Lebensglück

[229] Dein Pfad ist meiner nicht. Wo du dich freust,

Da welkte hin mein Herz. Mein eigen Leid

Ist meinen Augen heiliger und reicher

Als alle deine Lust.


In den Straßen der kleinen Residenz bewegte sich emsig das gewöhnliche Werktagstreiben. Dienstmägde rannten mit ihrem Armkorb, um das verplauderte Viertelstündchen durch verdoppelte Eile einzubringen; Schulkinder trabten von verschiedenen Seiten mit gemäßigtem Lärm daher, da es erst in die Schule, noch[229] nicht heraus ging, und ein Karrenbauer, der den Kehricht fortführte, brachte nervöse Ohren zur Verzweiflung mit dem langsamen, schwerfälligen Gerassel seines Fuhrwerks.

Nur der erste Stock eines hübschen Wohnhauses zog durch seine festliche Miene die Blicke der Vorübergehenden auf sich; die Fenster des Salons waren geöffnet, um die kühle Morgenluft einzulassen; man sah grüne Girlanden zwischen den schneeweißen Gardinen, blumengefüllte Vasen auf einer gedeckten Tafel; weißgekleidete Konditorjungen gingen ein mit geschmückten Torten, die viel lüsterne Blicke auf sich zogen – kurz, selbst die Milchfrau vom Lande erriet die Bedeutung dieser Anstalten, wenn sie eine Bäckerfrau der Nachbarschaft, die recht wohlhäbig unter ihrer Haustür stand, fragte: »Gelt Sie, da oben gibt es eine Hochzeit?« – »O ja,« belehrte sie diese, »die Tochter der Frau Regierungsrätin Gruber.« – »Wen nimmt sie?« fragte eine Stadtmagd, die sich dazu gesellte. – »Einen Witwer mit einer Last Kinder,« sagte diese etwas geringschätzig. – »Dann ist's aber nicht die Schöne?« fragte die Magd. – »Bewahre, die Kleine ist ja kaum recht aus der Schule; die Große ist's erster Ehe, aber bereits eine gescheite und brave Jungfer, reich gerade nicht, das Vermögen kommt von der zweiten Frau. Das Essen lassen sie aus dem Schwanen kommen, aber in die Kirche fahren sie erst um elf Uhr; ihr könnt nicht darauf warten.« Die andern gingen weiter, und die Bäckerin machte sich an ihrem Fenster einen Wachtposten zurecht, wo sie über ihr Strickzeug weg die Straße bequem überschauen konnte.

Im Festsaal oben waren die Anstalten schon weit gediehen; Frau Schmeckenbächerin, eine alte Hausfreundin, von Natur zwar Schneidermamsell, die aber als Vertrauensperson zur Festordnerin geladen war, legte eben das schwere Silberzeug, das den soliden Wohlstand des Hauses bekundete, auf das feine Damastgedeck und betrachtete nebenher wohlgefällig, wie eine Schöpfung ihrer eigenen Hand, die Brautmutter, die in einem prachtvollen Penseekleid von schwerem Moiree sich wahrhaft fürstlich ausnahm.[230]

In dem Hinterzimmer, dessen Fenster auf ein kleines Gärtchen gingen, das als blühende Oase in dem steinernen Häuserblock verborgen lag, herrschte festliche Stille, wie sie dem Tag ziemte. Die Toilette der beiden Mädchen, die es bisher bewohnt, war vollendet. Die Braut selbst hatte die alte Ordnung darin hergestellt, und die Schwestern saßen in Stille beisammen in dem alten traulichen Raum, den sie so lange schon einträchtig zusammen bewohnt hatten.

Wer die Königin des heutigen Festes, die Braut, hier gesucht hätte, dessen Auge wäre wohl zuerst auf die blühende jugendschöne Gestalt im weißen Kleide gefallen, die, einen Kranz von Rosenknospen in der glänzenden Fülle des braunen Haars, von all dem duftigen Zauber umweht war, den man unbewußt mit dem Namen »Braut« verbindet; nur zu jung fast erschienen die kindlichen Züge des klaren Angesichts. Auch war nicht sie die Braut: Schleier und Myrtenkranz schmückten die ernste hohe Gestalt im schwarzen Atlaskleide, die, wohl zwölf Jahre älter als das siebzehnjährige Kind, fast mehr einen nonnenhaften als bräutlichen Eindruck machte.

Marie war nicht schön, ihr Teint war farblos, ihre Züge unbedeutend, ihr Wuchs beinahe zu hoch; aber ihre dunkeln Augen mit dem Ausdruck herzlicher Güte und klaren Verstandes, die ganze wohltuende Harmonie ihres Wesens machten sie doch zu einer anmutigen Braut. Elisabeth saß, achtlos auf die weitausgebreitete Wolke ihres lichten Gewandes, auf einem Schemel zu den Füßen der Schwester und sah sie etwas bedenklich an. »Es ist doch schade, Marie,« sagte sie, »daß du nicht in Weiß gehst, du siehst wahrhaftig wie eine Nonne aus!«

»Was sollte eine ehrsame Frau Dekanin mit sieben Kindern nachher mit einem so luftigen weißen Staat anfangen?« erwiderte Marie lächelnd. – »Ach ja!« seufzte Elisabeth etwas kläglich; »bitte, sage mir, Marie, ist dir's denn nicht entsetzlich bang?« – »Entsetzlich nicht, aber ein wenig wohl,« sagte diese mit etwas gedämpfter Stimme; »doch Gott wird mir beistehen, und es liegt ein reiches Feld vor mir.« – »Erstaunlich reich!« seufzte die Kleine wieder; »ach, sage mir, aber du darfst nicht[231] böse sein, jetzt darf ich dich das schon noch fragen: warum hast du nicht lieber früher einen andern genommen? Weißt, es gibt ja auch brave Männer mit etwas weniger Kindern.« – »Es hat mich kein andrer gewollt,« sagte Marie mit ruhigem Lächeln; sie hatte längst jedes bittere Gefühl überwunden, das in dieser Antwort hätte liegen können. – »Das begreife ich wirklich nicht, so klug und gut und geschickt, wie du bist,« sagte Elisabeth nachdenklich vor sich hin; »aber du hättest ja auch bei uns bleiben können! Ich weiß noch gar nicht, wie wir zu recht kommen ohne dich.« – »Du glaubst wohl nicht, daß ich heirate, bloß um einen Mann zu bekommen?« sagte nun etwas verletzt die sonst so nachsichtige Schwester, und ihre Wange färbte sich dunkelrot.[232]

»O nein, oh, ich bitte, verzeih, wie du mir so oft schon verziehen hast!« bat die warmblütige Elisabeth, indem sie die Arme um der Schwester Hals schlang und sie liebevoll anschaute mit den wunderbaren braunen Augen; »du weißt ja, ich meine es nicht bös, aber ich bin und bleibe eben ein dummes junges Ding.« – »Sei zufrieden, Liebste!« sagte Marie begütigend; »ich habe nichts zu verzeihen, verzeih nur du deiner lästigen Gouvernante, die du ja heute los wirst!« – »Oh, du bist nur zu gut, zu lieb gegen mich gewesen!« rief die Kleine mit der überströmenden Liebe, die ein warmes Herz vor dem Scheiden fühlt. »Was hast du für Geduld mit mir gehabt! wie tausendmal meine Unordnung geebnet, meine Unbesonnenheit gut gemacht; oh, wo wird eine ältere Schwester so freundlich sein wie du?« – »Nun, dann gebe ich doch keine schlimme Stiefmutter,« sagte lächelnd Marie. – »Du? Ach nein, die allerbeste; den Dekan hat wahrhaftig ein guter Stern mit dem kranken Baron ins Bad geführt, und gescheit ist er, daß er an dem einen Tag, wo du Mama abholtest, gleich merkte, welch ein Kleinod da für ihn zu finden sei! Mich hatte er in den drei Wochen, wo ich dort war, oft genug gesehen; fiel ihm kein einzigmal ein, daß ich eine Mutter für seine sieben Unmündigen geben könnte!« – »Das glaube ich,« sagte scherzend Marie, und ihr Auge ruhte mit neidloser Bewunderung auf dem blühend schönen Antlitz der Schwester; »die Trauben wären ihm zu hoch gehangen!« – »Und ein Kind weiter zu erziehen, hätte er nicht brauchen können,« meinte Elisabeth fröhlich; »es ist gewiß schön von dir, Marie, daß du ihn genommen, aber schrecklich edelmütig bist du doch!« – »Schrecklich? Das wäre schlimm!« – »Nun, weißt du, ich könnte nicht so sein! Wenn ich heirate, möchte ich es gut haben, recht unmäßig gut!« – »Dazu helfe dir Gott!« sagte Marie innig und drückte einen schwesterlichen Kuß auf den schönen Mund.

»Dürfen wir kommen?« fragte draußen ein junges Stimmchen. – »Nur herein!« rief Marie freundlich; doch lag in ihrer Stimme fast mehr mutige Ergebung als schüchterne, süße, bräutliche Erwartung. Die Tür ging auf, und herein trat der[233] Bräutigam, Dekan Gerhard, ein stattlicher Mann nahe den Fünfzigern; er war in seiner Jugend Hofmeister gewesen und hatte nichts von der Unbeholfenheit, die hie und da dem Landgeistlichen anhängt; er nahm sich sehr respektabel und würdig aus in der neuen feinen schwarzen Kleidung; hinter ihm sein ältester Sohn Ernst, der angehende Seminarist, ein netter, klug und bescheiden aussehender Junge mit glatt gekämmtem blonden Haar, der halbversteckt ein Gedicht in der Hand trug, mit dem er die neue Mutter begrüßen wollte; dann kamen die sechs andern, zwei Knaben und vier Mädchen, gutmütig aussehende Kinder, noch etwas unkultiviert und linkisch, wie es schien, obwohl ihnen Marie nicht mehr fremd war. Nathanael, der Jüngste, ein dreijähriger Knabe, schien schwach auf den Füßen und wurde von den Schwesterlein geführt, plauderte aber vergnügt davon, daß er habe Kutschen fahren dürfen.

»Da bringe ich dir die kleine Herde, Marie,« sprach Gerhard mit bewegter Stimme. Marie reichte ihm schweigend die Hand, sie sahen sich tief und innig in die Augen; beide verstanden wohl, daß es sich hier mehr um einen ernsten und heiligen Entschluß für die Zukunft handle als um ein seliges Ja, das auf glühende Herzenswünsche das Siegel drückt; das lag auch in dem leisen Kuß, den er in keuscher Scheu vor den Kindern auf ihre Stirn drückte. Er trat in tiefer Bewegung ans Fenster, während Marie mit inniger Liebe sich zu den Kindern niederbeugte, denen die ungewohnte Erscheinung der neuen Mutter in dem langen schwarzen Gewand und weißen Schleier einige Scheu einflößte, bis sie freundliche, herzliche Worte zu ihnen sprach und sie so liebevoll ansah mit den guten, treuen Augen, daß alle Furcht verging und sie wieder zutraulich mit ihr plauderten.

Elisabeth war beim Eintritt des Bräutigams heimlich zur Seitentür hinausgeschlüpft, nicht ohne daß der naseweise kleine Heinrich zuvor dem Schwesterlein zugeflüstert hätte: »Du, die wäre aber schöner gewesen! Wenn die der Vater genommen hätte!« Worauf Fränzchen ihm sachverständig entgegnete: »Dummer G'sell, das ist ja ein Stadtfräulein, keine Mutter!«[234]

Das Stadtfräulein flog zur Mutter hinüber, die eben befriedigt die Ausschmückung des Festsaales übersah. »Ach, Mütterchen,« sagte sie, halb lachend, halb weinend, »drüben ist nun die ganze Schar, unser Stübchen läuft fast über; o lieber Gott, was hat doch die Marie einen guten Mut! Sieben auf einmal, wenn's nur auch drei wären oder vier! Aber ich glaube, die Witwer haben immer sieben Kinder,« fuhr sie nachdenklich fort; »es liegt ein gewisser Rhythmus darin: ein Witwer mit sieben Kindern!« – »Dein Vater hatte nur eins,« sagte lachend die Mutter. – »Das ist wahr, und noch so ein gutes wie die Marie! Da muß es ein Spaß sein, wenn man so ein Püppchen schon fertig antrifft; aber sieben!« – »Es sind aber im ganzen nette Kinder,« sagte begütigend die Mutter, die nicht leiden konnte, daß man die Heirat ihrer Stieftochter so gar verwunderlich fand. – »Gewiß recht ordentlich, besonders weil Marie sich ihrer Toilette annahm; der himmelblaue Tibet kleidet die Mädchen ganz niedlich.« – »Ja, den schauderhaft roten Zitz, den die Jungfer Tante zum Festschmuck gekauft hatte, haben wir glücklicherweise zu Bettüberzügen genommen,« sagte lachend die Mutter.

Inzwischen fuhren die Wagen vor, die Braut trat ein an der Hand des Bräutigams, um vor dem feierlichen Gang von der Mutter Abschied zu nehmen. Mutter und Tochter hatten sich vielleicht nie mit so tiefer Bewegung umarmt; wo ist ein Scheiden auf Erden, dem sich nicht ein leises Gefühl der Reue beimischt? Man hatte das gute Einvernehmen der Frau Gruber und ihrer Tochter stets als ein Muster für dies schwierige Verhältnis angeführt und sie als Beispiel einer guten Stiefmutter gerühmt, auch war sie sich selbst jederzeit als ein solches erschienen. – Erst in diesem Augenblick sagte ihr ihr eigenes Herz, daß es nicht ihr Verdienst war, wenn das Kind, das sie während der ersten Jahre ihres Ehestands, die sie in rauschendem Gesellschaftsleben zugebracht, meist sich selbst, der Schule und den Dienstboten überlassen, das sie später fast zur Dienerin ihres eigenen Lieblings, der reizenden Elisabeth, gemacht hatte, nun als gereiftes, innerlich klares Wesen vor ihr stand, ihre[235] Stütze und Hilfe, die liebevolle geliebte Leiterin der jungen Schwester.

Marie war eine demütige, selbstlose Seele, die mehr an ihre eigenen Versäumnisse dachte als an die anderer; sie fühlte in aufrichtigem Herzen den Dank, den sie an der Schwelle ihres neuen Lebens der Mutter darbrachte.

Mariens Entschluß schien der Regierungsrätin nicht zu schwer, hatte sie selbst doch auch einst als ziemlich junges, hübsches und verwöhntes Mädchen einen Witwer geheiratet. Freilich hatte sie ihn aus dem einfachen Grunde genommen, weil er ihr gefiel und ihr eine behagliche, angesehene Lage bot und das stille Kind, das damals in die Schuljahre kam, eben keine schwere Zugabe war.

Mariens Gefühle, mit denen sie sieben Kinder ans Herz nahm, die sie nicht unter dem Herzen getragen hatte, waren freilich andre. Diese mütterliche Aufgabe vor allem, so schwer, so hoch und schön, wie sie vor ihr stand, hatte sie erwogen, als sie ihren Entschluß faßte. Es war nicht eben schmeichelhaft für den Dekan, daß sie mehr den Vater den Kindern zulieb, als die Kinder dem Vater zulieb nahm; aber eine gute Bürgschaft für das Glück und den Frieden seiner Zukunft war es jedenfalls.

Endlich wurde das geduldige Harren der Neugierigen vor der Haustür belohnt; die Brautjungfern waren schon von ihren Wohnungen aus nach der Kirche befördert worden, in drei Wagen stieg jetzt der Kern der Hochzeitgesellschaft ein. Die Regierungsrätin hätte sich wohl kaum den Luxus von drei Wagen erlaubt, wenn nicht die elegante Equipage eines Hochzeitsgastes, Herrn Gérards, eines Vetters des Bräutigams, der sich als Kaufmann im Auslande eine halbe Million und einen französischen Namen erworben, ausgeholfen hätte.

Mit vielem Selbstgefühl ließ sich die Brautmama von Herrn Gérard in den prächtigen Wagen heben, den sie mit einer vornehmen Base und Minchen, der ältesten Tochter des Dekans, einnahm. Sie atmete leicht, daß die alte Jungfer Tante, die indes die Haushaltung des Dekans geführt, die Einladung[236] abgelehnt hatte, da ihr eine große Wäsche und der eigene nahe Abzug so viel zu tun machte. Sie wußte, daß ihr rettungslos abgeschmackter Aufzug die ganze Gesellschaft blamiert hätte, da sie sicher die eleganteste Haube, die man ihr verehrt, noch verkehrt aufgesetzt oder durch irgend ein altes Ranunkelröschen verunziert hätte.

Nun wurden unter dem Fittich einer Frau Tante Kontrolleurin die fünf Jüngsten in einen Wagen gepackt, nach einem kleinen Aufenthalt, den die schauderhafte Entdeckung veranlaßte, daß die Jungfer Tante dem Fränzchen blaue Strümpfe angezogen hatte, und die Not, bis man von einem Nachbarskind weiße herbeischaffte. Die Kleinen fuhren aber glückselig ab, streckten mit dem Gefühl großer Wichtigkeit ihre blumengeschmückten Häupter aus den Wagenfenstern, um die[237] Inschriften der Kaufläden zu studieren, und hatten leider wenig Zeit, zu beten und an die selige Mutter zu denken, wie sie Marie ermahnt hatte.

Die spöttischen Bemerkungen, mit denen man die fünf Unmündigen begleitet hatte, verstummten vor dem würdigen Eindruck, den das Brautpaar machte, vor der blühenden Erscheinung der schönen Elisabeth, die nebst dem Seminaristen mit ihnen einstieg. Der junge Ernst machte sich so schmal wie ein Lineal, damit Elisabeth gehörig ihre luftigen weißen Gewänder ausbreiten konnte. Obwohl sie nur zwei Jahre älter war als er, so wagte er doch kaum, sie von der Seite anzusehen, und mußte sich in der Stille besinnen, ob so schön wohl die griechische Helena gewesen sei. Daneben war sein Geschmack so unklassisch, daß ihm die schlanke, blühende, bewegliche Gestalt in dem modischen Kleid doch besser gefiel als die lange, gerade Helena auf Bildern in den faltigen Gewändern, bei denen man fürchtete, sie müsse bei jedem Schritt darüber fallen. Die junge Elisabeth dachte wenig an ihren stummen Verehrer; sie hielt die schönen, unschuldigen Kinderaugen immer auf die liebe Schwester gerichtet, wie in mitleidiger Frage: ob sie's denn gewiß nicht bereue? Marie nickte ihr zu mit freundlich beruhigendem Lächeln, und Elisabeth ahnte, wenn sie es auch noch nicht wissen konnte, daß das stille Licht, das in diesen Augen aufgegangen war, vielleicht den häuslichen Herd sicherer warm und hell halte als das auflodernde Freudenfeuer eines liebeseligen jungen Herzens. – Die Brautfräulein harrten bereits in der Kirche und machten Raum für die Braut und Elisabeth. Es waren Mariens Jugendfreundinnen. »Herbstflora!« flüsterte Herr Gérard ironisch seinem Nachbar zu; und in der Tat, Elisabeths junge Schönheit hob sich aus den andern wie eine frisch erblühte Rose aus einem Asternbeet, während Minchen als bescheidenes Maßliebchen auch noch der Reihe der Brautjungfern eingefügt wurde.

Ein Amtsbruder und Jugendfreund des Bräutigams traute das Paar; es schien den Anwesenden seltsam, zu einem Hochzeittext die Worte zu nehmen: »Wir heben unsere Augen auf[238] zu den Bergen, von welchen uns Hilfe kommt,« daß er aber damit den Sinn der Braut wohl verstanden hatte, das zeigte ihm der verklärte Ausdruck ihrer Züge, wie sie nach oben schaute. Es kamen in der Hochzeitrede wenig von den rührenden Stellen und beweglichen Schlagworten vor, bei denen alle Tränenquellen flüssig werden; die Braut weinte auch nicht, ihre ganze Seele, alle Kraft ihres tiefen Herzens faßte sie zusammen in dem Gebet, mit dem sie Gott um Segen bat und Kraft für ihre Aufgabe.

Die junge Elisabeth aber, die weinte zum Herzbrechen; der Vetter Kaufmann sah ganz mitleidig zu ihr hinüber, und die Mutter, die in der Reihe hinter ihr stand, suchte ihr durch leise Berührungen mehrmals zu bedeuten, daß das über den erforderlichen Anstand gehe; auch faßte sie sich wieder, als die Schwester zum Stuhl zurückkehrte und sie, ehe sie sich neigte zum stillen Gebet, mit dem sanften Lächeln ansah, das so oft schon die Wellen ihrer jungen Seele geglättet hatte.

Die Wagen fuhren mit der Hochzeitgesellschaft nach Hause, und das weibliche Publikum, das in großer Anzahl der Feier beigewohnt hatte, ließ nun auf dem Heimweg seinen Bemerkungen freien Lauf. »Eine ganz passende Partie,« meinte eine, »nur ist sie beinahe größer als er.« – »Aber ahnd wird's ihr tun,« sagte die andre, »so gut wie die's daheim hatte! Die hochschließenden Kleider stehen doch nicht recht gut.« – »War eben auch kein Pläsier,« warf die dritte ein, »so einen Backfisch neben sich aufwachsen sehen!« – »Wenn's nur nicht sieben wären!« tönte eine andre teilnehmende Stimme, »und vier Mädchen darunter! Es wollte ja gar kein Ende nehmen mit Kindern; und eins ist noch dazu kontrakt oder so!« – »Sie ist aber ein gescheites Mädchen, sie wird schon mit ihnen fertig, und ist doch eine Versorgung!« – »Was Versorgung? Wenn der Mann wegstirbt, so liegen ihr die sieben Würmer auf dem Hals, mit hundertundzwanzig Gulden Pension!« – »Sie haben Mütterliches und erben eine ledige Tante,« tröstete wieder eine. – »So, meinetwegen, dann ist's was anders; eigener Nachwuchs wäre nicht mehr wünschenswert.«[239]

»Nicht gescheit ist sie doch,« hub wieder die Frau Häusler an, »sie hätte das Heiraten nicht nötig gehabt, sind ja vermöglich.« – »Aber das Herz, Frau Häusler,« warf schüchtern Fräulein Heinerike Merzler ein, »das Herz will auch seine Gefühle!« – »Ach was Herz!« entgegnete die energische Frau Häusler; »nehmen Sie mir's nicht übel, aber bei einem Spezial mit sieben lebendigen Kindern, da ist nicht mehr viel Gefühl vorhanden.« – »Gerade!« meinte Fräulein Eberhardine Strubel, die von minder empfindsamer Natur war als Jungfer Heinerike, »die Witwer sind eben die ärgsten Narren. Gesegnete Mahlzeit! Wird allemal spät mit so einer Hochzeit.«

»Soll man sagen leider oder zum Glück,« wie einmal der alte Fouqué selig anhebt, daß eine ernste, feierliche Stimmung doch oft wie eine Art Druck auf den Menschen lastet, auch wenn ihr Ernst noch so ungeheuchelt war, und daß sie mit einem gewissen Gefühl der Befreiung zu der Stimmung und Unterhaltung des Alltaglebens zurückkehren, leicht aufatmend mit dem unausgesprochenen Gedanken: So, das wäre abgemacht! So ging es auch der Hochzeitgesellschaft im Hause der Frau Regierungsrätin, nachdem die Umarmungen und Glückwünsche vorüber waren und sich alles um die schön gedeckte Tafel geordnet hatte; auch Elisabeth hatte sich die hellen Augen trocknen lassen von der sanft liebkosenden Hand der Schwester, und sie glänzten wieder freundlich in lebhafter Unterhaltung mit dem Vetter von Antwerpen, dem als weitgereistem und gebildetem Kaufmann der Stoff zum Gespräch nicht ausging. Die Kinder unterhielten sich vortrefflich an einem eigenen Tischchen im Nebenzimmer, und der Seminarist, den man als konfirmierte Standesperson zu den Erwachsenen gesetzt hatte, blickte manchmal sehnsüchtig nach ihrer ungezwungenen Heiterkeit hinüber; er saß freilich der jungen Tante gegenüber, deren Schönheit er wohl zu würdigen wußte; aber was half's ihm? So oft er seine schüchternen Blicke zu ihr erhob, begegnete er einem ironischen Lächeln des Kaufmanns, das ihn glühend rot machte, bis ihn seine Nachbarin, eine der Brautjungfern, ein gutmütiges, verständiges Mädchen, in ein Gespräch über sein Seminarleben,[240] seine kleinen Ferienreisen und über die Eigenschaften seiner Geschwister brachte.

