Zehnter Auftritt

[135] Lene. Hermann.


HERMANN ist, sobald August abgegangen, in der Tür rechts erschienen, sagt kaltblütig. Ne, Lene, es geht auch nicht.[135]

LENE fährt auf. Ach –?

HERMANN. Na, erschrick man nicht, gut Freund. Er streckt ihr treuherzig die Hand hin.

LENE stürzt sich auf seine Hand, ergreift sie mit beiden Händen. Helfen Sie mir, Herr Hermann, bitte, bitte, helfen Sie mir!

HERMANN nimmt sie, wie beschützend, in die Arme. Dazu komme ich ja eben.

LENE. Mir is so schrecklich zumut!

HERMANN. Reg' dich nicht auf; mit mir kannst du ja von der Leber weg sprechen, das weißt du doch.

LENE. Es is wahr; mit Ihnen habe ich immer viel leichter reden können, als wie mit ihm.

HERMANN. Weil ich nicht so ehrwürdig bin.

LENE. Davon wird es wohl sein.

HERMANN. Siehst du, es hat auch sein Gutes, wenn der Mensch nicht gar zu heilig ist.

LENE. Ja, ich weiß nich, was das is, aber wenn ich zu ihm sprechen soll, denn – wird mir inwendig ganz kalt; rein als wie vor den Kopf geschlagen bin ich und kein Wort kann ich 'rausbringen! – Und so is das Unglück nu gekommen.

HERMANN. Daß du ihn heiraten sollst?[136]

LENE drückt in unwillkürlicher Angst ihr Haupt an seine Brust. Ach Gott, ach Gott, ach Gott!

HERMANN blickt schweigend, mit heiß begehrlichem Blick auf sie nieder, dann fragt er. Du möchtest also nicht?

LENE. Ich kann ja nich! Ich hab' mir ja die größte Mühe gegeben! Es is ja so unrecht – aber ich kann ja nich!

HERMANN. Warum soll's denn ein Unrecht sein?

LENE. So ein juter Mann! So ein erhabener Mann! Wenn man ihn so sprechen hört, das is doch grade, als wenn man in der Kirche is und hörte den Prediger von der Kanzel –

HERMANN. Na ja, der liebe Gott ist ja auch gut, aber darum heiratet man ihn doch nicht!

LENE mit unwillkürlichem, schwachem Lächeln. Aber – Sie?

HERMANN faßt sie unters Kinn. Siehst du, nu kannst du schon wieder lächeln; wir zwei beide haben uns immer gut verstanden.

LENE. Ja, ja.

HERMANN. Darum möchte ich dir auch jetzt gerne helfen.

LENE. Ach ja, bitte, bitte!

HERMANN. Aber die Geschichte ist nicht so leicht. Du bist ihm doch nu einmal verlobt.[137]

LENE. Ja, freilich.

HERMANN. Am einfachsten wäre es schon, du gingst zu ihm hin und sagtest ihm, daß es dir nicht mehr paßt.

LENE. Nein, nein, das nich!

HERMANN. Das nicht?

LENE. Das krieg' ich nich fertig! Nich um die Seligkeit!

HERMANN. Dann bleibt nichts andres übrig, dann muß er kommen und sagen, es paßt mir nicht mehr.

LENE. Aber das tut er ja nich! Das tut er ja im Leben nich!

HERMANN. Habt ihr euch schon geküßt?

LENE senkt schamvoll das Haupt.

HERMANN. Mir kannst du's ja sagen.

LENE leise flüsternd. Er – mich.

HERMANN. Hm –

LENE leise flüsternd. Und da – is mir doch gewesen – als müßte ich gleich des Todes sein.

HERMANN. Na ja, du liebst ihn nu mal nich; dafür kannst du nicht und darum mußt du aus der Geschichte 'raus, das ist klar. Dann gibt's nur ein Mittel, daß er dich wieder losläßt: e muß denken, daß du einen andern liebst.[138]

LENE. Ach – wissen Sie –

HERMANN. Na?

