Achter Auftritt

[346] Abdallah erscheint in der Zeltpforte.


ABDALLAH.

Hier ist Abdallah! – Wer verlangt nach ihm?

BERNHARD.

Schleichender Hund!

ABDALLAH.

Bernhard, was schmähst du mich?

Da du mir danken solltest! – Dort sieh hin –

Pünktlich, wie du befahlst, ist er gekommen,

Der Tod, den ich aus Afrika berief. –

RUDTHARDT.

Wem schufst du Tod?

OTTGAR.

Wer gab dir Auftrag?

ABDALLAH.

Wißt:

Nicht in dem dunklen Schoße der Natur,

Im Hirn des Menschen ward der Keim geboren,

Der dieses Leben tödlich überwuchernd,

Zu Tod den Kaiser streckte. – – Dieser da –

Bernhard von Barcelona ist der Mann –

RUDTHARDT wütend.

Nieder den Kaisermörder!

ALLE.

Nieder! – Nieder! –

JUDITH.

Sag, daß sie dich verleumden, Bernhard![346]

ABDALLAH mit gellender Stimme.

Ach!

Die Buhle hört, die für den Buhlen spricht!

JUDITH sinkt am Sessel des Kaisers nieder, ihr Gesicht in die Hände gedrückt.

KARL.

Schurke! Ergreift den Mauren, schleppt ihn fort!

Gebt ihm zehnfachen Tod. –

ABDALLAH.

Hamatelliwa,

Du bist gerächt, nun lache ich des Todes!


Abdallah wird abgeschleppt, kurze Pause.


KARL.

Ich weiß, es ist nicht einer unter Euch,

Der glauben könnte – –

LOTHAR.

Nein, doch nach dem Recht

Laßt uns verfahren; und es scheint mir gut,

Daß Ludwigs Mörder falle durch den Spruch

Von Ludwigs Witwe. –

RUDTHARDT.

Ja, das scheint mir auch!

ALLE.

Die Kaiserin soll richten!

KARL halblaut zu Judith.

Hörtest du –

JUDITH erhebt sich, von Karl unterstützt.

Ihr Herrn – ich bin ein Weib – bin nicht geschaffen

Zu solchen schweren Dingen.

WALA.

Kaiserin,

Gekrönte Frauen tragen Mannespflichten.[347]

JUDITH.

Und dieses – Urteil – wäre –

LOTHAR.

Tod durchs Schwert,

Wie es dem Mörder zukommt.

JUDITH lallend.

Tod durchs Schwert.


Sie steht, die Hände ineinander gekrampft; ihre Lippen bewegen sich lautlos; dann wendet sie langsam das Haupt zu Bernhard hin.


Bernhard – ich soll dich – ach – –


Sinkt ohnmächtig zusammen.


KARL stürzt zu ihr.

Mutter!

BERNHARD stürzt zu ihr.

Judith!

KARL fährt zurück.

Vermaledeiter – fort von diesem Weib!

BERNHARD kniend bei Judith.

Aus meinem Wege du! Verderben jedem,

Der mir mein Recht an diesem Weibe nimmt!

Mein war sie, eh sie Eures Vaters war,

Mein ist sie heute, und mein soll sie bleiben

Diesseits und jenseits, mag der Schlund der Hölle

Sich vor uns öffnen, jauchzen werden wir

In ihren Flammen, und Euch nicht beneiden

Um Euren Himmel!

KARL reißt sein Schwert heraus.

Wehr' dich deines Lebens!

BERNHARD springt auf, zieht.

Feuer der Hölle, stähle meinen Arm,

Judith, so räch' ich dich an deinem Sohne!

LOTHAR, LUDWIG ziehen.

Stirb, Schänder unsres väterlichen Betts! –

RUDTHARDT zieht.

Stirb, Kaisermörder!


Sie dringen auf Bernhard ein, kurzer Kampf, Bernhard fällt.
[348]

BERNHARD.

O – –

WALA.

Das Urteil Gottes!

BERNHARD.

Zerrissen von der Karolinger Meute –

Die Flammen, die die Welt durchloderten,

Erstickt vom Schwalle der Alltäglichkeit!


Richtet sich halb auf, starrt auf Judith.


Wer tat mir das? Wer riß die tote Maurin

Aus ihrem Grab? Ihr wollt mich glauben machen,

Sie lebe – doch ich weiß es, sie ist tot!

Bleib – sie erhebt vom Boden sich – sie kommt –

Das tote Antlitz beugt sie über mich –

Hamatelliwa – o – kalt ist der Tod. – –


Stirbt.


KARL wirft das Schwert weg.

Dich rufe nie mehr der Drommeten Stimme

Aus deiner Scheide, Waffe des Gerichts –

Ins Grab, ins Grab, wo unser aller Ende. –

Die Welt ist tot. – Das schweigende Entsetzen

Sitzt auf den Trümmern und gebiert das Nichts.

LUDWIG.

Bruder, dir lebt dein Bruder!

LOTHAR.

Hör' auch mich –

Reich' mir die Hand, mein Bruder.

KARL zu Lothar.

Nein, dir nicht. –

Nach Recht verfuhrst du, sieh hier, was dein Recht

An mir getan hat – von der Stunde heut –

Sei zwischen dir und mir nur noch das Recht. –


Kniet zu Judith, wendet sich zu den Anwesenden.


Der König hat gesprochen und gerichtet,

Geht, laßt den Sohn mit seiner Mutter sein.[349]

WALA tritt zu Karl.

Reißt vom Vergangnen Eure Seele los –


Zeigt hinaus.


Dort ist das Licht, das Leben und die Tat.

Kommt, auf die Zukunft richtet Eure Augen,

Die Zukunft ist des Mannes wahre Zeit.


Der Vorhang fällt.


Ende.


Quelle:
Ernst von Wildenbruch: Gesammelte Werke. Band 7, Berlin 1911–1918, S. 346-350.
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