Und nun entlud sich das Gebirge der Hochzeitsträuße auf die Tafel, die allerdings Leben und Bewegung in die Gesellschaft bringen, aber jede gemütliche Unterhaltung unmöglich machen.

Hochzeitsträuße nämlich (zur Notiz für solche, die diese glückliche Sitte nicht kennen) sind kleinere oder größere Gaben, die bei Hochzeitmahlen meist anonym, weniger dem Brautpaar als den Hochzeitgästen, zumal den Brautjungfern, von anwesenden und abwesenden Bekannten zugesandt werden; das ist denn eine Spannung und Überraschung, eine hübsche Gelegenheit, einen neckischen Scherz oder eine sonst verborgene Huldigung darzubringen,[241] und – eine weitere Illustration zu dem schwäbischen Sprichwort:


G'vatterstehn und Hochzeitgehn

Ist 'ne Ehr' und macht den Beutel leer.


Auch hier türmten sich Berge von großen und kleinen Paketen zumeist vor den Damen auf; sie erhielten allerlei scherzhafte Zusendungen, Figuren in Wachs und Tragant, unter denen Pfarrer en miniature eine große Rolle spielten, mit neckischen Gedichten begleitet, die sie mit einigem Geräusch zu verstecken suchten, bis sie erbeutet und unter großem Protest zu allgemeinem Ergötzen vorgelesen wurden. Auch ließen sich, da es für Ehrensache gilt, recht viele Hochzeitsträuße zu erhalten, jüngere und ältere Damen von Haus aus wertvolle Gegenstände schicken: Uhren, Schmuck, Kleiderstoffe, welche die übrige Gesellschaft mehr in Erstaunen setzten als sie selbst, sintemal sie diese Gegenstände längst besessen und sich nur wieder hatten schicken lassen, um neue Kosten zu ersparen.

Der Seminarist war glückselig über eine silberne Zylinderuhr, das Geschenk seiner neuen Mutter; am Kindertisch brach vollends lauter Jubel aus über neue Puppen der Mädchen und ein wunderschönes Bilderbuch des kleinen Nathanael. Der aber schlich sich bald hinaus und nistete sich unversehens auf Mariens Schoß ein. Er fühlte ihren liebevollen, warmen Blick wie ein krankes Pflänzchen den Sonnenschein; sie wehrte lächelnd dem Vater, der sie von der Last befreien wollte, und hielt das Kind weich und warm an ihrem Herzen, bis es, müde von der ungewohnten Aufregung, eingeschlafen war; sie trug es leise in ihr Mädchenstübchen hinüber, legte es sanft auf ihr Bett und kam mit klaren Augen zurück, um sich am Anblick der eigenen und fremden Herrlichkeiten zu ergötzen.

Dem Kaufmann, der sehr lange schon von der Heimat abwesend war, war die Sitte der Hochzeitsträuße, die auch erst in neueren Zeiten eine fabelhafte Ausdehnung gewonnen hat, fremd gewesen; er selbst wurde als Fremder nicht besonders reichlich bedacht, die umsichtige Brautmutter sogar hatte ihn[242] vergessen und improvisierte nur noch eine Sendung, bestehend in einem geschliffenen Trinkglas des seligen Herrn Regierungsrats, von der Sorte, wie sie nie gebraucht und nur jezuweilen zerbrochen worden. Unversehens verschwand Herr Gérard für einige Zeit; kurz nach seinem Wiedererscheinen wurde der verlaufene Strom der Hochzeitsträuße aufs neue flüssig, und zu großer, wirklicher Überraschung erhielten die Brautfräulein allerliebste Kleinigkeiten von Gold, die ihnen in der Tat noch gänzlich neu waren. An Elisabeth kam ein besonders feines Schächtelchen; das schien nun wirklich ein ernsthafter Scherz! Das Brillantschloß eines wundervoll gearbeiteten Armbandes blitzte ihr entgegen, als sie es öffnete; sie erschrak fast, und doch ließ sie geschehen, daß Herr Gérard es ihr anlegte, um zu beweisen, daß es viel zu eng für diesen vollen Arm sein müsse. Es schloß aber doch um das feine Gelenk, der schöne weiße Arm und das goldene Band sahen aus wie zusammengewachsen – es wäre Sünde gewesen, es wieder zu lösen; doch hatte Elisabeth ihr Bedenken dabei:


.... und Ringe sind's, die eine Kette bilden,


kam ihr als unwillkürliche Erinnerung zu Sinn. Aber selbst die geschmackvollen Geschenke des Kaufmanns traten in den Hintergrund gegen die Hochzeitgabe des Barons von Ellershausen, des ehemaligen Zöglings des Dekans, dem seine leidende Gesundheit nicht gestattet hatte, an dem Feste teilzunehmen: ein silberner Pokal mit Sinnbildern aus der Bibel in erhabener Arbeit und der Inschrift: Wohl dem, dem ein tugendsam Weib beschert ist, die ist viel edler denn die köstlichsten Perlen.

»Fast zu kostbar für einen geistlichen Haushalt,« sagte der Dekan mit unverhehltem Wohlgefallen an dem edeln Gerät, »und doch beschert uns Gott wohl hie und da ein Familienfest, das ein Ehrentrunk aus diesem Pokal verherrlichen soll.«

Vor sechzehn Jahren, an seinem ersten Hochzeitfest, hatte die Mutter des Barons, eine praktische Dame, die bescheidene Einrichtung des jungen Pfarrers mit einem Hochzeitgeschenk von soliden silbernen Löffeln ergänzt; er dachte dankbar, wie[243] mit den sieben Kindern doch auch der Segen eingekehrt sei, so daß er jetzt gern das Schöne zum Nützlichen hinnehmen dürfe, den edeln Festtrunk nach dem täglichen Brot.

Es wäre nun der Zeitpunkt gewesen für die Hochzeitgesellschaft, sich zu zerstreuen, in zwanglose Gruppen zu teilen; dazu aber war der Raum etwas beschränkt, das Gärtchen unten allzusehr der Öffentlichkeit ausgesetzt. – Eines der Brautfräulein ließ sich endlich bewegen, sich ans Klavier zu setzen, das man ins Nebenzimmer verschoben hatte, und die Variationen, die es spielte, halfen der stockenden Unterhaltung wieder auf, so daß das Brautpaar Gelegenheit fand, sich wegzustehlen. Elisabeth, die in fieberhafter Angst war, Marie möchte ohne Abschied von ihr gehen, ließ sich nicht mehr halten durch die lebhafte Unterhaltung des Kaufmanns und schlich hinüber ins alte Stübchen.

Mariens Reisekleid war schon bereit gelegt – eine Hochzeitreise war bei dem Amt und Hausstand des Dekans kaum statthaft, sie wollten nur einen Ausflug von einigen Tagen an den Rhein und auf das Gut der Baronin von Ellershausen machen, da ohnehin die Jungfer Tante darauf bestand, noch eine große Wäsche zu Ende zu bringen; die Kinder sollten einstweilen unter der Obhut einer alten Magd nach Hause reisen.

»Komm, Kind, hilf mir!« sagte Marie lächelnd und setzte sich, um Kranz und Schleier lösen zu lassen. Elisabeths Hand zitterte, und als sie sich vor sie stellte, um die Nadeln auszuziehen, da umfaßte Marie die Schwester, legte ihr Haupt an Elisabeths Herz, und sie, die allzeit Ruhige und Gelassene, weinte bitterlich wie ein Kind. Ja, wie ein Kind; wenn das auch sonst nicht stets ein treffender Vergleich ist, so paßt er doch auf die Tränen einer Braut – sie fließen so heiß, so reichlich, und doch sind sie bald getrocknet wie Kindertränen. Ob Mariens Tränen nur dem Abschied von den Mädchentagen und der Schwester galten, ob lange begrabenen Jugendträumen, die sich einst ein andres Los gemalt als das entsagende Glück einer zweiten Gattin, einer Mutter fremder Kinder? –[244] Niemand weiß es, und niemand hat ein Recht, danach zu fragen. Die Tränen einer Braut sind heilige Tränen, wenn ihre Augen nachher so innig und andächtig zum Himmel blicken können, so liebevoll und klar in das Auge des Gatten wie die Mariens. Auch vergaß Marie bald die eigenen Tränen in zärtlichem Trösten der Schwester, die ganz aufgelöst war in Abschiedsleid. – Der Abschied von der Mutter war ein ruhigerer, und der Dekan, der seine erste Gattin einem zahlreichen Familienkreis hatte entreißen müssen unter so herzbrechendem Jammer, als ob sie, eine zweite Andromeda, einem Drachen geopfert werden sollte, war noch recht dankbar, so leichten Kaufs davonzukommen, und eilte, seinen Raub in Sicherheit zu bringen.

Bei der Gesellschaft oben wollte die Unterhaltung nicht mehr recht gehen, obgleich man ein Spiel: Suchen nach der[245] Musik, in Gang gebracht hatte. Elisabeth konnte sich mit ihren verweinten Augen kaum mehr sehen lassen und war unempfänglich für die Tröstungen Herrn Gérards; die Kinder waren ohnehin übersättigt, müde und langweilig, froh, daß die Frau Base Kontrolleurin sie nach Hause nahm, bis auf Minchen, die Älteste, die Mariens Stelle im Jungfernstübchen einnahm, und den Seminaristen, der bei einem Freund ein Unterkommen gefunden hatte.

Auch die übrige Gesellschaft fand bald, daß es spät sei, zu unendlicher Erleichterung der ermatteten Regierungsrätin. Herr Gérard mußte früh am Morgen wieder abreisen, erbat sich aber die Erlaubnis, bei den neuen Verwandten wieder einsprechen zu dürfen, wenn ihn seine Geschäfte später in die Residenz führten. Er hielt recht bedeutsam einen Augenblick die schöne kleine Hand Elisabeths in der seinen; aber die erhöhte Feststimmung war verflogen – um weiter zu dringen, mußte er günstigere Zeiten abwarten. Die übrigen Hochzeitgäste machten sich inzwischen ihre Gedanken, die Brautfräulein fuhren nach Hause, um ihre Geschenke und ihre Mitteilungen auszulegen; die Mama leerte den Nachtisch zusammen. Es brachen Mägde ein, um Stühle und Geräte fortzuschaffen, und der Festsaal bot einen höchst unerquicklichen Anblick.


Es war Nacht, Elisabeth verweilte noch ein wenig bei der Mutter, ehe sie in ihr verwaistes Stübchen ging, wo Minchen bereits steinfest schlief. »Ach, glaubst du gewiß, daß Marie glücklich wird?« fragte sie, wohl zum zehntenmal. – »Gewiß,« tröstete sie die Mutter, die ungeduldig geworden wäre, wenn ihr nicht diese Liebe ihres schönen Kindes zu der viel älteren Stiefschwester eben gar zu liebenswürdig und bewundernswert erschienen wäre; »der Dekan gefällt mir immer besser, er ist ein würdiger Mann und ein Mann von Welt dazu, und dann denke, daß man mit neunundzwanzig Jahren andre Ansprüche an Glück macht als mit siebzehn.« – »O Mütterchen, ich sage dir, mir ist ganz bange geworden unter der Hochzeitrede, wie der Pfarrer die Hingebung und Aufopferung eines[246] ganzen Lebens so herrlich und segenbringend darstellte; es kam mir am Ende selbst ganz schön und als das einzig Wahre und Rechte vor, so daß ich fürchtete, ich werde nun auch unversehens ganz freiwillig wie die Marie einen Witwer mit sieben oder gar mit neun Kindern heiraten müssen. Ach, Mutter, liegt denn wirklich Glück und Segen allein in der Aufopferung? Weißt, ich wäre doch auch gern selbst glücklich geworden!« – »Sei nur ruhig!« lächelte die Mutter, die selbst wenig Erfahrung im Gebiete der Aufopferung hatte – denn der Regierungsrat selig war, wie die Welt meinte, ein guter Hammel gewesen –, und streichelte ihr tröstend die glühenden samtweichen Wangen; »du siehst mir noch nicht danach aus, und es gibt verwöhnte Lieblinge der Natur, Sonntagskinder, die es auf ihr eigen Köpfchen hinausführen dürfen.« Elisabeth hatte wie ein Kind den Kopf auf den Arm der Mutter gelegt, die ihr den Rosenkranz aus den schönen Haaren gelöst hatte; wer, wenn er in diese leuchtenden Sonnenaugen, in dies blühende, helle Angesicht sah, konnte der Mutter verdenken, wenn sie dachte, jetzt eben ein solches Sonntagskind vor sich zu haben! »Gute Nacht, Mütterchen! Du machst den Anfang mit Verwöhnen!« rief sie heiter und suchte ihr Lager, auf dem sie bald so süß schlief wie ihre neue Nichte. Doch nicht so fest, denn sie träumte, sie sei die Braut eines dicken alten Herrn mit einer roten Schnupftabaksnase, und wußte doch gar nicht, wie das zugegangen sei. Sie mußte bitterlich weinen und hatte noch nasse Augen, als sie morgens erwachte und die klare Sonne in ihr Fenster schien und Minchen bereits mit verschlafenem Gesichtchen nach ihr herübersah; aber sie war ganz seelenfroh, daß es ein Traum gewesen. »Ach, Gott Lob und Dank, daß ich noch keine Braut bin! Guten Morgen, Minchen; schlafe nur noch ein wenig, bis ich angekleidet bin, ich helfe dir nachher.«

Es ist ein Segen um die leise Macht der Gewohnheit, um das augenblickliche Vergessen, das, wie weiches Moos einen zerklüfteten Stamm, die Wunden der Trennung überzieht und wie milder Frühlingswind die Tränen des Leides trocknet –[247] ein Segen und eine Wohltat; denn wer vermöchte seinen Lebensweg zu gehen, wenn all die Last von Weh und Herzeleid auf der Seele liegen bliebe, die von jungen Jahren an darübergeht! Und doch empfinden wir dies Vergessen wieder mit leiser Reue, dies Entwöhnen als Schwäche, ja als Schuld, als ein Unrecht gegen die, von denen wir mit Schmerzen geschieden sind. Es lebt das unverlöschliche Gefühl in der Seele, daß sie für ewiges Festhalten an dem, was ihr eigen, geschaffen ist, für ewige Liebe und Treue.

Die Regierungsrätin fand es nicht so schwer, ohne Marie fortzuleben, obgleich sie die Stieftochter aufrichtig liebgehabt und wahrhaft hochgeschätzt hatte. Eben diese Hochschätzung, die sie Mariens echten Tugenden nicht versagen konnte, war ihr je und je etwas lästig geworden; sie war eine Frau der Gesellschaft, sie liebte ihr Kaffeekränzchen am Nachmittag, ihren Teeabend mit einem ruhigen, anständigen Kartenspielchen, ihren Sonntagsausflug in den Lustgarten eines umliegenden Ortes, und das Gefühl, daß der ernstere Sinn ihrer Tochter an all diesem wenig Geschmack finde, es für überflüssig, am Ende gar für Unrecht halte, bedrückte sie, obwohl sich Marie nie darüber aussprach; sie konnte das ruhige Lächeln nicht ertragen, mit dem Marie ihren endlosen Beratungen über einen Kleiderstoff, über eine Haubenform zuhörte; und die Kürze und Einfachheit, mit der sie ihre eigenen Toilettenangelegenheiten behandelte, schien ihr übertrieben und unnatürlich für ein Mädchen. Und Elisabeth war ihr Abgott! Sie war eifersüchtig auf die Liebe und Verehrung gewesen, mit der sie zu der Stiefschwester aufsah, und dann hatte wieder die Furcht, zu parteiisch zu scheinen, ihrer Zärtlichkeit für ihr Kind Zwang aufgelegt. Nun wollte sie ihrem Liebling erst goldene Tage machen! »Marie hat gewiß den besten Einfluß auf meine Kleine gehabt,« gab sie zu, »aber sie hätte mir das Kind zur Nonne gemacht. Die gute Marie, die selbst wenig Äußeres hat, tat freilich wohl, sich mehr auf ernsterem Gebiet zu halten, sie hat ja nun auch auf diesem Wege ihre Versorgung gefunden; aber meine Elisabeth ist doch wohl für eine[248] andre Zukunft berufen!« Elisabeths Leid um die Schwester war ein ungemischtes, Mutter und Schwester hatten unbewußt bei ihr die Rollen gewechselt: während sie bei der Mutter Gewährung jedes Wunsches, Sympathie für jedes kindische Vergnügen, Nachsicht für jeden Fehler fand, blickte sie zu der Schwester auf mit unbedingtem Glauben, mit vollstem Vertrauen; sie war ein verwöhntes Kind, aber kein eigenwilliges, es war ihr süß, sich leiten zu lassen. Mit dem Instinkt eines liebewarmen, großmütigen Herzens hatte sie früh gesucht, durch reiche Liebe die Parteilichkeit der Mutter zu vergüten, und Marie hatte ihr diese Liebe so innig, so dankbar erwidert. Immer noch war sie wohl zehnmal des Tages im Begriffe, zu fragen: »Was meinst du, Marie?« oder: »Nicht wahr, Marie?« Sie ermüdete die Mutter mit ihren endlosen Fragen und Gesprächen über Marie: wo sie jetzt wohl sei? und was sie jetzt wohl tue? Und sie trug den ersten Brief der Schwester bei sich wie einen Brautbrief, um ihn immer wieder zu lesen.

Aber die Mutter tat ihr Bestes, das Kind zu zerstreuen, ihm Vergnügen zu machen, und das war bei Elisabeth nicht schwer. Sie trat in ein französisches Lesekränzchen zur weiteren Ausbildung in der Sprache, wo man viel Tee trank, eine Weile aus der Bibliothèque pour la jeunesse vorlas, ziemlich schlecht französisch plauderte, bis es immer holperiger ging, man sich gegenseitig auslachte und dann mit unendlichem Vergnügen zur lieben Muttersprache zurückkehrte und nach Herzenslust deutsch schwatzte. Sie wurde in diesem Winter zum erstenmal in die Welt eingeführt, in die musikalischen Abende der Madame Scheeler, zu den geistvollen Zirkeln mit Tableaus und Jeux d'Esprit der Frau Kommerzienrat Schneemüller, und wenn sie sich auch da noch etwas schüchtern und nicht ganz zu Hause fühlte, so übte doch die ganze Atmosphäre von Blumen und Düften, von Sang und Klang, welche die geschmückten teppichbelegten Räume durchwehte, einen bezaubernden Einfluß auf ihr junges, poesiereiches Gemüt, und sie meinte jeden Abend: heute sei es doch am schönsten gewesen. Der Frühling kam, aus den Soireen beim Lampenlicht wurden Abende im[249] Freien; die jungen Mädchen machten Frühspaziergänge in das nahe Wäldchen und hielten fröhliche Picknicks in der Gartenlaube einer ländlichen Schenke, Elisabeth war überall die Heiterste. Doch vergaß sie der Schwester nicht, und das Heim weh nach ihr wachte oft lebendiger als je auf, wenn sie abends in ihr Stübchen kam.

Sie hatte zu Anfang Marie lange Briefe, halbe Tagebücher geschrieben, aber die gute Marie hatte bei dem besten Willen nicht viel Zeit zum Antworten; so wurden auch Elisabeths Briefchen immer kürzer und schlossen stets »in Eile«.

Vor Schlafengehen hatten die Schwestern stets ein Kapitel der Bibel zusammen gelesen, ehe sie ihr stilles Nachtgebet gesprochen; Marie hatte gern noch mit der Schwester darüber geredet, nicht im Lehrton, selbst als eine Suchende; aber eben ihre bescheidenen Fragen und Bemerkungen hatten Elisabeths Sinn tiefer in das Verständnis der heiligen Blätter geführt. »Wer liest nun die Bibel mit mir?« hatte sie vor dem Scheiden in klagendem Ton Marie gefragt. – »Die Mutter vielleicht,« beruhigte sie Marie. – »Ach nein, du weißt, die Mutter hat Witschels Morgen- und Abendopfer, daraus liest sie hie und da abends; aber sie sagt, die Bibel verstehe unsereins doch nicht recht, da lasse man's lieber gehen.« – »Lies für dich!« bat sie Marie, »und wenn du willst, so schreibe dir hie und da deine Gedanken darüber auf und teile sie mir mit; willst du?« – »Herzlich gerne, aber ich werde nicht können.« – »Versuch's!«

Es kam nicht oft zum Versuch; die Mutter hatte sich bald nach Mariens Abzug bei einer Leihbibliothek abonniert; da kamen gar zu interessante, schöne Geschichten. Elisabeth las der Mutter daraus vor, bis sie eingenickt war; dann las sie noch für sich oft tief in die Nacht hinein, bis auch ihr die Augen zufielen. Pflichtmäßig öffnete sie noch vor dem Einschlafen ihr kleines Testament, die müden Augen konnten kaum mehr die Worte unterscheiden, viel weniger drang der tiefe Sinn in das zerstreute Köpfchen, und sie entschlummerte, ehe sie nur gesucht, ihn zu erfassen. Manchmal freilich faßte sie wenigstens die großgedruckten Stellen auf, und sie konnten ihr zuzeiten[250] Nachdenken verursachen. »Ach, Mütterchen,« sagte sie einmal abends, als sie mit ihr allein war, »weißt du, daß ich heute immer an die Stelle denken muß: ›Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann mein Jünger nicht sein.‹ Mutter, ich habe ja gar kein Kreuz zu tragen.« – »Einfältiges Kind, du wirst doch das Kreuz nicht gewaltsam herbeirufen wollen! Das ist nicht so gemeint. Warte nur, das Kreuz kommt früher oder später von selbst, und dann, wenn es einmal kommt und wir nicht ausweichen können, dann sollen wir mit religiöser Ergebung uns darein schicken, wie du siehst, daß ich mich jetzt in meinen Witwenstand schicke; es gibt auch Frauen, die ihr Leben lang darüber seufzen, daß sie Witwen geworden sind, siehst du, die wollen dann ihr Kreuz nicht auf sich nehmen; das ist der Unterschied.«

So ganz überzeugt fühlte sich Elisabeth doch nicht. Das mußte man allerdings der Frau Regierungsrätin nachsagen, daß sie ihr Kreuz mit Leichtigkeit und Anstand trug; sie hatte sich wohl die scharfen Kanten weich ausgefüttert, um es desto länger tragen zu können.

»Aber heute, Mutter, muß ich zu der alten Braun,« sagte Elisabeth an einem andern Morgen, »Marie hat mich nun schon zweimal gefragt, ob ich sie nicht vergessen habe.« – »Heute ist es unmöglich, wir müssen in die Blumenausstellung, und nachher habe ich der Frau Präsident versprochen mit dir in ihren Garten zu kommen; Rike kann der Braun übriges Essen und etwas Geld bringen.«

»Aber sie hat sich so gefreut, als ich einmal nach Mariens Hochzeit selbst bei ihr war, und gesagt, es habe ihr indes niemand vorgelesen.« – »Dazu gibt es andre alte Weiber, die besser Zeit haben als du,« entschied die Mutter. »Überhaupt muß ich dir sagen,« fuhr sie fort, »daß mir das Wesen mit Besuchen bei Bettelleuten und in Spitälern und Kleinkinderschulen etwas affektiert vorkommt. Das war zu meiner Zeit gar nicht der Brauch, und man ist damals auch fromm gewesen und wohltätig. Die Bettelleute sind so frei und kommen zu uns, die brauchen wir nicht aufzusuchen, und die verschämten[251] Armen werden nur unverschämt, wenn man so expreß zu ihnen geht; glaube mir, das ist eine Modesache.«

»Aber Marie hat es nicht als Modesache getan,« sagte Elisabeth, in der Schwester Seele gekränkt, mit nassen Augen. – »Gewiß nicht,« sagte die Mutter begütigend; »nur weißt du, Marie war doch so allmählich auf dem Weg zur alten Jungfer; da sucht man allerlei, um das Herz auszufüllen, und es ist ja jetzt gut, daß sie mit solchen Sachen umgehen kann, nun sie eine geistliche Frau ist; aber bei dir, Kleine, hat's immerhin noch Zeit.« – »Es ist wahr, ich verstehe mich nicht so recht darauf und bin bei den armen Leuten immer in Verlegenheit,« sagte Elisabeth erleichtert und legte beruhigt dies Stückchen Kreuz wieder beiseite.

Der Sommer kam und mit ihm in dem Bekanntenkreise der Regierungsrätin die große Frage: »Wohin?« das heißt: »In welches Bad werden Sie diesmal gehen?« – »Ich bin noch nicht entschieden,« meinte Frau Geheimrat; »Baden ist mir zu geräuschvoll und Niedernau zu still; Wildbad echauffiert mich zu sehr und wird immer teurer, und ein Seebad greift mich an.« – »Kreuznach, meint mein Doktor, würde mir vielleicht gut tun,« sagte Frau Hofrat Willing, »aber die Einrichtung sei dort etwas mangelhaft.« – »Homburg ist meinem Mann verordnet,« sagte Frau Oberfinanzrat Andres, »und der Medizinalrat meint, es könnte mir auch gut tun; aber es gehen gar keine von meinen Bekannten hin, da wäre mir's doch langweilig.« – »Mein Sohn soll nach Helgoland,« sagte Frau Kommerzienrat Kurz, »und er schlägt mir vor, das auch zu versuchen, da mir Ems im vorigen Jahre so gut wie gar nichts geholfen; aber denken Sie sich die abscheulichen Hüte, die man dort trägt! Nein, ich bin mein Lebtag nie eitel gewesen und werde jetzt nicht erst anfangen, aber wenn ich mich in einer solchen Vogelscheuche sehen müßte! Lieber nach Weißbad in der Schweiz, das der Madame Ulrich voriges Jahr so gut tat.« – »Das sei aber für Brustübel, und Sie leiden ja im Kopf.« – »Ach, der Doktor meint, der Unterschied sei nicht so groß, man muß alles versuchen; was haben Sie denn im Sinn, Frau[252] Regierungsrätin?« – »Ich gehe eben in Gottes Namen wieder nach Baden,« seufzte diese ergeben, »ich habe diesmal gar einen ordentlichen Winter gehabt, und ich denke, das ist noch die Nachwirkung vom vorigen Jahre. Warme Bäder kann ich zwar nicht gut ertragen, aber die Ruhe und die Luftveränderung ist doch die Hauptsache, und eine Erholung tut mir so not nach der großen Anstrengung mit der Aussteuer und Hochzeit meiner Marie.« – »Ach, freilich,« stimmte Frau Hofrat Berzenberg andächtig bei, »jawohl, die Luft ist die Hauptsache und die Nachkur.« – »Allerdings die Nachkur,« fiel die Frau Geheimrat ein; »mir wird's jedesmal schlechter im Bad, man hat da seine gewohnte Ordnung nicht; aber den Winter bringe ich dann doch immer wieder erträglich zu.« – »Sie nehmen natürlich Ihre Elisabeth mit, Frau Regierungsrätin?« – »Glaube kaum,« sagte diese; »zwei Personen kommen doch sehr hoch, und Sie wissen wohl, eine Witfrau muß sich nach der Decke strecken. Meine Kleine plagt mich so, sie zu der Marie zu lassen, die wir ja noch nicht besucht haben; da will ich sie auf der Reise nach Baden hinbringen und sehen, ob sie lange dort bleiben mag.«

Die Regierungsrätin hatte in der Tat Grund, auf einige Ersparnisse zu denken; sie war nicht eben reich, und durch Mariens Verheiratung fiel noch ein Teil ihrer Einkünfte weg; aber sie hielt es für Elisabeths Zukunft viel besser, bei sparsamer Einteilung des inneren Haushalts, nach außen durch geselligen Aufwand sich in den Ruf großer Wohlhabenheit zu setzen. Deshalb hatte sie auch nie zugegeben, daß Marie früher ihrem Herzensdrang folgte und als Lehrerin oder Erzieherin einen eigenen Beruf wählte. »Sagte ich nicht, du würdest mir's noch danken?« fragte sie bei dem Antrag des Dekans. »Als Gouvernante hättest du noch lange warten können, bis du Braut geworden wärest; da trifft's unter Hunderten kaum eine, nun kannst du ja doch noch erziehen nach Herzenslust.«

Doch war es nicht, als ob die Regierungsrätin Tag und Nacht auf nichts gesonnen hätte, als ihre Tochter mit Glanz an den Mann zu bringen, wie es nach Ansicht unsrer modernen[253] Schriftsteller alle Mütter tun; o nein, sie träumte sich freilich eine glänzende Zukunft für ihr schönes Kind, aber sie freute sich von Herzen ihres Besitzes und war ihrer Jugend froh, bei der eine Trennung noch in der Ferne lag. Sie war viel zu fest überzeugt, daß der Besitz ihrer Elisabeth dereinst der Gipfel menschlicher Glückseligkeit sei und daß kein Sterblicher ungefährdet in diese Sonnenaugen blicken könne, als daß[254] sie daran gedacht hätte, Pläne zu machen. Elisabeth besann sich darüber gar nicht; sie wußte oder fühlte doch wenigstens unbewußt, daß sie liebenswürdig war und geliebt, aber ihr glückseliger Übermut hatte nichts Verletzendes; sie war so bereit, jede ihrer Schwächen einzugestehen, jeden Vorzug andrer anzuerkennen, so warmen Herzens und allzeit fröhlich!

Sie war im vorigen Jahre königlich vergnügt in Baden gewesen in ihrer neuen reizenden Toilette, auf den Promenaden, unter den mannigfaltigen bunten Gestalten, in der märchenhaften Pracht der Säle, auf den schönen einsamen Waldwegen; aber sie freute sich nun auch wie ein Kind, als sie hörte, daß sie diesmal wenigstens die ersten Wochen während der Mutter Badeaufenthalt bei Marie zubringen sollte. So brachte denn die Mutter sie zu Dekans, ohne sich länger als einen Tag dort aufzuhalten; Elisabeth aber versprach ihr genaue Berichte über all ihre Erlebnisse bei Marie.


Elisabeth an die Mutter

1

Ja, liebe Mutter, da wäre ich nun bei der Marie, aber ich muß sagen, trotz allem, was ihr von dem schönen Wirkungskreis gesagt habt, der sie erwartet, gelüstet mich's doch gar nicht nach so einem; du liebe Zeit, was ist die Marie für ein geplagtes Geschöpf vom frühen Morgen bis in den späten Abend! Da sollen um sieben Uhr schon die Buben zur Schule und vorher noch überhört werden; den Mädchen muß man die Zöpfe flechten, und der Kleine ist skrofulös und soll Dreifaltigkeitstee trinken, und die Pauline hat Anlage zum Schiefwerden, mit der soll man gymnastische Übungen vornehmen; dem Minchen Liebe und Geschmack zu Haushaltungsgeschäften beibringen, und sie mag doch nicht. Daneben haben sie Äcker, da soll man nach den Tagelöhnern schauen und für alle Wöchnerinnen des Städtchens kochen! Und der Herr Dekan, ja der tut nichts zur Sache, als daß er hie und da einen neuen Befehl erläßt, was[255] alles noch geschehen und nicht geschehen sollte, und wenn er einmal einen losen Knopf an seinem Rock hat, so kommt er mit der Miene einer gekränkten Unschuld, daß seine Frau diesen schweren Unfall nicht schon lange vorhergesehen und beseitigt hat.

Ja die Männer! Behüte mich Gott, daß ich heiraten sollte; nein, wenn ich denke, was wir daheim ein nettes, behagliches Leben zusammen führen!

Marie ist übrigens nicht unglücklich, oder gesteht sie's mir nur nicht, weil sie wohl weiß, daß ich diese Heirat nicht zugeben wollte. Sie ist sehr selten übler Laune, hat mit den Kindern eine merkwürdige Geduld, und sie und ihr Mann scheinen sich ganz gut zusammen zu verstehen, was mir unbegreiflich ist. Du glaubst nicht, was er für Prätensionen an sie macht! »Liebe Frau, könntest du nicht heute selbst auf dem Acker nachsehen und einen Versuch mit der neuen Maisgattung machen?« und: »Marie, nicht wahr, du bist so gut und siegelst und überschreibst mir die drei Päckchen oben an die Pfarrämter Schneckental und Ladenburg und eins ans Konsistorium? Aber verwechsle sie nicht und besorge sie alle noch vor zehn Uhr! Minchens Aufsatz solltest du noch lesen, und halt! sieh mal, die Gartenmauer vor dem Haus sieht so kahl aus, sorge doch für Gefäße zu Topfpflanzen, aber von hübschen etrurischen Formen, nur ganz wohlfeile von gewöhnlichem Ton ...« – »Ja, Schatz, solche hat der Töpfer nicht.« – »Ach was, er muß schon haben, aber was ich will, findet allemal Schwierigkeiten.« Wenn ich dann denke, Marie sei ganz außer sich über solch unsinnige Zumutungen, so lacht sie nur und sagt: »Nur gemach, verehrte Regierung, die getreuen Stände haben auch eine Stimme!« Ich weiß nicht, was er für Vorstellungen von den Fähigkeiten einer Frau haben muß; nein, in Ewigkeit nehme ich keinen Mann!

Er hält freilich viel auf Marie und nimmt vorweg an, daß sie alles verstehe und alles aufs beste mache: aber das ist ein kostbares Zutrauen, wenn man einem aufladet, was für drei zu schwer wäre![256]

Du sagtest wohl, ich solle mich in mein Stübchen setzen oder in den Garten, wenn die Unruhe im Hause so groß sei; aber weißt Du, Mütterchen, da habe ich denn doch ein böses Gewissen dabei, wenn ich sehe, wie viel Marie tut und wie man dem Minchen ein gutes Beispiel geben soll. Das gerade ist das Fatale bei so einem Getreibe, daß sich kein Mensch ruhig seines Lebens freuen kann.

Es ist mir schon leid, daß ich nur so lange bei dem Brief an Dich sitze, ich meine jetzt gleich, ich sollte mich des kleinen Nathanaels annehmen, der im Gärtchen unten allein auf dem Boden herumkrabbelt, während Marie die Waschkiste des Seminaristen auspackt. Lebe wohl für heute, liebe Mutter; schreib mir auch, wie Dir's im Bade geht! Sie haben mir alle Grüße an Dich aufgetragen. Von Herzen

Deine gehorsame Tochter

Elisabeth.


2

Ich muß gleich wieder schreiben, daß Du nicht der armen Marie und ihrem Mann Unrecht tust.

So schlimm, wie Du meinst, ist es wahrhaftig nicht hier; weißt Du, ich bin eben verwöhnt von unserm gemütlichen, angenehmen Leben daheim.

Es ist oft wirklich auch nett, wenn man einmal die Kinder im Frieden beisammen hat und das Völklein so fröhlich um den Tisch sitzt, wenn man nicht gerade zanken darf: »Pauline, wie issest du so garstig! Fränzchen, verschütte nicht immer Wasser! Heinrich, bleib sitzen!« Auch die gemeinsamen Spaziergänge sind hübsch, nur geht meist eins der Kinder verloren, oder patscht eins ins Wasser, oder werfen sie das Wägelchen mit Nathanael um; sonst aber sind sie vergnügt. Der Schwager ist gewiß ein braver Mann, und ich sehe wohl, daß ihn Marie von Herzen lieb hat und er sie; nur meine ich, er sollte viel mehr erkennen, was er an ihr hat, er nimmt es nur so hin. Marie lacht, wenn ich das zu ihr sage, und meint, ob ich verlangen[257] wollte, daß mein Mann alle Tage und Stunden bewundernde und anerkennende Reden an mich hielte. – Nun, das ist wohl wahr; ich kann mir aber überhaupt nicht vorstellen, wie's wäre, wenn ich einen Mann hätte; es müßte doch noch ein ganz andrer sein als der Marie ihrer, wenn ich mich entschließen sollte!

Mit den Kindern steht sie ganz nett; freilich gibt's aber auch Schwierigkeiten, an die eine rechte Mutter nicht denkt. Der Seminarist ist, glaube ich, das beste von allen; wenn der gute Mensch nicht den Fehler hätte, daß er seine Waschkiste jedesmal zur Unzeit schickte und beständig das Unglück gehabt hätte, daß ihm seine Lampe umgefallen ist und Ölflecke auf Bücher, Betten und Kleider gemacht hat, ich glaube, Marie hätte gar nichts an ihm auszusetzen. Er verehrt seine Mutter sehr und erstreckt seine Verehrung auch auf mich; seiner letzten unglückseligen Waschsendung hat er ein Sträußchen mit Genzianen und allerlei seltenen Waldblümchen für mich beigelegt. Mit dem Minchen ist's schwieriger, die ist jetzt vierzehn und fühlt sich; da will sie bald ein neues Kleid, das der Vater unnötig findet; bald wird sie zu einer Tanzpartie eingeladen, was der Vater nicht zugibt, und Marie soll dann der Popanz sein und alles abschlagen und verbieten. Es freut mich, daß sie darüber doch ein Wort mit ihrem Mann gesprochen hat, dessen Aussprüche sie sonst verehrt, als ob er ihr Papst wäre. »Liebes Herz,« sagte sie freundlich, »du mußt mir die Liebe der Kinder gewinnen und erhalten helfen; du mußt hie und da den Ernst und die Strenge über dich nehmen und mir erlauben, zu gewähren und zu mildern. Stiefmütterchen sind ein Gartengewächs und brauchen Pflege, wenn sie gut anwachsen sollen,« setzte sie wehmütig lächelnd hinzu.

Als sie den Kleinen gestern zu Bett legte, fing er plötzlich an zu weinen: »Ist's wahr, Mutter, daß du nicht unsre rechte Mutter bist, nur eine Stiefmutter? Und Stiefmütter sind doch bös.« – »Wer sagt dir das?« – »Pauline.« Die Pauline, die ich immer am wenigsten von den Kindern mag, sah flammrot aus wie das böse Gewissen. Ich war so bös über sie, es[258] war natürlich, daß man bisher das Kind noch nicht mit dem Begriff von zwei Müttern verwirrt hatte; was brauchte sie es zu sagen! »Gelt, Mutter, es ist nicht wahr?« fragte das Kind ängstlich. – »Du hast noch eine Mutter im Himmel, lieber Nathanael,« sagte Marie liebevoll. – »Ich brauche keine Mutter im Himmel, ich will dich!« rief das Kind fast heftig. – »Deine Mutter hat dich sehr lieb gehabt«, fuhr Marie fort, »und hat geweint, daß sie dich und die Geschwister allein lassen mußte. Wie sie nun im Himmel war, beim lieben Gott, hat sie ihn gebeten, er solle ihren Kindern wieder eine treue, gute Mutter schicken, die sie hütet und für sie sorgt. Da hat mich der liebe Gott zu euch geschickt; wollt ihr mich lieb haben?« – Der Kleine antwortete mit Küssen; Fränzchen aber fragte bedenklich: »Wenn wir dann alle einmal in den Himmel kommen zu der rechten Mutter, wo tut man dich dann hin?« – »Dann sind wir alle daheim,« sagte Marie, indem sie das Kind zu sich zog, »in dem schönen Paradiesgarten, und eure selige Mutter und ich sind beisammen und haben einander lieb wie Schwestern; dann erzähle ich ihr, wie ihr gut gewesen seid und wie ihr mich lieb gehabt habt!« Die andern Kinder waren im Zimmer, und ich sah wohl, wie ihre Herzen auch weich geworden waren von der Mutter Worten, nur die Pauline sah noch stöckisch aus; Marie sagte nichts zu ihr, aber später, als sie zu Bett waren, ging sie leise zu ihr hinauf und blieb lange oben. Was sie mit ihr gesprochen, weiß ich nicht, aber seitdem ist das Mädchen viel freundlicher und williger. Ich meinte, durch so viel Entgegenkommen vergebe sich Marie den Respekt gegen die Stiefkinder; aber sie sagte: »Laß mich nur, Liebe! Ein Pfropfreis muß sorgsamer gehütet werden, bis es angewachsen ist, als der natürliche Zweig.« Sie mag recht haben, aber ich muß sagen, mir käme es sauer an, noch um Liebe zu betteln, wenn ich solche Opfer gebracht! Wie ich denn immer ein unbesonnenes Ding bin, so habe ich auch Marie Deinen letzten Brief lesen lassen, worin Du mich so bedauerst wegen all der Unruhe. Ich gestand ihr natürlich, daß ich in meinem Brief an Dich ihr Schicksal beklagt habe; sie wurde[259] aber nicht böse, sie küßte mich und sagte lachend: »Tröste dich, Elisabethchen, mein Los ist nicht so schlimm.« – »Aber sage mir, Marie, bist du wirklich glücklich, im Ernst so recht glücklich?« – »Liebes Herz,« sagte sie, »ich habe in Wahrheit kaum Zeit, mich nur darüber zu besinnen; aber ich glaube, ich bin an dem rechten Platz, für den Gott mich bestimmt hat, und das zu wissen, ist schon viel.« Sie sah mir wohl an, daß mir das wie ein mageres Glück vorkam, und sagte recht herzlich: »Glaube mir, Elisabeth, das glücklichste Los ist das, das uns lehrt, am meisten und unmittelbarsten in Gottes Augen zu schauen, und das ist das meine. Dann weißt du, daß ich einen Gatten habe, der mich liebt und mir vertraut und den ich achten und lieben kann von Herzen – gräme dich ja nicht um mich, liebes Herz Wenn dir ein poesiereicheres Los fällt als das meine, so wünsche ich dir von Herzen, daß es dabei auf so sicherem Grunde ruhe.« – »Mutter, ein neues Heft!« »Mutter, die Spinnfrau ist draußen!« »Frau Speziälin, welches Salatland soll geleert werden?« tönte schon wieder ein dreistimmiger Ruf von außen – das war die erste ruhige Unterredung, die ich mit Marie hatte, seit ich hier bin.

Also schreibe nichts Bedauerndes mehr, liebe Mutter! Ich freue mich, daß Du Dich gut unterhältst, aber ich freue mich noch mehr, bis ich Dich abholen darf, obgleich ich gewiß gern hier bin und viel bei der Marie lernen kann. Lebe wohl und vergnügt und vergiß nicht

Deine

verwöhnte Elisabeth.


3

Diesmal, Mütterchen, komme ich nur auf einen Sprung zu Dir; Marie bittet mich, Dir die süßen Brötchen zu einem Abendbrot ins Bad zu schicken. Es ist mir rührend, wie die Marie an alles denkt und zu allem noch Zeit findet. Wenn ich zu Dir komme, müssen wir für all die Kinder etwas Hübsches kaufen. Ich wäre immer lieber hier, wenn man nur auch einmal[260] in Ruhe bleiben könnte; aber das ärgert mich, daß ich bei jedem Vergnügen, das ich mir gönne, dann doch ein böses Gewissen habe, da sich Marie so abmüht. Wenn sie nur zwei Mägde hielte oder eine Hausjungfer, so könnte man doch seines Lebens auch froh werden! Da hat sie nun neben der Köchin nur so ein junges, verwahrlostes Waisenkind, von dem man mehr Mühe als Hilfe hat; Marie ist aber jederzeit ruhig und zufrieden.

Nun kommt wieder eine neue Geschäftsvermehrung: der kranke Baron von Ellershausen, weißt du, der Zögling des Dekans, hat sich als Gast angemeldet. Er soll wieder eine Luftveränderung versuchen und sich erheitern, da diesen Frühling seine Mutter gestorben ist. Man richtet ihm im Gartenhaus eine Wohnung ein. Er bringt freilich seinen Bedienten mit; aber man muß ihn unterhalten, zerstreuen, ihm vorlesen, und das, meinte Marie, könnte ich hie und da tun, bis Ernst in die Ferien kommt. Ich will ihr's gern zuliebe tun, aber langweilig finde ich's doch, wenn ein so junger Mann gar nichts als krank ist – es sei ein Herzleiden, sagen sie.

Mich wundert, daß er nicht lieber in ein Bad geht, wo er alles bequemer fände und weniger Mühe machte; doch ist er, soviel ich weiß, nicht sehr reich und wird sich auch einsam fühlen unter Fremden. Ich will mich gern seiner annehmen, soviel ich kann, nur das täte mir leid, wenn man in einem fort betrübt sein müßte; ich habe ja auch die selige Frau Baronin gar nicht gekannt.

Du bist gut, liebe Mutter, daß Du mich jetzt schon zu Dir nach Baden berufen willst, und ich würde mich sehr freuen; aber ich kann's doch fast nicht übers Herz bringen, Marie gerade jetzt zu verlassen, wo es besonders viel zu tun gibt. Sollte ich freilich gute Reisegelegenheit finden, so stehe ich nicht dafür, ob ich nicht doch komme, aber hier geht niemand in Bäder; hier fragt man sich nur: Baden Sie im Neckar oder im Zuber?

Nun adieu für heute, lieb Mütterlein!


Die junge Elisabeth tat wirklich ihr Bestes, nicht zu sehr hinter der emsigen Schwester zurückzubleiben; aber doch kam[261] ihr hie und da der Aufenthalt in dem geschäftigen Hause wie eine Art Verbannung vor, und sie dachte mit geduldiger Sehnsucht an die Herrlichkeiten Badens, an ihr heiteres, genußreiches Leben in der Residenz.

Bei Marie erreichten die Geschäfte den Höhepunkt, als die Vorbereitungen für den längeren Aufenthalt des Barons getroffen wurden: Handwerksleute aller Art gingen ab und zu; die Zimmer alle sollten in ansehnlichen Stand gesetzt und die Kinder hübsch gekleidet werden; der Dekan kam nur hie und da aus seinem Studierzimmer, um zu Elisabeths großer Empörung neue Anordnungen zu treffen und an dem Geschehenen Ausstellungen zu machen; Marie besorgte alles nach bestem Wissen in guter Laune und ließ sich den Tadel nicht zu schwer kümmern. Elisabeth griff gutwillig allenthalben an, aber das Wetter war eben wunderschön, es kamen Aufforderungen zu Landpartien von befreundeten Familien des Städtchens, die sie oft schweren Herzens abschlug; es war denn doch verdrießlich, gerade jetzt ins häusliche Joch gespannt zu sein.

Im Hause war große Bewegung, als endlich der Wagen des Barons anfuhr und der Bediente dem bleichen jungen Mann sorgfältig heraushalf. Lehrer und Zögling begrüßten sich mit einer Innigkeit, die Elisabeth erst Respekt vor dem Schwager einflößte; auch Marie grüßte der Baron herzlich mit der Bitte: »Wollen Sie meine Freundin sein? Ich habe keine Mutter mehr.« Er bat, gleich in den Garten gehen zu dürfen. »Der Herr Baron können im Augenblick keine Treppe steigen,« versicherte der Bediente, »Sie haben kürzlich einen neuen Anfall gehabt.« Elisabeths Augen hingen mit innigem Mitleid an dem Kranken, doch seufzte sie in der Stille: »Mein Gott, welch ein trauriger Gast!« Marie schien in dem Augenblick keine Pflicht mehr zu haben als die der mütterlichen Fürsorge für ihren reisemüden Pflegling, und bald war er zu behaglicher Ruhe im Gartenhaus eingerichtet.

Der Baron war durch den Tod seiner Mutter besonders geschwächt und bedurfte der äußersten Ruhe; so führte er denn seinen eigenen kleinen Haushalt im Gartenhaus, ohne zu[262] ahnen, wie sehr das die Mühen der Hausfrau vermehre; nur ein oder zwei Mitglieder der Familie lud er abwechselnd sich zu Gaste. Für die Kinder war der vornehme Herr, mit dessen Erwartung sie sich schon wochenlang zuvor in der Schule gerühmt hatten, von unendlicher Wichtigkeit, selbst unabhängig von den niedlichen Geschenken, die er ihnen mitgebracht hatte. Vom frühen Morgen an schlichen sie um das Gartenhaus und freuten sich, ihn zu sehen oder einen Gruß von ihm zu erhalten, und erzählten sich dann, was er mit ihnen gesprochen. Wer vollends mit dem Baron speisen durfte, wo es immer einige Extrabissen gab, war der Glückliche und Beneidete. In einem unruhigen, betriebsamen Hause ist es wohltätig, wenn ein fester Ruhepunkt da ist, um den sich die andern zuzeiten sammeln können: eine behagliche Großmama, ein Großvater im Lehnstuhl; ein Krankenbett selbst, wenn es nicht zu leidensvoll ist, kann zu einem solchen Ruhepunkt werden. So brachte auch die Anwesenheit des Barons, nachdem er einmal im Gartenhause[263] eingerichtet war, müde und krank wie er war, doch ein wohltuendes Element, einen Hauch von Ruhe und Poesie in das Alltagsleben des kinderreichen Dekanatshauses. Er hatte nicht umsonst die schwere, lange Schule des Leidens durchgemacht; er war selten ungeduldig und hatte gelernt, seine peinliche Reizbarkeit zu unterdrücken, dankbar für jede freundliche Aufmerksamkeit, die man ihm widmete; seine Schwäche hatte nichts Weichliches, seine Sanftmut nichts Weibisches, sein tiefer Blick zeigte, daß in dem kranken Körper die Seele gesund und lebensvoll geblieben war.

Er fühlte sich bald daheim in der bürgerlichen Umgebung bei der unbedingten Liebe und Verehrung, die er für seine Wirte hatte, und wenn er abends auf der Terrasse saß, von blühenden Rosenhecken umgeben, freute er sich herzlich, wenn sich die muntre Jugend im Garten tummelte. Elisabeth hatte meist das Amt der Vorleserin, überhaupt entfaltete sie alle Liebenswürdigkeit ihres Wesens in der freundlichen Bemühung um den Kranken. »Weißt du, Marie,« meinte sie, »so ein Kranker ist nicht wie sonst ein junger Mann; man fühlt sich so gar nicht geniert, das finde ich angenehm.« Ob der Baron sie ebenso ungefährlich fand wie sie ihn, ob er immer auf das hörte, was sie las, ließ sich wohl nicht bestimmen, so klar und wohlklingend auch die Stimme der schönen Vorleserin war; er saß oft so tief in ihren Anblick versunken, sein Blick sog ihre junge Schönheit ein wie eine schwache Pflanze das Sonnenlicht. Aber es lag kein glühendes Verlangen, nur ein inniges, wehmutsvolles Entsagen darin; obwohl noch jung, fühlte er sich doch so außerhalb des frischen hellen Lebens, dem diese süße Knospe erst entgegenblühte, daß sein Ton im Verkehr mit ihr fast der eines älteren Bruders war.

Elisabeth fühlte sich auch mehr befriedigt von der Häuslichkeit der Schwester und lernte den Schwager lieber gewinnen und besser verstehen im Umgang mit dem Baron, und nur selten noch seufzte sie bei sich, daß dies Leben eigentlich doch schrecklich einförmig sei. Der reichgebildete Geist und die tief poetische Seele des Barons, der hohe Ernst, mit dem er den[264] wahren Grund des Lebens erfaßte, regten ganz neue Saiten in ihr an; denn so sehr gebildet auch die Kreise der Hauptstadt waren, in denen sie sich bewegte, die musikalischen Abende, die Lesekränzchen, die französischen Zirkel und Gesellschaftsspiele, – im ganzen war es doch leichte Münze, die da umlief, und alles Nachdenken über sich selbst, über die ernste und tiefe Bedeutung des Lebens wurde dabei mehr eingeschläfert als aufgeweckt. Im Verkehr mit einem Geiste, der Auge in Auge mit dem Tode sich entfaltet hatte, mußte sich freilich die Anschauung des Lebens anders gestalten, und die Mutter bemerkte mit einiger Sorge den nachdenklichen Ton in Elisabeths letzten Briefen. »Du weißt, Kind, wieviel ich auf Religion halte,« schrieb sie ihr, »aber das viele Reden davon oder gar ein übertrieben ernstes Wesen, wie es sich in Deinem letzten Brief ausspricht, habe ich nie gemocht; freuet euch mit den Fröhlichen, steht in der Bibel. Darum wird es Zeit sein, daß Du nun hieher kommst, ich bleibe ohnehin nicht lange mehr und vermisse Dich sehr, da meine Gefährtin, die Frau Hofrätin, heute schon abreist; auf Gelegenheit[265] kannst Du nicht mehr warten, reise nur von der nächsten Station aus mit dem Eilwagen.«


Es ging einmal wieder sehr werktäglich im Dekanathause zu – Marie hatte große Wäsche, und der Baron, der das wußte, hatte sich die zwei Kleinsten zur Gesellschaft auserbeten, um niemand von den brauchbaren Mitgliedern des Hauses in Anspruch zu nehmen. Elisabeth hatte das Küchenamt und befand sich eben in einigem Gedränge zwischen dem überkochenden Fleischtopf und der heißen Butter, als die Kinder mit schmetterndem Geschrei ankündigten: eine Chaise, eine Chaise! Frau Marie trat aus der Waschküche mit lobenswerter Seelengröße dem eleganten Wagen entgegen, aus dem sich ein ebenso eleganter Herr und eine noch elegantere Dame erhoben, während ein zierliches Kammerfräulein vom Bock hüpfte; sie wurde noch gefaßter, als sie in ersterem Vetter Gérard, den Kaufmann aus Antwerpen, erkannte. »Der bringt eine alte Braut!« war ihr erster Gedanke beim Blick unter den feinen Spitzenhut der Dame; es war aber gar keine Braut, sondern Madame Buisson, die Frau seines Associé, die er, da er ohnehin auf Reisen war, nach Baden begleiten sollte, wo sie einige Zeit zu verweilen gedachte.

Er hatte einen kleinen Umweg nicht gescheut, um den Vetter in seinem neuen Eheglück zu begrüßen, und fühlte sich mehr als belohnt, als er seine schöne Tischnachbarin von der Hochzeit hier wieder fand, die in anmutiger Verlegenheit in dem Hauskleidchen, das ihrer jungen Schönheit wenig Eintrag tat, unter der Küchentüre stand. Auch Elisabeth errötete freudig und ließ in der Überraschung das Fleisch überkochen und die Butter verbrennen. Die erste entschiedene Aufmerksamkeit, die ein junges Mädchen von einem Manne erfahren, wird selten von ihr vergessen.

Mit der Geistesgegenwart einer echten Frau hatte Marie indes die Gäste ins Zimmer geführt und für Erfrischungen gesorgt. Den weiteren Hausfrauensorgen bei einem so plötzlichen Überfall war der praktische Vetter zuvorgekommen, indem er,[266] gleich einem wohltätigen Hausgeist, allerlei Delikatessen: Pasteten, kaltes Geflügel und Konfekt, aus seinen Wagentaschen herbeizauberte, die der einfachen Familientafel aufs glänzendste aufhalfen.

Auf Elisabeth war nicht viel zu rechnen, sie mußte doch Toilette machen, das sah die Schwester selbst ein, und in dem himmelblauen Musselinkleid, das ihr freilich am besten stand, konnte sie in der Küche nicht mehr verwendet werden; Minchen dagegen, die sonst oft auf die junge Tante eifersüchtig war, fühlte sich geschmeichelt von ihrer eignen Brauchbarkeit und tat ihr Bestes, während Elisabeth sich, bis der Herr des Hauses kam, der Unterhaltung der Gäste widmete, was ja auch eine nützliche Leistung war und keine zu schwere, da diese, zumal die Dame, die Kosten derselben allein trugen. Madame Buisson, die Reisegefährtin Herrn Gérards, fand die Freude und das Interesse sehr natürlich, mit dem dieser eine so schöne Bekanntschaft erneuerte; mit aller Lebhaftigkeit ihres beweglichen Wesens beschloß sie alsbald, das liebliche Kind zu beschützen, und war in kurzer Zeit auf dem vertrautesten Fuße mit ihr. Bald erfuhr sie, daß eben jetzt Elisabeths Mutter in Baden sei. »Das ist ja allerliebst, liebes Fräulein, da gehen Sie morgen mit uns, sie zu besuchen.« – »Die Mutter wünscht das selbst,« sagte Elisabeth etwas verlegen, da ihr die Reisegelegenheit nun doch zu schnell kam, »aber ich kann gerade jetzt meine Schwester nicht verlassen.« – »O Kind, Sie sind gar zu gewissenhaft! Wo würden Sie wieder so gute Gelegenheit finden? Das sieht Ihre Schwester selbst ein.« – »Und dann – ich könnte noch gar nicht all meine Sachen richten.« – »Das glaube ich gern,« rief die muntre Französin, »in Baden sind die Ansprüche fabelhaft; aber eine Gestalt und ein Gesicht wie das Ihrige, mein Fräulein, das dispensiert von vielem. Ich kann Ihnen so leicht mit allem aushelfen; mein guter Mann hat mich mit einem lächerlichen Überfluß von Toiletteartikeln auf die Reise versehen, der mir wahrhaft lästig wurde, und manches darunter, das entschieden zu jugendlich für mich ist. Ce cher Henri! er möchte mich immer jünger machen und versteht nicht, daß[267] das nicht mit Rosabändern und hellen Sommerstoffen zu erreichen ist, sondern daß eben dunklere oder mattere Farben den Teint später mehr heben; aber der klügste Mann bleibt immer un peu bête, das werden Sie auch noch erfahren, liebes Kind. Was nun von dem Kram für eine so junge Schönheit taugt, da tun Sie mir den Liebesdienst, mich davon zu befreien! Kommen Sie einmal,[268] lassen Sie uns Ihre Garderobe ein wenig mustern! Ich lasse dann auch meine Koffer und Schachteln in Ihr Zimmerchen bringen, wir werden schon miteinander zustande kommen!« Die lebhafte Dame, die nun ganz in ihrem Element war, nahm Elisabeth, die kaum wußte, wie ihr geschah, am Arm und hüpfte mit ihr die Treppe hinauf. Gérard war hoch erfreut durch die unverhoffte Aussicht auf die reizende Reisegefährtin und ergab sich gern darein, daß sie vorderhand von Madame Buisson so ganz in Beschlag genommen war.

Um seiner Frau die drangvolle Viertelstunde der letzten Vorbereitungen zum Mittagsmahl zu erleichtern, führte der Dekan den Vetter in den Garten und stellte ihn dem Baron vor. So artig ihre gegenseitige Begrüßung war, so lebhaft die Unterhaltung namentlich von seiten des weltgewandten Kaufmanns geführt wurde, so war doch eine gewisse Zurückhaltung, ein leises Unbehagen von seiten des Barons fühlbar; er war lange geübt in der Schule der Entsagung und hatte gelernt, ohne Bitterkeit und Klage auf die Jungen und Fröhlichen zu sehen, – aber ein junger Mann seines Alters, strotzend vor Gesundheit und Lebensfülle inmitten voller rüstiger Tätigkeit, erregte ihm immer ein peinliches Gefühl; er empfand da seine eigene Untätigkeit als einen Vorwurf, und Gérard, in unbewußtem Gefühl der Überlegenheit dem kränklichen Manne im Lehnstuhl gegenüber, hatte nicht Feinheit genug, ihm darüber wegzuhelfen. »Du weißt, daß wir auf dem Wege nach Baden sind«, sagte er beiläufig zum Dekan, »und daß wir Fräulein Elisabeth entführen.« – »Das trifft sich ja ganz geschickt, da die Reise von hier aus umständlich ist und ihre Mutter sie lange schon dort zu haben wünscht,« sagte dieser; er bemerkte nicht, wie die bleiche Wange des Barons noch bleicher wurde und sein Blick sich traurig senkte – wieder ein Sonnenstrahl weniger in seinem freudearmen Leben!

Marie, die sich überall gern Zeit zum Überlegen nahm, kam der Plan zu Elisabeths morgender Abreise gar zu plötzlich und die Freundschaft der Madame Buisson für eine zweistündige Bekanntschaft gar zu vertraut vor; aber sie wurde überstimmt,[269] da die Gelegenheit so günstig war, und mußte sich fügen.

Madame Buisson war sehr glücklich in ihrer großmütigen Sorge für Elisabeths Garderobe, die, obgleich sie aus der Residenz kam und die Mutter nicht daran gespart hatte, doch für Baden nicht zulänglich gefunden wurde. Ihr Kammermädchen mußte in aller Eile noch arrangieren und verändern, und sie putzte den schnell gewonnenen Liebling so schön und eifrig heraus wie ein Kind seine Weihnachtspuppe. Elisabeth war es wie ein Traum; sie kam sich vor wie Aschenbrödel im Feenmärchen, daneben war ihr unheimlich, daß das fremde Mädchen so unter ihren Sachen wirtschaftete, und sie glaubte durch doppelte Dienstfertigkeit Marie vergüten zu müssen, daß sie sie so schnell verließ.

Marie, obgleich ihr nur halb wohl bei dem raschen Entschluß und bei dem rastlosen Treiben der neuen Freundin war, beruhigte und tröstete sie. »Nun sei nur noch ganz in Ruhe bei uns,« bat sie, »wir wollen den Tee auf der Terrasse bei dem Baron trinken.«

Der Abend war kühl und angenehm. Die Kinder, die in der grünen Laube ihre Seitentafel hatten, schielten verstohlen nach dem Teetisch, der heute besonders reich besetzt war; Minchen bediente bei den Erwachsenen. Der Baron war schweigsam, und sein Schweigen bedrückte auch die sonst so heitere Elisabeth, die, ohne sich zu überschätzen, mit dem Irrtum der Jugend sich da für unentbehrlich hielt, wo sie einmal ein Plätzchen ausgefüllt hatte, und daher ihr Weggehen fast als eine Schuld empfand. Desto lebhafter führten die neuen Gäste die Unterhaltung: Gérard war überall gewesen, hatte alles gesehen; die Jungfrau war »superbe«, der Kölner Dom »in der Tat interessant«, die Terrasse von Konstantinopel »magnifique«; viel gründlichere Kunde als von den Gegenden bekam man aber durch ihn von den Gasthöfen, und er wurde am ergötzlichsten, als er auf die Drangsale schlechter Wirtshäuser zu sprechen kam. Der Baron wurde immer stiller, Madame Buisson hatte vergeblich ihre ganze Unterhaltungsgabe an ihn[270] verschwendet und wandte sich endlich mitleidig zum Dekan mit der leisen Frage: »Nicht wahr, er ist auch geistesschwach, der arme Mann?« was dieser lächelnd verneinte.

Es wurde kühl, der Bediente des Barons trat hinter seinen Stuhl, um ihn zum Aufbruch zu mahnen. »Singen Sie uns noch etwas!« bat er Elisabeth, aus seiner Apathie erwachend, »ich habe die Gitarre hier.« Er selbst hatte Elisabeth auf dem nun bald veralteten Instrument Unterricht gegeben. Elisabeth nahm sie, ohne sich lange bitten zu lassen; es schien, ihre Gedanken waren mehr bei den seinen als bei der Unterhaltung des Vetters gewesen, denn sie stimmte sein Lieblingslied an:


»Es ist bestimmt in Gottes Rat,

Daß man vom Liebsten, was man hat,

Muß scheiden.

Wiewohl im ganzen Lauf der Welt

Dem Herzen nichts so sauer fällt

Als Scheiden – ja Scheiden.«


Sie hörten alle in tiefer Stille der schönen, klaren Stimme zu, wie sie in dem dunkelnden Abendhimmel verklang, und erhoben sich, um ins Haus zu gehen.

»Ich sehe Sie nicht mehr,« sagte der Baron zu Elisabeth, »Sie werden früh reisen; leben Sie wohl, ich wünsche Ihnen recht fröhliche Zeit zum Ersatz für die trübseligen Stunden, die Sie einem Kranken erheitert haben, Gott geleite Sie!« – »Ein seltsamer Wunsch in ein Bad,« flüsterte die Französin mit unbewußter Ironie, indem sie Elisabeths Arm nahm, die nur wenig Abschiedsworte mit beklommener Stimme sagen konnte.

Der Baron sah der hellen, leichten Gestalt nach, bis sie im Hause verschwand, dann wandte er sich langsam zum Gehen und sagte leise, leise vor sich hin:


»Ich mußte von dir scheiden

Und wußt', ich stürbe doch bald;

Du warst der scheidende Sommer,

Ich war der sterbende Wald.«
[271]

Am frühen Morgen fuhr der Wagen Gérards vor. Elisabeth erschien in der zierlichen Reisetoilette, der die Hand der jungen Pariserin jenen letzten Hauch von leichter Eleganz gegeben hatte, der das unerreichbare Talent der westlichen Nachbarn ist, um deswillen wir Frankreich gern den Ruhm zugestehen müssen, die Kammerzofe von ganz Europa zu sein. Marie hatte immer noch an ihr zu beruhigen. »Ach ja,« lächelte Elisabeth unter Thränen, »ich weiß wohl, es ist einfältig von mir, zu denken, ich sei euch nötig geworden. Du wirst mich nicht lange vermissen; oh, ich hatte wohl recht, Marie, den Abschied von dir an deiner Hochzeit so schwer zu nehmen, es war ein Scheiden auf immer. Du gehörst nicht mehr mir! Es ist doch nichts mehr mit den Frauen!« – »Das Herz wird immer weiter, je mehr es Kammern vermietet,« sagte Marie heiter, ihr die Tränen von den Augen küssend; »liebes Kind, du wirst auch einmal so von mir scheiden, und deine Abschiedstränen werden trocknen in einem einzigen strahlenden Blick; aber wenn der Herzenskönig sein Reich eingenommen hat, dürfen all die alten Freunde auch wieder einziehen und fröhlich daneben wohnen.«

Madame Buisson und der Vetter traten ein und mahnten zum Gehen. Elisabeth wurde fast nicht fertig mit Abschiednehmen von den Kindern, sie versprach jedem etwas recht Schönes von Baden zu bringen; auch von dem Schwager, mit dem sie sich in letzter Zeit erst recht befreundet hatte, schied sie herzlich. Marie, über deren Gleichgültigkeit sie geklagt hatte, küßte sie schweigend, um nicht weinen zu müssen; sie war eine glückliche Frau und eine gute Mutter, aber ein Stück Frühling und Sonnenschein schied ihr doch wieder mit der blühenden Schwester.

Die Läden am Gartenhaus waren noch fest geschlossen, als der leichte Wagen vorüberrollte; Elisabeth blickte wehmütig hinauf, ohne das Witzwort zu hören, das Madame Buisson Herrn Gérard zuflüsterte über die junge soeur grise. Aber es ging hinaus in die weite, freie, bunte Welt, im goldnen Sonnenschein zwischen grünen Bäumen; all der fröhliche, sorglose[272] Reiseleichtsinn, der sogar oft kühle, nüchterne Naturen ergreift, kam über sie, und sie gab sich dem ganzen süßen Gefühle jungen, frischen Lebens hin.

Der Dekan und seine Familie waren derweil von der Begleitung ins Haus zurückgekehrt, in der etwas öden, langweiligen Stimmung, die nach jeder Abreise die Zurückbleibenden beschleicht. »Das hat sich ja ganz prächtig gefügt,« meinte der Dekan, »die Frau Mama wird erfreut sein, die schon lange fürchtete, ihr Töchterlein gehe bei uns zugrunde in häuslicher Drangsal!« – »Ich weiß nicht recht,« meinte Marie bedenklich, »es gefällt mir nicht so ganz, das junge Mädchen mit dem jungen Mann ...« – »Nun, die Jugend schadet dem Vetter Georg nichts mehr, er muß vorn in die Dreißig sein; auch ist ja die Frau Associé nebst Kammerjungfer als Ehrenwache da,[273] und dann – wäre es auch kein Unglück, wenn aus dem Reisegefährten ein Associé für unsre Elisabeth würde; gestehe nur, das hast du auch schon gedacht!« – »Gedacht vielleicht, aber nicht gewünscht,« sagte Marie; »ich weiß nicht, ob es gut wäre für Elisabeth.« – »Je nun, Georg ist ein guter Bursche, ziemlich solid, wie ich glaube; die Frau Mama würde sich nimmer kennen vor Freude, und Elisabeth gäbe eine prächtige Dame in so glänzenden Verhältnissen; war ihr's doch oft viel zu werktäglich bei uns, da könnte sie immer Sonntag haben!« – »Vielleicht nie,« sagte Marie ernst; »glaubst du nicht, daß wir mehr Sonntag haben, und wäre unsre Arbeit doppelt so viel als ein solches Leben voll äußerlichen Glanzes?« – »Du hast recht,« sagte der Dekan, dem sich, wie das auch ernsten und guten Menschen zu gehen pflegt, die tiefere Ansicht der Dinge unter der Oberfläche versteckt hatte, und gab der sanften Mahnerin die Hand. »Dem Baron wird's fehlen um seine Vorleserin und Sängerin,« fing er wieder an. – »Seinetwegen ist mir Elisabeths Abreise eigentlich lieb,« sagte Marie; »der Verkehr hätte am Ende doch gefährlich werden können.« – »Oh, wohin denkst du?« sagte lachend der Dekan, »ein Siecher wie er! So einfältig ist der Baron selbst nicht, der arme Mann, dem von der Wiege auf der Sarg neben dem Bette stand; und vollends Elisabeth, ein so junges, schönes, lebenslustiges Geschöpf!«

»Mitleid ist ein gefährliches Ding,« meinte Marie. – »Nicht wahr,« lächelte der Dekan, »sonst hättest du mich auch nicht genommen?« – »Die Ehre ist meinerseits,« scherzte Marie; »hast du mir nicht neulich aus der Bevölkerungsliste nachgewiesen, daß allein in unserm kleinen Vaterland zehntausend unverheiratete Frauen übrig bleiben?« – »Dreizehntau sendachthundertundneunundvierzig sogar,« berichtigte der Dekan.« – »Da muß ich mich ja noch schön bedanken,« lachte Frau Marie und ging getrosten Mutes wieder an das bewegte Tagewerk, wegen dessen Elisabeth sie so beklagt hatte, um in emsigem Fleiße das Heimweh nach ihrem Sonntagskind zu verarbeiten.
[274]

Das Sonntagskind hätte wahrhaftig kein Recht gehabt, der Schwester Kühle und Gleichgültigkeit vorzuwerfen; sie selbst dachte nicht gar zu oft an Marie und ihre sieben Unversorgten, an ihre großen Wäschen und die vielen zerrissenen Strümpfchen, ja nicht einmal sehr oft an den armen Baron, der im stillen um seinen geschiedenen Sommer trauerte; sie lebte inmitten aller Herrlichkeiten Badens, in Konzerten und Bällen, Eselspartien und Picknicks, bewundert und gehätschelt von allen Seiten. »Es ist doch eine schöne Sache um den Reichtum!« dachte die Mama, nicht zum erstenmal in ihrem Leben, als sie sah, wie selbst die Perle der Schönheit in reicher Fassung schöner glänzt. Es war doch ein ganz andres Leben, nun ihnen die elegante Equipage Herrn Gérards zu Gebot stand, in der Gesellschaft der gewandten Dame, die es verstand, überall Bekanntschaften anzuknüpfen, als zuvor, wo sie und die Frau Hofrätin miteinander zwei Zimmer bewohnten, sich aus einer Privatmenage speisen ließen und allein auf der Promenade herumspazierten. Das Bad mußte schon recht wohltätig gewirkt haben, denn es war in der Tat merkwürdig, wieviel die Mama an Vergnügungen und Partien aushalten konnte; Elisabeths heitere Laune und blühende Gesundheit waren vollends unverwüstlich, und jeden Abend, wenn die Mutter ernstlich anhub, vom Heimgehen zu reden, bat sie schmeichelnd: »O Mütterchen, noch ein paar Tage! Weißt, morgen ist die Partie aufs alte Schloß, und übermorgen die Fahrt nach Schloß Eberstein; dann kommt auch die Prinzessin, die möchte ich doch gerne noch sehen!«

An Marie hatte sie nur einmal geschrieben. »Es ist zu schön hier, liebe Marie,« hieß es in dem Brief, »und wie ich denn immer wieder ein verwöhntes Kind bin, so geht mir's auch hier wieder viel zu gut. Du glaubst nicht, wie freundlich jedermann gegen mich ist, besonders die gute Madame Buisson; wir müssen auch hier mit ihr zusammen wohnen in sehr schönen Zimmern, und ich glaube, sie bezahlt sie allein. Auch Euer Herr Vetter ist sehr artig; er will durchaus, ich soll ihn Cousin nennen; gestern hatte er bei der Tafel ein Vielliebchen an[275] mich verloren, da schickt er mir diesen Morgen eine allerliebste kleine Zylinderuhr; ich erschrak darüber, und Mutter und ich sind sehr in Verlegenheit, ob wir es annehmen sollen. Madame Buisson sagt, wir dürfen nicht ans Zurückschicken denken, er sei ja unser Vetter, und er kaufe solche Sachen in der Schweiz ganz wohlfeil.

Ich habe unmöglich Zeit, lange zu schreiben, ich soll noch mit ausfahren; wenn wir wieder daheim sind, schreibe ich Dir alles recht ausführlich – es wird mir ein wenig ahnd tun nach all der hiesigen Herrlichkeit; aber ich freue mich auch wieder, bis ich alles meinen Freundinnen erzähle. Wenn Du nur eine Weile statt meiner hier sein könntest, Dir wäre eine Erholung so wohltätig! Empfiehl mich dem Herrn Baron, wenn er noch da ist, und grüße all die Kinder, auch Deinen Mann!«

Elisabeth hatte freilich keine Zeit zum Schreiben, auch nicht zum Lesen; das kleine Testament, aus dem sie vorzeiten mit Marie gelesen, blieb unausgepackt im Koffer; sie hatte auch keine Zeit, zu denken und zu beten, aber sie war nicht bekümmert dabei; sie meinte es ja mit keiner Seele bös, tat niemand was zuleide, und jedermann hatte sie lieb, der liebe Gott nahm ihr's gewiß nicht übel, daß sie so vergnügt war, dachte sie. Freilich fiel ihr zuweilen der arme Baron ein; es waren doch auch schöne Abende gewesen, wo sie ihm gelesen oder vorgesungen hatte; sie wußte, er würde jetzt in der kühlen Jahreszeit auf sein Gut zurückkehren, da Marie nicht Raum hatte, ihn über den Winter zu beherbergen, und dort mußte er wohl sehr allein sein. »Er soll sich dann einen Vorleser halten,« tröstete sie sich, »vielleicht wird auch ein braver Pfarrer da sein, der sich seiner annimmt; der Baron ist ja so gebildet und so fromm, da wird ihm die Einsamkeit nicht zu drückend vorkommen.«

Vetter Georg blieb nicht immer in Baden, er machte ab und zu kleine Geschäftsreisen; immer aber brachte er eine kleine Überraschung, ein neues Vergnügen für Elisabeth mit, und sie amüsierten sich stets vortrefflich miteinander. Schon, daß er ein[276] so aufrichtiger Bewunderer ihrer Schwester war, empfahl ihn bei ihr. »Mein Vetter, der Dekan, hat wirklich mehr Glück als Verstand,« meinte er, »eine so gescheite und gebildete Frau, und so häuslich daneben; in keinem Gasthof habe ich so delikate Krebssuppe gegessen. Aber er ästimiert sie wirklich nicht gehörig: keine Frau von Bildung dürfte so angestrengt sein, sie sollte eine perfekte Köchin, eine Bonne für die Kinder und ein Zimmermädchen haben; aber freilich eine Dekanatsbesoldung! Ich würde, wenn ich mich verheiratete, den Reichtum nur schätzen, weil er mir erlaubte, meiner Frau das Leben so süß als möglich zu machen. Ich wäre nicht einmal an Antwerpen gebunden – wir könnten den Winteraufenthalt in jede beliebige Stadt verlegen; im Frühling schöne Reisen, sommers ein Bad, zum Ausruhen einen hübschen Landsitz, so einen Feengarten nach Ihrer Phantasie, Fräulein Elisabeth!« Elisabeth wurde glühend rot und rief schnell der Madame Buisson, um ihr eine Blume zu zeigen, die am Weg blühte, obgleich sie wissen konnte, daß Madame Buisson keine Blumen bewunderte als gemachte. So gern sie sich mit dem Vetter unterhielt, so bange wurde ihr, wenn er einmal sentimental werden wollte; mehr instinktmäßig als absichtlich vermied sie jede ernstere Annäherung, und als endlich die Mutter auf der Heimkehr bestand und auch der Vetter seine Reise weiter ausdehnen mußte, trennten sie sich, ohne daß es zu einer bestimmten Erklärung von seiner Seite gekommen wäre, die in aller Stille die Mutter erwartet, Elisabeth fast gefürchtet hatte. Daß er sie bewunderte, vielleicht liebte, daran konnte kein Zweifel sein; möglich war aber doch, daß ihn außer Elisabeths Zurückhaltung auch noch eigene Bedenken abhielten, sein Glück und Geld einer Schönheit zu Füßen zu legen, deren materieller Besitz jedenfalls für einen Kaufmann nicht der Rede wert war.

Madame Buisson konnte kaum ertragen, daß der Badeaufenthalt nicht mit einer solennen Verlobung enden sollte; ihre Zärtlichkeit für Elisabeth war sich gleich geblieben, mehr noch um der Bewunderung willen, die ihre Schönheit erregte, als wegen ihrer eigenen kindlichen Liebenswürdigkeit. »Es[277] ist hohe Zeit,« meinte die Mutter wohlgefällig, »daß ich die Kleine heimnehme, sie würde mir verdorben hier;« und sie hatte recht, vielleicht dankte sie es nur dem träumerischen Sinn, dem glücklichen Selbstgenügen der ersten Jugend, die, in eigenen Idealen versunken, achtlos auf ihre Umgebung ist, daß Elisabeth kindlich und unbefangen blieb unter den vielen Huldigungen, die zart und unzart ihrer Schönheit gebracht wurden.


So war denn die Kleine wieder daheim, und trotz ihrer glücklichen Heiterkeit brauchte es eine Weile, bis sie sich an den Übergang zum Werktagsleben aus dem vielbewegten Badeleben gewöhnte. Ohne es zu wollen und zu glauben, war sie denn doch verwöhnt worden; die Verhältnisse schienen ihr jetzt etwas klein, regelmäßige Arbeit langweilig, und doch war eben dieser Herbst und Winter vorher schon zu praktischen Studien und Handarbeiten bestimmt gewesen, die indes über Stickereien, Musik-, Sprach- und Zeichenstunden etwas versäumt worden waren.

Aber die Zumutung, jetzt noch Kleidernähen zu lernen, erschien ihr als reine Unmöglichkeit; mit dem Arbeitskörbchen über die Straße gehen, sich wie ein Kind bestimmte Stunden in eine Nähstube sperren lassen – es ging wahrhaftig nicht! »Siehst du, Mütterchen, mit achtzehn Jahren ist man dazu wirklich zu alt; auch macht sich nicht eines der Mädchen, die Schneidern gelernt, ihre Kleider selbst, und die Schmeckenbächerin wäre ja ganz gekränkt, wenn wir sie nicht mehr nehmen wollten.« – »Nun meinetwegen, du verwöhntes Kind,« meinte die nachsichtige Mutter scherzend, »du mußt eben einmal einen Millionär heiraten, damit du nicht nötig hast, deine Kleider selbst zu machen.«

Die Anspielung der Mutter war unschwer zu erraten, und obwohl sich Elisabeth vor einem Antrag Gérards gefürchtet hatte, obwohl er keine besondere Rolle in ihren Gedanken und Träumen spielte, so gewöhnte sie sich doch allmählich daran, sich ihre Zukunft unter glänzenden, sorglosen Verhältnissen[278] zu denken, und gestattete sich, durch die Schwäche der Mutter begünstigt, manchen Luxus, der über ihre Verhältnisse ging.

Es kam ihr wirklich schon bescheiden vor, daß man zum Herrichten der Wintergarderobe die Schmeckenbächerin ins Haus nahm, da manche ihrer Freundinnen ihre Kleider beim Schneider machen ließen. Frau Schmeckenbächerin, die alte Hausfreundin, war eine sehr gesuchte Schneidermamsell oder vielmehr Madame, zumeist in vornehmen Familien, wo man durch häusliche Beschränkung à tout prix ein anständiges Auftreten nach außen ermöglichen will. Ihre Lebensweise erschien erstaunlich einförmig. Tag für Tag sah man sie frühmorgens mit einer ungeheuren Tasche am Arm, in einen sehr bunten, altmodischen Schal gehüllt, zur Arbeit ausziehen; diese Tasche war eine wahre Arche Noah an mannigfaltigem Inhalt: sie enthielt ihre Muster, eine gewaltige Schere und hölzerne Nadelbüchse nebst eisernem Fingerhut, eine Schürze zum Arbeiten; ein Paar weiche Pantoffeln, die sie ihrer Größe wegen fast als kleine Boote hätte vermieten können; die neuesten Hefte des Modejournals, und je nachdem die vornehme Familie, in der sie arbeitete, einfache Sitten hatte, auch einige Semmeln und Würste, um der Mahlzeit nachzuhelfen.

Nachdem sie zugeschnitten hatte, thronte sie in unverrückter Majestät am Nähtisch, kommandierte die Töchter des Hauses oder die untergeordneten Nähterinnen, die ihr zur Hilfe beigegeben waren, aß erstaunlich viel für ihre sitzende Lebensart und gern etwas Gutes, wurde auch stets besonders berücksichtigt und selbst in den sparsamsten Familien mit einem Hefenring zum Kaffee und einem Biskuittörtchen zum Vesper bewirtet, während die Hilfsnähterin nur mit einem Wecken oder einer Laugenbrezel abgespeist wurde.

So flink ihre Zunge war, so flink war auch ihre Nadel, und gewöhnlich war abends um neun Uhr das rohe Zeug in ein vollendetes Kunstwerk umgeschaffen, wo sie dann zum Lohn der Tugend ein anständig gekleidetes Individuum unter der[279] Haustüre erwartete, an dessen Arm sie nach kurzer Promenade durch die Hauptstraße nach Hause zog. Dies Individuum fand sich getreulich auch unter allen Unbilden der Witterung ein, und die Mägde der jeweiligen Familie, in der sie arbeitete, waren schon von ihr angewiesen, ihm bei schlimmem Wetter die Haustüre zu öffnen.

Die Schmeckenbächerin, obschon in gesetzten Jahren, hielt etwas darauf, in allen Ehren eine solche Freundschaft zu unterhalten. »Sehen Sie, Madame,« erklärte sie der Regierungsrätin, »es muß das Herz an etwas hangen; ich habe früher Katzen und Hunde gehalten, aber Hunde werden nicht gern gesehen in den Kundenhäusern, die Katze hat mir daheim Hunger gelitten und den Hausleuten gestohlen: es war der helle Verdruß. Nachher, wissen Sie wohl, habe ich mich einmal verheiratet mit dem Silhouettierer; das war aber ein schlechter Mensch, ich darf nicht daran denken, wieviel er mich gekostet, bis ich ihn nach Amerika spediert. Sehen Sie, die Mannsleut' können's nicht ertragen, wenn so ein schöner Verdienst von der Frau kommt; ›wenn's der Geiß z' wohl ist, so scharrt sie‹, sagt das Sprichwort. Da halt ich's denn für besser, einen rechtschaffenen Menschen zu begünstigen, dem ich sein ordentlich Taschengeld in den Sack gebe, ohne daß er zu übermütig wird; so hab' ich denn doch jemand, der mich abholt und mit dem ich Sonntags spazieren gehen kann; aufs Heiraten lass' ich mich nicht mehr ein, das ist viel kostspieliger.«

Sonntags hätte man die Schmeckenbächerin nicht wiedererkannt; da zog sie im allermodernsten Putz, erforderlichenfalls mit sechs Volants am Kleide, in Atlashut und Samtmantille, mit dem elegantesten Sonnenschirmchen bewaffnet, sogar mit einer Uhr am Gürtel, morgens in die Kirche und nachmittags im Schloßgarten spazieren, am Arm des Individuums, dem sie zu diesem Zweck einen feinen Tuchrock und seidenen Regenschirm in ihrem eigenen Kasten verwahrte; auch bekam er zu weiteren Promenaden mit Einkehr außer seinem gewöhnlichen Taschengeld noch einen rotseidenen Geldbeutel mit etlichen Talern und kleiner Münze, aus dem er die Zeche bezahlen durfte, den er ihr aber nach der Heimkehr wieder zustellen mußte.

So schien das Leben der Schneiderin sich sehr einförmig abzuhaspeln; aber im Grunde war es äußerst mannigfaltig, und wenn das jeweilige Individuum zufällig ein Literat gewesen wäre, so hätte sie ihm den schönsten Stoff zu Memoiren liefern können.

Hinter ihrem Nähtisch hatte sie die beste Gelegenheit, allmählich nicht nur das Tun und Treiben, die geselligen und pekuniären Verhältnisse, sondern auch das Sein und Wesen ihrer Kunden zu studieren, und die Schmeckenbächerin war weder taub noch blind. Kein glänzender Anstrich nach außen, kein liebenswürdiges Benehmen vor den Augen der Welt konnte ihren Blick täuschen, der auf den Grund geschaut hatte.

In aller Stille, wie ein Schwamm die Flüssigkeit, saugte sie in einem Hause die Notizen ein, und es bedurfte im nächsten eines geringen Druckes, um den Strom der Neuigkeiten in Fluß zu bringen. Verschwiegen war sie nur über die Geheimnisse ihres Berufs: wo sie die Kleider besonders auspolstern und wattieren mußte, um einem mangelhaften Wuchs, einer schiefen Seite nachzuhelfen, das konnte keine Seele von ihr erfahren, das waren Amtsgeheimnisse; aber über das, was sie auf eigene Hand bemerkte, hatte sie keine Pflicht der Bewahrung.

