Fünftes Kapitel
Die Andromede des Euripides wird aufgeführt
Großer Succeß des Nomophylax, und was die Sängerin Eukolpis dazu beigetragen
Ein paar Anmerkungen über die übrigen Schauspieler, die Chöre und die Decoration

[261] Das Stück, das diesen Abend gespielt wurde, war die Andromede des Euripides: eines von den 60 oder 70 Werken dieses Dichters, wovon nur wenige kleine Späne und Splitter der Vernichtung entronnen sind. Die Abderiten trugen, ohne eben sehr zu wissen warum, große Ehrerbietung für den Namen Euripides und alles was diesen Namen trug. Verschiedne seiner Tragödien, oder Singspiele (wie wir sie eigentlich nennen sollten), waren schon öfters aufgeführt, und allemal sehr schön gefunden worden. Die Andromede, eines der neuesten, wurde itzt zum erstenmal auf die abderitische Schaubühne gebracht. Der Nomophylax hatte die Musik dazu gemacht, und (wie er seinen Freunden ziemlich laut ins Ohr sagte) diesmal sich selbst übertroffen; das heißt, der Mann hatte sich vorgesetzt, alle sein Künste auf einmal zu zeigen, und darüber war ihm der gute Euripides unvermerkt ganz aus den Augen gekommen. Kurz, Herr Gryllus hatte sich selbst componiert; unbekümmert, ob seine Musik den Text, oder der Text seine Musik zu Unsinn mache – welches dann gerade der Punkt war, der auch die Abderiten am wenigsten kümmerte. Genug, sie machte großen Lerm, hatte (wie seine Brüder, Vettern, Schwäger, Clienten und Hausbedienten, als sämtliche Kenner, versicherten) sehr erhabne und rührende Stellen, und wurde mit dem lautsten entschiedensten Beifall aufgenommen. Nicht, als ob nicht sogar in Abdera noch hier und da Leute gesteckt hätten, die – weil sie vielleicht etwas dümmere Ohren auf die Welt gebracht als ihre Mitbürger, oder weil sie anderswo was Bessers gehört haben mochten – einander unter vier Augen gestunden: daß der Nomophylax, mit aller seiner Anmaßung ein Orpheus zu sein, nur ein Leiermann, und das beste seiner Werke eine Rhapsodie ohne Geschmack, und meistens auch ohne Sinn sei. Diese wenigen hatten sich ehmals sogar erkühnt, etwas von dieser ihrer Heterodoxie ins Publicum erschallen zu[261] lassen; aber sie waren jedesmal von den Verehrern der gryllischen Muse so übel empfangen worden, daß sie, um mit heiler Haut davon zu kommen, für gut befanden, sich in Zeiten den Majoribus zu submittieren; und nun waren diese Herren immer die, die bei den elendesten Stellen – am ersten und am lautsten klatschten.


Das Orchester tat diesmal sein Äußerstes, um sich seines Oberhauptes würdig zu zeigen. »Ich hab' ihnen aber auch alle Hände voll zu tun gegeben«, sagte Gryllus, und schien sich viel darauf zu gut zu tun, daß die armen Leute schon im zweiten Act keinen trocknen Faden mehr am Leibe hatten.