LENE. Ne – das kann ich Ihnen nich sagen.

HERMANN. Vor mir darfst du aber doch jetzt keine Heimlichkeiten haben.

LENE. Es is ja auch wahr – ich – liebe ja einen.

HERMANN. So?

LENE bricht in Tränen aus. Aber der is nun gegangen und will – von mir nichts mehr wissen.

HERMANN. Der Ilefeld? Nicht wahr? Den er eben weggeschickt hat.

LENE. Hat er ihn denn weggeschickt? Ich denke, er is freiwillig jegangen?

HERMANN. Na, soviel hab' ich gehört, daß er ihm gesagt hat: nun will ich Sie nicht einen Tag länger bei mir haben.

LENE. Sehn Sie, mir is doch auch gewesen, als hätte ich so etwas gehört.

HERMANN faßt sie unters Kinn. Ein bißchen gehorcht? Hm?

LENE. Rein durch'n Zufall bin ich dazugekommen, wie sie hier sprachen, und dann bin ich zurückgegangen und dann hab ich's gehört; er sprach so laut.[139]

HERMANN. Ja, er schien ganz fuchswild. Dann wird es der Ilefeld ihm wohl gesagt haben, daß ihr euch gut seid.

LENE. Ach – meinen Sie?

HERMANN. Ich weiß nicht, aber warum soll er denn sonst so wütend auf ihn gewesen sein?

LENE. Und deshalb ihn weggeschickt? Das wär' doch aber nich recht.

HERMANN. Ja nu – wenn jemand verliebt ist, dann ist er auch eifersüchtig.

LENE. Der arme Mensch – der arme Mensch – und mir hat er gesagt, daß er freiwillig ginge.

HERMANN. Dann wird's freilich nichts helfen, wenn du ihm sagst, daß du den Ilefeld lieb hast, dann läßt er dich erst recht nicht los. Dann mußt du dir was anderes ausdenken.

LENE. Aber was denn nur – was denn nur?

HERMANN geht, scheinbar in Gedanken versunken, im Zimmer auf und ab, bleibt dann vor ihr stehen und sagt, halb scherzenden Tones. Ein Mittel gäbe es noch und das hilft – soll ich dir's sagen?

LENE blickt ihn erwartungsvoll an.

HERMANN. Du gehst mit mir durch.

LENE. Wie – –?[140]

HERMANN leicht lachend. Na ja, du läufst ihm davon, und ich gehe mit, dann bildet er sich ein, du bist in mich verliebt.

LENE sieht ihn verdutzt an. Aber –

HERMANN. Und darin ist er komisch, siehst du: sobald er das denkt, läßt er dich 'raus.

LENE. Aber – das is doch nur – gespaßt?

HERMANN. Ne, warum denn? Wär's denn so unglaublich, daß du mir ein bißchen gut wär'st?

LENE. Is denn das – wirklich Ihr Ernst?

HERMANN. Was denn sonst?

LENE. Ich verstehe aber noch gar nich –

HERMANN. Ist doch aber einfach genug: ich bringe dich nach Berlin und da miete ich dir 'ne Wohnung und da wohnst du dann so lange.

LENE. So – lange?

HERMANN. Bis dein Ilefeld eine andere Stelle hat; und dann könnt ihr euch heiraten.

LENE fährt freudig auf. Ach wahrhaftig!

HERMANN. Na ja, siehst du, man muß die Dinge nur von allen Seiten ansehn.[141]

LENE. Das sieht wirklich aus, als könnt's was werden.

HERMANN. Freilich wird's was werden.

LENE mit einem Seufzer. Aber – es jeht doch nich.

HERMANN. Geht nicht?

LENE. Ne, ne.

HERMANN. Warum denn nicht?

LENE. Ich kann's nich so sagen – es – kommt mir so komisch vor.

HERMANN. Ein bißchen Courage gehört natürlich dazu.

LENE. Aber – ich schäme mich so. Sie bedeckt ihr Gesicht mit beiden Händen.

