Dreiundzwanzigste Vorlesung.

[227] Wie wir als allgemeines Gesetz aufgestellt haben, daß die jedesmalige Literatur einer Zeitperiode den jedesmaligen gesellschaftlichen Zustand derselben ausdrücke und abpräge, so sahen wir dies bisher im Felde der Dramatik und Lyrik an Goethe und Byron insofern bestätigt, als wir beide zu den glänzenden Herolden ihrer Zeit rechnen mußten, unbeschadet ihres individuellen Charakters, der sie von der großen Menge ihrer Zeitgenossen unterschied. Und auf diese Weise haben wir uns überall die Repräsentation einer Zeit durch Dichter und Schriftsteller vorzustellen, auf die Weise nämlich, daß sie Zeichnung und Färbung von ihrer Zeit entlehnen, dennoch aber in Gemälden selbständig und schöpferisch zu Werke gehen und einen ihnen eigentümlichen Stil an den Tag legen. So haben wir von Byron erwähnt, daß seine Leier von den Schwingen der neuen Zeit angeregt gewesen, mehr wie die eines anderen neuen Dichters; haben aber zugleich bemerkt, daß er in seinen Gedichten den Lord nicht vergessen und bei allem Feuer für[228] die Rechte der Menschheit und der unterdrückten Völker, bei allem Enthusiasmus für die Freiheit und reine Humanität des griechischen Altertums sich mit Stolz als den Enkel eines altenglischen, feudalen Geschlechts betrachtete und kundgab. In dieser Verschmelzung des Griechischen und Mittelalterigen sah Goethe mit Recht den Grundton seiner Poesie, wie sie auch jenen besonderen, ja tiefen, charakteristischen Reiz der Byronschen Gedichte bildet, der auf des Dichters Persönlichkeit rückwirkend einen so interessanten Schimmer wirst. Allein so wenig sich in rein poetischer Beziehung Gedicht und Dichter trennen lassen, so erlaubt ist es, in allgemeiner ästhetischer den Grundton der Byronschen Gedichte in einer höheren Weltbedeutung wiederzufinden und diese Mischung des Antiken und Feudalen als eine Mischung und Vereinigung des griechischen und germanischen Geistes zu betrachten, welche tropfenweise in die Adern des europäischen Staatskörpers eindringen und seine Muskeln mit frischem Blut aufschwellen wird. Griechische Luft soll und wird die trüben Dünste, die grausigen Gespenster des Feudalismus verwehen, aber unverweht lassen jene herrlichen Blüten germanischer Tapferkeit und Tugend, welche unsere Nation in der Heimat, wie in den durch ihr Schwert eroberten Ländern, in Frankreich, Spanien, England, vor allen Nationen des Erdbodens auszeichnet. Kein Geschlechtsadel, keine Adelskaste mit angeborenen und forterbenden Unrechten soll forthin den freien Boden und die Freiheit aller Männer beschimpfen, aber diese, das ganze Volk[229] soll wahrhaft und ritterlich in die Schranke treten, und jeder einzelne, welchem Stande er auch angehöre, soll seine Person mit der Würde schmücken und umgeben, welche in früherer Zeit nur das Erbteil des Bevorrechtigten war. Man wird nicht, wie die Griechen, den Handwerker zum Sklavenstande, nicht wie das Mittelalter, ihn zur dunkeln Folie des Ritters verdammen – es wird eine Zeit kommen, sagt Goethe, wo jedermann genötigt und verpflichtet sein wird, eine Kunst, ein Gewerbe zu lernen und auszuüben, und wo es also niemand zur bürgerlichen Zurückstellung und geistigen Benachteiligung gereicht, irgendein Werk der Hände zu verstehen und seinem Nachbarn zum Beispiel einen Tisch zu drechseln, von dem er selbst die metallenen Verzierungen gegossen oder den Überzug gewirkt erhält. Es wird eine Zeit kommen, wo man des faulen, geistigen Luxus, des ewigen Wiederkäuens schimmeliger theologischer und philosophischer Streitpunkte satt und überdrüssig sein wird, wo ein jeder, reich oder arm, groß oder klein sich freuen und Glück wünschen wird, durch kunstreich geübte Hand Unterhaltung in ein Leben zu wirken, das durch geistige Überladung vergangener Jahrtausende erschöpft und aufgerieben worden ist. Diese Aussichten, die jetzt beinahe nur als Träume eines Traums erscheinen, werden sich verwirklichen durch jenen allmählichen, still fortwirkenden Akt der Weltgeschichte, welcher die Übertreibungen, Einseitigkeiten, Vorurteile früherer Jahrhunderte pulverisiert und aus der Asche eine neue Blume entstehen läßt, welche die Farbe der Gesundheit und Jugend trägt.[230]

Byron, so groß er unter den Dichtern der neueren Zeit dasteht, war nur der Vorläufer eines Genius, der, ungetrübt durch Vorurteile der Geburt und Erziehung, die heranbrechende Messiade der Menschheit besingen wird.

