Sechster Auftritt

[115] Juliane erscheint in der Tür rechts.


AUGUST bleibt stehen. Lenchen, ängstige dich nicht; ich tu dir nichts. Aber – tu den Schmuck ab – willst du?

LENE reißt hastig die Kette ab. Ja ja –

AUGUST. Nur versteh mich recht; ich mache dir keine Vorwürfe, Lenchen, ich befehle dir nicht – ich meine nur – es ist besser, wenn du es tust.[115]

LENE. Ja, jawohl – da is sie. Sie streckt ihm die Kette zu.

AUGUST nimmt die Kette aus ihrer Hand, streckt sie Hermann zu. Du hörst – sie will deine Kette nicht.

HERMANN steckt die Hände in die Hosentaschen. Sie will nicht; du möchtest es so gerne, aber sie will nicht! Unglaublich, solch ein Trotzkopf!

AUGUST. Sie wollte von Anfang an nicht; du hast sie ihr aufgenötigt.

HERMANN. Sehn Sie, Onkel Ale, warum haben Sie sie nicht behalten? Nun ist das Unglück fertig; nun hab' ich sie ihr aufgenötigt!

AUGUST. Nimm deine Kette zurück.

HERMANN. Sie gehört Onkel Ale.

AUGUST. Schmalenbach – ich denke, es wird Zeit, an die Arbeit zu gehn?


Die Fabrikglocke läutet hinter der Szene.


ALE. Jawohl – da läutet's ja schon – Er geht an die Gartentür; wendet sich dort. Hätt' ich's doch nu bald verjessen: es is von wegen dem Ilefeld, daß ick jekommen bin.

AUGUST. Paul Ilefeld?

ALE. Indem daß er Ihnen sprechen wollte, Herr Aujust.

AUGUST. Er soll kommen.

ALE. Is jut, Herr Aujust. Ab nach dem Garten.[116]

AUGUST an sich haltend, zu Hermann. Ich sage nun noch einmal: nimm deine Kette zurück.

HERMANN. Ich werde doch meiner Schwägerin ein Brautgeschenk machen dürfen?

AUGUST. Sie braucht kein Brautgeschenk von dir.

HERMANN. Dann kann sie's als Hochzeitsgeschenk behalten.

AUGUST. Nimm deine Kette zurück!

HERMANN. Geschenke nimmt ein anständiger Mensch nicht zurück.

AUGUST furchtbar losbrechend. Nimm deine Kette zurück!!

HERMANN stutzt und fährt unwillkürlich zusammen, steht einen Augenblick in verbissenem Trotz, tut dann einen Schritt, reißt die Kette aus Augusts Hand an sich, steckt sie mit einem bösen Lachen in die Hosentasche und geht auf die Treppe hinaus.

LENE bricht in Tränen aus. Ich – hatte mir ja – wirklich nichts Böses bei gedacht.

AUGUST. Das weiß ich, Lenchen; ich bin dir auch nicht böse. Weine nicht, Lenchen – hör' mich doch an – ich bin ja nicht böse auf dich – weine doch nicht so. Er blickt in ratloser Trauer auf Lene.


Pause.


AUGUST. Lenchen, ich will dir was sagen: geh jetzt zu deiner Mutter hinüber; willst du?

LENE wischt die Tränen ab. Ja – danke!

AUGUST. Und nachher kommst du wieder?[117]

LENE. Ja, jawohl – danke! Sie läuft nach dem Garten ab.

AUGUST blickt ihr nach, dann wendet er sich, dabei fällt sein Blick auf Juliane. Er streift sie mit einem Blick, schüttelt das Haupt und geht langsam vorn links ab.

HERMANN kommt über die Treppe in das Zimmer nach vorn, sieht sich um. Ist er weg? Er wirft sich auf das Sofa. Hahahahaha!

JULIANE ohne ihn zu beachten, blickt in den Garten hinaus.

HERMANN. Nun haben Sie wohl nichts mehr dagegen, wenn ich ein bißchen lache?