Im Vorbeigehen gesagt, das Orchester war eins von den Instituten, worin die Abderiten es mit allen Städten in der Welt aufnahmen. Das erste, was sie einem Fremden davon sagten, war: daß es hundert und zwanzig Köpfe stark sei. »Das Atheniensische, pflegten sie mit bedeutendem Accent hinzuzusetzen, soll nur 80 haben; aber freilich mit 120 Mann läßt sich auch was ausrichten!« – Wirklich fehlte es, unter so vielen, nicht an geschickten Leuten, wenigstens an solchen, aus denen ein Vorsteher wie – in Abdera keiner war noch sein konnte, etwas hätte machen können. Aber was half das ihrem Musikwesen, Es war nun einmal im Götterrate beschlossen, daß im thracischen Athen nichts an seinem Platz, nichts seinem Zweck entsprechend, nichts recht und nichts ganz sein sollte. Weil die Leute wenig für ihre Mühe hatten, so glaubte man auch nicht viel von ihnen fordern zu können; und weil man mit einem Jeden zufrieden war, der sein Bestes tat (wie sie's nannten), so tat niemand sein Bestes. Die geschickten wurden lässig, und wer noch auf halbem Wege war, verlor den Mut und zuletzt auch das Vermögen, weiter zu kommen. Wofür hätten sie sich am Ende auch Mühe um Vollkommenheit gehen sollen, da sie für abderitische Ohren arbeiteten? Freilich hatten die leidigen Fremden auch Ohren; aber sie hatten doch keine Stimme zu geben; fandens auch nicht einmal der Mühe wert, oder waren zu höflich, oder zu politisch, gegen[262] den Geschmack von Abdera Sturm laufen zu wollen. Der Nomophylax, so dumm er war, merkte zwar selbst so gut als ein Andrer, daß es nicht so recht ging wie es sollte. Aber außerdem, daß er keinen Geschmack hatte, oder (welches auf eins hinaus lief) daß ihm nichts schmeckte was er nicht selbst gekocht hatte, und er also immer die rechten Mittel, wodurch es besser werden konnte, verfehlte – war er auch zu träge und zu ungeschmeidig, sich mit andern auf die gehörige Art abzugeben. Vielleicht mocht' er's auch am Ende wohl leiden, daß er, wenn sein Leierwerk (wie wohl zuweilen geschah) sogar den Abderiten nicht recht zu Ohren gehen wollte, die Schuld aufs Orchester schieben, und die Herren und Damen, die ihm Ehren halben ihr Compliment deswegen machten, versichern konnte: daß nicht eine Note, so wie er sie gedacht und geschrieben habe, vorgetragen worden sei. Allein das war doch immer nur eine Feuertüre für den Notfall. Denn aus dem naserümpfenden Ton, worin er von allen andern Orchestern zu sprechen pflegte, und aus den Verdiensten, die er sich um das abderitische beilegte, mußte man schließen, daß er so gut damit zufrieden war, als es – einen patriotischen Nomophylax von Abdera ziemte.

Wie es aber auch mit der Musik dieser Andromeda und ihrer Ausführung beschaffen sein mochte: gewiß ist, daß in langer Zeit kein Stück so allgemein gefallen hatte. Dem Sänger, der den Perseus machte, wurde so gewaltig zugeklatscht, daß er mitten in der schönsten Scene aus dem Tone kam, und in eine Stelle aus dem Cyklops sich verirrete. Andromeda – in der Scene, wo sie, an den Felsen gefesselt, von allen ihren Freunden verlassen, und dem Zorn der Nereiden Preis gegeben, angstvoll das Auftauchen des Ungeheuers erwartet – mußte ihren Monolog dreimal wiederholen. Der Nomophylax konnte seine Freude über einen so glänzenden Succeß nicht bändigen. Er ging von Reihe zu Reihe herum, den Tribut von Lob einzusammeln, der ihm aus allen Lippen entgegenschallte; und mitten unter der Versichrung, daß ihm zu viel Ehre widerfahre, gestand er, daß er selbst mit keinem seiner Spielwerke (wie er seine Opern mit vieler Bescheidenheit zu nennen beliebte) so zufrieden sei, wie mit dieser Andromeda.

