abenteuern heraus half, würde das nicht nötig gehabt haben, weil der Prinz nie in diese Abenteuer verwickelt worden wäre, wenn er nicht Biribinker geheißen hätte. Sie haben hierin vollkommen recht, sagte Donna Felicia, aber eben darin besteht das Lustige von der ganzen Comödie, oder vielmehr wenn man diesen einzigen Umstand wegtäte, so würde die ganze Geschichte des Prinzen Biribinkers an statt eines der possierlichsten Feen-Märchen, eine Alltags-Historie sein, die aufs höchste gut genug gewesen wäre, einen Artikel in den Zeitungen seiner Zeit auszufüllen. Und das wäre wohl Schade gewesen. Kurz, ungereimt oder nicht, ich nehme den Prinzen Biribinker in meinen Schutz, und wenn ich die Ehre hätte Hut und Degen zu tragen, so wollte ich gegen[339] alle und jede behaupten, daß die Liebe des Prinzen Biribinkers, die Tugend der Dame Cristalline, die Delicatesse der schönen Mirabella, ihre Kleidung von trocknem Wasser und ihre Zerstreuungen, der Riese Caraculiamborix, das Straußen-Ei, der Walfisch, die Seen, Inseln und bezauberten Schlösser, die er im Leibe hat, der Palast von gediegenem Feuer, und der redende Kürbis, der sich auf den Lauf der Sterne versteht, mit allen andern wundervollen und unerwarteten Dingen, wovon es in diesem Märchen wimmelte, alles hübsch untereinander gemischt, das aller drolligste Zeug ausmachen, das ich in meinem Leben gehört habe. Sie haben den Karpfen vergessen, der so schöne Opern-Arien singt, sagte Hyacinthe, das Hündchen das auf dem Seil tanzte, und die feurige Blicke, womit Biribinker die Steine am Bach, wo sein Mädchen saß, in Glas verwandelte. Erlauben sie mir noch hinzu zu setzen, sagte Don Gabriel, daß man schwerlich ein Märchen finden wird, wo die kostbarsten Materialien so sehr verschwendet wären. Ich bin gewiß, daß man in keiner Raritäten-Kammer von Europa einen Melkkübel von Rubin antreffen wird, und ich kenne keine bezauberte Gärten, worin so gar die Brunnen mit diamantnen Quaderstücken gepflastert wären.

Don Sylvio hatte sich bisher begnügt, demjenigen was gesagt wurde aufmerksam zuzuhören; Wie aber alle ihre Meinung gesagt hatten, und er merkte, daß man nun auf seine Entscheidung warte, so sagte er ganz ernsthaft: Ich muß gestehen, daß ich gewünscht hätte, der Prinz Biribinker wäre entweder seinem Milchmädchen, die in der Tat eine sehr liebenswürdige Person ist, getreuer gewesen, oder er würde für seine Ausschweifungen schärfer gestraft worden sein; aber (diesen einzigen Umstand und die Character so wohl als die Aufführung einiger anderer Personen, die niemand billigen wird, ausgenommen) sehe ich nicht, was in der ganzen Geschichte dieses Prinzen ungereimtes, geschweige dann unnatürliches und unmögliches sein sollte. Wie? Don Sylvio, sagte Hyacinthe, sie finden alle diese Wunderdinge, den Riesen, der sich die Zähne mit einem Zaunpfahl ausstochert, den Walfisch, der auf fünfzig Meilen in die Runde Wolkenbrüche aus seinen Naslöchern spritzt, die weichen Felsen, die singenden Fische, und die redende Kürbisse natürlich[340] und möglich? Ohne Zweifel, schöne Hyacinthe, gab Don Sylvio zur Antwort; wenn wir anders nicht den unendlich kleinen Teil der Natur, den wir vor Augen haben, oder das, was wir alle Tage begegnen sehen, zum Maßstab dessen, was der Natur möglich ist, machen wollen. Es ist wahr, Caraculiamborix ist in Vergleichung mit einem gewöhnlichen Menschen, ein Ungeheuer, aber er wird selbst zum Pygmeen, wenn wir ihn mit den Einwohnern des Saturnus vergleichen, die nach dem Bericht eines großen Astronomi mit Meilenstäben ausgemessen werden müssen. Warum sollte es nicht einen Walfisch geben können, welcher groß genug wäre, um Seen und Inseln in sich zu halten, da es kleine Wassertiere gibt, gegen welche ein gewöhnlicher Grönländischer Walfisch zum