Vieter Auftritt.

[185] Die Vorigen; Zenobia jung, bleich, dunkel gekleidet den Kopf eingehüllt, wodurch sie an Zoe erinnert; von derselben Darstellerin gespielt mit einem Knaben, auf den sie sich stützt hinter ihr ein Greis mehrere Weiber und Kinder alle aus der Basilika.


ZENOBIA zu den Weibern.

Nun geht. Ich dank' euch, dank' euch

Für euren Dank; wer mehr noch danken will,

Der lass es Gott zukommen. Dem gebührt's.


Eine der Frauen will Zenobias Gewand küssen; sie wehrt es ihr.
[185]

Hinweg von meinem Kleid! Willst du noch einmal

Dich so entwürdigen mich zur Hoheit machen,

So kenn' ich dich nicht mehr!


Die Frau schleicht verschüchtert mit ihrem Kind hinweg. Zenobia ruft sie freundlich lächelnd zurück.


Ein Wort noch! – Laß mich

Dein Kind noch küssen.


Das Kind läuft zu ihr; sie küßt es. Dann zur Mutter.


Lieb es mit Geduld;

Dann hat es Sonne. – Geht!


Mutter und Kind ab, den andern nach, die schon nach links abgegangen sind; nur der alte Mann bleibt stehn.


Was willst du noch?

Ich sagte dir, ich zaub're nicht. Das Leben

Verlängern kann ich nicht und wills auch nicht.

Hängst du so sehr am Leben, alter Mann,

So geh zum Arzt und bitt ihn, dir zu helfen.


Der Alte geht; mühsam, auf einen Stab gestützt, hustend. Zenobia sieht ihm mitleidig nach.


So krank! – und liebt es noch, sein elend Leben!


Setzt sich auf einen Stein, sinnt vor sich hin. Der Alte links ab.


APELLES hat Zenobia in wachsender Bewegung beobachtet; für sich.

An wie viel andre mahnt mich dies Gesicht.

Ihr wechselnden Gestalten, die mein Leben

Blüh'n und vergehen sah, wandelt ihr vorüber

Auf diesem fremden Antlitz, wie die Farben

Des Regenbogens im betauten Licht

Tritt mir hier neu geformt der Geist entgegen,

Der euch durchlebte der von Form zu Form

Sich in den Weg mir stellte, wie um mir

Zu sagen: während du dich klammertest[186]

An diese Form, die sich Apelles nennt,

Und dich als leeren Schatten überlebst,

Durchschritt ich Form auf Form, in Zickzackbahnen

Doch weiterschreitend, meinem Ziele zu? – –

Ich will, ich muß sie anfleh'n –

ZENOBIA hat wieder nach links geblickt; zu dem Knaben.

Elabel!

Dort sitzt der Alte nieder. Geh und gib ihm

Ein Goldstück. Laß mich dann. Hier will ich sitzen


Lächelnd.


Und nichtsthun. Kommt in einer Stunde wieder.


Der Knabe ab nach links. Apelles tritt vor.


APELLES.

Vergib: ich red' dich an. Wenn du – nicht Heilige,

Doch heilig gut und liebreich – wenn du neue

Gestalt der Seele bist, die wunderbar

Mein Leben hat begleitet; oder wenn

Die Gnade Gottes dir Vergessenheit

Des einst Erlittnen schenkte: hilf auch mir

Zu dieser Gnade, diesem Götterbalsam,

Der halber Tod doch ist. Vergessenheit!

ZENOBIA ihn lange und mit tiefem Sinnen betrachtend.

Wer bist du – Kenn' ich dich doch nicht. Und doch –

In Träumen sah ich dich. Im Geistes-Zwielicht,

In rätselhafte Dämm'rung des Gedenkens

Erschienst du mir; – so grau nicht – jung – dann älter

Und wieder älter ... Dämm'rung schwebt um mich;

Ein Traum der Seele. – Wunderlicher Fremdling,

Und kenntest du mich auch? Zenobia heiß' ich –[187]

APELLES.

Nicht Zoe? – Phöbe?

ZENOBIA sieht ihn verwundert an.

Nein. – Doch fahren mir

Die Namen, die du nennst, wie ferne Blitze

Durch meines Traumes Nacht. Lebendige

Gestalten tauchen auf, und nah'n, und wachsen

Zu mir heran – und wenden Ich. Und weiter

In Künft'ges schau ich ... Nun zu Nebeln wird's!


Lächelnd.


Vergib. So träum ich oft. Drum glauben auch

Die spöttischen Zweifler, irren Geistes sei ich;

Die Frommen grüßen mich als Heilige.