Ob in Versen oder in Prosa – das ist gleichgültig. Poesie ist alles, was aus der innersten Natur der Menschheit dringt, und es scheint fast, als ob Deutschland namentlich seine größeren Dichter gegenwärtig unter den Prosaisten zählt. Wenigstens würde der Schluß vom poetischen Gehalt unserer dramatischen Dichter, unserer lyrischen und epischen Dichter auf den poetischen Gehalt unserer ganzen Literatur sehr kläglich ausfallen; Platen, Immermann, Raupach usw. als Repräsentanten deutscher Poesie, von dieser keinen großen Begriff zu erregen imstande sein. Viel eher möchten wir Heinrich Heine als solchen begrüßen, und auch nicht seiner Verse, verfehlten Dramen und liederlichen Lieder wegen, als um die Prosa, die er in den Reisebildern zutage gelegt hat.

Was diesen Dichter-Prosaisten betrifft, so habe ich schon meine Absicht erklärt, ihn als ein Charakterbild der neuen Prosa in ästhetischer Rücksicht ebenso aufzufassen und darzustellen wie Goethe und Byron als Charakterbilder der neueren Poesie. Man muß Heine in dieser Gesellschaft, der Zeit, wie der Ansicht nach, als den entschiedensten Charakterschriftsteller betrachten, indem er sich, noch stärker und rücksichtsloser als Byron, der gewöhnlichen Denk- und Empfindungsmasse der früheren Schriftstellerwelt entgegengesetzt hat. In offener[231] Fehde mit allen Ansichten der Zeit, die sich ihm als verjährte und abgestandene darstellen, hat er alle diese Ansichten und die Träger derselben, ein ungeheurer Hause, wider sich und dagegen nur eine Waffe, den Witz, während Byron außer seinem Talent auch Reichtum und Adel bei seinen Anfeindungen ins Feld stellen konnte. Dennoch weiß er sich mit dieser einen Waffe hinlängliches Ansehen zu verschaffen, und wenn man es auch selten wagt oder würdigt, ihn öffentlich hoch anzuschlagen, so läßt man ihm doch, selbst feindlich gesinnt, im stillen die Gerechtigkeit widerfahren, daß sein Kopf in der deutschen Literatur über den Köpfen seiner Nebenbuhler hervorrage.

Schöpfen wir, wie wir es bei Goethe und Byron getan, aus der Geschichte seines Lebens diejenigen Andeutungen, welche uns die besondere Art und Richtung seines Talents erklären helfen. Er ward in Düsseldorf geboren als Jude, aber von einer christlichen Mutter, war zum Handel bestimmt und handelte wirklich eine Zeitlang, studierte dann in Göttingen, schrieb seine Reisebilder, führte ein flüchtiges Reiseleben, war in England, Italien und seit der französischen Juli-Revolution in Paris, wo er sich an die französischen Revolutionäre, besonders unter den Schriftstellern, anschloß und seine französischen Zustände, wie zuletzt die skizzenhafte Übersicht über die deutsche Literatur herausgab.