wenigsten so groß ist, als jener gegen diese? – Was den Walfisch betrifft, unterbrach ihn Don Gabriel, so kann seine Möglichkeit keine Frage sein, da es allen Umständen nach der nämliche ist, von welchem Lucian in seinen wahrhaften Geschichten eine umständliche Beschreibung macht, und worin er selbst ein großes Land entdeckt hat, welches damals von fünf oder sechs verschiedenen Nationen bewohnt war, die immer gegen einander zu Felde lagen, und vermutlich zu der Zeit, da Padmanaba sich einen Palast in den Bauch des Walfisches bauen ließ, einander schon aufgerieben hatten. Das einzige, was die Sache unglaublich machen könnte, ist der Umstand, daß Biribinker Sonne, Mond und Sterne darin gesehen haben soll – Ich glaube nicht, sagte Don Sylvio, daß das so viel sagen soll, als ob eine würkliche Sonne und würkliche Sterne ihren Lauf in des Walfisches Bauch gehalten hätten, sondern nur, daß es den Prinzen so dauchte, welches Padmanaba durch seine Kunst leicht zuwege bringen konnte. Diese Sonne und diese Sternen könnten, zum Exempel, eben so viele Salamander sein, die Padmanaba nötigte in gewissen angewiesenen Entfernungen und Kreisen zu leuchten, und ihren Lauf zu halten, und ich vermute aus allen Umständen, daß es würklich so gewesen ist. Ich möchte wohl wissen, sagte Hyacinthe, was Don Sylvio unmöglich heißt, denn so wie er die Grenzen der Möglichkeiten ausdehnt, sollte, deucht mich, alles möglich sein, was man sich in der Schwärmerei eines hitzigen Fiebers einbilden kann. Wenn es gediegenes[341] Feuer und trockenes Wasser gibt, so sollte es auch bleiernes Gold und einen viereckichten Cirkel geben können. Vergeben sie mir, Hyacinthe, versetzte Don Sylvio, das schließt nicht so gut, wie sie zu glauben scheinen; die Ründe gehört zum Wesen des Cirkels, und es ist also an sich selbst unmöglich, sich einen viereckichten Cirkel einzubilden, aber woher läßt sichs erweisen, daß die Flüssigkeit eine wesentliche Eigenschaft des Wassers und des Feuers sei? Sehen wir nicht im Winter Eis welches nichts anders als festes oder gediegenes Wasser ist, warum sollte die Macht oder die Kunst der elementarischen Geister nicht auch trocknes Wasser oder festes Feuer hervor bringen können? Mich deucht, (fuhr er fort) die wahre Quelle der irrigen Urteile, die man über alles dasjenige, was man wunderbare Begebenheiten heißt, zu fällen pflegt, entspringe aus der falschen Einbildung, als ob alles unmöglich sei, was sich nicht aus körperlichen und in die Sinne fallenden Ursachen erklären läßt; gleich als ob die Kräfte der Geister, von denen die körperlichen Dinge bloß tote und grobe Werkzeuge sind, nicht notwendiger Weise die mechanischen und geborgten Kräfte eben dieser Werkzeuge unendlich übersteigen müßten. In dieser Betrachtung glaube ich allerdings, daß unzähliche Dinge möglich sind, die wir aus keinem bessern Grunde für unmöglich halten, als weil sie unserer Unwissenheit unbegreiflich vorkommen; worin wir ungefähr eben so weise sind, als ein Wilder, der die bezaubernde Modulation, die ein Meister aus einer Quer-Flöte hervor bringt, für unmöglich halten wollte, weil er selbst aus seinem Haberrohr nur heisere und einförmige Töne erzwingen kann. Ich finde also in der Geschichte des Prinzen Biribinkers nichts unmögliches, und (die Glaubwürdigkeit des Geschichtsschreibers voraus gesetzt) sehe ich nicht, warum sie nicht von einem Ende zum andern eben so würklich begegnet sein, und eben so viel Glauben verdienen sollte als irgend eine andere Geschichte. Jetzt haben sie den rechten Punct berührt, sagte Don Gabriel; auf die Glaubwürdigkeit der Zeugen kommt alles an; denn ob wir gleich allen den Wunderdingen, womit die Geschichtschreiber und die Dichter die Welt angefüllt haben, oder doch dem größten Teil davon, eine