Neunter Abschnitt.

[115] Peregrin.


Ich übergehe, um deine Geduld zu schonen, lieber Lucian, verschiedene Begebenheiten, die mir in den drei bis vier Jahren, welche ich in Italien, theils zu Rom, theils bei meinen Bekannten auf dem Lande lebte, zugestoßen sind. Aber eine einzige wird dir selbst vielleicht eine Ausnahme zu verdienen scheinen, wenn ich dir sage, daß es nichts Geringeres war, als ein kleines Abenteuer mit der einzigen Tochter des Kaisers, Faustina, welche damals schon einige Jahre mit seinem angenommenen Sohne Marcus Aurelius vermählt war, aber noch in der vollen Blüthe der Jugend und Schönheit stand.

Es wird dir nicht unbekannt seyn, in was für einen schlimmen Ruf die Sitten dieser Dame bei der Nachwelt gekommen sind, ohne daß weder die zärtliche Achtung ihres Gemahls, welche sie bis an ihren Tod besaß, noch die ausgezeichneten Ehrenbezeugungen, die der Senat ihrem Andenken erwies, einige Unvorsichtigkeiten vergüten konnten, wodurch[116] sie in ihren jüngern Jahren die Verleumdung gegen sich gereizt hatte. Ich kann mich nicht von dem Vorwurfe frei sprechen, zu einer Zeit, da ihr Charakter einem Menschen meiner Art nothwendig in einem sehr zweideutigen Licht erscheinen mußte, selbst nicht wenig dazu geholfen zu haben, daß das Römische Publicum (dessen herrschende Sitten dem Glauben an die Tugend der Frauen vom ersten Rang ohnehin wenig günstig waren) um so geneigter ward, die nachtheiligsten Anekdoten, die auf Unkosten der schönen Faustina herumgetragen wurden, glaublich zu finden. Allein, seitdem der Scheiterhaufen zu Alpine den Zunder der Leidenschaften in mir verzehrt hat, sehe ich auch diese liebenswürdige Römerin und ihr Betragen gegen mich in einem andern Lichte, und finde mich – schon nach dem, was mir selbst mit ihr begegnet ist – sehr geneigt zu glauben, daß ihr wenigstens durch die Gerüchte, welche sie mit den Poppeen und Messalinen in Eine Linie stellten, großes Unrecht geschehen sey. Doch, du magst selbst von der Sache urtheilen.

Ungeachtet der ungeheuern Größe der Stadt Rom, und der Schnelligkeit, womit eine unendliche Menge aus allen Weltgegenden zusammengeflogener Menschen, deren jeder seinen eigenen Zweck verfolgte, sich wie Meereswogen durch und über einander herwälzten, war doch der Cyniker, welchen Cejonius aus Aegypten (dem Vaterlande so vieler Wunderdinge) mitgebracht hatte, eine Erscheinung, die in gewissen Cirkeln eine Art von flüchtiger Aufmerksamkeit erregte. Beinahe ein jeder, der ihn gesehen hatte, wußte irgend etwas Lächerliches oder Seltsames, irgend eine kleine, wahre oder falsche Anekdote[117] von ihm zu erzählen, wodurch diese Neuigkeit aus Afrika dem müßigen Theile des Publicums interessant wurde. Jedermann wollte den Cyniker mit dem Pythagoraskopfe kennen lernen, um sagen zu können daß er ihn auch gesehen habe; und es fehlte wenig, daß man nicht den Kaiser selbst anging, zu befehlen, daß er an dem ersten besten Feste, unter andern eltsamen Thieren, die aus allen Enden der Welt nach Rom zusammengeschleppt wurden, dem Volke im Circus vorgezeigt werden sollte.

Es konnte also nicht fehlen, daß endlich auch die Prinzessin, deren stärkste und vielleicht einzige Leidenschaft war, immer mit einer neuen Puppe zu spielen, neugierig ward, sich mit meiner Wenigkeit in Bekanntschaft zu setzen. Aber so leicht dieß an sich selbst zu seyn schien, so hatte die Sache doch ihre Schwierigkeiten; denn man beschrieb ihr das philosophische Wunderthier als ungewöhnlich scheu und störrig. Besonders, sagten ihre Kammerfrauen, äußere es eine Antipathie gegen das weibliche Geschlecht, welche, wie man wahrgenommen habe, mit der Schönheit und Jugend der Damen in gleichem Verhältniß stehe, und also für die Neugier der Prinzessin gar leicht unangenehme Folgen haben könne. Man erzählte ihr verschiedene Beispiele dieser seltsamen Misogynie16, welche wirklich nicht ohne Grund waren: aber bei Faustinen war dieß gerade ein Beweggrund mehr, sich von einer so unglaublichen Wirkung der Schönheit durch den Augenschein zu überzeugen. Sie wohnte während der schönsten Monate des Jahres gewöhnlich in den Sallustischen Gärten, deren anmuthige Lustwäldchen ich in der heißen Tageszeit öfters zu besuchen[118] pflegte. Ihre Neugier blieb also nicht lange unbefriedigt. Man sagte mir daß sie mich zu sprechen wünschte, und, da ich mich dessen unter keinem schicklichen Vorwande weigern konnte, so ließ ich mich, wiewohl ungern, in einen kleinen Gartensaal führen, wo ich sie mit zwei oder drei von ihren vertrautern Gesellschafterinnen bei einer tändelnden Art von Arbeit antraf. Ihre Schönheit, wiewohl sie das untadeligste Modell zu einer Göttin der Liebe abgeben konnte und mit einem einladenden Ausdruck von Gefälligkeit und Gutheit verbunden war, machte, vielleicht eben dieses Ausdrucks wegen, beim ersten Anblick nur einen schwachen Eindruck auf mich. Aber desto mehr schienen die Damen in ihrer Erwartung getäuscht zu seyn, da sie, anstatt eines rauhen, übel gekämmten und ungeschliffnen Cynikers, einen Menschen vor sich sahen, der in guter Gesellschaft gelebt zu haben schien, nach Griechischem Costume anständig gekleidet war, und seinem äußerlichen Ansehen und Betragen nach keine Gelegenheit zu den feinen Spöttereien gab, womit sich eine von ihnen zur Belustigung der Prinzessin bewaffnet hatte, und die bei meinem Eintritt schon auf ihren Lippen schwebten. Kurz, ich sah daß der Pythagoraskopf auf den Schultern eines Mannes, den die Venus Mamilia vor dreißig Jahren zu ihrem Adonis gewählt hatte, seine Wirkung that. Aber die Unterredung gewann nichts dadurch an Lebhaftigkeit: und da der Philosoph die gute Meinung, die man auf Empfehlung seines Aeußerlichen von ihm gefaßt zu haben schien, durch die Einsylbigkeit seiner Antworten auf alle Fragen, die man an ihn richtete, wenig aufmunterte; so wurde er zu seinem großen Troste ziemlich[119] bald wieder verabschiedet, ohne daß man auch nur den leisesten Wunsch äußerte, die angefangene Bekanntschaft fortzusetzen.


Lucian.


Ich liebe die Abenteuer, die einen so trocknen Anfang haben: und ich müßte mich sehr irren, wenn diese anscheinende Kälte nicht einen geheimen Anschlag gegen deine Weisheit verbarg, der bereits in dem leichten Gehirnchen der schönen Faustina brütete.


Peregrin.


Ich wenigstens war damals weit entfernt, so etwas zu argwohnen. Wir sahen uns indessen nach dieser er sten Zusammenkunft zufälliger Weise noch öfters in den Sallustischen Gärten. Der sanfte Reiz, der alles, was die schöne Faustina sagte und vornahm, wie verstohlner Weise begleitete, ihre immer währende Heiterkeit und Fröhlichkeit, der gänzliche Mangel an allen Ansprüchen, welche sie als die einzige Tochter des Kaisers zu machen hatte, mit einer Gutherzigkeit und schönen Einfalt verbunden, die an einer Römerin von ihrem Stande und aus diesem Zeitalter noch unendlichemal überraschender war als der Pythagoraskopf an einem Cyniker, – das alles überschlich mein Herz unvermerkt. Die schöne Faustina ward mit jeder Unterredung schöner in meinen Augen: und da sie mir eben so empfänglich als geneigt schien, ihrem Geist eine Art von Ausbildung geben zu lassen, wodurch sie (wie sie sagte) der Ehre, die Gemahlin eines Marc-Aurels zu seyn, würdiger zu werden hoffte; so ließ sich dein alter Schwärmer – das wahre tribus Anticyris insanabile caput17 des Horaz – ohne Bedenken überreden, dieses gefährliche[120] Amt bei einer jungen Fürstin zu übernehmen, deren wahrer Charakter, ungeachtet aller Aufschlüsse, die er durch die Kallippen, Mamilien und Diokleen über das große Räthsel des weiblichen Herzens erhalten zu haben glaubte, etwas ganz Neues für ihn war.