Stellen Sie sich nun ein poetisches Genie vor, das dem Byronschen ähnlich, ja demselben an Penetration des Verstandes überlegen, verkörpert[232] wird nicht im Palaste eines Pairs von England, sondern im bescheidenen Wohnhause eines rheinischen Juden, ein Genie, das nicht in die Schule von Eaton, sondern in die Synagoge von Düsseldorf wandert, das zum Handelsmann erzogen wird und durch Zufall oder inneren Drang eine deutsche Universität, die Universität Göttingen, besucht und dort, umgeben von Pedanterie und Roheit, von steifem Zeremoniell der Professorengesellschaften und der Sittenlosigkeit des Studentenlebens, sich seines Genies inne wird – da haben Sie den Schlüssel zum ersten Band der Reisebilder, den er noch als Student in Göttingen niedergeschrieben hat. Zu keiner Zeit ist ein dichterisches Werk erschienen, das mehr die frischen Spuren seiner Konzeption verraten hätte als dieses. Göttingen und der Harz sind einander gegenübergestellt als Prosa und Poesie, allen Ärger und Witz der Jugend schüttelt er auch über ein solches Gefängnis des Geistes, eine solche verschrobene, bestaubte Gelehrtenrepublik mit allem ihren Unsinn, allen ihren Abgeschmacktheiten und Rohheiten, allen Hofräten, Pedellen, Kommerzen, Kollegien, Grafenbänken, Duellen und Promotionen durcheinander, kurz auf dieses traurige Bild einer nur zu traurigen norddeutschen Universitätsstadt, welche wieder ein Bild des noch traurigeren literarisch-gesellschaftlichen und politischen Zustandes von Deutschland abgibt, dagegen wirft er alle Liebe und Poesie seines Herzens auf die Täler, Berge und Flüsse des Harzes, die er mit unnachahmlicher Hand personifiziert und dem Leser als flüchtig[233] verkörperte Geister der ewigen Natur vor Augen führt. Allein dies Herz war nie, oder war nicht mehr rein und unschuldig, war nie, oder war nicht mehr naiv und ubewußt begeistert, und daher, so phantasiereich die Naturschilderungen sind, stehen sie doch hinter den Sittenschilderungen des Göttinger Lebens zurück. Zur schärfsten, schonungslosesten Satire, die mit jedem Wort den rechten faulen Fleck zu treffen weiß, war Heine vom Schicksal gewissermaßen destiniert, das ihn vom Handelsjuden zum Göttinger Studenten und zum deutschen Schriftsteller bestimmt hatte. Kein Franzose und überhaupt kein Ausländer kann die Narrheiten, Schwächen, den Ahnenstolz, die Pedanterie der Deutschen nackter in aller ihrer Blöße wahrnehmen und bespötteln, als ein in Deutschland geborener Jude, der dem Herzen und der Geschichte des Vaterlandes ebenso fremd, noch einen Stachel zur Satire mitnimmt, der dem Ausländer fehlt, ich meine den Stachel der Verachtung, worin seine Glaubensgenossen in Deutschland bisher standen, das verwundete Gefühl des durch Jahrhunderte gemißhandelten Volkes, das bis auf die neueste Zeit zum Schweigen verurteilt war, indem es zu feige und zu schwach, sich früher zu äußern, ehe der Witz in Europa sich vor Scheiterhaufen und Armensünderhemden sicher wußte.

Aber Heine besaß nicht allein diesen Vorteil des Witzes, daß er als geborener Jude, gleichsam als Ausländer und Feind auftrat und zugleich die deutschen Narrheiten von Jugend auf an der Quelle studieren konnte, er hatte auch von seiner deutschen[234] Mutter diejenigen Eigenschaften geerbt, welche den Witz erst glänzend machen, indem sie ihm zur Folie dienen, nämlich die Gabe der Phantasie, einen dunklen Anflug von Gemüt, die Ahnung oder das Verstehen des poetisch Wirksamen, die Behandlung des Geheimnisvollen, was im poetischen Grunde unserer Nation ruht und leider nur zu sehr mit Alltäglichem und Gemeinem überschüttet ist. Daher zeigte sich Heine schon in seinem ersten Werk nicht bloß als witziger Kopf, als Voltaire, Swift, sondern als Humorist, als einen Byron-Voltaire, der, wie er sich selbst ausdrückt, sein Schlachtopfer erst mit Blumen kränzt, ehe er ihm den letzten tödlichen Streich versetzt. Nachdem er sich an Göttingen die Sporen verdient hatte, eröffnete er seiner poetischen Satire im zweiten und dritten Teil der Reisebilder ein weiteres Feld; die neueste Geschichte, Napoleon, Frankreich und die Revolution, Deutschland, Italien lieferten ihm Stoff zu einem poetischen Humor, der, mit gutem Bewußtsein, seine eigene Person in die Mitte der Darstellung zu bringen wußte, ohne sich eben dabei den tugendhaftesten Anstrich zu geben. Endlich scheint er für sein Leben das rechte Zentrum gefunden zu haben, denn die Hauptstadt von Frankreich, wo er sich jetzt aufhält, entspricht mit ihren Bewegungen, Umtrieben, glänzenden Gesellschaften ganz dem Charakter eines Schriftstellers, der dem witzigsten Franzosen leicht die Spitze bietet, und außerdem alles das vor ihm voraus hat, was ich vorher unserer Nation vindiziert habe. Von den Franzosen bewundert, hat er in seiner letzten Schrift diese über neue deutsche Literatur[235] belehren wollen, was er, wenn auch einseitig und zum Nachteil Deutschlands, durch die kühnsten und geistreichsten Züge unserer deutschen Koryphäen ausgeführt hat.

Heines Einfluß auf die deutsche Jugend ist unberechenbar, und dennoch würde er noch größer sein, wenn Heine von Grund aus deutsch und vom ganzen Herzen, wie Jean Paul, ein Dichter und Humorist wäre. Allein so wie er ist, müßte er vielleicht sein, um Aufsehen zu erregen und Wirkung zu tun. Inwiefern sein Talent die Aufmerksamkeit der deutschen Prosaisten verdient, werde ich in der nächsten Vorlesung berühren.

Quelle:
Ludolf Wienbarg: Aesthetische Feldzüge. Hamburg, Berlin 21919, S. 227-236.
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