bedingte Möglichkeit einräumen können, so sind sie doch um des willen[342] nicht weniger bloße Schimären, so lange nicht bis zur Überzeugung der Vernunft erwiesen werden kann, daß sie würklich existieren oder existiert haben. Und das gestehe ich ihnen, daß es sehr schlecht um die historische Wahrheit der Feen- und Geister-Geschichten steht, wenn sie keine bessere Gewähr ihrer Wahrheit aufzuweisen haben als Biribinker. Warum das, fragte Don Sylvio? Weil diese ganze Geschichte von meiner eigenen Erfindung ist, antwortete Don Gabriel. Von ihrer Erfindung? rief jener etwas betroffen aus. O! Don Gabriel, das hätte ich ihnen nicht zugetraut! Sie nannten uns ja einen Geschichtschreiber, woraus sie hergenommen sein sollte? Vergeben sie mir, Don Sylvio, erwiderte der andere, es ist nicht anders als wie ich sage. Ich wollte einen Versuch machen, wie weit ihre Vorurteile für die Feerei gehen könnten, ich strengte (nehmen sie mirs nicht übel auf) allen Aberwitz dessen ich fähig bin, an, um eine so widersinnische und ungereimte Wunder-Geschichte zu erdenken, als man nur jemals gehört haben möchte, und so entstund der Prinz Biribinker; aber ich gestehe ihnen freilich, daß es mir nicht möglich war, etwas so ungereimtes zu ersinnen, das nicht in allen andern Feen-Märchen seines gleichen hätte, und ich hätte voraus sehen können, daß diese Analogie sie verführen würde. Glauben sie mir, Don Sylvio, die Urheber der Feen-Märchen und der meisten Wunder-Geschichten haben so wenig im Sinn, klugen Leuten etwas weis zu machen, als ich es haben könnte; ihre Absicht ist die Einbildungs-Kraft zu belustigen, und ich gestehe ihnen, daß ich selbst ein größerer Liebhaber von Märchen als von metaphysischen Systemen bin. Ich kenne unter den Alten und Neuern Leute von großen Fähigkeiten, und selbst Leute von Ansehen, die sich in müßigen Stunden damit abgegeben haben, Märchen zu schreiben, und viele größere Männer als ich bin, und die einen ernsthaftern Character behaupteten, als ich jemals zu behaupten verlange, die diese Spielwerke allen andern Werken des Witzes vorzogen. Wer liebt nicht zum Exempel, den Orlando des Ariost, der doch in der Tat nichts anders als ein Gewebe von Feen-Märchen ist? Ich könnte noch vieles zum Vorteil derselben sagen, wenn es jetzt darum zu tun wäre, ihnen eine Lobrede zu halten. Aber bei dem allen bleiben[343] Märchen doch immer Märchen, und so viel Vergnügen als uns unter den Händen eines Dichters, der damit umzugehen weißt, die Salamander und Sylphiden, die Feen und Cabbalisten machen können, so bleiben sie nichts desto weniger schimärische Wesen, für deren Würklichkeit man nicht einen einzigen bessern Grund hat, als ich für einen Biribinker anzuführen im Stande wäre. Sie scheinen nicht zu bedenken, sagte Don Sylvio, daß sie die Feen und elementarischen Geister, nebst der Cabbala, oder geheimen Philosophie, die den Weisen die Macht gibt, sich diese Geister unterwürfig zu machen, nicht leugnen können, ohne den Grund aller historischen Wahrheit umzustoßen. Denn wie durchgängig und übereinstimmend ist nicht das Zeugnis der ganzen Geschichte zu ihrem Vorteil? – Sie haben vermutlich die Nachrichten von dem Grafen von Gabalis gelesen, erwiderte Don Gabriel, worin dieses Argument auf den höchsten Grad der Stärke getrieben ist, die es haben kann. Aber alles was man damit beweisen kann, ist weder mehr noch minder, als daß die Geschichte mit Fabeln und Unwahrheiten untermischt ist; ein großes Übel, welches dem schwachen Verstand oder dem bösen Willen, oder wenigstens der Eitelkeit der Geschichtschreiber zu Schulden liegt, und in meinen Augen die wahre Quelle so vieler schädlichen Irrtümer ist, womit wir die verschiedenen Gesellschaften der Menschen behaftet sehen. Glauben sie, zum Exempel, daß Biribinker