Verkehrt ist beides. Nur ergeben bin ich

In Gottes Willen, der so schwer mich prüft,

Doch mich mit schaurig süßer Ahnung tröstet;

Und trachte, gut, den Menschen hold zu sein

Und so für das, was kommen mag, zu reifen –

Bis mich der Geist wird rufen: Folge mir,

Es lichtet sich der Tag!

APELLES erschüttert, nach längerem Schweigen.

Ja, nun erkenn' ich's.

O Wunderrätsel du, das meinen Weg

So oft verwandelt kreuzte; holde Flamme

Des vielgestaltigen Lebens! Nun erfass' ich

Des hohen Meistes Meinung, – ach, zu spät.

Es springt des Lebens Geist von Form zu Form;

Eng ist des Menschen Ich, nur Eine kann es

Von tausend Formen fassen und entfalten,[188]

Nur Eine Straße geh'n; drum tracht' es nicht

Ins lebenwimmelnde Meer der Ewigkeit,

Das Gott nur ausfüllt! – Sollt' es dauern, müßt' es

Im Wechsel blühen, wie du! von Form zu Form

Das enge Ich erweiternd, füllend, läuternd,

Bis sich's in reinem Licht verklärt. So könnten wir

Vielleicht, allmählich, Gott entgegenreifen.

Ein holder Traum! – Doch nicht für mich. Mein Fluch

Liegt fest. Ich wandle meines Weges weiter

Leb wohl, Zenobia!


Geht langsam den Säulen zu. – Die Geistermusik des ersten Aufzugs ertönt wieder. Zenobia horcht auf, wie mit erwachendem Geist.


ZENOBIA nach einer Weile, mit verändertem Blick und feierlicherer Stimme.

Apelles!

APELLES bleibt stehen.

Rufst du mich

Bei meinem Namen?

ZENOBIA.

Wer du bist, nun ahn' ich's.

Und mir im Aug' wird's hell: auf deiner Stirn

Seh' ich das Zeichen, das dich schlaflos machte.

Und eine Stimme spricht: Erlösung dem,

Der, lang geprüft, des Lebens Rätsel und

Des Todes Lehre faßte! – Komm zu mir

Und neige dich zu mir: ob ich die Stirn

Dir kühlen kann, die so von Leben glüht

Und nach Erquickung schmachtet.


Er sinkt vor ihr nieder; sie legt ihm die Hand auf die Stirn.
[189]

APELLES.

O Zenobia!

Ja, deine Hand ist kühl. Ein weiches Frösteln

Durchschauert mich; vom Haupt zum Herzen rinnt's; –

Ein selig Stillestehn. – O könnt' ich so

Hinüberdämmern in die Nacht des Friedens,

Nie zu erwachen!

ZENOBIA.

Oder anderswo.


Gesang der jungen Palmyrener in der Ferne, gedämpft, im Chor.


Also will's der ewige Zeus: du mußt nun

Niedersteigen unter die blühende Erde,

Mußt die dunkle Persephoneia küssen,

Schöner Adonis!

APELLES während sie singen.

Das ist das Lied – – Sie kommen schon zurück.

Des Nymphas letztes Lied ... Mein letztes auch?

Ist's keine Täuschung? – Dunkler wird's am Himmel.

Nein; hie im Aug'!


Sein Blick erstarrt.


Adonis! – Kehr' ich wie

Adonis auch zum Licht?

ZENOBIA.

Du wirst's erfahren.

APELLES.

Wohl denn. – O Mutter Erde! fahre wohl!

Du warst mir hold – ich liebte dich so sehr –[190]

Blüh nun den andern! All ihr Lebenden,

O seid gesegnet! blüht im Sonnenlicht!

Apelles geht zur Ruh.


Pausanias steht hinter Apelles, nimmt still dessen erhobene Hand.


Noch eine Hand

Berührt mich; kalt. – Du bist's! – – Ich danke dir.


Stirbt. – Der Gesang dauert noch fort – die andere Strophe sich nähernd.

Der Vorhang fällt.


Quelle:
Adolf Wilbrandt: Der Meister von Palmyra. Stuttgart 61896.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Der Meister von Palmyra
Der Meister Von Palmyra: Dramatische Dichtung in Fünf Aufzügen
Der meister von Palmyra; dramatische dichtung in fünf aufzügen

Buchempfehlung

Anonym

Die Geheimlehre des Veda. Ausgewählte Texte der Upanishaden. Indische Philosophie Band 5

Die Geheimlehre des Veda. Ausgewählte Texte der Upanishaden. Indische Philosophie Band 5

Die ältesten Texte der indischen Literatur aus dem zweiten bis siebten vorchristlichen Jahrhundert erregten großes Aufsehen als sie 1879 von Paul Deussen ins Deutsche übersetzt erschienen.

158 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon