Zweiundzwanzigste Vorlesung.

[218] Goethe ist der erste Dramatiker der neueren Zeit, Byron der erste Lyriker. Die Erscheinungen dieser beiden Dichter, zu verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Ländern sind die bedeutsamsten, welche es für die ästhetische Anschauungsweise des neuen Europa gibt. So himmelweit entfernt der aufgehende Stern Byrons vom untergehenden Goethes am Horizonte schimmert, so nahe lag einst die Region ihres beiderseitigen Aufgangs. Auch Goethe erhob sich bei seinem ersten jugendlichen Aufbrausen zum Streit gegen die bestehende bürgerliche Gesellschaft, in lyrischer Wut schüttelte er die Ketten der Konvenienz von sich ab und warf sich in die Arme der Natur und der Freiheit. Seine ersten Dramen haben einen durchaus lyrischen Charakter, wie seine späteren den epischen. Wie es nun der Lyrik eigentümlich, daß sie des Dichters innerstes Wesen herauskehrt und die ewigen Laute der Natur vernehmen läßt, die sich in ihrer Unterdrückung durch Gesang und Töne Luft verschafft, so zückt auch durch Goethes jugendliche Dramen[219] und Romane der lyrisch revolutionäre Schrei der Natur hindurch und bildet die schrillendsten Mißlaute mit den Satzungen einer abgelebten Geschichte, mit der Schwäche und Unnatur seines Zeitalters. Von Pietät keine Spur, unbarmherzig und schonungslos läßt er seinem Spott den Zügel schießen, keck und ritterlich gesinnt stellt er in Götz eine derbe Persönlichkeit dem aufgelösten charakterlosen Wesen seiner Zeit gegenüber, in Faust einen genialen Denker, dem Nachbetertroß der Wagner und aller der tausend und aber tausend Gewohnheitsmenschen, die vor einem selbständigen Gedanken, vor einer frischen und freien Tat erschrecken und sich lieber für ihr ganzes Leben wie Ungeziefer auf dem Kadaver der Vergangenheit ernähren, als den Mut fassen, die Geburtswehen einer neuen Zeit auszuhalten und diese mit ihrem Mark und Blut groß zu säugen. Goethes Spott traf nicht allein die Satzungen der Moral, Theologie, Metaphysik, der äußeren Konvenienz, sondern auch die Satzungen der Politik, des toten Mechanismus des Staats, den Unsinn der Gesetze, wie denn jene Worte sich wie Brandmarken an den bei aller Fülle von Gesetzen gesetzlosen Zustand Deutschlands anheften, die Mephistopheles im Faust zum Schüler spricht:


Es erben sich Gesetz und Rechte

Wie eine arge Krankheit fort;

Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte

Und rücken sacht von Ort zu Ort.

Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage;

Weh' Dir, daß Du ein Enkel bist

Vom Rechte, das mit uns geboren ist,

Von dem ist leider nie die Frage.
[220]

Allein, wie Sie wissen, war es Goethe nicht vorbehalten, in der Politik diesen lyrisch-scharfen Charakter durchzuführen. Es lag vielleicht in seiner Natur, die mehr zum Aristokratischen und Vornehmen, als zum Demokratischen sich hinneigte, vielleicht in dem äußeren Lauf seines Lebens, in der günstigen Aufnahme, die er am Hofe zu Weimar fand, in der Freundschaft, die er mit dem Herzog und der herzoglichen Familie pflegte, in einem geheimen zarten Liebesverhältnis, worin er zu einer Prinzessin stand, in seiner späteren Stellung als Minister, vielleicht in allem diesem motiviert und zum Überfluß in dem politischen Zustand Deutschlands, in der Unempfänglichkeit der damaligen Deutschen für Politik, ihrer ewigen unfruchtbaren Listenmacherei, ihrem tatlosen Geschwätz und Geschreibe, ihrer politischen Kannegießerei, daß Goethe sich mit dem politischen und gesellschaftlichen Zustande, wie er nun einmal seit alters in Deutschland bestand, redlich versöhnte, und sich bis auf seinen Tod aller Revolutionsgedanken, aller Besserung des Staates, deren Impuls von unten aufkam, entschieden abgeneigt erklärte. Er verlangte, seltsam genug, von der Jugend, von der neuen Generation, welche den Untergang der ältesten europäischen Monarchie und die Siege der französischen Republik als ein wirklich Erlebtes schon hinter sich sah, Pietät gegen Gesetz, Staat und Fürsten, er, der in seiner Jugend die Zeiten des Faustrechts glücklich gepriesen hatte gegen die Zeit des gesetzlich wuchernden Unrechts, in der er geboren und erzogen ward. In seiner[221] letzten Zeit schrieb er ein Journal: Kunst und Altertum betitelt – »ob er wirklich glaubte,« fragt Heine, »daß Kunst und Altertum imstande waren, Natur und Jugend zurückzudrängen?«