Bei allem dem war das, was ich für die liebenswürdige Faustina fühlte, so rein und unschuldig, hatte so wenig Leidenschaftliches, und glich, mit Einem Worte, so sehr der Liebe eines zärtlichen Vaters für eine gutartige Tochter, daß ich unmöglich in die mindeste Unruhe darüber gerathen konnte. Aber eben diese Ruhe meines Herzens war es, was Faustinen – welche wirklich (wie du sagtest) einen kleinen schelmischen Anschlag gegen meine Weisheit in der Arbeit hatte, und in der Ausführung ihrer launischen Einfälle ziemlich ungeduldig war – den bösen Gedanken eingab, daß sie schlechterdings die unterste von den drei Seelen18, welche Plato den menschlichen Körper bewohnen läßt, auf ihre Seite ziehen müsse, wenn sie den Triumph über die Apathie ihres Philosophen erhalten wollte, worauf sie nun einmal ihren Sinn gestellt hatte, und worüber es (wie ich in der Folge erfuhr) zwischen ihr und einer vertrauten Freundin eine große Wette galt.

Sie veranstaltete es also mit dem Zufall so geschickt, daß ich sie einsmals an einem sehr heißen Tage, in der einsamsten Grotte ihrer Gärten auf einer mit Rosen dicht bestreuten Moosbank, ziemlich leicht bekleidet schlummern fand. Es war der schönste Anblick, der meinen Augen jemals gewährt worden war; wenigstens däuchte es mir so, da die Zeit die Bilder ehemaliger Visionen dieser Art zu matt gemacht hatte,[121] um von dem lebendigen Eindruck der gegenwärtigen nicht ausgelöscht zu werden. Ich verweilte zwar nicht lange: aber meine Apathie war erschüttert; die Erinnerungen an diesen Augenblick schwächten die Gewalt, welche meine Vernunft durch eine vieljährige Uebung in der strengsten Enthaltsamkeit über meine Einbildung erhalten hatte; und, wiewohl ich weder jung noch thöricht genug war, einer unziemlichen Leidenschaft für die Gemahlin eines Marc-Aurels Raum zu geben, so blieb es doch nicht mehr in meiner Macht, sie bei unsern fortgesetzten Zusammenkünften mit so unbefangenen Augen wie ehemals anzusehen.

Diese Veränderung konnte der Prinzessin nicht lange verborgen bleiben. Sie ließ zwar nichts davon gewahr werden, daß sie ihren Lehrer bei jeder Zusammenkunft wärmer, belebter und unterhaltender fand; aber sie hielt sich von nun an gewiß, ihre Wette gewonnen zu haben, und beschleunigte die Ausführung ihres Plans. Einsmals fand ich sie mit einem Buche auf dem Schooß, in dessen Lesung sie so vertieft schien, daß ich ihr schon ganz nahe war, ehe sie meine Gegenwart bemerkte. Du hättest zu keiner gelegnern Zeit kommen können, sagte sie, um mir zur Gewißheit zu helfen, ob ich die Theorie einer sehr sublimen Dame, die mich schon seit einer halben Stunde unterhält, recht begriffen habe oder nicht. – Das Buch, worin sie las, war Platons Symposion, und also Diotima die Dame, von welcher die Rede war. Diese schöne und geistige Art von Liebe, welche man, mit undankbarer Verschweigung ihrer wahren Erfinderin, die Platonische zu nennen pflegt, ward nun der Gegenstand einer Unterredung,[122] welche mich, der schönen Faustina und einer Gruppe der Grazien von Praxiteles gegenüber, unvermerkt in die Gemüthsstimmung meiner ersten Jugend versetzte.

Ich war vielleicht der einzige Mensch in der Welt, der einer Frau, wie diese die ich vor mir hatte, in solchem Ernst und mit so vielem Feuer von der Möglichkeit einer unkörperlichen Liebe zu der liebeswürdigsten aller Frauen, das ist, (wie ich ihr deutlich genug zu verstehen gab), zu ihr selbst, sprechen konnte. Faustina schien eben so vergnügt als verwundert darüber zu seyn, zum erstenmal in ihrem Leben einen Mann von einer so feinen und mit ihren Begriffen so übereinstimmenden Denkungsart zu finden: aber sie konnte nicht umhin, dem Schüler der Diotima, mit einer Miene, worin Naivetät und Schalkheit sich zugleich mit einer ihr eigenen Grazie ausdrückten, einige Zweifel über die Möglichkeit, eine so geistige Art von Liebe auf beiden Theilen in die Länge auszuhalten, zu zeigen.

Das Unmöglichste für mich war, in diesem Augenblicke an Kallippen und Mamilien zu denken, die mich über diesen Punkt billig etwas behutsamer hätten machen sollen; und es konnte also nicht fehlen, daß ich in einige Verwirrung gerieth, da sie mir mit einem Blicke, der in den Grund meiner Seele zu dringen schien, sagte: wer mit solcher Gewißheit, wie ich, von dieser Sache sprechen könne, müsse Erfahrungen gemacht haben, die ihn dazu berechtigten; und ich würde es sehr verzeihlich finden, wenn sie mir ihre Neugier über diesen Theil meiner Lebensgeschichte nicht verbergen könnte.

In der That kam sie, nachdem wir einmal so tief in[123] diese Materie gekommen waren, und meine Verwirrung ihr gar leicht meine Aufrichtigkeit hätte verdächtig machen können, mit ihrem Wunsche dem meinigen entgegen. Ich versprach ihr also eine getreue und umständliche Erzählung der Begebenheiten meiner Jugend, die ihr (wie ich unbesonnen genug war hinzuzusetzen) beweisen würden, was ich schon damals fähig gewesen wäre, wenn ich das Glück gehabt hätte, eine Diotima mit Faustinens Gestalt und Reizen anzutreffen. Sie schien dieses Compliment gerade so aufzunehmen, wie ich es wünschen konnte. Einer der nächsten Tage wurde dazu bestimmt, den Anfang meiner Erzählung zu machen; und man entließ mich mit Zeichen von Zufriedenheit, die auch ein weniger Platonischer Liebhaber ohne große Unbescheidenheit für Aufmunterungen hätte nehmen können.

Du siehest ohne mein Erinnern, lieber Lucian, daß ich mich durch diese unvorsichtige Gefälligkeit gegen die Neugier der schönen Faustina in ein schlimmes Abenteuer hatte verwickeln lassen. Unter den Augen einer so liebenswürdigen Zuhörerin meine Einbildung durch die lebhafteste Versetzung in die Zauberscenen meiner Jugend in Flammen setzen, hieß die Kerze, wie man zu sagen pflegt, an beiden Enden anzünden. Faustina, unter deren so lieblich lächelnden Gesichtszügen ich keine Schalkheit ahndete, trug alles, was sie, ohne sich gar zu bloß zu geben, beitragen konnte, dazu bei, das Platonische Feuer, das im Busen ihres schwärmerischen Philosophen loderte, immer stärker anzufachen. Die Erzählung, durch häufige Digressionen und Erörterungen unterbrochen, ward alle Minuten zum Dialog, und dieser zuletzt so interessant,[124] daß er Ergießungen des Herzens (denn die Platonische Liebe hat ja auch die ihrigen) nöthig machte, welche durch die Gegenwart der kleinen Sklavinnen, deren die Prinzessin bei unsern Zusammenkünften immer drei oder vier um sich herum schwärmen hatte, nicht wenig gehindert wurden.

Natürlicherweise war Faustina durch meine Bekenntnisse in ihren Zweifeln an der Möglichkeit der Platonischen Liebe vielmehr bestärkt als davon geheilt worden. Sie machte mir kein Geheimniß daraus; und gleich wohl schien sie sich der meinigen mit einem so kindlich unschuldigen Zutrauen zu überlassen, daß sie die Voraussetzung eines sympathetischen Gefühls, in dessen Reinigkeit ihr Bewußtseyn sie kein Mißtrauen setzen ließ, beinahe unvermeidlich machte.


Lucian.


Ich wundere mich nicht, Freund Peregrin, warum du immer, sogar bis in den Jahren, wo man gewöhnlich an die Gunst der Schönen keine Ansprüche mehr zu machen hat, von den reizendsten dieses Geschlechts, das von unsrer guten Meinung von ihm so viele Vortheile zu ziehen weiß, so außerordentlich begünstiget wurdest. Denn – bei der kindlichen Unschuld der immer lächelnden Faustina! – nie ist ein Sterblicher mit einer glücklichern Anlage, immer das Beste von ihnen zu denken, geboren worden als du.


Peregrin.