JULIANE setzt sich müde auf einen Stuhl an der Tür. Wenn das, was Sie hier gehört und gesehen haben, es Ihnen nicht verbietet, dann lachen Sie nur.

HERMANN. Das, was ich hier gehört und gesehen habe, ist der Blödsinn.

JULIANE macht eine stumme Bewegung.

HERMANN. Der haarsträubende, skandalöse Blödsinn.

JULIANE. Hermann –

HERMANN. Wenn ein Mensch in solchen Jahren sich in ein Fabrikbalg verliebt, das seine Tochter sein könnte – na, meinetwegen – Menschen sind wir alle. Wenn aber solch ein Mensch, der aus allen Poren Weisheit schwitzt, wie ein dummer Junge der von der Welt, vom Leben und von den Menschen nichts versteht, in die Geschichte hineinrennt und solch ein Frauenzimmer heiratet, dann gibt's dafür nur einen Ausdruck: Blödsinn! Blödsinn! Blödsinn![118]

JULIANE. Aber wenn er das Mädchen mißbraucht und verführt und unglücklich macht, das ist dann in der Ordnung? Nicht wahr?

HERMANN. Ist sie jetzt vielleicht glücklich?

JULIANE senkt das Haupt.

HERMANN. Na ja – tun Sie mir den Gefallen. Eine wandelnde Tränendrüse! Wie ein Huhn, das man hypnotisiert hat, läuft sie herum! Und dazu diese Verwandtschaft! Dieser Onkel Lumpenfaktor, der in der ganzen Fabrik 'rumposaunt, daß er nächstens unser Kompagnon wird! Ein Skandal! Ein Skandal!

JULIANE. Ich kann es nicht mit anhören, wie Sie von Ihrem Bruder sprechen.

HERMANN. Herrgott – Sie werden mich doch nicht glauben machen wollen, daß Sie anders über die Sache denken?

JULIANE. Sie sollten mich lieber nicht fragen, wie ich denke.

HERMANN. Bitte, genieren Sie sich nicht.

JULIANE. Denn Sie sind ja ganz unfähig, einen Menschen, wie Ihren Bruder, zu beurteilen; solch ein – großes – edles Herz –

HERMANN. Natürlich. Aber wissen Sie, in unserer Zeit gelten die Köpfe mehr als die Herzen, und wenn das große, edle Herz mit einem Kopf, der graue Haare bekommt, durchgeht, lacht man das große, edle Herz einfach aus; und zwar gehörig!

JULIANE. Und wenn ich wirklich Ihrer Ansicht wäre, daß Ihr Bruder einen Irrtum begangen hat, – so würde ich sagen – Sie bricht ab.[119]

HERMANN. Kommen Sie nur 'raus mit Ihren Bonbons.

JULIANE. Daß es nichts Traurigeres gibt, als einem Menschen recht geben zu müssen, den man – Sie bricht wieder ab und wendet das Haupt.

HERMANN steht auf. Und so weiter – dankend für den Rest quittiert. Aber da ich sehe, daß Sie mit mir einverstanden sind, so werden Sie es begreiflich finden, wenn ich von jetzt an die Kuratel über meinen Vormund übernehme.

JULIANE. Was wollen Sie damit sagen?

HERMANN. Es soll doch schon vorgekommen sein, daß Leute sich verlobt, nachher aber noch lange nicht geheiratet haben.

JULIANE. Sie wollen dazwischen treten?

HERMANN. Dazwischen treten – ich werde mich hüten, solchem Verserker entgegenzutreten.

JULIANE blickt ihn langsam an. Ich glaube wirklich – Sie könnten sich in acht nehmen.

HERMANN. Na gewiß.

JULIANE. Aber – Sie wollen irgend etwas tun.

HERMANN. Vielleicht.

JULIANE. Aber was?

HERMANN mit bösem Lächeln. Damit Sie's ihm hübsch wiedererzählen können?[120]

JULIANE qualvoll sinnend. Sie – wollen ihm sagen, daß das Mädchen den Ilefeld geliebt hat!

HERMANN. Ach sehn Sie mal, das hatte ich ja noch gar nicht gewußt?