Indessen hätt' er doch, um sich selbst und den Abderiten Gerechtigkeit[263] zu erweisen, wenigstens die Hälfte des glücklichen Erfolgs auf Rechnung der Sängerin Eukolpis setzen müssen, die zwar ohnehin schon im Besitz zu gefallen war, aber in der Rolle der Andromeda Gelegenheit fand, sich in einem so vorteilhaften Lichte zu zeigen, daß die jungen und alten Herren von Abdera sich gar nicht satt an ihr – sehen konnten. Denn da war so viel zu sehen, daß an's Hören gar nicht zu denken war. Eukolpis war eine große wohlgedrehte Figur – zwar um ein Namhaftes materieller als man in Athen zu einer Schönheit erfoderte – aber in diesem Stücke waren die Abderiten, wie in vielen andern, ausgemachte Thracier; und ein Mädchen, aus welchem ein Bildhauer in Sicyon zwo gemacht hätte, war nach ihrem angenommenen Ebenmaß ein Wunder von einer Nymphenfigur. Da die Andromeda nur sehr dünne angezogen sein durfte, so hatte Eukolpis, die sich stark bewußt war, worin eigentlich die Kraft ihres Zaubers liege, eine Draperie von rosenfarbnem koischem Zeug erfunden, unter welcher, ohne daß der Wohlstand sich allzu sehr beleidigt finden konnte, von den schönen Formen, die man an ihr bewunderte, wenig oder nichts für die Zuschauer verloren ging. Nun hatte sie gut singen! Die Composition hätte, wo möglich, noch abgeschmackter, und ihr Vortrag noch zehnmal fehlerhafter sein können, immer würde sie ihren Monologen haben wiederholen müssen, weil das doch immer der ehrlichste Vorwand war, sie desto länger mit lüsternen Blicken – betasten zu können. Wahrlich, beim Jupiter, ein herrliches Stück, sagte einer zum andern mit halbgeschloßnen Augen; ein unvergleichliches Stück! Aber finden Sie nicht auch, daß Eukolpis heute wie eine Göttin Singt? – »O! über allen Ausdruck! Es ist, beim Anubis! nicht anders als ob Euripides das ganze Stück bloß um ihrentwillen gemacht hätte!« – Der junge Herr, der dies sagte, pflegte immer beim Anubis zu schwören, um zu zeigen, daß er in Aegypten gewesen sei.

Die Damen, wie leicht zu erachten, fanden die neue Andromeda nicht ganz so wundervoll als die Mannsleute. – »Nicht übel! Ganz artig! sagten sie; aber wie kömmts, daß die Rollen diesmal so unglücklich ausgeteilt wurden? Das Stück verlor dadurch. Man hätte die Rollen tauschen und die Mutter der dicken Eukolpis geben sollen! Zu einer Cassiopea hätte sie sich trefflich[264] geschickt.« – Gegen ihren Anzug, Kopfputz u.s.w. war auch viel zu erinnern – Sie war nicht zu ihrem Vorteil aufgesetzt – der Gürtel war zu hoch, und zu stark geschürzt – und besonders fand man die Ziererei ärgerlich, immer ihren Fuß zu zeigen, »auf dessen unproportionierte Kleinheit sie sich ein wenig zu viel einbilde« – sagten die Damen, die aus dem entgegengesetzten Grunde die ihrigen zu verbergen pflegten. Indessen kamen doch Frauen und Herren sämtlich darin überein, daß sie überaus schön singe, und daß nichts niedlichers sein könne, als die Arie, worin sie ihr Schicksal bejammerte. Eukolpis, wiewohl ihr Vortrag wenig taugte, hatte eine gute, klingende biegsame Stimme; aber was sie eigentlich zur Lieblingssängerin der Abderiten gemacht hatte, war die Mühe, die sie sich mit ziemlichem Erfolge gegeben, den Nachtigallen gewisse Läufer und Tonfälle abzulernen, in denen sie sich selbst und ihren Zuhörern so wohl gefiel, daß sie solche überall, zu rechter Zeit und zur Unzeit, einmischte, und immer damit willkommen war. Sie mochte zu tun haben was sie wollte, zu lachen oder zu weinen, zu klagen oder zu zürnen, zu hoffen oder zu fürchten: immer fand sie Gelegenheit, ihre Nachtigallen anzubringen, und war immer gewiß, beklatscht zu werden, wenn sie gleich die besten Stellen damit verdorben hätte.