Bethört von dem süßen Wahne, der mir dieses Compliment von dir zugezogen hat, ward ich nun immer weniger gewahr, was für ein gefährlicher Gegenstand eine Seele, deren Schönheiten mit den Reizen ihres materiellen und animalischen[125] Theils so zart verwebt oder vielmehr so unmerklich in einander verschmelzt waren, für einen Platonischen Liebhaber sey, der dem Unglück, beide Arten von Reizen alle Augenblicke mit einander zu verwechseln, so sehr ausgesetzt war wie ich; und unstreitig war es in einem solchen Augenblick, wo mich die Weisheit so sehr verließ, daß ich der Prinzessin von dem Zwange sprach, den die einzige Tagesstunde, welche sie mir (unter dem Vorwande des Unterrichts in der Philosophie) widmete, und die kleinen Nymphen, die immer dabei gegenwärtig waren, dem freien Umtausch der Empfindungen unsrer Seelen auferlegten. Sie schien dieß eben so gut als ich zu fühlen, aber verlegen zu seyn, wie es anders eingerichtet werden könnte. Sollte, sagte ich endlich, die keusche Luna, deren gute Dienste so oft von den gewöhnlichen Liebhabern angerufen werden, sich nicht erbitten lassen, einem Eingeweihten in den Mysterien der höhern Liebe günstig zu seyn? – Warum nicht? erwiederte Faustina lächelnd. Wenigstens gebe ich dir, setzte sie nach einer kleinen Pause hinzu, meine Einwilligung, wenn du es auf dich nehmen willst, auch mich in diesen erhabenen Mysterien einzuweihen.

Die schlaue Dame hatte mich, wie du siehest, unvermerkt auf einen Weg gebracht, worauf sie ihr mir damals noch unbekanntes Ziel schwerlich verfehlen konnte. Sie erlaubte mir, unter der Leitung der jungfräulichen Göttin – deren Liebe zu Endymion ganz gewiß, trotz den Lästerungen der Mythologen, ebenfalls von der Platonischen Art gewesen sey – die Sallustischen Gärten auch zu einer ungewöhnlichen Zeit zu besuchen, und ließ mich hoffen, daß ich sie zu einer[126] gewissen Stunde, in dem Myrtenwäldchen, das einen kleinen offnen Tempel der Grazien umgab, nicht umsonst erwarten würde.

So viel ich mich erinnere, begünstigte sie mich mit drei oder vier solchen nächtlichen Zusammenkünften. Sie, welche (wie sich's am Ende auswies) nichts dabei wagte, blieb immer sich selbst gleich, immer so heiter und sanft, so herablassend gefällig und theilnehmend als ich sie stets gefunden hatte: aber für meine Apathie19 war diese Probe zu stark. Es gab Augenblicke, wo der Drang alles dessen, was ich für sie empfand, meine Brust zu zersprengen drohte; und mehr als Einmal war ich, unter dem fürchterlichen Kampf zwischen dem Ueberschwang des Gefühls, das mich zu ihren Füßen werfen wollte, und der Ehrfurcht und Scham, die mich mit gleich großer Gewalt zurückzogen, in Gefahr ohnmächtig vor ihr hinzusinken. Aber jedesmal war dieß auch der Augenblick wo sie mich, unter dem Vorwande daß mir die Nachtluft nicht länger zuträglich scheine, mit dem Ausdruck der zärtlichsten Besorgniß für meine Gesundheit auf der Stelle nach Hause schickte.

Der Mond hörte endlich auf, diese nächtlichen Unterredungen zu begünstigen. Ich konnte mich nicht enthalten, ihr meinen Schmerz über den Verlust so seliger Stunden auf eine Art zu erkennen zu geben, die mich zum Mitleiden einer Frau, die mir schon so viel Güte gezeigt hatte, berechtigte. Du bist für einen Endymion ein wenig dringend, mein lieber Proteus, sagte sie: doch, ich beurtheile deine Empfindungen nach den meinigen. Auch ich entsage diesen angenehmen[127] Unterhaltungen zwischen Seele und Seele, die durch das Elysische einer stillen Mondnacht so schön befördert werden, ungern: aber, was kann ich thun, sie dir zu ersetzen?

Ein tiefer Seufzer war alles, was der bezauberte Wahnsinnige darauf antworten konnte.

Ich will sehen was möglich ist, fuhr sie nach einigem Bedenken fort; du sollst in kurzem wieder von mir hören. Aber, wenn ich mich nun, um deinen und meinen Wunsch zu befriedigen, genöthiget fände, deinen Platonismus auf eine etwas harte Probe zu stellen?

Ich glaubte zu errathen was sie damit sagen wollte, und schwor ihr bei der himmlischen Cythere und den Grazien des Sokrates, sie würde, auf welche Probe sie mich auch stellen wollte, niemals Ursache finden, sich ihr Zutrauen gegen mich gereuen zu lassen.

Die schöne, aber ein wenig leichtfertige Gemahlin des Kaisers Marcus war nun am Rande der Ausführung ihres Plans. Sie spielte mir übel mit, und ich hab' es ihr längst vergeben: aber was ich mir selbst nie vergeben werde, war die Blindheit, mit welcher ich in ihre –


Lucian.


– von dir selbst gewebten –


Peregrin.


– Schlingen fiel. – Gut! – auch dieß vermehrt die Vorwürfe, die ich mir zu machen habe.


Lucian.


Wunderliche Seele! wozu? Sie kommen nun zu spät; und es[128] ist, däucht mich, klar, daß deine Eitelkeit damals eine solche Demüthigung noch nöthig hatte.


Peregrin.


Wie groß auch meine Schuld bei diesem allen war, so würdest du mir doch Unrecht thun, wenn du glaubtest, daß ich, mitten in diesen Ausschweifungen meiner Leidenschaft für die schöne Faustina, mich auch nur des leisesten Anschlags auf ihre Tugend schuldig gemacht hätte. Im Gegentheil, meine Schwärmerei (wie du es nennen wirst) ging so weit, daß ich, falls es möglich seyn sollte daß Faustina schwach würde, fest entschlossen war, ihrer guten Seele mit der meinigen zu Hülfe zu kommen, und daß ich sogar auf diesen Fall hin eine Menge der sublimsten und herzrührendsten Sachen, die ich ihr sagen wollte, in Bereitschaft hielt.


Lucian.


Dieß, lieber Peregrin, werde ich, – der ich in meinem Leben nie der Tugend, sondern nur der falschen oder übertriebenen Anmaßungen einer dem Menschen nicht gegebenen Vollkommenheit gespottet habe – dieß, Peregrin, werde ich nie Schwärmerei nennen. Aber daß du dich vorsetzlich in den Fall setztest, dir selbst vielleicht nicht Wort halten zu können; daß du, nach so manchen Erfahrungen des Gegentheils, – auf den bloßen Triumph hin, den dein Eigensinn über eine Alexandrinische Hetäre erhalten hatte – dir selbst eine Stärke zutrautest, die sich kein Sterblicher eher, als bis er ohne seine Schuld in dem Fall ist ihrer zu bedürfen, zutrauen soll: das nenne ich Schwärmerei!


[129] Peregrin.


Gib dich zufrieden, Freund Lucian! du wirst mich streng genug dafür büßen sehen. Es vergingen einige Tage, ohne daß ich die Prinzessin auf ihren gewöhnlichen Spaziergängen wieder zu sehen bekam, wiewohl ich sie überall, selbst in der Grotte, wo ich sie einst schlafend gefunden hatte, aufsuchte. Aber am vierten oder fünften Tage nach unsrer letzten Zusammenkunft, da ich zur gewöhnlichen Morgenstunde in einem Gange, der zum Tempel der Grazien führte, traurig auf und nieder ging, fiel ein Granatapfel vor mir nieder, in dessen Krone ich ein kleines Papier stecken fand. Ich entfaltete es mit zitternder Freude, und las ungefähr folgende Worte: »Du kannst die außerordentliche Probe, die du von meinem Vertrauen auf deine Gesinnungen erwartest, nicht lebhafter wünschen, als ich wünsche, was ich für dich thue durch dein Betragen gerechtfertigt zu sehen. Hast du noch Muth, die Probe, worauf ich dich dadurch stelle, zu bestehen, so finde dich eine Stunde vor Mitternacht bei dem Seitenpförtchen ein, das aus der Galerie des Apollo in die Rosengebüsche führt, und folge dem, den du daselbst antreffen wirst.«

Beides, die hohe Meinung, die ich von der Unschuld und Güte der schönen Faustina hegte, und das Vertrauen auf die Stärke meines eigenen Vorsatzes, war zu groß, als daß mein Entzücken über diesen mehr gewünschten als gehofften Beweis ihrer Gesinnung gegen mich durch den mindesten Zweifel hätte unterbrochen werden können. Die Zwischenzeit, die einem andern Liebhaber eine Ewigkeit geschienen hätte, verfloß mir[130] unter wonnevollen Vorgefühlen unvermerkt; kaum hatte ich mich in den schönsten Tagen meiner Jugend, selbst im heiligen Haine der Venus Urania zu Halikarnaß, so entkörpert, so ganz Dämon gefühlt, als in der Erwartung dieser heiligen Mitternachtsstunde, in welcher der Bund einer ewigen Liebe zwischen der schönsten aller Seelen und der meinigen beschworen werden sollte.

