Erster Auftritt.

[102] Jamlichus, des Longinus Sohn Jüngling; dann Longinus. Jamlichus kommt langsam, zögernd, wie enttäuscht, aus Apelles' Haus; blickt noch im Gehen zurück.


JAMLICHUS.

Apelles' Haus ist leer; von Mägden, Sklaven

Niemand zu sehn – und auch Tryphena nicht.

Wohin denn alle? Was begibt sich?


Longinus kommt von links, hinter Apelles' Haus; grau, gealtert, doch rüstig.


LONGINUS mit klugem Lächeln.

Ei,

Mein Jamlichus!

JAMLICHUS.

Mein Vater![102]

LONGINUS scheinbar harmlos.

Nun? Wen suchtest

Du in Apelles' Haus?


Jamlichus will reden; schweigt.


Die Bücher haben

Jetzt gute Ruh' vor dir; du wandelst gern

Die Säulenstraß' entlang – und bis ans Ende –

Und so auf diesen Platz – vor diese Thür.

Seit des Apelles Kind ein Mägdlein worden,

Das Jungfrau heißen kann, versäumst du nie,

Sein Haus zu grüßen –

JAMLICHUS verwirrt.

Vater!

LONGINUS.

Kind! Mich freut's,

Daß du nicht lügen kannst, nicht lügen willst

Vor dem, der, weil dein Vater, auch dein Freund

Zu sein bemüht war – ja dein bester Freund.

Ich harrte nur der Stunde, wo du kämst,

Von diesem Kind Tryphena mir zu reden;

Doch kamst du nicht.

JAMLICHUS.

Mein Vater! Sorg' und Zweifel

Bedrückten mich –

LONGINUS.

Ich weiß.


Aus der Basilika ertönt Gesang, durch Entfernung gedämpft; Männer und Frauen singen den 47. Psalm: »Frohlocket mit Händen, alle Völker, und jauchzet Gott mit fröhlichem Schall.«
[103]

Du horchst und staunst.

Wenn dich der Traum des jungen Herzens nicht

So ganz erfüllte, wär' dir wohl bewußt,

Daß sie die Kirche hier an diesem Morgen

Dem Gott der Christen weihn. Drum ist das Haus

Da drüben leer; denn dient Apelles auch

Den alten Göttern noch, wie du und ich,

Sein ganz Gesinde lebt im neuen Glauben –

JAMLICHUS.

Und auch sein Weib – und auch sein Kind. Und darum

Konnt' ich nicht reden, Vater!

LONGINUS.

Armer Sohn!

So soll auch dich der Fluch nun treffen, der

Das Reich, das vielzerrißne, ganz entzweit,

Weil er die Seelen spaltet! – Ost und Nord

Und Westen schüttet aus unzähligen Wolken

Barbaren aus, die Rom als Beute suchen;

Doch das genügt dem großen Schicksal nicht:

Es setzt die Christen auf den Kaiserthron,

Die uns nun drücken, und verfeindet alles,

Gott gegen Gott, Haus gegen Haus, und endlich

Herz gegen Herz! – Apelles' Tochter flieht

Wohl auch den Bund mit dir, weil sie getauft ist,

Du nicht –

JAMLICHUS.

O das ist meine Sorge nicht.

Sie gab ihr Herz mir – Wort und Schwur und Treue – –

Nur ihre Eltern fürcht' ich. Persida,[104]

Die strenge Mutter – und Apelles, der

Die Mutter liebt und ehrt wie eine Göttin –

Sie werden streng und hart, wie diese Zeit,

Uns sagen: »Trennt euch! die Getauften freien nicht

Die Ungetauften mehr!« – – Doch glaub mir, Vater,

Ich beug' mich dieser finstren Satzung nicht!

Verzweiflung auch ist stark! Eh' sie Tryphena

Von meinem Herzen reißen, reiß' ich sie

Mit mir hinweg; – wohin? wohin auch immer!

Wohin sie folgt, und sie ist treu und fest:

In Elend, Wüste, Tod – nur nicht von mir!

LONGINUS.

Nun, nun! du Heißblut! – »Stark ist auch Verzweiflung« –

Doch nicht zu früh verzweifeln macht den Mann.

Weisheit ist besser, glaub mir, als Verzweiflung – –

Wer hustet dort?


Quelle:
Adolf Wilbrandt: Der Meister von Palmyra. Stuttgart 61896, S. 102-105.
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