Zwölfter Auftritt

[286] Friedrich, Ileburg und einige Edle sind während der letzten Worte aus dem Zelte getreten. Friedrich ist dicht hinter Köhne Finke getreten, schlägt ihn jetzt auf die Schulter.


FRIEDRICH.

Nun denn – so bleibe.

FINKE wirft den Kopf herum, starrt Friedrich an.

FRIEDRICH droht ihm lächelnd.

Doch halte dich stumm,

Hören macht klug, Schwatzen macht dumm.

FINKE.

Das is ein Fürst und ein Herr – das – is der Hohenzoller!


Sinkt in die Knie.


DIE GANZE VERSAMMLUNG tief murmelnd.

Der Hohenzoller.


Pause.


FRIEDRICH blickt ernst lächelnd um, lüftet alsdann sein Barett.

Gott dir zum Gruß – Mark Brandenburg.


Dumpfes Gemurmel. Man sieht, wie einige die

Mützen und Hüte abnehmen, andere verlegen dastehen.


FRIEDRICH winkt Ileburg.

ILEBURG tritt vor, entrollt ein Pergament, das er in Händen hält.

Märkische Städte, schloßgesess'ne Herren,

Zur Huldigung versammelt und vereint,

Vernehmt den Eid, den Ihr beschwören sollt:

»Wir huldigen und schwören Herren Friedrich,

Burggraf zu Nürnberg und den Erben dessen,

Getreu zu sein, gewärtig und gehorsam –

Als Gott uns helfe und die Heiligen.«


Tiefe Stille.


ILEBURG.

Wir harren Eurer Antwort. Wer beginnt?[287]

LIPPOLD VON BREDOW tritt auf Friedrich zu, senkt ein Knie.

Ich als der älteste der Bredows spreche:

Die Bredows huldigen und schwören Euch.


Die Bredowschen Edlen senken ein Knie.


FRIEDRICH nimmt Lippolds Hand.

Ich nehm' Euch an. Euer Wort ist eine Tat.

Für immer nun bei Hohenzollerns Taten

Soll Bredow Hohenzollerns Helfer sein.


Die Bredowschen erheben sich, Lippold tritt zurück.


ILEBURG.

Die märk'schen Städte, warum schweigen sie?

PERWENITZ lüftet das Barett.

Mit aller schuld'gen Ehrfurcht, gnäd'ger Herr,

Es steht nicht so, daß wir Euch feindlich wären,

Doch das Vertrauen wird uns märk'schen Städten

Ein bißchen sauer.

FRIEDRICH dem Ileburg etwas ins Ohr gesagt hat.

Ihr seid von Berlin

Der Burgemeister?

PERWENITZ.

Ja, der bin ich, Herr.

FRIEDRICH.

Ich hab' Beschwerde wider Eure Stadt.

PERWENITZ.

Woher – denn das?

FRIEDRICH.

Man hat in Eurer Mitte

An einem meines Volks Gewalt getan.

PERWENITZ.

Ihr – meint –

FRIEDRICH.

Ich meine Thomas Wins von Straußberg,

Den Ihr von Dietrich Quitzow, Eurem Freunde,

Gefangen nach Burg Friesack schleppen ließt.[288]

STROBAND.

Nicht unser Freund!

PERWENITZ.

Ganz wider unsren Willen

Nahm er den Mann gefangen.

FRIEDRICH mit spöttischem Lächeln.

Steht es so?

Ihr mußtet's dulden? Wider Euren Willen?

Vor Euren Augen und in Eurem Haus?

Dann scheint es mir, Ihr könntet einen brauchen,

Der wider solche Freunde Euch beschützt?


Pause. Die Berliner stehen verblüfft.


BRANDENBURGER RATMANNE.

Wahr! Das ist wahr! Und Ihr, Ihr seid der Mann,

Uns vor den Schloßgesess'nen zu beschützen!

Hier schwört und huldigt Brandenburg die Stadt!

FRANKFURTER RATMANNE.

So tut auch Frankfurt!

SPANDAUER RATMANNE.

Spandau schwört und huldigt!


Die drei Ratmannen gehen einer nach dem andern zu Friedrich heran und küssen ihm die rechte Hand.


FRIEDRICH.

Ein Wort noch den Berlinern. – Thomas Wins,

Ließ ich mir sagen, hatte Weib und Kind?

Da Ihr den Vater ihnen nehmen ließet,

Wo blieben sie? Was tatet Ihr für sie?

PERWENITZ zu Dannewitz.

Hol' mich der Deibel, Hans Dannewitz.

STROBAND zu Perwenitz.

Was hab' ich Euch gesagt, Henning Perwenitz?

FRIEDRICH der sich an ihrer Bestürzung geweidet hat.

Ihr tatet nichts für sie? Nun denn, so scheint mir,

Kam ich zur rechten Stunde in das Land,[289]

Damit verlass'ne, unterdrückte Frauen

Schutzwehr und Obdach finden – dort seht hin!


Er winkt – die Zeltpforte öffnet sich, in derselben erscheinen Gertrud und Agnes Wins.


RATMANNEN durcheinander.

Ha, wacker! Recht! Recht!

RATHENOWER RATMANNE.

Hier schwört Euch Rathenow!

RUPPINER RATMANNE.

Und hier Ruppin!

HAVELBERGER RATMANNE.

Und Havelberg!


Handkuß der drei Ratmannen wie vorhin.


FRIEDRICH in ganz verändertem, feierlichen Ton.

Wißt denn und hört es alle:

Nicht Menschenwillkür, Gottes Wille schickt mich,

Des Gottes, der die Menschentränen zählt.

Er sprach zu mir: Dies Land hat viele Herrscher,

Doch keinen Herrn – hat Richter, doch kein Recht.

Dies Land hat Äcker, aber keine Saat,

Hat Schwert und Lanzen, aber keinen Pflug.

Nur wer die Körner zählt des märk'schen Sandes,

Der zählt die Wundenmale Brandenburgs.

Du bring' ihm Frieden, seinen Kindern Brot,

Vor Rosseshufen schirme seine Felder,

Der Armut Hütte wider Feuersbrunst –

So heil'gen Auftrag hab' ich überkommen,

Männer, ich nahm den heil'gen Auftrag an.


Dieses Gemurmel der Versammelten.


Mark Brandenburg, warum zerfleischst du dich

Mit eignen Waffen? Das ist Knabenhandwerk,

Wach' auf und werde mannbar zum Beruf!

Ich zeig' ihn dir:


Er nimmt aus der Hand eines der hinter ihm stehenden Ritter das Banner.


Hier pflanze ich mein Banner

Dir in das Herz, wo dieses Banner weht,

Ist heil'ger Boden, da ist Vaterland.[290]

Und wie ich selber Treue ihm gelobe

Bis an den letzten Sprossen des Geschlechts,

So ford're ich Huldigung auf dieses Banner,

Und so gebiet' ich: Schwört dem Vaterland!

ALLE.

Das schwören wir! Schwören wir!

FRIEDRICH.

Ich warte noch auf die Berliner.

PERWENITZ.

Herr –

Gnäd'ger Herr Markgraf, wollt Ihr uns noch haben?

STROBAND.

Nehmt's nicht für ungut –

DANNEWITZ.

Gnäd'ger, lieber Herr!

FRIEDRICH lächelnd.

Wollt Ihr vertrau'n?

PERWENITZ.

Mit Herz und Leib und Seele

Vertrau'n wir Euch! So huldigen und schwören

Berlin und Kölln!


Quelle:
Ernst von Wildenbruch: Gesammelte Werke. Band 9, Berlin 1911–1918, S. 286-291.
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