Vierter Auftritt.

[118] Persida; Herennianos von rechts durch das Thor.


HERENNIANOS.

Du hier noch, Schwester.

Dich such' ich; – dich, Tryphenas Mutter. Gehn wir

Zu dir ins Haus.

PERSIDA.

Was willst du? Dein Gesicht

Ist streng und finster und eschreckt mich. Wo

Blieb meine Tochter?

HERENNIANOS.

Wo sie bleiben wird,

Bis wir Vernunft in ihre Seele flößten:

In meinem Haus.

PERSIDA.

Du sprichst so herrisch. Ist sie

Doch meine Tochter. Was beging sie?[118]

HERENNIANOS.

Noch

Des Willens Sünde nur; doch die von Herzen.

Mir ahnt' es wohl, darum befragt' ich sie;

Und hart bedrängt gestand sie's. Hingegeben

Hat sie ihr junges Herz dem Jamlichus,

Der noch den Heidengöttern dient, sich weigert,

Auf Gottes Wort zu hören; doch Tryphena

Will ihren Abgott frei'n. Sie will! das Mägdlein! –

Ich aber sag' dir: das wird nie geschehn.

Gott will's nicht mehr. Die Zeiten sind gekommen,

Da die Gemeinde seiner Heiligen

Den Sieg, den er ihr gab, vollenden muß;

Da sie dem Tier, das aus dem Abgrund aufsteigt,

Den Kopf zertreten muß, den Namen »Heide«

Austilgen aus dem Buch des Lebens. Nie mehr

Soll Heid' und Christ sich paaren! nie mehr Weltlust

Des schwachen Herzens den Triumph verzögern,

Den Gottes Werk von unsrer Stärke fordert!

PERSIDA mit Bangigkeit.

Nun wohl; was soll geschehn?

HERENNIANOS.

Tryphena soll

Vor dir und mir bei Christi Blut geloben,

Daß ihrem Abgott sie entsagt für immer;

Sonst send' ich sie nach Antiochia, zu

Den gottgeweihten Jungfrau'n – dort zu bleiben,

Bis Gott ihr Herz erweichte.[119]

PERSIDA.

Und Apelles?

HERENNIANOS.

Du zauderst, deucht mir. Zauderns ist nicht Zeit.

Es ward schon ruchbar in des Herrn Gemeinde,

Daß deine Tochter diesem Heiden hold ist.

Sie dulden noch, daß du dem Gatten bleibst,

Wenn auch mit Unmut; nie verstatten sie

Den zweiten Heidenbund! Der greise Jarchai,

Den sie den Heiligen nennen – einst ein wilder

Verfolger unsres Glaubens, jetzt der strengste

Der Gläubigen im Volk – er hat's erspürt

Und trägt es durch die Gassen und erregt

Die schaumige Masse jener Eiferer,

Die ruhlos an der Oberfläche brodelt.

Ich will zum Hafen vor dem Sturm. Dein Haus

Ist meins; nie duld' ich, daß das Aergernis

Aus unserm Hause komme!

PERSIDA mit zitternder Stimme.

Bruder! Und

Apelles?

HERENNIANOS.

Muß sich fügen! Muß!


Tritt ihr näher, blickt ihr fest und drohend ins Auge. Mit gedämpfter Stimme.


Laß mich

Nicht glauben, daß du nochmals einen Menschen

Mehr lieben könntest als den Herrn! – Du weißt,

Ich kenne deine Schwachheit. Ich allein.

Als du im Siechtum dalagst und gelobtest,[120]

Wenn Gott noch einmal dir Genesung schenke,

Dich ihm zu weihen, in Antiochia bei

Den heiligen Jungfrau'n ganz nur ihm zu leben –

PERSIDA ihn unterbrechend.

Mein Geist war trüb und meine Seele matt.

Ein fremdes Feu'r entbannt' in mir. Die Lust

An Mann und Kind schien mir ein böser Dämon,

Dem ich entsagen müsse –

HERENNIANOS.

Was auch immer!

Du gabst dem Herrn des Lebens dein Gelübde –

Und brachst es, als er neu dir Leben gab,

Weil von Apelles du nicht lassen wolltest!

PERSIDA.