Um die Resultate ihrer Beobachtung zu erfahren, durfte man nur mit dem Gegenteil von dem anfangen, was man zu hören wünschte. »Da führt der Kommerzienrat Riegel wieder seine Frau am Arm, was das ein galanter Ehemann ist! So sind nicht mehr alle nach zwanzigjährigem Ehestand!« – »Just 's Konträre, Frau Oberamtsrichter; wenn Sie wüßten, was der für Spektakel verführt und der Frau den Kreuzer schwer macht! Da haben Sie nicht Ursach', einen Vergleich zu machen; wenn er einen Kronentaler gibt in die Haushaltung, so soll sie elf Gulden für Rechnungen davon bezahlen, und wenn ich dort arbeite, so muß ich ins Hinterstübchen sitzen und die Frau bringt mir das Essen ganz heimlich, als ob ich ein Verbrechen[282] beginge; ja wohl da, ›das Amarmführen kostet nichts!‹ Da wär' mir der Herr Oberamtsrichter am kleinen Finger lieber.« – »Nein, wie hübsch die Emilie Felter gestern abend war in dem neuen Barege; die müssen reicher sein, als man weiß! Sie hat immer das Neueste,« bemerkte eine junge Dame. – »Im Gegenteil, Fräulein Fanny, so ist's keine Kunst; fragen Sie einmal, was sie daheim im Kasten hängen hat? Ein Kleidchen am Leib und eins in der Garderobe (so nennen sie ihren Kleiderkasten, an dem sie zu drei haben), das andre kommt an die Vorkäuferin – nicht ein einziges solides Kleid mit neuem Futter, wie Sie haben; zu der Emilie Winterkleid mußte ich das Futter aus ihres Vaters Schlafrock nehmen; der ist dann doch noch warm genug, weil er siebzig Flicken hat, und ein Hauskleid hat sie ohne Ärmel, weil sie eine Jacke dazu trägt aus ihres Vaters Frackschwänzen. Nein, mit dem Reichtum ist's da nicht gefährlich; das Kapital, was die haben, will ich noch nach dem Nachtessen auf dem Butterbrot essen.«

»Hat Fräulein Klein bald Hochzeit?« fragte eine besorgte Mutter in einem andern Hause. – »Glaub's nicht, im Gegenteil,« sagte die Schmeckenbächerin, bedeutsam den Kopf schüttelnd, »'s scheint mir, der Bräutigam wolle rückwärts; kein Wunder, wenn er das hungrige Leben im Haus mit ansieht! Stellen Sie sich vor, Frau Assessor, wie ich kürzlich dort war, hatten sie Kohl gekocht und nichts als die hellen, lieben Kartoffeln dazu; kommt noch um Mittag der Bräutigam! Je was ist zu tun? ›Katharine, hol' Sie noch zwei Bratwürste!‹ Am Tisch will Sophie, die Kleine, die Würste zerschneiden. ›Schneid nicht zuviel zusammen, es ist nachher so unnützlich,‹ flüsterte ihr Julie, die Braut, zu. Schneiden sie wahrhaftig die eine Wurst in Rädlein und lassen die andre ganz! Sollte wohl noch ein Nachtessen für den Bräutigam geben. Der guckt die Sache etwas wunderbarlich an und nimmt sich ein Rädlein: ich aber, nicht faul, nahm die ganze Wurst. Nein, die Augen hätten Sie sehen sollen! Den Bräutigam lächerte es, der hat sein Teil gedacht! Mich wundert's nicht, wenn er nicht mehr will; eine Frau aus so einem geizigen Haus! Wenn ich da[283] an Ihre anständigen Braten denke, Frau Assessor! Ich glaube, wenn die Kleinin ihre Leute nur an so einem riechen ließe, sie kochte acht Tage lang kein Fleisch mehr, im Gegenteil!« Und die geschmeichelten Frauen hörten wohlgefällig auf solche Mitteilungen, nicht bedenkend, daß sie jetzt die Schleuse fürs nächste Haus füllten und daß die Schmeckenbächerin vielleicht morgen bei Fräulein Klein sagte: »Kein Wunder, daß Assessors Töchter keinen Mann bekommen, sie lernen nicht sparen! Die Frau braucht dritthalb Pfund Butter die Woche, da bleibt nichts mehr übrig.« Da Frau Schmeckenbächerin wohl wußte, daß sie bei den Herren des Hauses höchstens ein geduldetes Subjekt sei, so zog sie Witwenhäuser als Kundschaft vor, vorausgesetzt, daß es nicht allzu schmal darin hergehe; die Frau Regierungsrätin, bei der sie seit langen Jahren ganz einheimisch war, war aber gewiß, daß sie zu ihr jedesmal kam, auch wenn sie sonst mit Bestellungen überhäuft war. Elisabeth war allezeit ihr Liebling gewesen, »es war der Kleinen so gut Kleider machen, sie hatte ihr Lebtag so einen geschickten Wuchs gehabt!« Sie mußte ihr bewundernd nachsehen, wo sie ging und stand; »nein, wie dem Kinde alles paßt, der schottische Leib wieder wie angegossen aufs erste Probieren!« Sie witterte sogleich die Änderungen, die sich die Pariser Kammerjungfer mit Elisabeths Garderobe erlaubt; da sie aber selbst manches daran absehen konnte, ließ sie es in Gnaden passieren und tat ihr Bestes, dem verschwenderischen Geschmack der Kleinen noch mehr Vorschub zu tun. Es konnte gar nichts zu schön sein für ihre Elisabeth, und sie wußte eine Menge Beispiele von Eltern, die es viel weniger aufwenden können, und die doch viel mehr an Töchter wenden, bei denen es nicht halb so der Mühe wert sei. Sie verstand schon die Richtung des Windes; wäre die Mutter entschieden für größere Einfachheit gewesen, so hätte sie bemerkt: »Da haben wieder Sie recht, Frau Regierungsrat, unsre Elisabeth ist in allem schön, das Einfache ist wieder das Nobelste; die Morizschen drüben sehen in all dem Staat nicht halb so vornehm aus wie unsre Elisabeth, im Gegenteil!« Nun aber wurde Elisabeth wie eine junge Fürstin[284] geputzt, und um ihre Nachgiebigkeit zu entschuldigen, ließ die Mutter gegen die Schmeckenbächerin einige Andeutungen über die wahrscheinliche Zukunft ihres Töchterleins fallen, die nicht verloren waren, und bald flüsterte man sich zu, die junge Gruber sei heimlich verlobt mit einem Millionär aus England oder sonstwo.

Ob es diese Neuigkeit allein war, die den Leuten erst recht die Augen öffnete über Elisabeths Schönheit, oder ob neue Bekannte von Baden her auf sie aufmerksam gemacht hatten, genug, sie kam diesen Winter förmlich in die Mode; ihre Schönheit, ihre liebliche Singstimme, die kindlich unbefangene Fröhlichkeit ihres Benehmens machten sie in viel weiteren Kreisen als im vergangenen Winter gesucht und bewundert. Die Regierungsrätin bekam neue Bekannte, sie wußte kaum wie, und ihr Spiegel steckte stets voll Einladungskarten.

So wurde denn die Gefahr des Verwöhnens daheim noch größer und anhaltender für die Kleine; die Mutter selbst wurde besorgt bei dem andauernden Taumel von Festen und Genüssen, zunächst freilich nur für Elisabeths Gesundheit, obgleich diese frisch und elastisch wie immer durch all diese Herrlichkeiten ging, beglückt von den gelungenen und belustigt von den mißlungenen Partien. Ihrer eigenen Schwäche sich bewußt, getröstete sich die Mutter auf einen lange versprochenen Besuch Mariens, der dem Strudel ein wenig Einhalt tun würde. Auch Elisabeth freute sich kindlich darauf, wenn auch nicht mehr so, wie sie sich vor einem halben Jahr gefreut hätte. Die Mutter glaubte, es schicke sich, für die Frau Tochter die Gaststube zu räumen, die gewöhnlich zum Abstellquartier für allerlei heimatlose Sachen diente, ja sie legte sogar die gestickten Überzüge bereit. Elisabeth aber bestand darauf, daß man Mariens Bett wieder in dem alten Mädchenstübchen aufmache, das die Schwestern so lange geteilt. Der Streit erledigte sich von selbst, Marie schrieb, daß sie unwohl sei und sich nicht getraue, zu reisen, schrieb überhaupt sehr wehmütig; sie wisse nicht, ob sie Mutter und Schwester nur wiedersehen würde – es war ein Ton, den[285] man gar nicht an ihr gewöhnt war und der Elisabeth aufs höchste beunruhigte.

Die Mutter lächelte dazu und machte allerlei Einkäufe in weißer Ware, die sie zu verschiedenen kleinen Gegenständen zuschnitt; auch fing sie an, feine Jäckchen und Häubchen zu stricken, und hörte gern, wenn man sie im Kränzchen darum berief und sagte: »Ja, ja, das ist eine gute Stiefmama; wird freilich angelegt sein bei der Frau Dekanin, die nicht viel übrige Zeit hat.« Für Elisabeth war dieser neue Zweig der Tätigkeit eine höchst wohltätige Ableitung von den endlosen Sorgen für ihr Vergnügen und ihre Toilette; Trägheit war nie ihr Fehler gewesen, aber es wurde ihr schwer, bei einer geordneten Arbeit fest zu bleiben. »Aber heute, Mama, muß der Kragen festoniert werden,« konnte sie am Morgen sagen, dann setzte sie sich am Arbeitstischchen fest und stichelte so emsig und flink wie Frau Schmeckenbächerin. »Aber Mama,« fiel ihr plötzlich ein, »meine Blumen! Es könnte sicherlich heute noch regnen, ich muß mein Myrtenbäumchen hinaustragen!« Nun, das geschah, und sie setzte sich wieder. »Aber Mama, was ich gestern für ein einziges Dessin von Julie mitgebracht habe! Das müßte die netteste Morgenhaube für dich geben, ich muß es nur geschwind durchzeichnen, Julie könnte es wiederverlangen.« Nun ging's an ein Suchen nach dem Dessin, das in höchstem Eifer durchgezeichnet wurde; der Kragen wurde wieder vorgenommen, aber da fiel ihr ein, daß der Kanarienvogel notwendig frisches Vogelkraut haben sollte – so ging's mit Unterbrechungen fort, und der Kragen, dessen Vollendung so große Eile hatte, war in drei Tagen fast noch auf demselben Standpunkt zu finden! – es waren so gar viel notwendige Geschäfte dazwischengekommen!

Wo sie aber eine Arbeit zu bestimmtem Zweck und Ziel vor sich sah, eine Arbeit, die sie jemand zuliebe tun konnte, da wurde die fröhliche Ballkönigin zum emsigen Bienchen, und die Liedchen, die sie bei der Arbeit sang, klangen noch einmal so heiter und lieblich wie die Weisen, die sie zu ihren Ball- und Festvorbereitungen trillerte. Sie war glückselig mit der[286] kleinen Aussteuer von zierlichen Sachen, die sie nun in tiefem Geheimnis für ihre liebe Marie anlegte.


Auf Schloß Ellershausen, dem bescheidenen Erbgut des Barons, war der Winter dem kranken Gebieter viel stiller und langsamer hingestrichen als der fröhlichen Elisabeth in der Residenz. Mit seiner Mutter hatte er früher auch einigemal den Winter in der Stadt zugebracht, aber diesmal hatte er bald den Gedanken daran aufgegeben. Obwohl ein Mann von feiner Sitte und hoher Bildung, hatte er doch zu viel allein gelebt, um nicht etwas menschenscheu zu sein; die Geschäftigen wie die Fröhlichen brachten ihm seine gezwungene Tatlosigkeit immer schmerzlich zum Bewußtsein, und seit der Mutter Tod wurde seine Neigung zur Stille fast unbesiegbar.

Und doch fühlte er sich so allein, so unendlich allein, nun die Mutter nicht mehr war, deren starke Liebe vom Keime an mit dem Tod um sein Leben gerungen, die nur für ihn allein gesorgt und gelebt hatte. Sein einziger Gang, wenn er das Haus verlassen konnte, war auf den Friedhof, wo seine Mutter ruhte. Die alte Familiengruft war lange nicht mehr zugänglich gewesen; neben dem schön gearbeiteten Marmordenkmal der Mutter war ein Kindergrab mit einem kleinen steinernen Kreuz, vor dem er oft und lange in tiefem Sinnen stand; hier ruhte seine kleine Zwillingsschwester, die bald nach der Geburt gestorben war, und er konnte den Gedanken nicht los werden, daß das Grab, das die Hälfte seines Lebens aufgenommen, ein besonderes Recht auf ihn habe. Die Mutter hatte ihm so oft erzählt, welch zartes und schwächliches Kind er stets gewesen, wie von seiner Geburt an alle ihre Freunde jahrelang nicht geglaubt, daß das Kind den nächsten Tag überlebe; wie sie mit unerhörter Mühe und allerlei wunderbaren Versuchen doch sein Leben von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr erhalten habe, daß ihn oft dünken wollte, dies Leben sei gewaltsam dem Tode abgerungen und er habe kein Recht zum Dasein. Er konnte sich keiner Zeit erinnern, wo er frisch und gesund wie andre Kinder sich seines Lebens hätte freuen können.[287]

»Gustav, ich bitte dich, nimm dich in acht!« war der Schluß aller Reden seiner Mutter, so lange er zurückdenken konnte. Selbst die glückliche rasche Entwicklung seines Geistes, sein rastloser Eifer für die Studien war ihr nur ein weiterer Gegenstand der Sorge; sie hätte wie seine geistige Entfaltung so auch gern das Wachstum seines Körpers zurückgehalten, nur damit sich seine Kraft nicht daran erschöpfe.

Ärzte und Badekuren, Tannenwälder und Bergluft wollten nicht hinreichen, dem geliebten Leben Kraft und Gesundheit, den bleichen Wangen Blüte zu geben; jedem Aufschwung jugendlicher Lebenskraft folgte eine umso größere Erschöpfung. »Danken Sie Gott, daß der Junge überhaupt noch lebt!« war der leidige Trost des Arztes, »mir ist jedes Lebensjahr bei ihm ein Wunder,« und die Mutter hatte sich endlich damit begnügen gelernt, das teuer erkaufte Leben, so wie es war, mit Dank hinzunehmen. Ihr Verhältnis zu ihrem Gatten war ein ziemlich kühles gewesen, er stand in friedlichem Kriegsdienst bei einem auswärtigen Fürsten und lebte viel an dem dortigen Hofe. Sein Tod hatte wenig Änderung in ihre Lebensweise gebracht, nur daß sie ihre Kraft und Zeit noch viel ungeteilter hatte dem Sohne widmen können.

Für den Sohn selbst war freilich die Leidensschule schwerer noch als für die Mutter. In dem schwachen Körper lebte ein starker Geist, eine feurige Seele, der die kraftlose Hülle oft zur schmerzlichen Pein, zum unerträglichen Hemmschuh wurde. Alles, was groß und schön war, in der Vergangenheit wie in der Gegenwart, begeisterte ihn, riß ihn zur Bewunderung und Nachahmung hin. Er wollte alles werden: Seemann, Kriegsheld, Staatsmann, Künstler, Gelehrter, je nachdem gerade ein Ideal vor seiner Seele stand; neben der reinen Liebe für das Edle und Hohe lebte ein glühender Ehrgeiz im Grund seiner Seele: ein Name, der noch Jahrhunderte überdaure, das war das Ziel seines sehnsüchtigen Verlangens. – Und nichts, nichts von alledem sollte er erreichen! Überall stand seine körperliche Schwäche als unübersteigbare Schranke vor jeder Laufbahn, die er stürmischen Mutes betreten wollte; kein[288] Heroenbild der Vorzeit sollte er mehr anschauen, nur Tantalus und Prometheus schienen ihm Vorbilder seines Daseins, und Prometheus hatte doch etwas vollbracht! Ihn dünkte, er wollte sich gern an den Felsen schmieden, gern den Geier am Herzen nagen lassen, wenn er nur eine Menschenseele mit unsterblichem Feuer belebt hätte. So war er ein reizbarer, verschlossener, unzufriedener Knabe; nur sein feiner und edler Sinn ließ ihn die hingebende Liebe seiner Mutter nicht mißbrauchen. Der warme Odem dieser selbstlosen Liebe bewahrte ihn vor Selbstsucht und Verbitterung. Nach vielen verunglückten Versuchen mit Bonnen, Gouvernanten und Hauslehrern gelang es dem jungen Theologen Gerhard am dauerndsten, die Liebe und das Vertrauen seines Zöglings zu gewinnen. Der Lehrer war dem Schüler wohl kaum gleich an geistiger Begabung, an feurigem Schwung der Phantasie; aber ein ruhiger, steter Sinn, der es verstand, sich im Gegebenen wohnlich anzubauen, statt machtlos stets nach dem Geträumten zu streben, wirkte beruhigend auf den rastlosen Geist des jungen Gustav. Er verstand es, ihn anzuregen für kleine Liebhabereien, harmlose Beschäftigungen, die wohltuend den Geist losspannen und die Zeit kürzen, und die Mutter sah mit Entzücken, wie unter seiner Leitung mehr Heiterkeit und Leben bei ihrem Liebling einkehrte.

Die tiefste und höchste Lehre, die in der Schule des Leidens zu lernen ist, das eine Wort, das dem Schmerz die Bitterkeit nimmt und dem Tode den Stachel – das freilich kann der Lehrer mit dem besten Willen seinen Schüler nicht lehren, eben weil es nicht nur ein Wort ist, sondern eine Lebenskraft, die kein Mensch dem Menschen verleihen kann.

Gerhard wünschte aufrichtig und mit vollem Herzen, seinem Zögling mit dem Glauben an eine allweise gütige Vorsehung Ergebung in sein Geschick beizubringen. Aber es ist schwer für den Glücklichen und Gesunden, dem Kranken und Unglücklichen von Geduld und Ergebung zu predigen. »Du hast gut reden« ist die leise, bittere Gegenrede des Leidenden, und selbst die seligsten Trostworte der Schrift aus Menschenmunde sind[289] kranken Herzen oft nur wie flüchtiges Begießen der ausgebrannten Aue. Vom Himmel allein muß der Segensstrom quellen, der den harten Grund erweicht und die welke Pflanze belebt und aufrichtet, sei es nun im milden, leisen Regen oder in mächtigem Gewitterschauer. Nur einer ist, der alles Leid empfunden und aus dessen tiefster Tiefe den unsterblichen Lebensquellgegraben hat, der Heilung gibt für jede müde Seele; und wenn er seinen Weg unmittelbar zu einem Herzen findet, so ist es gewiß zumeist in der Nacht des Leidens. »Der Herr will im Dunkeln wohnen.« »Sein Pfad geht in tiefen Wassern.«

In den langen, langen, schlaflosen Nächten, in denen er nur das Pochen seines kranken Herzens hörte, ging auch für Gustav endlich die rechte Lösung für sein dunkles Geschick auf, und er fand es nicht mehr zu schwer, mit Geduld durch den Kampf zu laufen, der ihm verordnet war.

Seine ganze Umgebung, die Mutter zumeist, fühlte sich innig wohltätig berührt von dem neuen Leben, von dem inneren Friedenshauch, der sich ohne Worte in seinem Benehmen kundgab; sie schob alles auf Rechnung des guten Herrn Gerhard, der selbst erstaunt war über die Wirkungen des Religionsunterrichts, den er, fast mit einiger Schüchternheit, dem geistvollen, tiefdenkenden Knaben erteilt hatte. Er hatte besser, als er wußte, seine Pflicht erfüllt, indem er ihn ohne viel eigene Zusätze in die Schrift einführte; lautet doch die tröstliche Weisung des Herrn an Petrus nur: »Weide meine Lämmer,« und nicht: »Speise du sie selbst!«

Die erste selige Freudigkeit, mit der der Pilger von der Höhe das ferne Ziel erblickt, bleibt freilich nicht immer dieselbe, wenn es gilt, den Weg Schritt um Schritt zum Ziele zu gehen. Und auch den Baron dünkte doch oft noch sein Pfad viel schwerer und mühsamer, als zu ertragen sei. Das hatte er nie so empfunden wie in diesem Winter, dem ersten, den er seit der Mutter Tod auf dem einsamen Gut zubrachte; er liebte die Stille, aber es kann doch auch zu still sein, wenn so ein Tag um den andern heraufsteigt und keiner ein anderes Gesicht trägt als der vorige.[290]

Als die Mutter noch gelebt, da hatte er doch einen Lebenszweck außer sich gehabt, ein Wesen, an das er denken, für das er sorgen, das er lieben und erfreuen konnte, erfreuen selbst in der Mühe und Sorge, die sie durch ihn hatte. Er konnte wenig tun für die Mutter, aber er dachte für sie. Er suchte beim Lesen alles zu bezeichnen, was für ihre gemeinsame Abendlektüre taugte, er übersetzte aus fremden Sprachen, was sie ansprechen könnte; er hatte sich erfreut an ihrer Freude, wenn ihm ein neues Gericht zusagte; wenn er sich auf ihren Wunsch nach Tisch auf das Sofa legte, hatte er in unschuldiger Heuchelei sich tief schlafend gestellt, nur um sie zu beglücken durch seinen ruhigen Schlummer. Er hatte unermüdet den alten Hofgeschichten aus der glänzenden Zeit ihrer Jugend gelauscht und sich immer wieder die Reliquien jener vergangenen Herrlichkeit zeigen lassen und sie bewundert und sich im stillen an der adligen Grazie ergötzt, mit der Mama die Frau Pfarrerin protegierte, die sich ihrerseits durchaus nicht protegieren lassen wollte.

Ihre Liebe und ihre beständige Sorge für ihn hatte freilich oft etwas Bedrückendes, Einengendes gehabt, ein beständiges Hofmeistern und Hüten, er blieb ihr fortwährend das Kind ihrer Pflege; aber es war doch Liebe gewesen, und nun war das alles vorüber. Sein Bedienter und die Köchin, aus denen derzeit seine Dienerschaft bestand, wären für ihren jungen Herrn durchs Feuer gegangen; Madline, die Köchin, setzte ihre Ehre darein, ihn, wie sie der seligen Mama versprochen, so gut zu versorgen wie diese selbst; so ging ihm an Pflege und Aufmerksamkeit nicht viel ab. Aber all sein Leben und Lesen und Studieren kam ihm so zwecklos vor! Er fürchtete sich fast vor dem Ton des Pianos, wenn er einmal wieder spielen wollte; seinen Zeichenapparat mochte er nicht ansehen. Er ging an sonnigen Tagen im Garten auf und ab, an trüben im großen Salon; er schrieb Briefe, aber seine wenigen Korrespondenten hatten alle einen Beruf und waren nicht rasch im Antworten; er war glücklich, wenn er über einer Lektüre einmal den Schlag einer Viertelstunde überhört hatte – sie schlichen so langsam.[291]

Der einzige Wechsel seines Daseins, und auch dieser war wechsellos, war ein Besuch des Pfarrers, der allabendlich zu einer Schachpartie kam. Schach war des Pfarrers Liebhaberei, besonders weil das Spiel das Schweigen so sehr begünstigt, denn im Schweigen hatte er's zu einer wahren Virtuosität gebracht. Er reichte mit einem Satz für die ganze Abendkonversation aus. Wenn er vor dem Beginn des Spiels anhub: »A–h–ber, Herr Baron,« so schloß er vielleicht, wenn es nach zwei Stunden beendigt wurde: »Wir haben heuer einen merkwürdig gelinden Winter,« und bemerkte nachher daheim gegen seine Frau: »Man unterhält sich immer gut mit dem Baron.« Der Baron versuchte, sich um die Angelegenheiten der Dorfbewohner – seine Untertanen waren sie nicht – zu bekümmern, sie teilnehmend anzuhören, ihnen aufzuhelfen, fast mehr, als in seinen Mitteln lag; hatte er aber einmal einem geholfen, so kam gewiß am nächsten Tag ein andrer: »Aber, Herr Baron, Sie dauern mich, daß Sie sich von dem Kerle haben anführen lassen, da ist keine Hoffnung und kein Schmalz (Hopfen und Malz verloren), da wär's bei mir zum Beispiel besser angelegt; so ein redlicher Mann, wie ich bin, und mein Weib so sparsam, daß sie ihrer eigenen Mutter den Bissen nicht gönnt!« Er wurde in Wahrheit von redlichen Leuten aller Art mißbraucht, belogen und betrogen; und durch seine körperliche Schwäche verhindert, in eigener Anschauung ihre Verhältnisse und ihr Treiben näher kennen zu lernen, wandte er sich fast mit Widerwillen von dem Volk ab; er tat ihnen noch Gutes aus bloßem Pflichtgefühl, ohne rechte Liebe und Freude.

Alle Tage ging er nach Tisch in das Zimmer seiner Mutter, das unverändert bleiben mußte; er legte sich auf ihr Sofa und versuchte zu schlafen, nur um einen Augenblick träumen zu können, daß noch ein paar liebevolle Augen seinen Schlummer bewachten. Und doch sah er so oft im Wachen und Träumen ein andres Bild als das ehrwürdige Gesicht seiner Mutter, ein Bild, das nie in diesen Räumen geweilt hatte, jung, blühend und strahlend vor Lebensfreude, und ob er sich tausendmal[292] sagte: »Es ist Wahnsinn, wolltest du die frische Blüte an dein welkes Leben binden!«, tausendmal mußte er wieder denken: »Es wäre doch schön! Und ich wollte sie lieben und im Herzen tragen mit einer unendlichen Liebe, die ihr alles, alles ersetzen sollte!« Und er träumte sich die liebliche Gestalt an seine Seite, wo er ging und stand, ihre leuchtenden Augen auf sein Buch geheftet, ihre süße Stimme am Klavier, ihren leichten, federnden Schritt im Garten – bis er zuletzt wehmütig den Kopf schüttelte und sagte: »Es wird ja doch in Ewigkeit nichts.«

Er wollte sich nicht verzehren in fruchtlosem Sehnen und müßigem Klagen, er kämpfte ritterlich, den Frieden wiederzufinden, der vorher sein inneres Leben so hell gemacht; aber es ging schwer – wieder und wieder kam ihm die tiefe Sehnsucht, einschlafen zu dürfen, um nimmer zu erwachen, und fast mit Bedauern fühlte er sich mit dem Beginn des Frühlings etwas kräftiger als im vorigen Jahr. Einmal, nur ein einziges Mal wünschte er Elisabeth noch zu sehen, um, wenn auch ohne Worte, doch in seiner Seele Abschied zu nehmen von dem einzigen Traum von Erdenglück, den er je gehegt. Wie er dies möglich machen sollte, wußte er freilich nicht recht.

Da kam im Mai, im wunderschönen Monat Mai, ein Brief seines alten Freundes, des Dekans, mit der Kunde, daß ihm ein Söhnlein geboren sei, das achte Kind, aber mit demselben Jubel aufgenommen, als ob es das erste wäre – und eine Einladung zum Tauffest, um Pate zu werden. Dahin mußte auch Elisabeth kommen, hoffte er, und seine Hand zitterte wie die eines Mädchens beim ersten Liebesbrief, als er mit geflügelten Worten seine bereitwillige Annahme der Einladung schrieb. Er fügte die dringende Bitte bei, ihm für einige Wochen eine Wohnung in der Nähe zu mieten, damit er im Hause nicht Mühe und Störung mache, was selbst Frau Marie, deren großer Liebling der Baron war, bereitwillig und dankbar einging.


Das Dekanathaus füllte sich mit Gästen. Elisabeth hatte fast nicht erwarten können, bis sie das Kind ihrer Marie sehen[293] durfte; sie saß lachend und weinend an der Wiege und studierte in dem geweihten Halbdunkel des Wochenzimmers die Züge des schlummernden Kindleins; dann reichte sie wieder Marie leise die Hand, vor der sie eine eigentümliche Ehrfurcht empfand, so daß sie gar nicht dazu kommen konnte, mit ihr von dem zu reden, was sie im Augenblick so gewaltig bewegte. Sie hätte sich gern nützlich gemacht, konnte aber neben der ingrimmigen Tätigkeit der Wartefrau nicht beikommen; auch hatte sie diesmal etwas besonders Träumerisches und Gedankenabwesendes, das sogar Marie auffiel. Die Mama begnügte sich mit vielen weisen Ratschlägen; auch sie hatte große Freude an dem Kindlein und hörte sich gern Großmama nennen, wobei sie beiläufig in den Spiegel schaute und fand, daß sie für diesen ehrwürdigen Titel noch merkwürdig jung aussehe.

Ein Glück war's, daß die Kinder des Dekans herzensgute Geschöpfe waren und selbst die größte Freude an dem Brüderlein hatten; sonst hätten sie billig eifersüchtig werden können, da der Papa sich in Wahrheit gebärdete, als ob dies das erste Kindlein sei, das er erlebe, und noch dazu von einer ganz besonders ausgezeichneten Art. Aber sie wußten nichts von Neid, und als die Mutter sie zum erstenmal um die Wiege versammelte und ihnen das Kindlein zeigte und sie dabei mit ihrer schwachen Stimme liebevoll fragte: »Das ist nun euer Brüderlein, das euch der liebe Gott geschickt, wollt ihr es recht lieb haben?«, da fanden sie es fast verwunderlich, wie man das nur noch fragen könne. Ernst, der Seminarist, der besonders an der Mutter hing, der hätte sein Herzblut für das Kind gegeben; die Mutter hatte es selbst auf seine Arme gelegt und ihm gesagt: »Ich weiß nicht, lieber Ernst, wie lange dein Vater und ich bei dem Kinde sein dürfen; ich lege es dir ans Herz, ich glaube, du wirst einst sein treuester Freund, sein Schutz und Leiter sein.« Seitdem war ihm das kleine Wesen lieb und heilig als ein anvertrautes Kleinod, und in tiefster Seele tat er ein stilles, ernstes Gelübde, des Vertrauens der Mutter wert zu werden.[294]

Minchen, von der Mutter zuvor noch möglichst in die Geheimnisse der Haushaltung eingeweiht, waltete im glücklichen Gefühl ihrer Wichtigkeit, allezeit mit dem Schlüsselbund klirrend, in Küche und Keller, und es war merkwürdig, wie sie manches, was die Mutter mit vielfachem Predigen nie hatte von ihr erreichen können, nun aufs beste vollbrachte im Bewußtsein ihrer Verantwortlichkeit.

Am Tage vor der Taufe trafen von verschiedenen Seiten Vetter Gérard und der Baron ein. Ersterer hatte sich im Gasthof einquartiert, dem Baron hatte man ein paar hübsche Zimmer in einem freistehenden Hause der Nachbarschaft gemietet; die Wöchnerin war so wohl auf, daß sie beide auf dem Sofa empfangen konnte. Der Baron sah zum erstenmal ein kleines Kind in der Nähe, und das kleine Wesen mit den winzigen Fingerchen erschien ihm fast so wunderbar, wie es den Kindern vorgekommen war. Vetter Gérard fand es nicht so erstaunlich, er sah nur flüchtig darüber hin und sagte: »Ja, ja, es kann wahrscheinlich noch einmal ein ganz netter Junge werden; kann's schon sehen? Die Dinger kommen, glaube ich, blind auf die Welt? Und garstig sind sie so zum Anfang, das müssen wir gestehen.« Er bemerkte den Unwillen der Mutter gar nicht, da eben Elisabeth eintrat; so tief sich auch der Baron in dem Augenblick auf das Kindlein neigte, um das mädchenhafte Erröten zu verbergen, das seine bleichen Wangen überzog, es entging ihm doch nicht die ganz besondere Befangenheit, mit der Elisabeth den Kaufmann begrüßte, der seinerseits auch nicht mit der fließenden Sicherheit sprach, die ihm sonst eigen war. Der Baron vergaß darüber ganz, Elisabeth zu grüßen, und schrak fast zusammen, als sie selbst ihn freundlich anredete: »Guten Abend, Herr Baron; wie geht es Ihnen?« So wohl ihm diese Freundlichkeit tat, so durchzuckte ihn doch wieder schmerzlich der Gedanke: »Nur einen ganz ungefährlichen Mann grüßt ein Mädchen zuerst,« und Elisabeth betrübte sich fast über seinen kurzen Gruß. – Der Baron bemerkte, daß sie ein Beisammensein mit dem Kaufmann zu vermeiden schien. »Auch das ist ein Zeichen eines befangenen Herzens!« seufzte[295] er bei sich; »sie ist gar nicht mehr dieselbe, all ihre unbefangene Fröhlichkeit ist weg! In Gottes Namen! Aber ich hätte sie lieber einem andern gegönnt.«

Oh, er hatte freilich recht gesehen, das leichte Herzchen der fröhlichen Elisabeth war ein recht schweres; trug sie sich doch mit dem gewichtigsten Entschluß, den ein junges Mädchen fassen kann. Vor wenigen Wochen hatte Vetter Gérard bei der Mutter und bei ihr förmlich um ihre Hand geworben.

Der Mutter war diese Werbung nicht unerwartet und nicht unerwünscht gekommen. Freilich hätte sie gern die Trennung von ihrem einzigen Liebling länger verschoben; aber es war denn doch auch hübsch, in diesen bedrängten Zeiten eine Tochter so jung und so glänzend versorgt zu wissen. Daß Elisabeth der Antrag willkommen sein werde, bezweifelte sie keinen Augenblick; sie legte mit recht vielsagendem Lächeln den bedeutsamen Brief in ihre Hand und war hoch erstaunt, als das Kind todbleich wurde und die Hände zusammenlegte mit dem Ausruf: »Ach um Gottes willen!« – »Nun, nun,« sagte die Mutter beruhigend, »stelle dich nicht so närrisch, Kleine! Das ist noch lange nicht das Schlimmste, das einem begegnen kann, wenn ein Mann von einer halben Million um einen wirbt; es kann dir unmöglich so ganz unvermutet kommen; hast du in der Tat nie gemerkt, daß du ihm gefällst?«

»Ach, das natürlich!« entgegnete Elisabeth unschuldig, »aber weiter habe ich eigentlich nie gedacht, es kommt mir so plötzlich.« – »Nun, so nimm dir Zeit, dich an den Gedanken zu gewöhnen,« tröstete die Mutter, »es muß ja nicht im Augenblick sein; ich schreibe indes dem Gérard; oder soll ich Nein schreiben, ganz entschieden?« – »Ach nein, das doch nicht!« sagte Elisabeth wieder ängstlich; »aber warum kommt er denn gerade an mich? Ich dachte, er werde drinnen eine Reiche wählen.« – »Drum bist du ein Sonntagskind,« sagte liebkosend die Mutter und küßte die schöne Stirn der Tochter; »ich sagte dir's ja, es gibt Lieblinge der Natur, die's auf ihr eigen Köpfchen hinaustreiben.« – »Aber ich weiß nicht, ob das mein eigen Köpfchen ist!« sagte Elisabeth weinerlich. –[296] »Nun, so besinne dich noch darüber und gib dich indessen ganz zur Ruhe!«

Aber Elisabeth konnte sich nicht zur Ruhe geben; die Frage: »Soll ich, oder soll ich nicht? Will ich, oder will ich nicht?« ging mit ihr zu Bette und stand mit ihr auf und lag wie ein Schatten auf allem, was sie sonst erfreut hatte. Der Mutter war sie unbegreiflich, und zum erstenmal in ihrem Leben wurde sie ernstlich böse über ihren Liebling. »So ein unnötiger Jammer!« meinte sie, wenn sie die schweren Seufzer Elisabeths hörte. »Du weißt ja, daß ich dich nicht zwinge; schreibe ihm ab, wenn du einen Widerwillen gegen ihn hast, obgleich das unverantwortlich dumm wäre!« – »Das nicht, gewiß nicht, liebe Mutter; er hat mir immer gefallen, wir waren ja in Baden oft so vergnügt zusammen.« – »Nun gut, so sagst du ihm zu, so weiß er, woran er ist, und du auch.« – »Nein, o nein, ich bitte dich! Wenn er nun käme und ich müßte gleich seine Braut sein! Gewiß, Mütterchen, das kann ich noch nicht.« – »So nimm dir Zeit, aber nicht zu lange, das bist du ihm schuldig; ich fürchte auch, die Sache kommt in der Leute Mund; es scheint mir, die Schmeckenbächerin hat etwas gemerkt, und was die weiß, das weiß die Stadt.« Wie nun die Schmeckenbächerin etwas davon sollte erfahren haben, konnte Elisabeth nicht ergründen, besann sich aber auch nicht darüber; sie hatte sich genug zu besinnen über ihr eigenes Herz und kam zu keinem Schluß. Die Mutter hatte Herrn Gérard geschrieben, daß Elisabeth noch so jung und nicht vorbereitet auf einen so entscheidenden Entschluß sei und darum um Bedenkzeit bitte. Da schon das Tauffest bei Dekans in Aussicht stand, so hoffte sie, er werde bei dieser Gelegenheit am leichtesten die Antwort persönlich holen. Dessen getröstete sich auch der Vetter, obschon ihm dieser Aufschub höchst unerwartet und unbequem kam, da er sich die Überraschung und Freude der Kleinen über ein solches Glück gar nicht groß genug hatte denken können. Doch schickte er sich darein: »Ein bißchen Sprödetun muß man ihr immerhin zugute halten, es ist ja ein- für allemal; ich finde es fast pikanter, als wenn es so ganz von selbst gegangen wäre.«[297] Inzwischen holte er sich die Waffen, mit denen er das junge Herz vollends zu erstürmen gedachte, bei Goldschmied und Juwelier und wartete beruhigt der entscheidenden Stunde.

Die Schmeckenbächerin, die den Gevatterstaat fertigen mußte: neue Fransen an das Penseekleid der Mama und ein schwarzes Satinkleid für Elisabeth, begriff nicht, warum das Fräulein diesmal so gar schweigsam und so gleichgültig über Schnitt und Garnitur des neuen Kleides war. »Na, wollen sehen, ob Sie besser aufwachen, wenn ich Ihnen einmal das Hochzeitkleid mache! Weißen Atlas und Seidentüll darüber, garniert mit echten Blonden; hab's zwar verschworen, keinen Seidentüll mehr zu verarbeiten, es ist ein infamigtes Nähen, weil man immer nichts in der Hand hat; Ihnen zulieb tät' ich's aber doch, weil's so einzig steht; Sie müßten die allerschönste Braut sein, wie ein eingeborner Engel.« Selbst diese Aussicht erheiterte Elisabeth nicht ganz, und doch knüpften sich an die Schilderung der Brauttoilette allerlei Bilder einer glänzenden Zukunft, voll von Festen und Genüssen, wo sie, wie eine Feenkönigin, mit vollen Händen Glück und Freude ausspenden könne. Wenn sie bei einem Ausgang an prachtvollen Kaufmannsgewölben vorüberkam, konnte sie sich mit gewissem Behagen eine Zeit ausdenken, wo nichts von diesen Herrlichkeiten mehr zu kostbar für sie sein würde; und doch fand sie nicht den Mut, das Wörtlein auszusprechen, das der Schlüssel zu dem goldnen Schatz war.


So standen die Sachen, als die kontrahierenden Mächte bei Dekans zusammentrafen, und je näher die Entscheidung rückte, desto banger wurde Elisabeth davor; sie wurde mit einemmal ungeheuer geschäftig und machte sich überall zu tun, wo der Vetter nicht war, nur um einer Erklärung auszuweichen. Herr Gérard war sehr unzufrieden darüber, es wollte ihm mit dem Warten zu lange werden. »Aber wunderschön ist sie,« dachte er wieder, »Madame Buisson hat recht, Schönheit imponiert viel mehr als Reichtum; sie muß sich einzig ausnehmen, wenn sie vollends ins rechte Licht gesetzt wird; nein,[298] die werden Augen machen!« Und in dieser Hoffnung beschied er sich, zu warten, bis die Taufgeschichte vorüber sei.

In der Frühe des Tauftages ging Elisabeth in den Garten, um Blumen zum Schmuck der Tafel zu holen; der Vetter war noch nicht erschienen, aber als sie in so tiefen Gedanken, wie sie sie sonst wohl selten gekannt, an der Terrasse vor dem Gartenhaus vorüber ging, hörte sie die bekannte tiefe, wohlklingende Stimme des Barons: »Guten Morgen, Fräulein; sind Sie so eilig?« – »Das nicht,« entgegnete sie, etwas verlegen über das unerwartete Begegnen, »ich gehöre eigentlich heute zu den entbehrlichen Personen, es sind so viel geschäftige Leute oben!« – »Nun, so könnten Sie wohl eine Weile Ihre alte Mission erfüllen und einem Kranken Gesellschaft leisten.« Elisabeth setzte sich auf ihr altes Plätzchen, ihm gegenüber auf[299] der Terrasse. Ihre Nähe tat ihm so wohl, er hatte nicht vergebens mit sich gerungen; bald hoffte er imstande zu sein, sie klaglos scheiden zu sehen ins frische, frohe, regsame Leben, dem sie angehörte, und er dachte sich zuvor noch ohne Gefahr dem süßen Zauber ihres Umgangs hingeben zu können. »Wie haben Sie den Winter verlebt, Herr Baron?« brach Elisabeth das Schweigen, das sie etwas bedrückte. – »Allein, ganz allein,« sagte er mit tief wehmütigem Ton; »und Sie, liebes Fräulein?« fuhr er heiterer fort, sich ermannend, »in Glanz und Freude und Herrlichkeit unter Musik und Tanz, denke ich?« – »Ach ja,« sagte Elisabeth mit halbem Schuldbewußtsein, »es ist wahr, ich bin vor lauter Vergnügen gar nicht zu mir selbst gekommen. Es war freilich recht schön,« setzte sie hinzu, und ihre Augen leuchteten in fröhlicher Erinnerung; »aber nicht wahr,« und sie blickte schüchtern in die dunklen tiefen Augen, die auf ihr ruhten, »Sie halten das doch nicht für recht?« – »Sie würden mich für den Fuchs mit den sauren Trauben halten, wenn ich die Freuden der Welt verdammen wollte,« sagte er lächelnd. – »O nein,« sagte Elisabeth sehr ernst, »gewiß nicht, ich weiß, daß Sie über allen Neid erhaben sind, und ich glaube an Ihre Worte. Sehen Sie,« fuhr sie mit kindlichem Vertrauen fort, »ich weiß wohl, daß ich ein verwöhntes Kind bin; die Mutter ist zu gut für mich, und ... und ... ich weiß nicht, ob ich nicht für mein Leben lang allein meinen Weg zum Himmel suchen muß, da möchte ich gern einen treuen Freund, der mir sagte, was recht ist. Halten Sie die Freuden der Welt, den Tanz zum Beispiel, für Sünde?« Ihre Augen waren feucht von tiefer Bewegung, wie sie ihn ernst, fast ängstlich fragend ansah. – »Das ist wohl schwer zu entscheiden,« sagte der Baron ernst auf ihre ernste Frage, »zumal für mich; das Gebiet, das zwischen dem einfachen Recht und Unrecht liegt, ist wohl das schwierigste. Gewiß ließe Gott nicht so viel liebliche Wiesen, so viel schöne Blumen wachsen, wenn sein Wille wäre, daß wir absichtlich nur einen steinigen Pfad suchen sollten, und ich denke, die Blumen, die von selbst am Wege blühen, dürfen wir ohne Gefahr pflücken; wenn wir aber den Weg verlassen[300] und nach mehr, nach immer neuen Blumen suchen, so ist die Gefahr groß, daß wir die rechte Richtung ganz verlieren.«

»Das eben ist auch schwer zu sagen, welche Blumen selbst am Wege wachsen! Alle diese Freuden wurden mir eigentlich entgegengebracht,« sagte Elisabeth, »und doch ist mir, es könnte mir ein Hindernis auf dem rechten Wege sein.« – »Kein Mensch kann für den andern den Himmel finden,« sagte der Baron; »ich selbst muß erkennen lernen, was sich zwischen mein Herz und seinen Gott stellt, und das ist mir Sünde und wenn es noch so schuldlos wäre für die ganze Welt. – Die fünf klugen Jungfrauen durften schlummern ohne Gefahr, denn ihre Lampen waren bereit; ob sie auch hätten tanzen können, ohne ihr Öl zu verschütten,« fügte er mit seinem ernsten Lächeln hinzu, »das kann ich nicht entscheiden, es ist eine Versuchung, in die ich nie gekommen bin.« – »Ach ja, Sie haben es gut!« rief Elisabeth in vollkommenem Ernst, errötete aber im Augenblick tief über die unbedachte Äußerung. – »Sie haben recht, ich habe es gut,« sagte der Baron ruhig; »mein Beruf ist so einfach, ich habe nicht zu wählen, nur zu leiden und – zu entsagen. Das ist kein sanfter Weg, aber ein gerader. Möge Gott Sie, wenn es sein kann, auf weicheren Pfaden zum Ziele führen!« schloß er herzlich. – »Elisabeth!« rief es oben, »Elisabeth, wo bleibst du? Es ist Zeit zum Ankleiden!« – »Vielleicht sprechen wir uns noch einmal, ich danke Ihnen,« sagte flüchtig Elisabeth in der halben Verlegenheit, die meist den Übergang aus dem höheren Leben ins Alltägliche begleitet.

Der Baron sah ihr lange nach, und was durch seine Seele zog, das war nicht mehr die Klage um ein versagtes Gut, nur ein inniges Gebet für sie, die ihm nicht beschieden war.


An dem Tauffest des Dekans, der bei der Gemeinde sehr beliebt war, nahm das ganze Städtchen Anteil; sinnige Jungfrauen hatten die Kirche und den Taufstein bekränzt und mit dem tonkundigen Schullehrer schöne Gesänge einstudiert; die Schuljugend sollte gleichfalls das Fest durch Gesang verherrlichen;[301] die Bürgergarde bildete Spalier vom Dekanathaus bis zur Kirche, was nur dadurch ermöglicht wurde, daß die vorderen Glieder immer hinter den letzten durchsprangen und sich vorn wieder aufstellten. Die Öffentlichkeit der Szene, der Kirchgang zu Fuß brachte Elisabeth, die bei solchen Gelegenheiten an die geschlossenen Wagen der Residenz gewöhnt war, in nicht kleine Verlegenheit; dem Volke aber war das Ergötzen an dem schönen Aufzug wohl zu gönnen.

Voraus der kleine Festkönig, unbewußt seiner Würde, friedlich schlummernd unter dem grünseidenen Tuch, auf den Armen der Schwester Pauline, umringt von den vier jüngsten Geschwistern, die alle strebten, wenigstens einen Zipfel des Tauftuchs zu er fassen; dann die stattliche Großmama in der Blondenhaube und dem penseeseidenen Kleid; Elisabeth, in aller Blüte ihrer jungfräulichen Schönheit noch schöner fast in dem schwarzen Kleid, mit dem frommen Ernst auf den lieblichen Zügen, als einst im weißen Kleide und Rosenkranz. Gérardé ihr Mitgevatter, hatte ihr ein prachtvolles, feines Blumenbouquet in Gold und Perlen als Gevatterstrauß überreicht, das als Brosche getragen werden sollte; der Baron hatte in feuchtem Moos die auserlesensten Blumen seines Gewächshauses von daheim senden lassen; Elisabeth hatte die goldnen Blumen beiseite gelegt und sich mit den duftenden geschmückt. »Wie ein Engel,« flüsterten die staunenden Zuschauer des Zugs. Wie einen Engel blickte Ernst, der mit seiner Schwester Minchen in aller Würde der ersten Gevatterschaft hinter ihr schritt, die schöne Gestalt an.