nur um den vierten Teil eines Grans glaubwürdiger wäre, wenn er von Wort zu Wort von dem Geschichtschreiber Paläphatus erzählt würde? Woher könnten wir wissen, ob ein Autor, der vor drei tausend Jahren gelebt hat, und dessen Geschichte und Character uns gänzlich unbekannt ist, nur im Sinn gehabt habe uns die Wahrheit zu sagen. Und gesetzt, er hatte sie, konnte er nicht leichtglaubig sein? Konnte er nicht aus unlautern Quellen geschöpft haben? Konnte er nicht durch vorgefaßte Meinungen oder falsche Nachrichten selbst hintergegangen worden sein? Oder gesetzt, das alles fände nicht bei ihm statt; kann nicht in einer Zeitfolge von zwei oder drei tausend Jahren seine Geschichte unter den Händen der Abschreiber verändert, verfälscht, und mit unterschobenen Zusätzen vermehrt worden sein? So lange wir nicht im Stande sind, von jedem besondern Abenteuer des[344] Biribinkers, und so zu reden, von Zeile zu Zeile zu beweisen, daß keiner von allen diesen möglichen Fällen dabei Platz finde, so würde Herodot selbst kein hinlänglicher Gewährs-Mann für die Wahrheit dieser anmaßlichen Geschichte sein. Ich gestehe ihnen, das Zeugnis eines Tacitus oder Hume4 würde der Existenz der Elementar-Geister und eines jeden andern Dings, das nicht innerhalb des bekannten Cirkels der allgemeinen menschlichen Erfahrung liegt, sehr zu statten kommen, allein, zum Unglück für das Wunderbare, können sie sich keiner so vollgültigen Zeugen rühmen. Und gesetzt auch, es fänden sich unter der unendlichen Menge von Wunderdingen dieser Art, die seit dem Anbeginn der Welt bei allen Völkern des Erdbodens erzählt, und zum Teil geglaubt worden sind, einige wenige, die ein unverwerfliches Ansehen vor sich hätten; so würde dieses weder die übrigen glaubwürdiger machen, noch den allgemeinen Grundsatz entkräften können: Daß alles und jedes, was keine Analogie mit dem ordentlichen Lauf der Natur, in so fern sie unter unsern Sinnen liegt, oder mit demjenigen hat, was der größte Teil des menschlichen Geschlechts alle Tage erfährt, eben deswegen die allerstärkste und gewisser maßen eine unendliche Präsumtion der Unwahrheit wider sich habe; ein Grundsatz, den das allgemeine Gefühl des menschlichen Geschlechts rechtfertiget, ob er gleich der ganzen Feerei mit allen ihren Zubehörden auf einmal das Leben abspricht.

Die Damen hatten sich zurück gezogen, so bald sie sahen, daß die Conversation einen scientifischen Schwung nehmen wurde. Don Sylvio ergab sich nicht so leicht als sein Gegner erwartet haben mochte. Er bediente sich aller Vorteile, die ihm die scheinbare Verwandtschaft dieser Materie mit andern, wo Don Gabriel, nach Husaren-Art, nur fliehend fechten konnte, zu geben schien; allein, nachdem er sich endlich durch die überwiegende Geschicklichkeit seines Gegners aus allen seinen Schlupfwinkeln heraus getrieben sah, so blieb ihm endlich nichts übrig, als sich[345] gleichfalls auf die Erfahrung zu berufen, durch welche ihn jener zu überweisen gedacht hatte. Doch er fand bald, daß er wenig gewinnen würde, einen Philosophen wie Don Gabriel, mit seinen eigenen Waffen anzugreifen; man bewies ihm, daß besondere und außerordentliche Erfahrungen, so bald sie der Analogie der allgemeinen Erfahrung widersprechen, allezeit verdächtig sind; und daß zu einer Evidenz, der sich die Vernunft ergeben müßte, ein so scharfer Beweis erfordert würde, daß unter tausend solchen außerordentlichen Erfahrungen kaum eine zu finden sei, die bei genauer Untersuchung, nur so viel Wahrscheinlichkeit übrig behalte, als zu einer starken Präsumtion erfordert werde. Er nahm, zu Erläuterung seiner Lehrsätze die Visionen der Schwester Maria von Agreda zum Beispiel, und vertiefte sich unvermerkt in Speculationen, die der Übersetzer für die meisten Leser dieses Buchs zu