Siebenter Auftritt

[123] August und Ilefeld kommen aus dem Garten.


HERMANN blickt hinaus. Da kommen ja die beiden Liebhaber; hm – wäre doch interessant, zu erfahren, was die miteinander zu verhandeln haben. Er geht nach rechts ab.


August und Ilefeld treten über die Treppe in das Zimmer ein.


AUGUST. Na, Ilefeld, was haben Sie mir zu sagen?

ILEFELD. Herr Aujust – ick wollte um meine Entlassung jebeten haben.

AUGUST. Was?!

ILEFELD. Heute is jrade der funfzehnte – also zum nächsten Ersten vom Monat.

AUGUST. Ilefeld? Sind Sie bei Trost?

ILEFELD. Ja, Herr Aujust.[123]

AUGUST. Nun setzen Sie sich mal zunächst. – Rückt zwei Stühle, setzt sich.

ILEFELD bleibt am Stuhle stehn. Danke schön. –

AUGUST. Setzen Sie sich, sag' ich; lassen Sie uns vernünftig miteinander reden.

ILEFELD setzt sich ihm gegenüber, seinen Blick vermeidend.

AUGUST. Sie wollen kündigen, Ilefeld?

ILEFELD. Ja, Herr Aujust.

AUGUST. Ilefeld – was ist los?

ILEFELD halblaut. Was soll denn weiter los sein?

AUGUST. Wie lange sind Sie jetzt in der Fabrik?

ILEFELD. Das werden nu so an die drei Jahre sein.

AUGUST. Waren Sie zufrieden die Zeit über?

ILEFELD. Ja, Herr Aujust.

AUGUST. Sind Sie vorangekommen in der Zeit?

ILEFELD. Ja, Herr Aujust.

AUGUST. Wieviel verdienen Sie täglich?[124]

ILEFELD. Täglich an die sechs Mark.

AUGUST. Ist das zu wenig, Ilefeld?

ILEFELD. Ne, Herr Aujust, das is nicht zu wenig.

AUGUST. Glauben Sie, daß Sie woanders mehr verdienen?

ILEFELD. Ne, Herr Aujust.

AUGUST. Sind Ihnen Anerbietungen von woanders her gemacht? Wollen Sie an eine andere Fabrik?

ILEFELD. Ich weeß noch jar nich, wohin daß ich jehe.

AUGUST. Na? Und –?

ILEFELD. Ja, Herr Aujust.

AUGUST springt auf. Da hört doch alles auf!

ILEFELD ist gleichzeitig aufgestanden.

AUGUST. Aber zum Donnerwetter, warum wollen Sie fort?

ILEFELD. Bloß so –

AUGUST. Das ist Quatsch!

ILEFELD. Es sieht so aus – is ja war – aber – es jeht nich anders.[125]

AUGUST. Es geht nicht anders – was das für Redensarten sind! Ein vernünftiger Mann, wie Sie, sollte sich schämen, so etwas zu sagen!

ILEFELD. Jott, sehn Sie, Herr Aujust, wie soll ick's Ihnen sagen – ick könnte nich mehr so wie früher in Ihre Fabrike arbeiten.

AUGUST. Ihr Handwerk werden Sie doch nicht von gestern zu heute verlernt haben.

ILEFELD. Das nich – aber verstehn Sie – so mit Lust und Verjnügen.

AUGUST tritt dicht an ihn heran. Ilefeld – sehn Sie mich mal an – Sie wissen doch, daß Sie mir trauen können – haben Sie sich was zuschulden kommen lassen? Haben Sie ein schlechtes Gewissen?

ILEFELD. So wahr Jott im Himmel lebt – ne!

AUGUST. Na aber dann – ist Ihnen hier was zuleide getan worden?

ILEFELD macht eine Bewegung.

AUGUST. Sprechen Sie doch. Hat man Ihnen ein Unrecht getan?

ILEFELD läßt den Kopf sinken. Ein – Unrecht – das kann ich nich sagen – ne – ein Unrecht hat man mir nich getan.

AUGUST. Ein Unrecht nicht – aber sonst etwas?

ILEFELD wendet das Haupt, spricht in sich hinein. Das kann ich ihm doch nich sagen – dazu hab' ich doch kein Recht, daß ich ihr das Ilück verjifte.[126]

AUGUST. So reden Sie doch.

ILEFELD preßt mühsam heraus. Ne – es hat mir niemand nischt getan.

AUGUST. Also bloß, weil's Ihnen nicht mehr paßt?

ILEFELD nach abermaligem, innerem Kampf. Na ja – es paßt mir nich mehr.

AUGUST geht zornig auf und ab. Da haben wir's! Hundertmal hab' ich mich auslachen lassen, wenn ich der einzige gewesen bin, der es bestritten hat, daß bei den Arbeitern heutzutage nicht Treu' noch Glauben mehr wäre – und nun muß ich's erleben, daß die da draußen doch recht gehabt haben!

ILEFELD zerdrückt die Stuhllehne zwischen den Händen. Herr Aujust –

AUGUST. Aber daß Sie es sein würden, der mir die Lehre gibt, das hätte ich nicht gedacht!

ILEFELD. Sie werden ja leicht einen anderen Büttjesellen finden, Herr Aujust, und vielleicht auch 'nen billigeren.

AUGUST. Schämen Sie sich, daß Sie mir so etwas sagen! Gibt's zwischen Arbeiter und Arbeitgeber also kein anderes Band mehr, als das Geld? Da schafft man für seine Fabrik, da bildet man sich ein sie würden dahinterkommen, die Leute, daß einen anderen Zweck hat, als nur Geld zu verdienen; daß das ein Werk ist, dem man um des Werkes willen dient, eine Lebensgemeinschaft – denn so habe ich Euch angesehen – als meine Genossen – so habe ich Euch behandelt – ist das wahr oder ist es nicht wahr?

ILEFELD. Ja, Herr Aujust – das is wahr.[127]

AUGUST. Und das sag' ich Euch, Ihr seid auf schlechtem Weg ihr Arbeiter, wenn Ihr so weiter macht, wie jetzt, wenn Ihr die Arbeit nur als eine Waffe gebraucht, zu Eurem eigenen Vorteil! Arbeit erbaut die Welt; darum muß man sie um ihrer selbst willen tun, darum muß man sie lieben!

ILEFELD. Is wahr –

AUGUST. Und Sie – wenn ich Sie an Ihrer Bütte habe stehn sehn – mit der Schöpfform in der Hand – daß die Filze nur so flogen – na, hab' ich mir gedacht, das ist mal einer, der hat seine Bütte lieb!

ILEFELD. Das is wahr –

AUGUST. Ah – jetzt glaub' ich Ihnen nicht mehr.

ILEFELD. Herr Aujust – als wär' ick mit ihr verheirat' jewesen, mit meine Bütte – so is es jewesen!

AUGUST. Und da lassen Sie sie stehn, damit irgendein anderer darüber herkommt? Was soll ich der Bütte denn sagen, wenn sie nach Paul Ilefeld fragt?

ILEFELD setzt sich schwer nieder, wischt sich mit der Hand die Augen. Herrjott – Herrjott – Herrjott –


Pause.


ILEFELD steht auf. Is jut, Herr Aujust – ick bleibe.

AUGUST tritt auf ihn zu, ergreift ihn bei der Hand. Na sehn Sie, das ist recht.

ILEFELD. Eh', daß Sie so von mir denken –


Quelle:
Ernst von Wildenbruch: Gesammelte Werke. Band 10, Berlin 1911–1918, S. 123-128.
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