Ich liebt' ihn allzusehr! – Mein Herz ist nicht

Wie deins geschaffen; es ist warm und zärtlich.

Und warm ist auch mein Blut!

HERENNIANOS.

Ich weiß. Es lebt

Von Jugend auf ein Feind in deinem Blut;

Ein Geist von fremder, nicht von unsrer Art,

Wie durch Magie aus einer andren Seele

Gewandert in die deine. Bis der Geist

Des Herrn in dir erwachte ... Dem gehorch nun,

Und ohne Zaudern! Zieh den Harnisch Gottes,

Der dich entbietet, an; ergreif den Schild

Des Glaubens und den Helm des Heils, und nimm

Das Schwert des Geistes! – Sühne deine Schuld![121]

PERSIDA.

O wie bedrängst du mich. – Um sie zu sühnen

Hab' ich dem Herrn dies Haus erbaut –

HERENNIANOS.

Das tilgt

So große Schuld nicht weg. Er fordert jetzt,

Daß du dein Herz ihm opferst!

PERSIDA.

Ach, ich bebe.

Und wenn mein Kind, mein Gatte mich verdammen,

Wenn ihre Liebe mich verläßt –!

HERENNIANOS.

Unschuldig

War Abraham und opferte den Sohn.

Und der Erlöser litt das Kreuz für dich ...

So leide du für ihn! – Du warst entheilig;

Reinige deine Seele!

PERSIDA ringt die Hände.

Gott, o Gott,

Vergib mir meine Schuld!

HERENNIANOS.

Wie kann er sie

Vergeben, wenn du drin verharrst?


Nimmt ihre Hände; sanfter.


Doch wer

Da überwindet, wird zum Pfeiler werden

Im Tempel Gottes; – und am Tag der Herrlichkeit[122]

Wird er einst dastehn vor dem Herrn, geschmückt

Mit weißem Kleid, die Palme in den Händen.

Und Gottes Finger wird die Thränen ihm

Abwischen von den Augen –

PERSIDA gen Himmel starrend.

Ja, du sagst es.


Ihr schmerzvolles Gesicht nimmt einen ergebenen, dann allmählich einen feierlich schwärmerischen Ausdruck an, ähnlich dem der Zoe im ersten Aufzug, nur daß der Gram mit dem er kämpft hindurchscheint.


»Und Gottes Finger wird die Thränen ihm« –

O hilf mir, Herr und Gott! – Abfallen wird

Von mir das Glück des Lebens; ach, ich fühl' es; –

Doch ach, du strafst gerecht! Was mich zur Sünd'rin

Gemacht, das muß ich opfern; wo die Schuld

Erwuchs, da muß ich büßen!


Kniet.


Straf mich! Gieße

Die Schale deines Zorns auf meine Seele,

Wenn ich noch einmal zage; – doch erduld' ich

Mein Kreuz, so nimm mich an und sprich: Vergeben!

HERENNIANOS.

So wird er thun. – Steh auf.

PERSIDA steht auf. Mit tonloser Stimme.

Was nun? Was soll ich?

Ich bin bereit.

HERENNIANOS.

So folg mir zu Tryphena.

PERSIDA wie abwesenden Geistes.

Ja, zu Tryphena. Doch wohin?[123]

HERENNIANOS verwundert.

Zu mir.

Dort blieb sie.

PERSIDA.

Ja, dort blieb sie. Das vergaß ich.


Will gehen; tritt unsicher auf, schwankt.


So führe mich!

HERENNIANOS sie führend.

Nur wenige Schritte sind's. –

Du wirst ihr sagen –

PERSIDA.

Ja, was Gott gebietet.


Im Gehen.


»Zieh an den Harnisch Gottes – und ergreife

Den Schild des Glaubens« –


Sucht die Worte, stockt.


HERENNIANOS.

Und den Helm des Heils –

PERSIDA.

Und sühne deine Schuld!


Bleibt stehen, streift sich mit der Hand über die Stirn, atmet tief auf; blickt nach oben. Dann wie erwachend.


Ich komme. Gehn wir.


Beide ab, durchs Thor.


Quelle:
Adolf Wilbrandt: Der Meister von Palmyra. Stuttgart 61896, S. 118-124.
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