tiefsinnig gehalten, und um so lieber weg gelassen hat, als aus dem Vorbericht, der dem spanischen Manuscript voran gesetzt ist, erhellet, daß der ehrwürdige Dominicaner-Mönch, dem selbiges zur Censur gegeben worden, von diesem Discurs den unschuldigen Anlaß genommen, den Druck des ganzen Werks zu untersagen. Dem sei wie ihm wolle, so fand Don Eugenio selbst für gut, die Fortsetzung dieser allzu metaphysischen Untersuchungen zu hemmen. Ich glaube kaum, sagte er, daß es zum Beweis, wie leicht uns in diesem Stück unsere vorgefaßte Meinungen oder eine allzuwürksame Phantasie hintergehen kann, etwas anders braucht, als sich auf Don Sylvio eigene Erfahrung zu berufen. Ich wette was man will, sie glaubten beim Eintritt in diese Gärten, und beim Anblick des Pavillions, in einen Feen-Sitz gekommen zu sein; und doch ist nichts gewissers, als daß sie in eben diesem Lirias sind, welches mein Großvater Gilblas von Santillane der dankbaren Großmut des Don Alphonso von Leyva zu danken hatte, und welches seit dem, teils von ihm, teils von meinem Vater Don Felix von Lirias erweitert und verschönert worden. Sie scheinen noch so wenig von der würklichen Welt gesehen zu haben, daß die Ähnlichkeiten, die sie zwischen den Gärten und Gebäuden zu Lirias mit denen, womit ihre Einbildungs-Kraft in den Märchen bekannt worden ist, gefunden haben, sie leicht verführen konnten, dasjenige, was von[346] ganz alltäglichen Menschen-Händen gemacht ist, für ein Werk der Geister und der Feerei zu halten. Gestehen sie, Don Sylvio, daß sie bei Erblickung meiner Schwester keinen Augenblick anstunden, sie für eine Fee zu halten; und doch kann ihnen mein Pfarrer mit dem Tauf-Register beweisen, daß sie eine Sterbliche ist, und von guten alten Christen abstammt, die niemalen der Magie verdächtig gewesen sind; eine Enkelin der liebenswürdigen Dorothea von Jutella, welche bestimmt war, meinem Großvater den Verlust seiner geliebten Antonia zu ersetzen, und mit der sie in der Tat eine so große Ähnlichkeit hat, daß man das Bildnis der einen für der andern ihres hält. Diese einzige Induction würkte mehr als alle Schlußreden des Don Gabriel. Don Sylvio hatte außer einem Compliment, das er bei diesem Anlaß den Reizungen der Donna Felicia machte, so wenig gründliches darauf zu antworten, daß er allmählich stille wurde, und, wie es schien, in Gedanken verfiel, die seinen Kopf merklich verdüsterten. Zu gutem Glück war es eben Zeit, in eine Comödie zu gehen, welche Don Eugenio durch eine herum wandernde kleine Schauspieler-Gesellschaft, die er etliche Wochen bei sich behielt, veranstaltet hatte. Diese angenehme Zerstreuung und die Gegenwart der Donna Felicia, die er den ganzen übrigen Abend genoß, stellten nach und nach den guten Humor unsers Helden wieder her; die aufmunternde Freundlichkeit, oder sollen wir die Zärtlichkeit sagen, die in ihrem ganzen Betragen gegen ihn herrschte, machte ihn gar bald lebhaft, gesprächig und begierig zu gefallen, und der Ton der scherzenden Fröhlichkeit, worein sie über dem Nachtessen die ganze Gesellschaft stimmte, würkte zuletzt so mächtig auf ihn, daß er unvermerkt die Rolle vergaß, die er zu spielen übernommen hatte, und mit dem Prinzen Biribinker und seinen Feen so lustig machte, als ob er nie keine Feen geglaubt, und keinen Sommervogel geliebt hätte.[347]

4

Der geneigte Leser wird hier einen ziemlichen Anachronismus bemerken, der, zum Unglück, nicht der einzige in diesem Werke ist, und vielleicht einigen Zweifel gegen die Glaubwürdigkeit dieser ganzen Geschichte erwecken könnte, dessen Hinwegräumung wir den Criticis überlassen. Anmerk. des Herausg.

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Werke. Band 1, München 1964 ff., S. 338-348.
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