HERMANN. Na – wenn du nicht willst – ich werde dir nicht zureden. Er geht im Zimmer, scheinbar ärgerlich, auf und ab.

LENE. Ich – meine ja nur –

HERMANN. Ne, wie gesagt – ich hab dir helfen wollen, weil du mir leid getan hast; aber wenn du nicht willst – na, dann ist gut Schwamm drüber.

LENE. Ich –

HERMANN zieht die Uhr. Ich muß sowieso ins Kontor. Er geht an die Tür, ergreift die Klinke, als wollte er abgehen. In vierzehn Tagen also ist die Hochzeit?[142]

LENE mitten auf der Bühne stehend, bricht in hilfloses Weinen aus.

HERMANN wendet von der Tür her das Haupt zu ihr. Na –?

LENE. Wenn Sie auch gehn – denn habe ich ja niemanden mehr.

HERMANN kommt zu ihr zurück. Da hast du recht.

LENE. Und wenn Sie meinen – daß es – wirklich gar nich – anders jeht –

HERMANN. Ich hab' dir doch alle Möglichkeiten vorgerechnet.

LENE. Ja, ja – und denn – Sie fährt in plötzlichem Schreck auf. ach, du Herrjott – ne! Das hatt' ich ja ganz vergessen!

HERMANN. Was ist denn nu wieder?

LENE sieht ihn voller Angst an. Die ganze Geschichte jeht ja nich – meine Mutter –

HERMANN. Was is denn mit deiner Mutter?

LENE. Weil er doch versprochen hat, wenn ich ihn heirate, denn wollte er meiner Mutter Geld geben, damit daß sie ins Bad reisen und jesund werden kann – und nu – wenn ich nu davonjehe – Sie sinkt in dumpfer Mutlosigkeit auf einen Stuhl. nu is es aus – nu is alles aus.

HERMANN in dessen Gesicht ein heißes Leuchten aufgeht, tritt hinter ihren Stuhl. Das hat er dir versprochen? Na, dann will ich dir mal was sagen, Lene: deine Mutter soll auch so ins Bad gehn können.[143]

LENE fährt mit dem Kopfe auf. Wie?!

HERMANN. Wenn er das Geld nicht gibt, dann gibt's ein andrer, dann tu' ich's.

LENE springt auf. Sie?

HERMANN. Und wenn's das erstemal nicht hilft, dann fürs nächste Jahr auch; dazu hab' ich's noch, Gott sei Dank.

LENE. Das woll'n Sie? Das woll'n Sie tun? Sie greift nach seinen Händen.

HERMANN gutmütig lachend. Was ist denn da dabei?

LENE. Und – bloß so?

HERMANN. Bloß, damit du siehst, daß ich nicht so schlimm bin, wie ich aussehe.

LENE sieht ihm staunend ins Gesicht. Herr Hermann – das hätt' ich nich von Ihnen gedacht – Sie – sind ja gut?

HERMANN schließt sie lachend in die Arme. Siehst du, nun könnt' ich dir ganz gut einen Kuß geben, aber nu tu' ich's nicht; weil du sonst wieder denkst, ich wollte was dafür haben.

LENE überlegt einen Augenblick, dann hebt sie das Haupt. Ach – Sie reicht ihm den Mund zum Kusse.

HERMANN küßt sie auf den Mund. Na – so: hat's weh getan?

LENE schüttelt schamhaft lächelnd den Kopf.[144]

HERMANN läßt sie los. Nu aber Schluß! Morgen früh vier Uhr kommt der Stettiner Zug hier durch, mit dem fahren wir nach Berlin.

LENE. Morgen früh –?

HERMANN. Ja natürlich; die Wände haben Ohren; wenn wir uns nicht beeilen, kriegen sie's heraus und halten uns fest. Du schläfst mit deiner Mutter in einem Zimmer?

LENE. Ja.

HERMANN. Also mußt du dich heut abend ins Bett legen und warten, bis Mutter eingeschlafen ist. Schläft sie fest?

LENE. Ne, sie wacht oft auf.

