Delft und die Familiengruft der Nassauer.

[147] Bei gutem Wetter bin ich sehr oft vom Haag aus nach der benachbarten Stadt Delft gegangen, aber das erste Mal auf der Trekscheute1 gefahren; denn ich fühlte große Neugier, es einmal mit diesen holländischen Gondeln ohne Schnabel zu versuchen. Sechzehn derselben gehen täglich zwischen dem Haag und Delft nach Rotterdam u.s.w. Welcher Verkehr. Unter einer[147] Trekscheute denke man sich ein Schiff, aus dem ein länglicher, oben flacher, an den Seiten schräger Kasten aufsteigt, der vorn für Ballen, Kasten und arme Leute, hinten für den Steuermann und die Bewohner des Rufs, die frische Luft schöpfen wollen, einigen Raum übrig läßt. Das Schiff ist grün und weiß gemalt, auf der Decke des Kastens aber schwarz, denn diese, die auch zum Spatziergehen dienen kann, obgleich der Schiffer, Capitain genannt, dies nicht gern sieht, ist belegt mit einer Lage Theer, der mit Steinchen und Muscheln fest getreten ist. Der Raum faßt ein dreißig, vierzig Personen, der Ruf (roof) aber nur zehn bis zwölf. Das Schiff wird im gelinden Trapp von einem Klepper gezogen, der von de jaager, dem Jäger, geritten wird. Doch, ich bitte Johanna Schoppenhauer um Verzeihung, daß ich ihrer neuesten vollständigen Beschreibung einer Trekscheute noch diese Skizze hinzugefügt. Verdrießlich ist das viele Bücken auf dem Deck, wozu man sich draußen gezwungen sieht, um den Stricken anderer Schiffe zu entgehen und nicht von ihnen erdrosselt, oder über den Hals geschnitten zu werden. Eine holländische Gegend muß man aus der Trekscheute betrachten, welche Canal entlang streicht, wie eine italienische Gegend auf dem Rücken der Berge und eines Saumthiers, eine russische[148] im Schlitten. Denn erstens sitzt man bequem und behaglich, zweitens sitzt man eben in der Trekscheute und hat den Schiffer und andere schmauchende Mijnheers beständig im Gesicht und also eine fortdauernde Personenstaffage, die der holländischen Landschaft so eigenthümlich angehören, wie die Weiden am Ufer, die Kühe im Grase, die eckigen Lusthäuserchen und Landsitze im Grünen, die weite Aussicht in der Ferne und die nach allen Himmelsgegenden zerstreuten Mühlen. Die wenigsten von den Mühlen, die man auf dem Wege nach Delft und sonst in Holland (am dicksten und bei Tausenden gesäet hinter Amsterdam) sieht, sind Kornmühlen, die meisten Papiermühlen, Schnupftabacksmühlen, Oelmühlen, Pulvermühlen, hydrotechnische Mühlen u.s.w. In 11/4 Stunde, oder, wie der Holländer sagt, in fünf Quartier brachte mich die Trekscheute nach Delft.


Delft ist die todteste Stadt von Holland. Es wohnen allerdings viele reiche Mijnheers darin, die von den Renten eines Vermögens leben, das ihre Vorväter wohl meistens aus Indien sich holten. Aber sie halten sich mäuschenstill hinter den Vorhängen ihrer Häuser, das größte irdische Glück, dem sich der reich gewordene Holländer[149] überläßt. Ein Capital in der Bank und ein Haus in Delft, seufzte der Holländer, der mich, als wir aus der Scheute gestiegen, noch durch einige Straßen begleitete; er trug einen abgeschabten Rock und sah fast ruinirt, aber glücklich aus, als er dies sagte.


Es scheint, als wäre diese Stadt nur darum so still und todt, um die großen Todten, die hier begraben liegen, nicht aus ihrem Schlaf zu wecken. Wilhelm von Oranien und Hugo Grotius liegen einige Schritt von einander im Chor der neuen Kirche zu Delft, Maarten Tromp und Pieter Hein in der alten. Das Familiengrab der Nassauer steht in der Mitte, Wilhelms Epitaphium steigt prachtvoll, aber steif daraus hervor. An den vier Seiten desselben halten vier erzgegossene Genien über ihn Wache, der Glaube, die Gerechtigkeit, die Freiheit und die Vorsicht mit dem Dornenknittel in der Hand. Auf der Vorderseite schwebt eine andere weibliche Gestalt, ebenfalls in Erz gegossen, und in Betreff der Kunst wohl die merkwürdigste, da sie, wie groß und schwer sie ist, nur auf einer Zehe ruht. Wilhelm von Oranien liegt in Lebensgröße ausgestreckt auf dem Grabe, von geschickter Hand sehr fein, und nach allen Originalbildern zu urtheilen, die ich von ihm[150] gesehen2, lebenstreu ausgearbeitet. Sein Gesicht ist nur klein und hager, und seine Stirn gefurcht von den Linien tiefer Berechnung. Seinen kahlen Schädel deckt wie gewöhnlich ein Käppchen. Finster kann man die Züge dieses großen Mannes durchaus nicht nennen, er war auch im Leben umgänglich, freundlich und gesprächig, und wurde nur deswegen der schweigende genannt, weil er seine versteckten Absichten und Pläne Niemand verrieth. Dagegen hatte sein Sohn und Nachfolger Moritz ein finsteres Gesicht und etwas von dem Lauernden, Tückischen und Gewaltsamen, was man an Tyrannengesichtern sich zu denken pflegt. Die röthlichen Haare trug er fast auf moderne Art gescheitelt, woran er auf dem schlechtesten Holzschnitt gleich zu erkennen. Friedrich Heinrich sah mehr gutmüthig, als geistreich aus; er zeigte sich auch, besonders im Alter, nicht von der unternehmendsten Seite. Wilhelm der Zweite hatte das schönste Gesicht unter den Nassauern. Von Geist und Charakter konnte er wenig Proben ablegen, da er durch einen Sturz vom Pferde im Jünglingsalter starb. Die Bilder dieser Nassauer findet man gemalt und gestochen in großer Menge[151] durch ganz Holland, und ich zweifle nicht daran, daß jeder Schulknabe sie kennt. So hat auch die Kunst, obgleich von den ersten Nassauern nicht sehr begünstigt, das Ihrige dazu beigetragen, um diese Familie, selbst während der Zeiten, als sie verjagt war, bei den Holländern in frischem Andenken zu halten.

Dem Monument Wilhelms gegenüber, an der Wand, steht das marmorne Denkmal, das die Stadt Delft ihrem Hugo Grotius errichtet hat. Hugo de Groot ist geborner Delfter, und die Stadt mag sich mehr seiner rühmen, als Rotterdam des Erasmi – Schleichers, den ich schon deswegen nicht ausstehen kann, weil er den todtkranken Hutten in Basel niederträchtig behandelte. Dialektischer und schärfer mag sein Hirn gewesen sein, als das Hirn des Grotius, aber so große Gedanken hat es nicht gefaßt, wie Grotius in seinem de jure belli et pacis zu Tage legte. Erasmus hatte vielleicht noch mehr gelehrtes Leder, als Hugo Grotius, allein ich gebe um gelehrtes Leder noch weniger, als um Katzenfell, aus dem doch, gestreichelt, elektrische Funken herausspringen. Und Hugo Grotius war im Besitz jener männlichen Gelehrsamkeit, die sich hoch über den Schulstaub erhebt und mit der Kraft eines ungeschwächten Geistes ins Leben eingreift, ähnlich[152] aber noch weniger Pedant, ähnlich unserm Niebuhr, der ebenfalls eine massenhafte Gelehrsamkeit männlich zu beherrschen verstand. Hugo Grotius war Staatsmann, Niebuhr Staatsrath. –


In der alten Kirche zu Delft liegen Maarten Tromp und Pieter Hein. Ihre marmornen Denkmäler sind geschmückt mit Trophäen aller Art, die auf ihre Seesiege Bezug haben. Beide liegen steif ausgestreckt auf ihren Särgen, in der Cajüte haben sie gewiß nicht so gerade gelegen. Maartens Kopf ruht auf einer Kanone, ein besseres Kopfkissen hat er sich nie gewünscht. Schade, daß nicht de Ruyter hier der dritte Mann ist; dessen irdische Ueberreste befinden sich aber auf Seeland in der Familiengruft, Wassenaars im Haag, anderer großen niederländischen Seehelden zu Amsterdam und Rotterdam.