Von den übrigen Personen, die den Perseus als den ersten Liebhaber, den Agenor, vormaligen Liebhaber der Andromeda, den Vater, die Mutter, und einen Priester des Neptuns vorstellten, finden wir nicht viel mehr zu sagen, als daß man im Einzelnen zwar viel an ihnen auszustellen hatte, im Ganzen aber sehr wohl mit ihnen zufrieden war. Perseus war ein schöngewachsner Mensch, und hatte ein großes Talent für einen – abderitischen Pickelhering. Der vorerwähnte Cyklops, im Satyrenspiele dieses Namens von Euripides, war seine Meisterrolle. Er spielt den Perseus gar schön, sagten die Abderitinnen; nur Schade daß ihm zuweilen unvermerkt der Cyklops dazwischen kommt. Cassiopea, ein kleines zieraffichtes Ding, voller angemaßter Grazien, hatte keinen einzigen natürlichen Ton; aber sie galt alles bei der Gemahlin des zweiten Archon, hatte eine gar drollichte Manier, kleine Liedchen zu singen, und – tat ihr Bestes. Der Priester des Neptuns brüllte einen ungeheuren Matrosenbaß; und Agenor – sang so elend, als einem zweiten Liebhaber[265] zusteht. Er sang zwar auch nicht besser, wenn er den ersten machte; aber weil er sehr gut tanzte, so hatte er eine Art von Privilegium erhalten, desto schlechter singen zu dürfen. Er tanzt sehr schön, war immer die Antwort der Abderiten, wenn jemand anmerkte, daß sein Krächzen unerträglich sei; indessen tanzte Agenor nur selten, und sang hingegen in allen Singspielen und Operetten.

Um die Schönheit dieser Andromeda ganz zu übersehen, muß man sich noch zwei Chöre, einen von Nereiden, und einen von den Gespielinnen der Andromeda, einbilden, beide aus verkleideten Schuljungen bestehend, die sich so ungebärdig dazu anschickten, daß die Abderiten (zu ihrem großen Troste) genug und satt zu lachen bekamen. Besonders tat der Chor der Nereiden, durch die Erfindungen, die der Nomophylax dabei angebracht hatte, die schnurrigste Wirkung von der Welt. Die Nereiden erschienen mit halbem Leib aus dem Wasser hervorragend, mit falschen gelben Haaren, und mit mächtigen falschen Brüsten, die von ferne recht natürlich wie – ausgestopfte Ballons und also sich selbst vollkommen gleich sahen. Die Symphonie, unter welcher diese Meerwunder herangeschwommen kamen, war eine Nachahmung des berühmten Wreckeckeck Koax Koax in den Fröschen des Aristophanes; und, um die Illusion vollkommner zu machen, hatte Herr Gryllus verschiedene Kühhörner angebracht, die von Zeit zu Zeit einfielen, um die auf ihren Schneckenmuscheln blasenden Tritonen nachzuahmen.

Von den Decorationen wollen wir, beliebter Kürze halben, weiter nichts sagen, als daß sie – von den Abderiten sehr schön befunden wurden. Insonderheit bewunderte man einen Sonnenuntergang, den sie vermittelst eines mit langen Schwefelhölzern besteckten Windmühlenrades zuwege brachten; welches einen guten Effect getan hätte, sagten sie, wenn es nur ein wenig schneller umgetrieben worden wäre. Bei der Art, wie Perseus mit seinen Mercurstiefeln aufs Theater angeflogen kam, hätten die Kenner wohl wünschen mögen, daß man die Stricke, in denen er hing, luftfarbig angestrichen hätte, damit sie nicht so gar deutlich in die Augen gefallen wären.[266]

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Werke. Band 2, München 1964 ff., S. 261-267.
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