HERMANN. Hm –

LENE. Und überhaupt – sie schläft so schwer ein – nie vor Mitternacht.

HERMANN. Solange also mußt du liegen bleiben; und dann, wenn sie eingeschlafen ist, stehst du ganz sachte auf und gehst aus dem Zimmer.

LENE. Und dann warte ich im Vorderzimmer? Bis daß es Zeit wird für die Eisenbahn?

HERMANN. Ja – dann treffen wir uns auf dem Bahnhof.

LENE. Ja, ja.[145]

HERMANN. Aber da fällt mir ein, so geht's nicht. – Denn sieh mal, wenn du im Vorderzimmer sitzt und sie aufwacht und dich sucht und dich vorne findet, dann holt sie dich zurück.

LENE. Ja, ja – – denn werde ich lieber gleich bis halb viere liegen bleiben und denn erst aufstehn?

HERMANN. Das geht aber auch nicht; denn es wär' doch möglich, siehst du, daß sie aufwacht, wenn du aufstehst, und dann fragt sie dich und hält dich fest und dann verpaßt du den Zug.

LENE. Wie soll ich's denn aber denn nur machen?

HERMANN. Sobald du aufgestanden bist, mußt du aus dem Hause gehn – dann findet sie dich nicht, wenn sie dich sucht.

LENE. Die arme Frau –

HERMANN. Das hilft nu nicht.

LENE. Es is doch nich recht –

HERMANN. Wird ja alles wieder gut, wenn ich ihr das Geld für die Badereise gebe.

LENE. Ach Jott – ja.

HERMANN. Aber – nu heißt's überlegen – wo du unterdessen bleibst? Auf der Straße kannst du doch nicht bleiben? Und im Garten auch nicht. – Schlägt sich vor die Stirn. na, so dumm – da sieht man wieder mal den Wald vor Bäumen nicht –[146]

LENE. Wie denn?

HERMANN. Ganz einfach: du kommst zu mir 'rauf in mein Zimmer.

LENE. In Ihr – Zimmer?

HERMANN. Na ja natürlich; da sucht dich niemand; und dann gehn wir zusammen nach der Eisenbahn.

LENE seufzt schweigend tief auf.

HERMANN. Ich erwarte dich; ich lege mich überhaupt gar nicht erst schlafen.

LENE hat das Gesicht mit beiden Händen bedeckt.

HERMANN. Na?

LENE. Aber – wie – kann ich denn das –?

HERMANN. Herrgott, was da nun wieder dabei ist! Ob du dich hier mit mir unterhältst oder auf meinen. Zimmer, ist das ein Unterschied?

LENE. Aber so – in der Nacht –

HERMANN. Na ja – wenn du dich wieder fürchten willst, dann laß man die ganze Geschichte bleiben; das hätt'st du mir gleich sagen können! Er geht auf und ab.

LENE geht ihm nach. Sei'n Sie doch man nich böse – es is jewiß recht dumm von mir – Sie – sind ja janz anders – als ich gedacht hatte.[147]

HERMANN. Entschließen mußt du dich nu aber; ja oder nein?

LENE. Und – anders – jeht es nich –?

HERMANN. Wie oft soll ich denn dieselbe Geschichte sagen?

LENE nach einem letzten, schweren inneren Kampfe, abgewandten Gesichts. Also – es – is gut.

HERMANN faßt mit heißem Griff ihre Hand. Du kommst?

LENE leise hauchend. Ja.

HERMANN. Und nu laß die dumme Angst sein!

LENE. Ja – ja – Sie wendet sich zur Tür links, bleibt an der Tür noch einmal unschlüssig stehn, kommt noch einmal angstvollen Blickes zurück. Es – is doch – ich Sie steht mit ringender Brust, richtet sich dann auf. nein – nein – 's is gut – ich komme.


Sie wendet sich abermals zum Abgang.

Der Vorhang fällt.


Ende des dritten Aktes.


Quelle:
Ernst von Wildenbruch: Gesammelte Werke. Band 10, Berlin 1911–1918, S. 135-148.
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