Sie kam endlich. Die kleine Pforte öffnete sich; eine junge Sklavin nahm mich bei der Hand, und führte mich durch eine Menge dunkler Gänge in ein hell erleuchtetes und fürstlich ausgeschmücktes Gemach, dessen offne Mittelthür in eine Reihe kleiner Zimmer führte, welche ich zu durchwandern hatte, um zu der Göttin zu gelangen, die in dem letzten derselben ihres seligen Endymions wartete. In jedem der Zwischengemächer, aus welchen mir der lieblichste Wohlgeruch entgegen duftete, nahm die Beleuchtung stufenweise ab, bis sie zuletzt in dem Cabinette, wo ich Faustinen zu finden glaubte, in die sanfteste Dämmerung zerfloß. Sie lag auf einem prächtigen Ruhebette, in eben dem leichten, aber äußerst zierlichen Anzug und in eben der schönen Lage, worin ich sie in der unglücklichen Grotte gesehen hatte.


Lucian.


Armer Proteus, das war zu viel!


Peregrin.


Ein halb durchsichtiger Schleier verhüllte einen Theil ihres Gesichts und des schönsten Busens, den Amors Hand je geformt hatte. Mit immer stärker klopfendem Herzen hatte ich mich langsam herbeigeschlichen; aber dieser erste Anblick überwältigte[131] mich gänzlich. Ich warf mich zu ihren Füßen, und – o Faustina! göttliche Faustina! – war alles, was ich in meiner Entzückung hervorbringen konnte, indem ich eine ihrer mir dargebotnen schönen Hände mit glühenden Küssen bedeckte.

In dem nämlichen Augenblick hörte ich ein lautes Gelächter, das Cabinet wurde plötzlich so hell als der Tag, und die wahre Faustina rauschte hinter einem Vorhang hervor, und sagte zu einer andern Dame, die ihr folgte: »ich habe die Wette gewonnen, Flaviana! – und du, guter Proteus, vergib mir diese kleine Hinterlist! Ich überlasse es deiner eignen Philosophie, die Moral aus diesem Platonischen Abenteuer zu ziehen, die für dich die zuträglichste seyn mag.« – Und hiermit eilte sie mit ihrer lachenden Freundin davon, und ließ mich in einer Beschämung, einer Bestürzung, einer Vernichtung, die meinen ärgsten Feind zum Mitleiden hätte bewegen müssen.


Lucian (lachend).


Armer Proteus! – Verzeih mir, daß ich mitlachen muß! – Aber kanntest du diese Flaviana, die so lustig darüber war, daß sie ihre Wette auf deine Unkosten verloren hatte?


Peregrin.


Sie war eine der ersten jungen Damen zu Rom, und hatte, weil sie große Ansprüche an Witz machte und für eine Beschützerin der Griechischen Musen gehalten seyn wollte, eine Menge Maschinen angelegt, um sich meiner zu bemächtigen, als ich das Haus des Cejonius verlassen hatte. Aber da sie ihrer Sitten wegen in einem sehr zweideutigen Lichte stand, und ich mir, um alle ähnliche Anmaßungen abzuschrecken, wirklich vorgenommen hatte, mich in den Ruf eines entschiedenen[132] Weiberhassers zu setzen: so waren alle ihre Versuche verunglückt; und dieß hatte vermuthlich zu der Wette Anlaß gegeben, von welcher ich auf eine so grausam überraschende Art das Opfer wurde.


Lucian.


Und wer war die Dame auf dem Ruhebette?


Peregrin.


Ich verweilte nur so lange, daß ich mich zu meinem neuen Erstaunen überzeugen konnte, daß es Myrto war, eben dieselbe Sklavin Myrto, welche in der Villa Mamilia eine von den Grazien der Göttin vorstellte, und es sich, wie du dich erinnern wirst, so angelegen seyn ließ, die schöne Dioklea bei mir anzuschwärzen. Der Eindruck, den ich dazumal auf ihr zartes Herz zu machen das Unglück hatte, schien seit einer so langen Reihe von Jahren noch nicht ganz erloschen zu seyn. Sie wandte, unter dem Vorwand daß sie mir Sachen von großer Wichtigkeit zu entdecken hätte, alles Mögliche an, mich zurückzuhalten: aber mein Stolz war zu tief verwundet, als daß ich die Luft dieses für mich plötzlich verpesteten Hauses nur einen Augenblick länger hätte ertragen können. Ich riß mich von ihr los, floh in meine Zelle zurück, und blieb etliche Tage eingeschlossen, um mich von dem harten Stoß, den ein so schamvoller Ausgang des schönsten Abenteuers meines ganzen Lebens meiner Philosophie gegeben hatte, wieder zu erholen, und, alles wohl überlegt, den festen Entschluß zu fassen, daß es das letzte dieser Art in meinem Leben seyn sollte.


Lucian.


Soll ich offenherzig mit dir sprechen, Freund Proteus? –[133] Daß dein Herz in der ersten Bewegung Galle und Gift gegen die schöne Faustina kochte, kann ich dir leicht verzeihen: wem würde es an deinem Platze nicht eben so ergangen seyn? Aber wenn du in den einsamen Stunden der Besinnung nicht wieder so gut zu dir selber kamst, um sie von aller Schuld an deinem verunglückten Abenteuer mit ihr frei zu sprechen; wenn dein Gedächtniß so treulos war, dich nicht zu erinnern, daß sie, – selbst den Mittagsschlaf in der Grotte nicht ausgenommen, welchen ich, ohne einen gerichtlichen Beweis des Gegentheils, den du schwerlich führen könntest, für einen bloßen Zufall halte – daß sie, sage ich, weder verführerische Künste, dich in ihre Schlingen zu ziehen angewandt, noch dir die geringste Ursache gegeben, sie für eine schwärmerische Seele deines gleichen zu halten, kurz, daß du selbst es warst, der alle Auslagen bei dieser Gelegenheit auf eigene Rechnung übernahm: wenn du das alles vergessen konntest, so hattest du wahrlich sehr Unrecht. Das Einzige, was Faustina, deiner eigenen Erzählung nach, zu verantworten haben konnte, war, daß sie es geschehen ließ, daß du sie nach deiner sonderbaren Art liebtest. Allein, die Neugier, was wohl am Ende daraus werden würde, ist, däucht mich, einer jungen Fürstin, deren Laune zu solchen Kurzweilen gestimmt war, um so leichter zu gut zu halten, da sie vermuthlich durch Flavianen zur Wette herausgefordert worden war, und übrigens von einem Enthusiasten deiner Art unmöglich eine so lebendige Vorstellung haben konnte, um vorauszusehen, wie wehe sie dir durch die unvermuthete Verwandlung aus einem neuen Endymion in – einen neuen Ixion20 – thun würde. In der That, lieber Proteus,[134] war es bloß deine Schuld, daß du sie nicht nur, vermittelst des vorbesagten Zauberspiegels in deinem Kopfe, zu einer moralischen Venus, zu einem Ideal jeder geistigen Schönheit erhobst, sondern dieses Göttergebilde deiner schwärmenden Phantasie sogar mit deiner eigenen Art zu empfinden beseeltest, und eine Sympathie und Seelenverwandtschaft zwischen ihr und dir freigebig voraussetztest, für welche in ihrem ganzen Benehmen, so viel ich sehen kann, für einen Mann mit gewöhnlichen Augen kein entscheidender Grund zu finden war. Im Gegentheil, man mußte so verblendet und bezaubert seyn als du es warst, um nicht zu merken, wie sie bei allen deinen Bestrebungen, ihr deine Platonische Schwärmerei einzuimpfen, immer kalt und ruhig blieb, und wie wenig Vertrauen sie darauf setzte, daß die Probe, zu welcher du sie selbst aufzufordern die Vermessenheit hattest, zu deinem Ruhm ausfallen würde. – Aber, was den Proceß gänzlich zu ihrem Vortheil entscheidet, und für die Güte ihres Herzens desto lauter spricht, je mehr Anlage zu Leichtsinn und Muthwillen in ihrer natürlichen Sinnesart war, ist der Umstand, daß sie dich sogar noch in dem Briefchen, das dir der Granatapfel in die Hände spielte, vor der Gefahr warnte, wiewohl der Verlust ihrer Wette darauf stand, falls du dich eines Bessern besonnen hättest.


Peregrin.


