Sechster Auftritt

[315] Knechte mit Fackeln, da es inzwischen dunkel geworden ist, Barbara vom Kopf bis zu Fuße in einen weiten Reitermantel gehüllt, kommen durch die Mitte.


EIN KNECHT.

Hier ist der Fremde, gnädiger Herr

BARBARA wirft den Mantel ab.

Hier ist der Fremde – Dietrich, kennst du ihn?

DIETRICH breitet unwillkürlich die Arme aus.

Barbara, du?

BARBARA stürzt sich in seine Arme.

Barbara hieß ich einst,

Freiheit ist heut mein Name und Errettung![315]

Dich töten woll'n sie. Diese Deutschen? Dich?

Sie sollen dich nicht töten, Dietrich,

Solange Barbara, die Polin, lebt!

DIETRICH.

Wie dir der Atem fliegt, wie dir das Haar

Die Stirn umflattert – sag', wie drangst du ein,

Da rings die Burg umstellt?

BARBARA.

Durch Friesacks Gassen,

Die ganz voll Kriegsvolk, schlich ich, so verkleidet;

Deutsche zu überlisten ist nicht schwer.

DIETRICH.

Und kommst zu mir in dieser Todesstunde?

Mitten durch Schrecken und Gefahr? Ach, Weib,

Wenn Kön'ge solche Kinder zeugen,

Dann lern' ich Achtung vor den Königen!

BARBARA.

Sprich nicht von Tod! Ich komme, dich zu retten,

Mit dir zu schwelgen tief in deutschem Blut,

Mit dir zu jauchzen im Triumph der Rache!

Wisse, Dietrich,

Nicht über Quitzow soll er triumphieren,

Der Burggraf, dieser schale, nüchterne!

Nicht soll's gelingen ihm, die freie Welt

In seine dumpfe Ordnung einzupferchen!

Schon über seinem Nacken hängt das Schwert!

DIETRICH.

Sprich deutlich, holde Schwärmerin, sprich deutlich!

Ist's nur dein Herz, das du mir als Genossen

Zum Kampfe bringst?

BARBARA.

Hände und Waffen bring' ich:

Zehntausend Polen sendet dir Jagello!

DIETRICH springt zurück.

Ha! Wenn das wäre![316]

BARBARA.

Dietrich, ja! Es ist!

Von Angermünde komm' ich hergeritten

Die fünfzehn Meilen; über Tag und Nacht;

Die Pommernherzöge sind losgebrochen,

Prenzlau und Angermünde halten sie,

Die ganze Uckermark in ihrer Hand!

Bis Liebenwalde schwärmen ihre Reiter,

Und stürmend naht, von Krakau ausgesendet,

Jagellos Feldherr Krodo, sich der Oder –

Dietrich, ein ganzes Heer voll Kraft und Grimm

Steht vor den Toren Brandenburgs!

Alles ist da, die Wolken hangen nieder,

Noch fehlt der Blitz! Dietrich, der Feldherr fehlt!

Dietrich, die Pommern haben dir vergessen

Jeglichen Schimpf! Jagello schickt dir Gruß!

Dietrich, mein Held, von Krakau bis Stettin

Von Schar zu Scharen rollend geht ein Name,

Den sie zum Führer heischen – kennst du ihn?

DIETRICH.

Ich kenne ihn! Ah, Freiheit, Braut und Weib!

Heut seh' ich dir leibhaftig ins Gesicht;

In diesem Weibe bist du mir erschienen!

Nun, Rache, überflute mich im Strom,

Bis daß mein Haß sich an dir satt getrunken!

Alles, was Hohenzollern feind ist, her zu mir!

Alles, was Brandenburg verabscheut, her zu mir!

Sie machten mich zum Wolf – zu mir, Ihr Wölfe!

Ich geb' Euch Futter, daß Ihr hundert Jahre

Zu reißen haben sollt!


Ein dröhnender Kanonenschuß rechts hinter der Szene, dessen Echo unter der Bühne nachhallt. Der Blitz des Feuers erhellt die Bühne.


DIE KNECHTE.

Das hat eingeschlagen!


Sie stürzen in Verwirrung durch die Mitte ab.


DIETRICH schüttelt die geballte Faust gegen das Fenster.

Ja, brüllt und tobt! Noch lauter sollt Ihr brüllen,

Wenn Eure Türme, mit den Häuptern nickend,

Die letzte Stunde Euch verkündigen.


Quelle:
Ernst von Wildenbruch: Gesammelte Werke. Band 9, Berlin 1911–1918, S. 315-317.
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