Zu den merkwürdigen Männern, die in Delft geboren wurden, zähle ich auch den bekannten David Joris, der einmal als Haupt einer wiedertäuferischen Secte viel Aufsehen gemacht hat. Bekanntlich predigten die Wiedertäufer des sechzehnten Jahrhunderts, den Hauptstücken nach, so ziemlich dasselbe Evangelium, was die Saint-Simonisten in unserer Zeit, nur mit dem Unterschiede, daß Jene sich gefürchtet, diese sich lächerlich machten.[153] Ein Saint-Simon ist ist kaum der Schatten eines alten Wiedertäufers, und Joris von Delft, oder Jan van Leiden würde sie nicht als ihre Schüler betrachten. Jan van Leiden ist unter uns bekannter, spielt doch noch heutzutage der Wind mit dem Käfich oben am Thurm zu Münster, worein er lebendig eingesperrt wurde und nun seit einigen Hundert Jahren als Gerippe hängt. Jan van Leiden war blutdürstiger, wilder, er betrug sich als König wie ein Vieh. Dabei hatte er ein verzerrtes häßliches Gesicht, und ich bedaure Niemand mehr, als die armen zitternden Weiber, die in seine Hände fielen. David Joris hingegen war ein bildschöner Mann, mit gedankenvoller Stirn, fein gebogener Nase, trotzig sicherm Munde und mit dem reichsten und krausesten Barte, der nur je einem sterblichen Manne vom Kinn bis auf die Brust herabrollte. Früher ein geschickter Glasmaler, lebte er später wie ein Fürst von den Geschenken oder dem Tribut der Gläubigen, die ihn als ihren Messias anbeteten. Die Weiber waren in ihm weg und er verführte eine große Anzahl Jungfrauen aus allen Ständen. Aus Delft verbannt flüchtete er nach Basel, wo er bis an sein Ende die kostspieligste Wirthschaft führte und vermuthlich aus Holland immer neue Schätze bezog, während er von seiner Seite Trostschreiben und[154] Hirtenbriefe dorthin sandte. Er wußte sich in Basel sehr auf der Hut zu halten, spielte den großen Herrn, umgab sich mit einer zahlreichen Dienerschaft und stand mit den Vornehmen der Stadt auf dem besten Fuß. Erst nach seinem Tode ward das Geheimniß seiner Person in Basel entdeckt, der Senat ließ seinen Körper aus geweihter Erde wieder ausgraben und that ihm allen möglichen Schimpf an, was er auch geduldig ertrug.


Auffallend ist die Beredtsamkeit im Munde dieser Männer, sie ging wie ein Strom aus ihnen heraus und riß ihre Zuhörer aus dem Volk gewaltsam hin. Man traut das in der Regel Holländern nicht zu, weil man sie für zu phlegmatisch und schweigsam hält. Allein, im Gegentheil, Volksberedtsamkeit ist ihre starke Seite. Davon kann man sich überzeugen, wenn man in die Kirche oder auf den Kirmis geht. Die holländische Sprache hat vier Töne in der Macht, welche unfehlbar in den großen Haufen einschlagen, den beweglichen und kläglichen Ton, den pathetischen und prahlenden Ton, den dumpfen Geisterton und den spaßhaften Kasperleton. Mit diesen vier Tönen der Sprache oder des Organs kann der Redner aus dem gemeinen Volke machen, was er will; daher die holländischen Demagogen äußerst[155] gefährliche Leute sind, wie die Rederijker3 und die spätern Patrioten bewiesen.

Fußnoten

1 Holl. trekschuite. Ui spricht wie oi, also eigentlich Trekschoite, Ziehschiff. Fast alle Doppellaute werden anders ausgesprochen, als geschrieben. So lautet ou wie au, z.B. gouda, Gauda; ij wie ei, z.B. rijden wie reiden; eu und eeu wie ö, z.B. leeuw = löw; oe wie u, z.B. goed = gud; dagegen lautet unser u wie ü; z.B. lugt sprich lügt – g spricht der Holländer aus der Gurgel, wie ch; sch; westphälisch, wie s – ch; z weicher wie s. u.s.w.


2 Eins, von Franz Miereveld, hängt in Delft selbst auf dem Rathhause, das man, seiner alten Gemälde wegen, sich zeigen lassen muß.


3 Die Rederijker sind eigentlich eine versifiicirende Zunft, die in früherer Zeit Aufzüge und romantische Possen zum Besten gab. Sie verspotteten die Spanier und Alba. Jan van Leiden und Joris waren in ihrer Heimath Rederijker gewesen, und man bemerkte, daß der Erstere schon damals am liebsten Könige spielte.


Quelle:
Ludolf Wienbarg: Holland in den Jahren 1831 und 1832. Erster und Zweiter Theil, Hamburg 1833, S. 156.
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