Allein, meine Herren, welches auch der Grund war, warum Goethe sich von den äußeren Bewegungen der Zeit zurückzog und das Verdammungsurteil über sie aussprach, es wäre eine wahre und begründete Impietät, seiner Asche das Verdienst zu entziehen, die sterblichen Atome des größten Deutschen, des geistigen Befreiers der Deutschen zu befassen. Es ist wahr, Goethe war ein Aristokrat in der Politik, ein Verehrer des Hof- und Fürstenwesens, ein Panegyrist der angestammten Macht, ein Protektor der leidlichen Mißbräuche, bei denen es sich immer noch ziemlich behaglich leben läßt, ein Freund des Manierlichen und äußerlich Distinguierten, ein strenger Verteidiger des äußeren Unterschiedes der Stände, des Herkömmlichen, Anstandsvollen; aber in dieser Charakteristik Goethes liegt so wenig Charakteristisches für sein Genie, daß es auf jeden Kammerherrn und Hofmarschall im Deutschen Reiche paßt. Derselbe politische Aristokrat, dieser Mann, der das große geschichtliche Element der Völker von einem so kleinen höfischen Standpunkte betrachtete, übersah das religiöse, sittliche und wissenschaftliche Leben mit den Blicken eines Adlers, und vom Standpunkte einer Zeit, den Gott weiß, welche Generation unserer Urenkel erst mühsam erklettern wird. Goethe war der Luther seines Jahrhunderts, dessen Bibel die Natur und dessen Schüler und[222] Anhänger die Jahrhunderte selbst sind, die nach ihm kommen.

Spreche ich also das letzte Wort über ihn aus, indem ich mir seinen doppelten Charakter, als Servilen und Liberalen, als Großen und als Kleinen, als Genie und als Weltmann, durch eine Grundrichtung seines Geistes in letzter Instanz zu erklären suche. Goethe trug als Jüngling die ganze neue Zeit, die kommende Weltanschauung in seiner Brust, und was ihn damals im tiefsten Grund bewegte und womit er die Welt und seine Zeitgenossen überraschte, das wird früher oder später die Welt bewegen und Deutschland politisch und moralisch umschaffen. Allein Goethe gehört zu denjenigen Charakteren, welchen nicht die unmittelbare Gestaltung der Außenwelt, sondern zunächst die Bildung ihrer eigenen Persönlichkeit von der Natur zum Grundgesetz gemacht zu sein scheint; daher er sich auch bald aus der Gewitterregion, welche aus dem Innersten und Tiefsten der Leidenschaft Blitze in die Welt schleudert und deren Stärke einzig und allein den Luther, den Demagogen macht, zurückzog in die klarere Region eines mehr ruhigen, um die Welt scheinbar unbekümmerten Selbstbewußtseins, das, nach außen durch eine freie und würdige Stellung befriedigt, nach innen im steten Bildungsprozeß zu immer größerer Kraft und Klarheit beschäftigt wurde. Eine solche Persönlichkeit ist ganz durchaus auf sich basiert; daß andere es ebenso machen, sich ebenso unabhängig in der Welt hinstellen, mag und kann ihr nur recht sein, aber sie streckt die Hand nicht[223] aus zu diesem Zweck, sie sucht nicht durch Umwälzungen die sittlichen und politischen Fundamente fremder Persönlichkeiten zu basieren, sie schließt sich egoistisch in ihrem Kreise ab und begrüßt jeden, der diesen durchbrechen will, unwillig mit elektrischen Schlägen. So denke und erkläre ich mir den ganzen Goethe, und es sagt mir ein Etwas, daß ich dieses hohe Ziel nicht zu weit verfehlt habe.

