Vierter Auftritt

[247] Elisachar von links zu den vorigen.


LOTHAR.

Wir werden sehen was die Zeit uns bringt!

Hier kommt der Schreibefinger Kaiser Ludwigs,

Kanzler Elisachar.

LUDWIG.

Ihr wart beim Kaiser?

ELISACHAR.

Ja, mein gnäd'ger Herr.

MATFRIED UND HUGO.

Nun, was bespracht Ihr?

ELISACHAR.

Edle Herren, erlaubt –

LOTHAR.

Ja, diese Herren sind zu ungestüm.

Von andrem laßt uns plaudern. Kanzler sagt,

Ihr wißt mit Pergamenten umzugehen –

LUDWIG.

Wo führt das hin?

LOTHAR.

Wenn auf ein Pergament

Ich gestern schrieb, was heute mich gereut,

Wißt Ihr's wie man sich Ruhe schafft dafür?

ELISACHAR.

Ist's weiter nichts, als nur ein Pergament,

Nun, so vernichtet man's.

LOTHAR.

Sehr wahr gesprochen.

Doch wenn es mehr ist als ein Pergament,[247]

Wenn das Geschriebene festgeankert liegt

Mit heil'gem Eidschwur an dem Grund des Rechts,

Wie schafft man solch Versprechen aus der Welt?

ELISACHAR.

Kein redlich Mittel kenn' ich, Herr, dafür.

LOTHAR.

Und wenn zu Aachen Kaiser Ludwig einst

Sein Reich verteilte unter die drei Söhne,

Die ihm die blonde Irmengard gebar –

HUGO.

Ja, Irmengard ist tot und Judith lebt.

LUDWIG.

Doch ihre Söhne leben.

MATFRIED.

Judiths Sohn lebt auch.

LOTHAR.

Wenn er nach Worms den Reichstag dann beruft,

Ratschläge hält mit Geistlichen und Herrn –

Welch Mittel sann er aus, ich will es wissen,

Daß ihn zu Worms der Eidschwur nicht mehr hält,

Der ihn zu Aachen band? Liegt dieses Worms

Auf anderem Planeten denn als Aachen?

Gilt hier ein ander Menschenrecht als dort?

ELISACHAR.

Schmäht Euren Vater nicht, sein weiches Herz

Ringt bitterlichen Kampf, von zwei Gewalten

Heiß angefallen: An dem Tag zu Aachen

Verteilt' er unter Euch das Reich der Franken

Und »Amen« schrie das Volk, »so soll es sein«.

HUGO.

Auf ewig soll es sein, so rief das Volk.[248]

ELISACHAR.

Auf ewig, ja. Gesprochen war das Wort,

Doch Irmengard ging hin und Judith kam.

LOTHAR.

Fluch sei dem Tage!

ELISACHAR.

Und statt dreier Söhne

Zählt Kaiser Ludwig vier.

LOTHAR.

Und dieser vierte

Er ist zu viel!

LUDWIG.

Wahr ist's. Wo Raum für drei ist,

Da ist nicht Platz für vier.

ELISACHAR.

Doch Kaiser Ludwig,

Wie er Lothar, Pipin und Ludwig liebte,

So liebt er Karl.

LOTHAR.

Unwahr gesprochen, Kanzler,

Den Nachgebornen liebt er mehr als uns.

LUDWIG.

Und Karl zuliebe will er neu verteilen?

LOTHAR.

Kanzler Elisachar, Ihr seid ein Mann,

Der Ludwigs Herz, dies große Meer der Launen,

Öfter befuhr und besser kennt als wir

Welche der Stimmen wird in seiner Brust

Die Macht behalten: Ehre, Pflicht und Recht?

Oder das lüstern buhlende Geflüster

Erhitzter Sinne?

ELISACHAR.

Nennt Ihr so die Liebe,

Die er zu Judith hegt?[249]

LOTHAR.

Geht mir mit Liebe!

Ein alter Mann bei einem jungen Weib –

LUDWIG.

Sprich nicht von unsrem Vater so, ich will nicht.

LOTHAR.

Welche der Stimmen? Sagt!

ELISACHAR.

Ich weiß es nicht.

LUDWIG.

So wär' es möglich –

ELISACHAR.

Aber dieses weiß ich,

Daß wer ein Schwert im Frankenreiche trägt

Und wer den Krummstab fuhrt der heil'gen Kirche,

Ihm sagen wird: bleib deinem Worte treu.

LOTHAR.

Ist das gewiß?

ELISACHAR.

Ich kenne die Gemüter

Von Volk und Geistlichkeit; es ist gewiß.

LOTHAR.

Dann steht es gut. –

Wohlan, Ihr fränk'schen Herren,

Ihr wart dabei, als er auf unsre Häupter

Die Kronen der drei Königreiche setzte.

Soll nun die Tochter Welfs, die kecke Judith,

Zerbrechen unsre Kronen und die Zacken

Hinwerfen in den Schoß dem Buben Karl?

HUGO.

Solang' ich lebe nicht!

MATFRIED.

Sie soll es nicht!


Bernhard, der bisher schweigend unter den übrigen gestanden hat, geht in den Hintergrund und dann nach dem Garten ab.
[250]

LOTHAR.

Wohlan – hier stehn die Söhne Irmengards,

Wer ist für sie?

ALLE.

Wir alle!

LOTHAR.

Wer für Judith?


Tiefe Stille.


LUDWIG.

Wer war der Herr, der eben uns verließ?

ELISACHAR.

Wen meint Ihr, König Ludwig?

LUDWIG.

Ein Gesicht,

Das ich noch nie am Hof des Kaisers sah.

LOTHAR.

Ich gab nicht acht; er ging?

LUDWIG.

Ja, eben jetzt,

Da du die Herren frugst: wer ist für uns.

LOTHAR.

So laßt uns sehn –


Geht auf den Garten zu.


Quelle:
Ernst von Wildenbruch: Gesammelte Werke. Band 7, Berlin 1911–1918, S. 247-251.
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