Jetzt, lieber Lucian, bin ich aus allen diesen Betrachtungen so geneigt als du selbst, Faustinen zu entschuldigen, und was mich damals beinahe wahnsinnig machte, hat ihr und mir, seitdem wir uns hier wiederfanden, mehr als Einmal Stoff zum Lachen gegeben. Aber vor meiner Verlüftung zu Harpine[135] war so viel Unbefangenheit bei mir unmöglich. Auch nachdem sich der erste Sturm in meinem Gemüthe gelegt hatte, blieb es immer ein unverzeihliches Verbrechen in meinen Augen, daß sie bei dem gränzenlosen Vertrauen, das ich in die Unschuld ihrer Seele setzte, fähig gewesen war, mit einem Herzen wie das meinige ein solches Spiel zu treiben, und einen Mann, der selbst in seinen Verirrungen (wie meine Eigenliebe mir schmeichelte) noch Achtung verdiente, dem Spotte fremder Zeugen, und (was mich am empfindlichsten kränkte) dem Hohngelächter einer Frau, deren Eitelkeit ich beleidiget hatte, so leichtsinnig und übermüthig preiszugeben. Dieß konnte ich ihr so wenig verzeihen, daß ich mich vielmehr überflüssig berechtiget hielt, sie bei jeder Gelegenheit als die gefährlichste Sirene zu schildern, und selbst die Liebenswürdigkeit, die ihr jedermann zugestehen mußte, für eine bloße Larve zu erklären, unter welcher eine falsche, gefühllose und grausame Seele laure. Wenn ich denn einmal in diesen Ton gerathen war, so wurde weder ihres Vaters noch Gemahls geschont; und die ganze Declamation endigte sich gewöhnlich in eine bittere Satyre über die Römer und Römerinnen, über die ungeheure Verdorbenheit ihres Herzens und ihrer Sitten, über den hassenswürdigen Despotismus ihrer Regierung, und über die seltsame Schwäche des guten frommen Kaisers, der sich die milde Gelindigkeit seiner phlegmatischen Sinnesart für fürstliche Tugenden aufschmeicheln lasse, und, weil er allen Menschen Gutes wünsche, wirklich so unschuldig sey, sich einzubilden, daß die Welt unter seinem Scepter halcyonische Tage lebe, und daß allen Leuten so wohl sey als ihm selbst.


[136] Lucian.


Und wie benahm sich die schöne Faustina bei diesem Rückfall ihres Platonikers in den Charakter eines ächten cynischen Bellers?


Peregrin.


In der That war sie, trotz dem leichtsinnig fröhlichen Muthwillen, der sie zuweilen zu unschicklichen Schritten verleitete, die gutherzigste Seele von der Welt. Wie leicht hätte sie, wenn sie das gewesen wäre, wofür ich sie in meiner ungerechten Erbitterung ausgab, sich über den Gedanken weggesetzt, was aus einem armen Griechischen Landstreicher, den der Zu fall zu seinem Unglück in ihren Weg geworfen hatte, werden könne! Wie unermeßlich war der Abstand von der einzigen Tochter des Kaisers und künftigen Augusta21 zu Peregrinus Proteus von Parium! – Aber Faustina hatte das Herz ihres Vaters geerbt. Kaum war die erste Freude über den wunderschönen Hermaphroditen von Parischem Marmor, den sie durch ihre Wette gewonnen hatte, ein wenig verdünstet, so fiel ihr ein, daß sie dem ehrlichen Schlag, dessen Thorheit ihre Galerie mit einem so schönen Stücke bereicherte, eine Art von Vergütung für seine fehl geschlagenen Hoffnungen (wie lächerlich diese auch an sich selbst gewesen seyn möchten) schuldig sey; und so wie ihr dieß einfiel, so bildete sich auch schon ein Plänchen in ihrem Kopfe, den guten Menschen so glücklich zu machen, als er es billigerweise nur immer wünschen könne. Die vorbesagte Myrto, welche nach Mamiliens Tod in die Dienste der Kaiserin gekommen und von dieser ihrer Tochter überlassen worden war, genoß des besondern Vertrauens ihrer jungen Gebieterin, und[137] war die erste unter ihren Freigelass'nen. Von ihr hatte Faustina noch eher als von mir selbst alles, was sie von meiner Geschichte wußte, und bei dieser Gelegenheit auch den Nebenumstand erfahren, daß der Liebesfunken, den ich ehemals unwissend in ihrem schönen Busen entzündet hatte, der Zeit und meiner Undankbarkeit zu Trotz, noch immer unter der Asche fortglimme. Myrto war zwar indessen bis zum fünfundvierzigsten Jahre fortgerückt: aber die Grazien hatten sie mit der Gabe, immer jünger zu scheinen als sie war, beschenkt, und die gute Faustina glaubte, eine Verbindung zwischen uns würde um so schicklicher seyn, da die Ausstattung, welche sie ihrer Favoritin zugedacht hatte, mich in den Stand setzen würde, ein sehr gemächliches Leben zu führen; ein Umstand, der, ihrer Meinung nach, der schönen Myrto bei einem Philosophen, dessen Küche auf vier oder fünf Obolen des Tags fundirt war, keinen Schaden thun könnte.

Die Favoritin hatte mich schon einige Tage vergebens aufsuchen lassen und selbst aufgesucht, um mir von diesen guten Gesinnungen ihrer Gebieterin und von ihren eigenen Nachricht zu geben, als sie mich endlich in den ehemaligen Mäcenatischen Gärten antraf, und mich, eh' ich ihr entwischen konnte, zu einer Unterredung nöthigte, worin sie nichts vergaß, was vielleicht jeden andern in meiner Lage hätte bewegen können, den Antrag, den sie mir mit der jungfräulichsten Bescheidenheit im Namen der Prinzessin machte, dankbarlich anzunehmen. Aber die schöne Myrto fand einen Mann vor sich, dem die unvergeßliche Mitternachtsstunde und der Hermaphrodit, dem er aufgeopfert worden war, seine ganze[138] Apathie wiedergegeben hatte. Ihre Eigenliebe wurde schon bei diesem ersten Versuche durch die Kälte und Unbeweglichkeit, die ich ihr entgegen setzte, so empfindlich beleidigt, daß ihr alle Lust zu einem zweiten verging.

Einige Wochen verflossen, ohne daß ich von ihr oder Faustinen weiter etwas hörte, oder mich um sie bekümmerte. Aber einsmals, da ich in der Abenddämmerung auf den Esquilien einsam herumirrte, nahte sich mir eine verschleierte Gestalt, welche mich um einige Augenblicke Gehör bat. Ich folgte ihr hinter eine Gruppe von Bäumen, und sobald sie sicher zu seyn glaubte daß sie von niemand gesehen werde, gab sie sich – für meine alte Freundin – Dioklea zu erkennen.

Ihr Anblick versteinte mich beinahe im eigentlichen Verstande dieses Wortes. Dioklea! wollte ich ausrufen, aber das Wort erstarrte auf meinen Lippen. Sie schien die Wirkung, die ihre so unverhoffte Erscheinung auf mich that, keiner Aufmerksamkeit zu würdigen. Faustina, sagte sie mit ruhigem Ernst, hat erfahren, daß du dich durch das, was zwischen ihr und dir vorgegangen, berechtigt hältst, übel von ihr zu sprechen. Die Rede geht sogar, man habe dich vor ziemlich vielen Zuhörern von dem Kaiser ihrem Vater, und von ihrem Gemahl, den sie über alle Anfälle der Satyre hinweg gesetzt glaubte, in sehr unziemlichen Ausdrücken reden gehört. Die Prinzessin ist geneigt, diese unbedachtsamen Ergießungen einer allzu reizbaren Galle deiner Menschlichkeit zu gut zu halten: aber sie bittet dich, um deiner eigenen Ruhe willen, die Stadt unverzüglich zu verlassen, und hofft, daß du diesen von ihr[139] selbst gestrickten Beutel, zum Behuf deiner Rückreise nach Griechenland, als ein Zeichen ihres guten Willens annehmen werdest. Mit diesen Worten überreichte sie mir einen ziemlich großen Beutel, der dem Ansehen nach mit Gold angefüllt war.

Es war immer eine von meinen unglücklichsten Eigenheiten, daß ich in Fällen, wo ich zwischen zwei entgegen gesetzten Parteien auf der Stelle wählen mußte, immer die ergriff, die ich nach besserer Ueberlegung wünschen mußte nicht genommen zu haben. Offenbar war es höchst unklug, die Bitte der Prinzessin für etwas anderes als einen milderen Befehl anzusehen; und eben so unschicklich war es, ihr Geschenk mit Verachtung von mir zu weisen. Aber mein Gemüth war noch zu sehr verstimmt, und das Gelächter hinter dem Vorhang und die fatalen Worte – »Ich habe die Wette gewonnen, Flaviana!« – ertönten noch zu stark in meiner Seele als daß ich diese Botschaft einer Dame, von welcher ich mich so unverzeihlich gemißhandelt glaubte, aus dem Munde einer alten Freundin, die mich das zwischen uns bestehende Mißverhältniß auf eine so kränkende Art fühlen ließ, so gut hätte aufnehmen können wie sie gemeint war.