Die Lyrik der neuen Zeit ist das poetische Ausströmen des Revolutionären; revolutionär war die Lyrik Goethes, als er jung und feurig war, revolutionär war die Lyrik des großen Briten, der in Goethes, des Jünglings, Fußstapfen trat und jene Leier mit neuen Saiten bezog, welche Goethe beiseite gelegt hatte. Byron starb in Griechenland, und seine letzte Ode war der Freiheit der Griechen gewidmet, zu deren Miterkämpfung er jahrelang Geld, Talent, Ruhe, Vergnügen freudig beigesteuert hatte. Revolutionär ist die Lyrik der neuen Zeit, das behaupte ich, aber ich bitte, mich nicht dahin mißzuverstehen, als ob ich jeder neuen und neuesten Lyrik, welche diesen Charakter nicht trägt, den Stab brechen wollte; ich erkenne sie nur nicht für voll an, ich spreche ihr nur das Herz und den Geist der Zeit ab, ohne dem Dichter Herz und Geist a priori persönlich abzusprechen. Viel Zutrauen habe ich freilich nicht zu dem poetischen Verdienst eines neuen Gedichts oder einer neuen Gedichtsammlung, von der man mir im voraus sagt, es seien nichts als poetische Büsche, Felsen, Seufzer, Ritter, Turniere, Festgesänge, Reisen, Spaziergänge und dergleichen zensurfreie und unschuldige[224] Sächelchen darin, die ganz und gar keinen Bezug auf die Stimmung der Zeit hätten – Gott sei es geklagt, jede Leipziger Messe bringt uns einige Scheffel von diesen Klingklang- und Singsangsachen deutscher Musenjünglinge, die es nicht verantworten zu können glauben, ihren Namen der Nachwelt vorzuenthalten. Dagegen kenne ich auch liebliche Gedichte der süddeutschen Sängerschule, die Uhland als ihr Haupt anerkennt, die, so zeitlos und einfach sie auch sind, mich in Momenten ebenso sehr erfreuen, als z.B. auch die liebenswürdige Persönlichkeit eines Süddeutschen, der unter Bergen und Reben, in der Nähe von alten Kloster- und Burgruinen aufgewachsen, mir heiter und unbefangen seine glückliche Beschränktheit entgegenträgt. So kann ich auch im Gegenteil Gedichte, die mit rein politischer Tendenz geschrieben sind, Zeitereignisse im Prisma der Poesie betrachten und es darauf anlegen, durch die Darstellung derselben auf den politischen Sinn der Leser zu wirken, welche mir dennoch unter dem Gesichtspunkt der Poesie und der Lyrik durchaus nicht wahr und bedeutend scheinen.

Ich verstehe unter dem Ausdruck: die moderne Lyrik ist revolutionär das: jeder große Dichter, der in unserer Zeit auftritt, wird und muß den Kampf und die Zerrüttung aussprechen, worin die Zeit, worin seine eigene Brust sich findet. Der Dichter müßte blind sein, oder kalt, oder gefühllos, oder heuchlerisch, oder kein großer Dichter, der mit seiner Leier über den ungeheuren Riß hinweghüpft, welcher die Gegenwart von der Vergangenheit[225] trennt, er müßte nicht der Dolmetscher der Natur und Menschheit sein, wenn er nicht das Ringen und den Schmerz dieser Menschheit verstände, fühlte und in den Wogen der Poesie dahinbrausen ließe. Byron war ein großer Dichter und daher war seine Lyrik, die er nur leicht in ein episches Kleid einhüllte, durch und durch revolutionär, was um so großartiger und erschütternder bei ihm hervortritt, als er im Schoß des Glücks geboren, Lord und künftiger Pair des Reichs, früh bewundert und beneidet war. Ich will kurz sein mit seiner Geschichte, um Goethe, der den Gang seines Lebens und Charakters geschildert hat, für mich reden zu lassen. Es ist wunderbar, wie dasselbe Land, Griechenland, des alten Meisters Leidenschaft beschwichtigte und ihn zu Kunst und Altertum führte, was den Jünger erst in diese Leidenschaft hineinriß, oder vielmehr die Leidenschaft, die in ihm schlummerte, ihn bewußt werden ließ. Erst als Byron kaum in den Zwanzigern die Kreideküste Englands verlassen und in den griechischen Buchten und Inseln sich umhertrieb, kam jener Geist der Poesie über ihn und ließ ihn in einer Zunge reden, die er früher, unter den Lords und Damen der englischen Gesellschaft kaum verstanden hatte. Haß gegen Aristokratie, Tyrannei, Kastengeist, Unnatur der Sitte, Pfaffentum, dagegen Liebe zur Freiheit, ungebundenes Streben, griechisch-heitere Ansicht des Lebens und der Liebe, verbunden mit den Gefühlen der Ehre und Sittlichkeit, selbst mit dem Bewußtsein alten Adels und vormaligen feudalen Geschlechtsglanzes bildeten[226] die Grundelemente seiner Poesie, worin Goethe mit tiefem Blick ein Kind des Griechentums und des Mittelalters gesehen hat. Byron war der einzige revolutionäre Dichter, den Goethe anerkannte, ja er liebte ihn und trug eine gewisse väterliche Besorgnis um ihn, die Byron von der Zeit an mit kindlicher Ehrfurcht erwiderte; wie dies interessante Verhältnis aus Thom. Moores Leben Byrons zu ersehen ist. Im zweiten Teil des Faust hat Goethe Byron ein Denkmal gesetzt, mir wenigstens unterliegt es keinem Zweifel, daß Byron und nur Byron jenes unruhige, waghalsige, himmelstürmende Kind der Liebe ist, welches die schönste Episode in diesem zweiten Teile herbeiruft; wie ich mich denn nicht enthalten kann, Ihnen folgendes daraus mitzuteilen, was dazu dient, sowohl Goethe als Byron zu charakterisieren.

Quelle:
Ludolf Wienbarg: Aesthetische Feldzüge. Hamburg, Berlin 21919, S. 218-227.
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