JULIANE für sich. O –

HERMANN. Aber ich bin Ihnen dankbar; das ist schätzbares Material.

JULIANE. Aber Sie dürfen ihm das nicht sagen! Das – wäre eine Infamie!

HERMANN. Hopp, hopp –

JULIANE. Das ist jetzt zu spät! Er hat sich mit ihr verlobt, er liebt sie über alle Maßen; ihm jetzt das sagen, hieße, ihm Ruhe, Glück und Frieden stehlen!

HERMANN. Beruhigen Sie sich nur; ich wollte Ihnen bloß ein Geschichtchen erzählen: sehen Sie, als ich auf der Schule war, war da ein Junge, dem seine Eltern eine Uhr geschenkt hatten; eine ganz gemeine Tombakuhr. Aber der Dummkopf dachte, es wäre Gold und war wie vernarrt in seine Uhr. Da war es nun für mich ein Hauptspaß, als ich mir eines Tages einen Probierstein verschaffte und ihm darauf bewies, daß seine goldne Uhr von Tombak war.

JULIANE. Und damit verleideten Sie ihm seine Freude.

HERMANN. Aber gründlich.

JULIANE. Und das machte Ihnen Vergnügen.[121]

HERMANN. Na ob – von dem Tage an schmiß er seine Uhr in die Ecke und sah sie nicht mehr an.

JULIANE steht langsam auf. Was soll die häßliche Geschichte?

HERMANN. Häßlich? Aber wahr. Sehen Sie, es gibt ausgewachsene Männer, die eigentlich nichts weiter sind, als große Jungen. Die jeden gewöhnlichen Tombakmenschen für einen Goldmenschen halten, namentlich wenn er ein Arbeiter ist und einen schlechten Rock trägt und schmierige Hände hat – ja ja, die schmierigen Hände – sehen Sie, es gibt unter den Menschen zwei Klassen: die einen putzen sich die Nägel, das sind die Niederträchtigen, die Kanaillen – die andern lassen es bleiben, das sind die Edlen, die Guten – das ist die Weltanschauung unseres »Herrn Aujust«. Die Anschauung ist ja erhaben – natürlich – sie hat nur einen kleinen Fehler: nämlich, daß sie lächerlich ist. Und ich gehöre nun einmal zur Klasse der Niederträchtigen, und sehen Sie, da würde es mir nun ein niederträchtiger Spaß sein, ihm zu zeigen, daß seine Goldmenschen von Tombak sind; ihn so mit der Nase drauf zu stoßen, verstehen Sie, daß seine Nase eine Beule behält fürs Leben, die ihn jeden Tag daran erinnert, daß er ein Narr gewesen ist mit seiner schönen Theorie; daß die Menschen so sind, wie sie sind, und nicht, wie er sie sich zurechtgemacht hat in seiner verrückten Phantasie!

JULIANE. Hermann – ich weiß nicht, was Sie vorhaben und werde aus Ihren Worten nicht klug; das eine aber fühle ich, daß Ihr Bruder einen Irrtum beging, als er Sie hier festhielt.

HERMANN. Kommen Sie endlich dahinter?

JULIANE. Ich wußte es schon früher und habe es Ihrem Bruder gesagt.

HERMANN. Aber nicht energisch genug! Sonst wäre er von seinem Wolkenpferd abgestiegen und zur Erde heruntergekommen! Diese[122] Idealisten! Diese Gerechtigkeitsfanatiker, die die eine Hälfte der Menschen tottrampeln, damit die andere leben kann! Es gibt gar keine größere Pest für die Welt, als diesen sogenannten Idealismus!

JULIANE sieht ihm ins Gesicht. Ich habe es ihm gesagt, denn mir ahnte damals, was ich jetzt weiß: er hat sich einen gefährlichen Menschen an sein Leben gesetzt. Sie geht rasch nach links vorne ab.

HERMANN geht auf und nieder, vor sich hinlachend. Ans Leben gesetzt – als wenn sie von einem Blutegel spräche!


Quelle:
Ernst von Wildenbruch: Gesammelte Werke. Band 10, Berlin 1911–1918, S. 115-123.
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