Ich antwortete trotzig: ich wäre mir keines Verbrechens bewußt, das mich der freien Wahl meines Aufenthalts, die mir als einem Römischen Bürger zukomme, berauben könnte. Was die milde Gabe der Prinzessin betreffe, so brauchte ich zu meinen Bedürfnissen nur Obolen; und da ich deren gerade so viele hätte als ich brauchte, so bäte ich sie, ihr Gold einem andern zuzuwenden, der dessen bedürftiger wäre als Proteus.[140] – Und nach dieser impertinenten Gegenrede wandte ich Diokleen, die einen Blick voll kalter Verachtung auf mich heftete, mit aller Selbstzufriedenheit eines Menschen, der unverbesserlich geantwortet zu haben glaubt, den Rücken zu, und ging davon.

Kaum war der nächste Morgen angebrochen, so wurde ich zum Präfect der Stadt Rom berufen. Ich zweifelte nicht, daß mir der Vorgang am gestrigen Abend diese Ehre zuzöge, und versah mir daher wenig Gutes zu ihm. Aber es war mein Loos, die Menschen immer anders zu finden als ich sie erwartete. Der Präfect nahm mich auf die Seite, und sagte mir mit einem sehr strengen Blick, aber mit einem eben so sanften Ton der Stimme: er habe Ursache zu glauben, daß die Luft und der Aufenthalt zu Rom mir ganz und gar nicht zuträglich sey, und wolle mir also, als mein guter Freund, gerathen haben, mich ohne Verzug aus Italien zu entfernen, und nach Griechenland oder Aegypten zurückzukehren. – Ja wohl, rief ich, ist die Luft von Rom Pest für mich! Dein Rath ist ein Befehl meines guten Dämons; ich gehorche ihm auf der Stelle. Und hiermit flog ich meiner Herberge zu, packte meinen Quersack, und machte mich noch in der nämlichen Stunde auf den Weg nach Brundusium.


Lucian.


Du eilest, wie ich sehe, zur Entwickelung der seltsamen Tragikomödie deines Lebens; und doch kann ich dich nicht mit der Frage verschonen, durch welchen seltsamen Zufall wir die Schwester des Propheten Kerinthus, die wir als eine eifrige Theilnehmerin an seinen weitgränzenden Entwürfen verließen,[141] so unvermuthet unter den Hausgenossen der schönen Faustina wiederfinden?


Peregrin.


Eine völlig befriedigende Auskunft über diesen, auch mir damals sehr unerwarteten Zufall, würde eine umständliche Geschichte des Fortgangs und Ausgangs der Unternehmungen dieses außerordentlichen Mannes erfordern, welche du bei Gelegenheit besser aus eben der Quelle, woraus ich sie selbst habe, nämlich aus seinem oder Diokleens eigenem Munde, schöpfen wirst. Alles was ich dir mit wenigem davon sagen kann, ist: daß die Eifersucht einiger der angesehensten und thätigsten Vorsteher der Brüdergemeinen von seinen immer sichtbarer werdenden ehrgeizigen Absichten und von der Verfälschung der Lehre ihres Meisters und seiner ersten Jünger, die ihm Schuld gegeben wurde, Gelegenheit nahmen, ihn und seine Anhänger, bald nach meiner Trennung von ihnen, in so schlimme Händel zu verwickeln, daß ihm, nachdem er alle andern Hülfsquellen seines so erfindsamen und ränkevollen Kopfes erschöpft hatte, zuletzt kein andrer Ausweg übrig blieb, als auf immer zu verschwinden, und die Vollendung seines zu rasch betriebenen Plans der Zeit zu überlassen, welche im Lauf von etlichen Jahrhunderten zu Stande brachte, was kein Werk für das Leben eines einzigen Mannes war. Seine Schwester war bei dieser Katastrophe vorsichtig genug gewesen, in Zeiten für ihre eigene Sicherheit zu sorgen. Sie wurde mit eben der Leichtigkeit wieder Dioklea, womit sie sich ehemals in eine Theodosia verkleidet hatte; und als sie nach einer absichtlichen Verborgenheit von etlichen Jahren in[142] Rom wieder zum Vorschein kam , fand sie durch Vorschub ihrer zahlreichen Freunde gar bald einen Weg, der ältern Faustina als die tauglichste Person zur Erziehung ihrer einzigen Tochter empfohlen zu werden. In dieser Stelle erwarb sie sich durch ihre Klugheit das Vertrauen der Mutter, und durch die gefällige Anmuth ihres Betragens und die Mannichfaltigkeit ihrer Talente die Zuneigung der Tochter in einem so hohen Grade, daß sie nach der Vermählung der letztern mit dem Cäsar Marcus ihr in das Haus ihres Gemahls folgte, und bis ans Ende ihres Lebens die vertrauteste ihrer weiblichen Günstlinge blieb.


Lucian.


Dieß ist zu meiner Beruhigung hinreichend; denn ich muß gestehen, daß es mir nicht gleichgültig gewesen wäre, über das Schicksal dieser vielgestaltigen und in jeder Gestalt so anziehenden Dame in Ungewißheit gelassen zu werden. Ein Kerinthus mag verschwinden, wenn er seine Rolle nicht länger spielen kann: aber für eine Dioklea findet sich unter jedem Glückswechsel noch immer eine anständige Rolle. Wie hätte die schöne Faustina in bessere Hände gerathen, oder wo hätte sie eine wachsamere Aufseherin, eine erfahrnere Rathgeberin, eine gefälligere Freundin, und eine geschicktere Ausrichterin ihrer Aufträge finden können als Diokleen? Das Schicksal sorgte für beide da es sie zusammen brachte: lass' nun hören, Peregrin, was es für dich that, da es dich von beiden vermuthlich auf immer trennte.


Peregrin.


Es würde ihm schwer gewesen seyn, etwas für einen[143] Eigensinnigen zu thun, der eine so besondere Gabe hatte, alles, was Götter und Menschen zu seinem Besten thun wollten, zu vereiteln, oder gegen ihre Absicht zu seinem Nachtheil zu kehren. In der That war ich in meinem ganzen Leben nie weniger aufgelegt gewesen als damals, meine Ruhe von irgend einem Wesen außer mir abhangen zu lassen, geschweige eine bessere Behandlung, als ich bisher von den Menschen erfahren hatte, durch Gefälligkeit um sie verdienen zu wollen; und die Betrachtungen, die auf meiner einsamen Wanderschaft aus Italien meine einzige Gesellschaft ausmachten, waren nicht sehr geschickt, mich in eine andere Stimmung zu setzen.

Ich rief alle Verhältnisse und Verbindungen, worin ich in meinem bisherigen Leben gestanden, in mein Gedächtniß zurück; ich verglich in jeder dieser Lagen meine Erwartungen mit dem Erfolge; und das Resultat war: daß ich mich stärker als jemals überzeugt fühlte, ich würde, so oft ich unter den Menschen um mich her meines gleichen gefunden zu haben wähnte, mich eben so übel betrogen sehen, als ich es bisher immer gewesen war.

Was blieb mir also übrig, als mich mehr als jemals in mich selbst hineinzuziehen und von andern schlechterdings nichts weiter zu erwarten noch zu fordern? Aber – um ihnen doch wenigstens dafür, daß sie mir den freien Gebrauch der Luft und des Wassers ließen, meine Dankbarkeit zu zeigen, setzte ich mir von neuem vor, ihnen bei jeder Gelegenheit öffentlich und besonders, wo nicht zu ihrer Besserung, wenigstens zu ihrer Beschämung und Demüthigung, die Wahrheit[144] zu sagen. Es ist immer etwas gethan, dachte ich, wenn wir sie, trotz ihrer selbstgefälligen Eitelkeit und ihrer allgemeinen stillschweigenden Abrede einander durch Höflichkeit und Schmeichelei zu hintergehen, nöthigen können, sich in dem ungefälligen Spiegel den wir ihnen vorhalten, wär' es auch nur auf Augenblicke, so zu sehen wie sie wirklich sind.

Mit diesem Vorsatze kam ich nach Griechenland zurück; und aus diesem Gesichtspunkte, Freund Lucian, wirst du dir leicht erklären können, wie es zuging, daß diejenigen, die sich durch meine Freimüthigkeit beleidigt fanden, den Mann, – der keiner ihrer Thorheiten schonte, und sogar die Tugenden und Verdienste, worüber sie von aller Welt beklatscht wurden, durch ein Probefeuer gehen ließ, worin sie in Rauch und Dunst zerflossen, – in den Ruf eines menschenfeindlichen, bissigen und halb tollen cynischen Hundes brachten. In diesem Stücke war alles, was du deinen Ungenannten sagen lässest, bloßer Widerhall der öffentlichen Stimme. Aber, wenn es nöthig wäre hierüber ins Besondere zu gehen –


Lucian.


Ueberhebe dich dieser Mühe, die nach allem, was ich nun von dir weiß, ganz überflüssig wäre. Ich begreife nicht nur, wie du, zum Beispiel, die glänzenden Verdienste, welche sich der Sophist Herodes Attikus, der eitelste aller Menschen die ich kenne, kraft seiner unermeßlichen Reichthümer um die Eitelkeit und Ueppigkeit der Griechen machte, ohne Ungerechtigkeit in einem ganz andern Lichte sehen konntest, oder vielmehr sehen mußtest, als der große Haufe: ich gestehe sogar,[145] daß ich selbst nicht zu entschuldigen bin, diesem hoffärtigen Glücksgünstling einige Höflichkeiten, die er mir erwiesen hatte, auf deine Unkosten bezahlt zu haben.


Peregrin.


Dafür, lieber Lucian, hast du selbst mich schon mehr als hinlänglich gerochen, da du, in einem andern deiner Aufsätze, eben diese Freimüthigkeit gegen den nämlichen Herodes22, welche mir zum Verbrechen gemacht wurde, an Demonax – der im Grunde so gut ein Cyniker heißen konnte als ich – mit Lobsprüchen belegtest.


Lucian.


Ich muß gestehen, diese kleine Züchtigung ist nicht ganz unverdient; wiewohl ich zu einiger Entschuldigung anführen könnte, daß Demonax der liebenswürdigste und gutlaunigste aller Cyniker war, und seinen Tadel, ja sogar seine Spöttereien mit einem so feinen Attischen Salze zu würzen und in einer so angenehmen Manier vorzubringen wußte, daß die Getroffenen selbst nur selten ungehalten auf ihn werden konnten.


Peregrin.


Er glich hierin unserm gemeinschaftlichen Meister Agathobulus, welchem ich aus bereits angeführten Ursachen weder gleichen wollte, noch konnte. Bei mir ging, vermöge der individuellen Form meines Wesens, alles über die Aristotelische Linie der Mäßigung hinaus. Wen ich nicht mit Schwärmerei lieben, mit Entzückung loben konnte, den mußte ich mit Abscheu fliehen, mit Bitterkeit tadeln. Wie hätte sich[146] die Welt mit einem solchen, Menschen, oder er sich mit ihr, vertragen können? Niemand fühlte dieß stärker als ich selbst, und daher bracht' ich auch den größten Theil meines übrigen Lebens in der einsamsten Abgeschiedenheit zu. Selbst das stille Athen war für mich noch nicht still genug. Ich wählte eine kleine abgelegene Bauerhütte nicht weit von der Stadt zu meinem gewöhnlichen Aufenthalt; und außer einigen jungen Leuten, die mein Ruf, – und einem oder zweien, welche die täuschende Hoffnung, durch den Unterricht eines weisen Mannes selbst weise zu werden, an mich zog, war der Cyniker Theagenes von Paträ der einzige Mensch, dessen Besuche ich annahm, aber in der That mehr duldete als wünschte.

Ich wundre mich nicht, Freund Lucian, daß dieser Theagenes in deinem Berichte von meinen letzten Tagen so übel weggekommen ist. Er hatte (außer seiner Schwärmerei für mich) in seiner ganzen Person zu viel Anstößiges für einen Mann wie du, als daß du billiger gegen ihn hättest seyn können als gegen mich selbst. Indessen war er im Grund ein Mensch von gutem Willen, und ich glaube noch in diesem Augenblicke, daß sein Eifer für mich aufrichtig war. Allein eine grobe Organisation, eine pöbelhafte Erziehung, eine gewisse angeborne Ungeschmeidigkeit, und ein natürlicher aber vom Glücke nicht begünstigter Hang zu einem müßigen und unabhängigen Leben, kurz, eben dieselben Umstände, die ihn in den cynischen Orden geworfen hatten, setzten seiner Ausbildung so enge Gränzen, daß er es, mit aller seiner Schwärmerei für den Thebanischen Hercules und – meine Wenigkeit,[147] doch nie weiter brachte, als unter den vulgaren Cynikern dieser Zeit eine ziemlich ansehnliche Person vorzustellen. Gleichwohl, so wie er war, gewann ihm seine Gutmüthigkeit, sein Feuer und seine leidenschaftliche Zuneigung zu mir einigen Antheil an einem Herzen, dessen dringendstes Bedürfniß war etwas zu lieben: und wenn er mich gleich durch die unzähligen Dissonanzen, welche seine Art zu empfinden, zu denken und zu leben mit der meinigen machte, oft genug zurückstieß; so blieb es mir doch unmöglich, den einzigen Menschen von mir zu entfernen, von welchem ich gewiß zu seyn glaubte, daß er von Herzen und ohne eigennützige Rücksichten an mir hange. Und so folgte denn auch ganz natürlich, daß er bei meiner berüchtigten Todesscene die erste und geschäftigste Nebenrolle auf sich nahm.

Diese letzte Epoche meines Lebens – welches (wie du gesehen hast) außerordentlich genug gewesen war, um sich auf eine ungewöhnliche Art zu endigen – ist nun das Einzige, lieber Lucian, worüber ich dir noch einige Erläuterungen schuldig bin.

Ein freiwilliger Ausgang aus dem Leben, ungeachtet er von den Platonen und Epikteten aus sehr scheinbaren Gründen gemißbilligt wurde, war von jeher unter Griechen und Römern von einer gewissen Classe etwas so wenig Seltenes gewesen, und im Gegentheil durch große Beispiele so sehr gerechtfertigt und, so zu sagen, geheiligt worden, daß sich schwerlich jemand darüber verwundert oder bekümmert haben würde, wenn ich meinem Leben in der Stille, wie so manche[148] andre Philosophen, durch Hunger, oder Opium, oder einen laufenden Knoten ein Ende hätte machen wollen. Aber ein in Griechenland so ungewöhnlicher, so feierlicher und vier Jahre zuvor öffentlich angekündigter freiwilliger Tod mußte allgemeine Aufmerksamkeit erregen, und es war leicht voraus zu sehen, daß er von dem einen für die größte Heldenthat, von einem andern für Wahnsinn, und von einem dritten für bloße Charlatanerie erklärt, von allen aber, oder doch wenigstens von den meisten, nur ihren eigenen Augen geglaubt werden würde.

Den Gedanken, mein Leben, sobald ich fühlte daß es Zeit wäre, freiwillig zu beschließen, hatte ich schon lange, und in der That schon damals gefaßt, als ich mich zu Alexandrien entschloß, das Bild eines philosophischen Hercules in meiner Art zu leben darzustellen. Seit meiner Verbannung aus Italien war dieser Gedanke mit jedem Jahre lebendiger geworden. Das Leben unter den Erdebewohnern, das seit meinen letzten Erfahrungen zu Rom allen Reiz für mich verloren hatte, wurde mir nun von Tag zu Tage gleichgültiger, und endlich gar verhaßt. Meine ganze Art zu seyn und die äußerst strenge Enthaltsamkeit, welcher ich von jener Zeit an getreu blieb, hatte alle natürlichen Bande, die den einzelnen Menschen ans Leben fesseln, nach und nach bei mir zu dünnen Zwirnsfaden abgeschlissen. Dagegen war die Stärke jenes sonderbaren Gefühls meiner dämonischen Natur – welches dich nun nicht mehr an mir befremden darf, da es die erste und mächtigste Triebfeder meiner ganzen Thätigkeit war – in eben dem Maße gewachsen, wie der natürliche Trieb zum[149] Leben die seinige verlor. Das Klümpchen organisirter Erde, womit ich mich noch schleppen mußte, wurde mir immer überlästiger; diese Organe selbst waren in meiner Vorstellung nur Hindernisse einer vollkommenern Art zu sehen, zu hören, mit dem Weltall, und vornehmlich mit den geistigen Wesen und Kräften desselben, in engere Beziehungen zu kommen, kurz, zu einer unendlich schönern und unbeschränktern Thätigkeit zu gelangen. Ich fühlte mich endlich von einer unbeschreiblichen Sehnsucht nach diesem höhern Leben, an dessen Wirklichkeit ich nie gezweifelt hatte, gepreßt: und da die Hoffnung, den Menschen durch meinen längern Aufenthalt unter ihnen nützlich zu seyn, immer schwächer und schwächer wurde; da sie mir endlich als eine lächerliche Chimäre erschien, die nur in dem Gehirn eines mit der Welt gänzlich unbekannten schwärmerischen Jünglings erzeugt, und, nach allem was mit mir vorgegangen war, nur von einem unheilbaren Thoren länger gehegt werden könne: so blieb nun nichts übrig, was mich hätte zurückhalten können, und ich beschloß zu sterben.

Aber in eben demselben Augenblicke stellte sich mir auch der Gedanke dar: da mein Leben der Welt zu nichts nütze gewesen sey, wenigstens meinen Tod wohlthätig für sie zu machen. In diesem Zeitalter der weichlichsten Entnervung müßte, dachte ich, das unmittelbare öffentliche Schauspiel eines freiwilligen heroischen Todes, so eines Todes wie Hercules auf dem Oeta und Kalanus23 im Angesichte Alexanders und seines ganzen Kriegsheeres starb, einen tiefern und heilsamem Eindruck auf die Gemüther machen, als der beredteste Moralist durch die schönsten Declamationen im Lyceum oder in der[150] Stoa in zwanzig Jahren bewirken könnte. Du weißt schon, lieber Lucian, wie leicht meine Einbildungskraft durch Vorstellungen dieser Art in Flammen zu setzen war; und doch müßte es dir lächerlich vorkommen, wenn ich ohne die geringste Uebertreibung von dem seltsamen Reiz sprechen wollte, den der Gedanke – mich zu Olympia vor den Augen so vieler Myriaden von Griechen und Ausländern aus allen Gegenden der Welt in einer schönen Sommernacht zu verbrennen – bei seiner ersten Entstehung für mich hatte.

Von welcher Seite ich diesen Tod betrachtete, zeigte er sich mir in einer blendenden Gestalt. In Rücksicht auf die Menschen der gegenwärtigen und künftigen Zeiten war er eine glorreiche Selbstaufopferung, welche mich durch ein unvergeßliches Beispiel der Standhaftigkeit, der Geringschätzung dessen was den Sterblichen über alles ist, und des innern Bewußtseyns einer über dieses armselige Erdeleben hinaus reichenden Bestimmung, auf ewig zum Wohlthäter der Menschen, die so wenig um mich verdient hatten, machen würde. In Rücksicht auf mich selbst war es die kürzeste, edelste, der ursprünglichen Natur des Dämons in mir, der mein wahres Ich ausmachte, angemessenste Art, nach einer schon zu lange dauernden Verbannung auf dieses verhaßte Land der Täuschungen, der Leidenschaften und der Bedürfnisse in mein ursprüngliches Element zurückzukehren. Ueberdieß muß ich gestehen, daß ich mich auch nicht wenig durch die Vorstellung geschmeichelt fand, den Christianern zu zeigen, daß sie nicht die einzigen seyen, die durch ihren Glauben mit dem Muthe begeistert würden, dem Anblick eines peinvollen Todes Trotz zu bieten.


[151] Lucian.


Aber, wenn alle diese Vorstellungen so mächtig auf dich wirkten, wie kam es, daß du dich bei der nächsten Wiederkehr der Spiele zu Olympia an der bloßen Ankündigung deines Vorsatzes begnügtest, und die Ausführung noch vier ganzer Jahre, die dir in einer solchen Gemüthsstimmung vier Jahrhunderte scheinen mußten, verschieben konntest?


Peregrin.


Aufrichtig zu reden, Lucian, – da ich mit allen meinen seltsamen Eigenschaften am Ende doch so gut ein Mensch war wie andere, so möchte ich nicht dafür stehen, daß der Instinkt, der alle Lebendigen mit einer geheimen und nur desto mächtigern Gewalt an die einzige Art von Daseyn, welche sie aus unmittelbarer Erfahrung kennen, fesselt, nicht auch bei mir seine Wirkung gethan haben könnte. Indessen ist alles was ich hiervon mit Gewißheit sagen kann, daß ich mir dieser Bewegursache nicht bewußt war. Ich hatte vielmehr lange mit mir selbst zu kämpfen, bis ich zum Entschluß kam, mein ungeduldiges Verlangen nach dem Tode, als die letzte Leidenschaft, die ich der Weisheit noch aufzuopfern hätte, zu überwältigen, und das Heroische und Exemplarische desselben eben dadurch, daß ich ihm vier Jahre lang schrittweise entgegen ging, desto auffallender und vollkommener zu machen. Dieß, lieber Lucian, war wenigstens der einzige Beweggrund, den ich mir selbst gestand, dem ich alles mögliche Gewicht zu geben suchte, und der endlich um so mehr die Oberhand behielt, weil ich dadurch Zeit gewann, theils die wenigen[152] Freunde, die mit Wärme an mir hingen, auf unsere Trennung vorzubereiten, theils einen sonderbaren Einfall auszuführen, welchen mir die Begierde, ganz Griechenland durch meinen Tod in eine heilsame Erschütterung zu setzen, eingegeben hatte.


Lucian.


Du sprichst vermuthlich von den sogenannten Cirkelbriefen, die du, wie die Rede ging, als eine Art Vermächtnisse an alle Städte von einigem Ansehen in Achaja und in dem Griechischen Asien erlassen haben solltest?


Peregrin.


Du kannst dir nicht vorstellen, wie glücklich mich die Vorstellung der Wirkungen machte, welche der letzte Wille eines auf eine so außerordentliche Art sterbenden Weisen auf diejenigen thun müßte, denen er – zu einer Zeit, da ihm für sich selbst an ihrem Wohl oder Weh, so wie an ihrer guten oder schlimmen Meinung von ihm, nichts mehr gelegen war – auf eine so uneigennützige und rührende Art zu erkennen gab, wie sehr ihm ihr Bestes am Herzen liege. Eine geraume Zeit vor meinem Tode beschäftigten diese Cirkelbriefe24 meine ganze Seele; sie erhielt unvermerkt dadurch die Wärme und Begeisterung meiner Jugend wieder. Noch nie, däuchte mich, war ein Menschensohn vor mir in einer Lage und Stimmung gewesen, die ihm einen so großen Vortheil über seine Brüder gab; die ihn in einem so hohen Grade berechtigte, ihnen jede heilsame Wahrheit mit einem (wie ich in meiner gutherzigen Narrheit mir einbildete) so unwiderstehlichen Nachdruck ins[153] Gesicht zu sagen; und die hingegen auch sie, auf ihrer Seite so geneigt machen müßte, seinem strafenden Tadel und den Vorschlägen, die er ihnen zu Verbesserung ihrer Polizei und ihrer Sitten that, Gehör zu geben. Ich richtete es mit Hülfe meiner Cyniker und ihres Anhangs so ein, daß alle diese Briefe zugleich mit der Nachricht von meinem Tode bei ihren Behörden eintreffen mußten; und – was vielleicht unter allen Sterblichen nur mir begegnen konnte – während der ganzen Zeit daß ich mich mit diesen meinen moralischen und politischen Vermächtnissen beschäftigte, kam es mir auch nicht ein einzigesmal in den Sinn, daß sie sowohl ihres feierlichen Tons als ihres Inhalts wegen, als Träume eines Wahnsinnigen mit Nasenrümpfen und Achselzucken aufgenommen werden, und alles nicht um ein Haar besser gehen würde, als es ohne mich und meinen letzten Willen in der Welt gegangen wäre.

Da es mir mit dieser ganzen Beichte meines abenteuerlichen Lebens bloß darum zu thun war, dich, durch umständliche Erzählung dessen, was du nicht wußtest, in den Stand zu setzen, von dem, was du wußtest oder zu wissen glaubtest, richtiger und billiger zu urtheilen; so kann ich es nun ganz getrost dir selbst überlassen, mich, wo es vonnöthen ist, gegen den Verfasser der Nachrichten von Peregrins Lebensende in deinen Schutz zu nehmen. Alles Mißverständniß hört nun auf, und Peregrinus Proteus steht nun, als ein Schwärmer, wenn du willst, aber wenigstens als ein ehrlicher Schwärmer vor dir da. Du kannst dir nun ohne Mühe selbst erklären, was an der Erzählung des Arztes Alexander[154] (der in dem heftigen Fieber, welches mich acht oder neun Tage vor meinem Tode überfiel, zu mir gerufen wurde) wahr oder unwahr gewesen seyn könne; und wirst leicht begreifen, wie der Arzt Alexander die Ursache, die ich ihm angab, warum ich lieber freiwillig in den Flammen zu Harpine als an einem hitzigen Fieber sterben wollte, eben sowohl falsch ausgedeutet, als der Sophist Lucian die Ursache dieses Fiebers durch sein – »vermuthlich weil er sich den Magen überladen hatte« – übel errathen haben könne. Auch kann ich mich wegen der Todesfurcht, aus welcher mein besagter Gegner sich die Verzögerung meiner öffentlichen Verbrennung begreiflich machte, nun, da kein Nebel mehr zwischen uns ist, getrost auf das Augenzeugniß meines Freundes Lucian berufen, der mich den Holzstoß mit ziemlich fester Hand anzünden sah.


Lucian.


Dieses reinere Element, das wir nun bewohnen, macht es uns glücklicherweise eben so unmöglich uns selbst als andere mit Parteilichkeit anzusehen. – Es muß ein süßer Augenblick gewesen seyn, Peregrin, als du dich aus dem erstickenden Flammenstrudel auf einmal in dieses neue Leben versetzt fühltest!


Peregrin.


O gewiß! und doch für mich, der sich dessen versah, nicht so überraschend als für dich, den der kaltblütige Epikur überzeugt hatte, daß mit dem letzten Athem alles aufhöre.


[155] Lucian.


In der That, das Vergnügen dieser Ueberraschung war so groß, daß ich seine Philosophie – auch ohne Rücksicht auf so viele andere große Vortheile, welche sie über das irdische Leben verbreitet – um dieses einzigen willen für kein geringes Verdienst halte, das der gute Mann sich um die Menschheit gemacht hat. Doch hiervon ein andermal!

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Sämmtliche Werke. Band 17, Leipzig 1839, S. 115-156.
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