Ein ungleiches Paar folgte: der Baron und der Kaufmann. »Das ist ein schöner Herr,« entschied die Volksstimme über den letzteren, »so starklecht, und sieht so gut aus, und so gar schön angezogen. Sehet, die weiße Weste ist von Atlas mit Silber gestickt!« Der Baron zog höchstens mitleidige Blicke auf sich und den Ausruf: »Das ist ja ein wahres Stilett!« (Skelett). Der Papa in festlichem Amtsornat schloß den Zug, und Elisabeth atmete leicht auf, als sie, der öffentlichen Volksschau entrückt, in die Kirche eingetreten waren. Ihre Gedankenwaren so sehr ernst diesen Morgen, die feierliche Luft der Kirche tat ihr wohl; die Klänge der Orgel, der schöne Gesang, die heiligen Worte, mit denen das Kindlein geweiht wurde für das Leben, über das Leben hinaus, zu einem unvergänglichen Erbe, drangen in ihre innerste Seele. Alle Wahl und Qual, die sie in den letzten Wochen umgetrieben hatte, löste sich in dem einen Gebet aus tiefstem Herzen: »Herr, zeige du mir den rechten Weg!« Sie hielt das schlummernde Kindlein mit den weichen Zügen voll tiefen Friedens auf den Armen, und ihre Seele vereinte sich mit den Worten des Liedes, das eben von der Orgel herabtönte:


»Hirte, nimm das Schäflein an,

Haupt, mach es zu deinem Gliede,

Himmelsweg, zeig ihm die Bahn,

Friedefürst, sei du sein Friede,

Weinstock, nimm's zu deinen Reben,

Laß es ewig an dir schweben.«


Die Welt wog ihr so leicht in diesem Augenblick, es dünkte sie nicht schwer, sie von sich zu werfen, und ihr graute fast, wieder zurückzukehren in ein Leben voll Lust und Unruhe, von dem sie doch leise fühlte, daß es ihr wieder lieb, ach, nur zu lieb werden könnte.

Sie dachte an den Entschluß, der ihr bevorstand. »In Gottes Namen!« beschloß sie bei sich, »wenn es der Mutter Wunsch ist und ich Gérard so glücklich mache, so will ich Ja sagen. Der neue Stand bringt ja auch viel ernste Pflichten mit sich, ich habe dann so viel Mittel zum Gutestun, und Gott wird mir helfen, auch durch die Welt den rechten Weg zu finden.« Ihre Blicke fielen auf Gérard, der ihr gegenüberstand; ach, es lag so gar nichts in seiner Haltung, in seinem ganzen Wesen, das von einem Eindruck der heiligen Handlung zeugte; er sah nach ihr mit einer ungeduldigen Begehrlichkeit, die ihr bange machte; sie fühlte fast ein Grauen, wenn sie daran dachte, in diese Hand vor dem Altar die ihre zu legen. Sie sah nach dem Taufstein hinüber, wo eben der Baron das Kind über die Taufe[304] hielt: welch tiefer, heiliger Ernst lag auf seinen Zügen, wie innig und liebevoll ruhte sein Blick auf dem Kindlein, als wollte er ihm mit dem Segen des Himmels auch alles Glück der Erde wünschen, das ihm selbst versagt war! Sie konnte Gérard nicht mehr ansehen, und all der Mut und die Freudigkeit, das Ja zu sprechen, waren ihr wieder entsunken; unschlüssiger als zuvor ging sie den Weg von der Kirche heimwärts und beneidete alle, die sich nicht quälen mußten mit solch einer Entscheidung. Daheim versammelten sich die Kinder mit dem Täufling um die Mutter, die mit Freudentränen ihr Kindlein auf die Arme nahm. Vetter Gérard lehnte im gedeckten Festsaal am Fenster, gähnte und streckte sich und sagte: »Ich habe gar nicht gewußt, daß die Geschichte so lange dauert; auf Ehre, es ist halb vier Uhr, Zeit, daß man sich zu Tische setzt.« Die Tafel war aufs schönste geschmückt, eine teilnehmende Freundin aus der Stadt hatte die Anordnung übernommen, damit die Familie sich ohne Sorgen der Festfreude widmen konnte. Der Baron saß Elisabeth gegenüber, neben sie setzte sich Gérard, dem es nun hohe Zeit schien, daß das lange Besinnen zu Ende sei, wie »die Geschichte mit der Taufzeremonie«; er wurde mit jedem Glas des edlen Taufweins zutraulicher, nannte die Regierungsrätin Frau Mama, als er mit ihr anstieß, und gebärdete sich so siegessicher, daß dem Baron, der Elisabeths tiefes Erröten mißverstand, denn doch das Herz zu schwer wurde; er zog sich geräuschlos zurück, was nicht auffiel, da er ja sehr selten in größerer Gesellschaft verweilte. Dem Dekan, der sehr fröhlich angeregt war in dem Festgefühl, das auch einmal alle Alltagssorgen zurückdrängte und ihn im Blick auf sein Kinderhäufchen diesmal nur Hoffnungen und Freuden sehen ließ, wäre es ganz hübsch erschienen, das häusliche Fest mit einer Verlobung zu schließen. Die Mutter hielt ohnehin Elisabeths Zögern nur für mädchenhafte Schüchternheit und dachte, es wäre das beste, sie ein wenig zu überrumpeln; immer bedeutsamere Reden und Blicke zielten auf die arme Elisabeth, die endlich einen geschickten Vorwand ergriff, in den Garten zu entschlüpfen, um nur noch einen[305] Augenblick Ruhe und Zeit zu gewinnen; ihr war, als möchte sie lieber ans Ende der Welt entfliehen, um gewiß allein zu sein.

Aber auch im Garten war sie nicht allein; auf der Terrasse saß der Baron, den alle in seiner Wohnung geglaubt hatten, und es machte sie etwas befangen, daß es nun fast den Anschein hatte, als sei sie ihm gefolgt. Sie wollte mit flüchtigem Gruß an ihm vorübergehen, aber seiner freundlichen Bitte: »Bleiben Sie nicht ein wenig hier?« konnte sie doch nicht widerstehen.

»Ich möchte gern hier Abschied nehmen von Ihnen,« fing er an, »ich werde morgen abreisen.« – »So früh schon?« fragte Elisabeth; »ich dachte, Sie nehmen wieder einen Sommeraufenthalt hier.« – »Diesmal nicht, ich muß vielleicht ins Bad und will mich die übrige Zeit in meine Einsamkeit begraben. Da ich bald gehe, so nehmen Sie vielleicht meinen Glückwunsch nicht für voreilig an,« setzte er hinzu, sich gewaltsam zusammennehmend. »Gott segne Sie, liebe Elisabeth, und geleite Sie, wohin Sie auch Ihr Weg führt! Sie werden wenig Zeit mehr haben, an mich zu denken; aber es kommen doch vielleicht Augenblicke, in denen es Ihnen wohl tut, zu wissen, daß ein Wesen, dem Sie einmal Leben und Sonnenlicht waren, Ihrer denkt und für Sie betet, hier – oder dort.« Er nahm in tiefer Bewegung Elisabeths Hand in die seine, sie sah ihn an mit nassen Augen, ihr Herz war zu voll zum Sprechen, kaum brachte sie die Worte hervor: »Ich bin noch nicht Braut, ach, ich weiß ja gar nicht ...«

»Wenn Ihr Herz gewählt hat, liebe Elisabeth,« sagte der Baron, dessen mühsam errungene Kraft zu wanken begann, »so lassen Sie es sich durch keine Skrupel schwer machen, Sie können für jeden Kreis ein Segen werden – werden Sie glücklich – leben Sie wohl!« Er wollte sich erheben, Elisabeth aber bat ihn fast ängstlich, seine Hand haltend: »Oh, bleiben Sie noch! Der treue Rat eines ruhigen Freundes ist mir so nötig.« – »Ich bin kein ruhiger Freund!« rief der Baron aus, überwältigt von seinem lange verhaltenen Gefühl. »Elisabeth,[306] lassen Sie mich gehen! Ich kann Sie noch nicht als die Braut eines andern sehen! Oh, wäre mir vergönnt gewesen, Sie durchs Leben zu tragen! Ich habe nie, nie mit dem Schicksal gehadert bis zu dieser Stunde! Gott wird mir helfen, ohne Klage in mein trübes Dasein zurückzukehren; aber jetzt lassen Sie mich gehen! Leben Sie wohl, Elisabeth,« sagte er noch einmal mit weicher Stimme; »nehmen Sie meine Worte auf wie die eines Sterbenden, dem ja auch vergönnt ist, den Schleier von seiner Seele zu nehmen, der sie lebenslang verhüllen mußte, und zürnen Sie mir nicht!« Er wollte aufstehen,[307] aber Elisabeth hielt noch immer seine Hand; er wagte sie anzusehen, sie hatte ihre wunderbar schönen Augen zu ihm aufgeschlagen, und aus dem Schleier jungfräulicher Scheu brach ihm ein Himmel so inniger, voller, hingebender Liebe entgegen, daß er in einem nie geträumten Entzücken ausrief: »Elisabeth, ist's möglich? Elisabeth, o sprich ein einziges Wort, ist's nicht Mitleid? Bist du mein?« – »Dein,« flüsterte sie leise, und der Frühling war aufgegangen um sie und in ihnen.


Droben hatte Herr Gérard sich indes mit Elisabeths Mutter verständigt, die durchaus kein Hindernis für seine Wünsche wußte und ihm riet, bei Elisabeth gerade aufs Ziel zu gehen. »Sie müssen natürlich zu Anfang noch Geduld haben mit der Kleinen, sie ist schüchterner, als man ihr ansieht; sie wird selbst schon ruhiger und klüger werden, wenn sie einmal entschieden hat.«

Aber Elisabeth wollte lange nicht wiederkommen, die Mutter und der Bräutigam in Hoffnung beschlossen, sie im Garten aufzusuchen; Gérard steckte den prächtigen Brillantring in die Westentasche, der nun bald die schöne Hand seiner Braut schmücken sollte.

Es war sehr still im Garten, und sie kamen, ohne einen Laut zu hören, bis zu der Terrasse; da sahen sie denn freilich eine überraschende Gruppe. Der Baron saß in seinem gewöhnlichen Lehnstuhl, Elisabeth hatte einen niedrigen Gartenstuhl neben ihn gerückt und ruhte, den Kopf auf seinem Arm, ihre Hand in der seinen, die Augen zu ihm aufgeschlagen, wie ein Kind an ihn geschmiegt; keines von den beiden sprach, nur ihre Blicke flossen ineinander, so voll inniger Liebe, voll seliger Ruhe – ein Lied ohne Worte.

Elisabeth sah die Mutter mit Gérard kommen; sie erschrak nicht, sie fuhr nicht betroffen auf, sie fühlte sich so innig wohl und geborgen in der Gewißheit, die ihr nun geworden, wie eine Taube in der Felsenhöhle; sie richtete nur den Kopf auf und sah sie freundlich lächelnd an mit süßem Erröten und sagte ruhig: »Liebe Mutter, es ist doch anders gekommen, als wir glaubten; ich weiß nun gewiß, was ich gewollt. Nicht wahr,[308] Mütterchen, du gibst uns deinen Segen?« Die Mutter war so betroffen, daß sie zuerst nicht Worte finden konnte; auch Herr Gérard war darauf nicht vorbereitet – dieser Fall war in dem »Galanthomme, oder der junge Mann, wie er sein soll,« so gar nicht vorgesehen; er hub mit glühend rotem Gesicht und unterdrückter Heftigkeit an: »In der Tat, mein Fräulein ...« Aber der Taube war mit einemmal der Mut gewachsen, und mit kindlicher Offenheit, wenn auch zu Anfang mit schüchternem Ton, sagte Elisabeth: »Es tut mir herzlich leid, Herr Gérard, wenn ich Sie je über meine Gefühle getäuscht habe, meine Absicht war es gewiß nicht; mein Herz habe ich bis jetzt selbst nicht gekannt, sonst hätte ich Ihnen viel früher gewisse Antwort gegeben; halten Sie es meiner Jugend und Unerfahrenheit zu gute,« und sie bot ihm freundlich die Hand. So rasch aber ging es bei dem schwer gekränkten Liebhaber nicht mit der Versöhnung, er war zu bitter getäuscht und glaubte sich absichtlich gefoppt. Nie war ihm im Traume eingefallen, den siechen Baron für einen gefährlichen Nebenbuhler zu halten; mit Bitterkeit sagte er: »Wirklich wußte ich bis jetzt nicht, wie schwer der Rang einer Baronesse in den Augen einer jungen Dame wiegt; wenn Sie, Madame Gruber, eine solche Verbindung über Ihr mütterliches Gewissen bringen, so habe ich nichts einzureden.« – »In der Tat, Herr Baron,« hub die Mutter an, »kann ich kaum glauben, daß Sie eine so rasche Gefühlsaufwallung eines Kindes wie Elisabeth für entscheidend und bindend annehmen; Sie selbst müssen wissen, welche Bedenken ...« – »Ich weiß sie alle und habe sie lange und wohl erwogen, verehrte Frau,« sagte ruhig und mit fester Stimme der Baron; »auch war es die Überwallung eines lange bekämpften Gefühls und nicht besonnene Überlegung, was mir den Mut gab, um ein Gut zu werben, das mir stets ein unerreichbarer Stern schien. Elisabeth ist jung, Sie sind die Mutter, wir beide haben kein Recht, unsern geschlossenen Bund für fest anzunehmen ohne Ihre Einstimmung, und ich lege Elisabeths Wort wieder in die Hand ihrer Mutter. Ich kann ihr nichts bieten als eine Lage, die sorgenfrei ist für[309] bescheidene Bedürfnisse, nichts von allem Glanz des Lebens, nichts von Freude und Lust der Jugend, kein frisches, freudiges Zusammenwirken von Mann und Weib – nichts als ein Herz voll unendlicher Liebe, um ein Leben voll Opfer und Entsagung zu lohnen, eine Ehe, die ein Brautstand sein möge für die selige Vereinigung in der Ewigkeit.«

»Gratuliere zum ewigen Brautstand,« sagte mit hämischem Ton der Kaufmann, indem er sich empfahl.

Der Baron küßte Elisabeth leise auf die Stirn und führte sie der Mutter zu. »Elisabeth, wie auch dieser Tag ende, ich werde ihn segnen als einen Stern meines trüben Lebens. Entscheide dich frei und glaube, wenn du auch nur diesen Augenblick mein gewesen bist, du bleibst doch mein guter Engel!« Er schritt langsam dem Hause zu, nicht mit dem raschen Schritt eines Siegers, müde, fast überwältigt von der Bewegung der letzten Stunden. Die Mutter sah ihm seufzend nach: »Ach, es wäre ja alles recht, es müßte gerade kein Millionär sein, und eine Baronesse wäre auch nichts Schlechtes; aber das ist doch in Ewigkeit kein Mann für meine blühende Elisabeth!«

Herr Gérard empfahl sich französisch mit Hinterlassung eines reichen Patengeschenks; auch der Baron reiste in der Frühe des nächsten Tages ab, nach einer langen Unterredung mit dem Dekan; Elisabeth wollte er nicht mehr sehen, ehe ihre Mutter entschieden hatte, um ihre Wahl nicht zu bestechen.

Ach, da konnte von keiner Bestechung mehr die Rede sein! Durch alles Wiegen und Wägen des Familienrats über ihre Zukunft, durch alle Für und Wider, Wenn und Aber blieb die junge Elisabeth, das sonst so kindische, unschlüssige Wesen, fest wie eine Mauer. »Du gibst es gewiß noch zu, Mütterchen,« sagte sie zuversichtlich, »denn es ist mein Glück.«

Man beriet nach des Barons Wunsch die Ärzte, die ihn so lange behandelt; sie kamen überein, daß der Sitz des Leidens schwer zu ergründen sei, es sei vielleicht das Rückenmark angegriffen, vielleicht liege der Grund des Übels im Herzen, möglicherweise auch bloß in den Nerven; es sei kaum anzunehmen, daß der Baron je zu voller Kraft und Gesundheit[310] komme; man habe aber auch Beispiele, daß man bei solchen Zuständen alt werden könne, ebensowohl müsse man jedoch auch auf ein plötzliches Ende gefaßt sein. »Und wenn ich nur einen Tag die Seine bin,« entschied Elisabeth auf diesen Ausspruch, »so ist mir dieser eine Tag mehr wert als ein ganzes Leben von Weltglück.«

Es war verwunderlich, daß die sonst so nüchterne und besonnene Marie die erste Bundesgenossin der Schwester wurde; bedenklicher blieb der Dekan, schon aus Pflichtgefühl, weil er innerlich doch die Partei seines Vetters nahm; aber auch er ging über, und der Mutter blieb zuletzt keine andre Wahl, als sich überstimmen zu lassen; ob der Gedanke an »meine Tochter, die Baronin von Ellershausen,« nicht ebensoviel dazu beitrug wie der innige Herzenswunsch Elisabeths, sei dahingestellt. So ward das Jawort abgesandt; es gab großen Jubel unter der Kinderschar des Dekans, daß Elisabeth Braut sei und daß sie alle zur Hochzeit dürfen. Ernst teilte es Elisabeth selbst mit, er wünschte ihr Glück mit schüchterner Stimme; in der stillen Nacht aber entstand sein erstes Gedicht, das anhub:
[311]

»So bist du denn versunken,

Du schöner Jugendtraum,

Du lichter Himmelsfunken,

Ich ahnete dich kaum!«


Es hat es aber niemand je zu Gesicht bekommen.


Und abermal tagte ein Hochzeitmorgen in der Frühe eines goldenen Herbsttages, und Frau Schmeckenbächerin hatte das Glück, ihre schöne Elisabeth wie einen eingeborenen Engel herauszuputzen. Marie hatte noch einmal das Mädchenstübchen geteilt und sah mit liebevollem Lächeln in das strahlende Angesicht, aus dem durch allen Ernst des Tages, durch alle Tränen des Abschieds eine stille, selige Gewißheit inneren Glückes leuchtete.

»Kind, liebes Kind,« bat Marie, »ich danke Gott für deine Freudigkeit, aber nimm dir's nicht zu leicht, du weißt doch nicht, ob dich lauter Glück erwartet!« – »Nicht lauter Glück, aber lauter Segen,« sagte die Braut mit inniger Zuversicht und ging dem Bräutigam entgegen.

Die schaulustige Menge jedes Standes vor dem Hause und in der Kirche hatte diesmal noch viel mehr Veranlassung zu Anmerkungen als vor zwei Jahren bei Mariens Hochzeit. Frau Schmeckenbächerin zwar versicherte ihre Nachbarn, »der Herr Baron sei gar nicht schwindsüchtig, im Gegenteil, so bleich sei er eben von Natur«, aber es wurden doch verschiedene Vergleichungen angestellt: »Wie der Winter und der Frühling« – »Wie Tag und Nacht«. Die poesiereichste blieb aber die eines jungen Künstlers, den lange schon im stillen die schöne Elisabeth begeistert hatte: »Wie ein Engel des Lichts, der einen Toten nach Walhalla führt.«


Mit der Hochzeit schließt wie billig ein rechter Roman; da aber unsre Geschichte keinen Anspruch auf den Titel eines Romans machen kann und da viele der teilnehmenden Leser so besorgt wie die Zuschauer in der Kirche der Schließung des ungleichen[312] Ehebundes zugesehen haben, so sei uns vergönnt, den Vorhang auch nach dem fünften Akt noch einmal aufzuziehen und zu sehen, welche mächtige Erzieherin eine echte Liebe für unsre verwöhnte Elisabeth geworden ist.

Die Ärzte haben bis jetzt recht behalten: auch mit all dem reichen Zuwachs an Glück und Herzensfreude, auch unter all der zarten, liebevollen Pflege, die ihm durch seine junge Frau geworden, ist der Baron nicht zu voller Kraft und Gesundheit erstarkt. Wir finden ihn wieder in einem Bade, das so manchmal schon ihm Stärkung und Erquickung gab; immer noch sind große Gesellschaften für ihn angreifend, immer noch kann er nicht teilnehmen an den Genüssen der Jungen und Fröhlichen und sucht Stille und Einsamkeit. Aber es ist eine liebliche Einsamkeit, denn sie ist geteilt durch den blühenden Engel, der ihn noch nicht nach Walhalla, aber in ein Leben voll Frieden und Segen geführt hat. Sie scheint geschaffen zur Zier fröhlicher Gesellschaften, zum Schmuck des Ballsaales, in ihrer unverwelkten, feengleichen Schönheit, und doch scheint es nicht, als ob sie auch nur mit einer leisen Klage zurückverlange nach den Kreisen, in denen sie sich einst so fröhlich bewegte. Sie hat genug zu tun, bis sie jeden Lichtblick, der in der Macht menschlicher Liebe steht, in das kranke Leben ihres Gatten leitet; sie allein weiß, wann er gern ihr fröhliches Geplauder, ihre lieblichen Lieder hört, oder wann es ihm wohltut, still, ganz still an einem heimlichen Plätzchen des grünen Waldes sein Haupt ruhen zu lassen an ihrer treuen Brust. Sie weiß, wann sie den kleinen Kreis erwählter Freunde um ihn sammeln darf, die teilnehmen an seinen geistigen Interessen und Bestrebungen; sie versteht es, Besuche fern zu halten, ohne zu kränken, wenn ihm Stille Bedürfnis ist. Sie weiß mit heiterem Scherz seine düsteren Grübeleien zu zerstreuen, und in den schwersten Stunden findet er in ihrem Auge die stille Träne, die dem wunden Herzen wohler tut als alle Worte des Trostes.

»Eine gefährliche Sache für einen siechen Mann, mit einer so schönen, jungen Frau in ein Bad zu gehen,« meinten wohl[313] frivole Stimmen; aber sie kennen nicht den gefeiten Kreis, den die rechte Herzenstreue um eine vermählte Frau zieht und der selbst die Kecksten und Verdorbensten abhält, ihr auch nur mit einem Blick, mit einem Wunsche nahe zu treten. »So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern eins.« Die Wahrheit dieses Wortes empfand man nicht leicht bei einem Ehepaar wie bei diesem. Auch Vetter Gérard fühlte dies, als er mit einer glänzenden Braut, der reichen Erbin eines vormals jüdischen Kaufherrn, den selben Badeort besuchte, wo er gehofft hatte wenigstens einiges Bedauern in der jungen Frau zu wecken, die nun an einen kranken Mann gefesselt war.

Elisabeths neidlose Freude über sein Glück, ihre harmlose Herzensgüte versöhnten ihn, und er versuchte sich darein zu ergeben, daß das törichte Kind eben ihr Glück mit Füßen getreten habe.

Freilich sah Elisabeth wie ihr Gatte mit einiger Sehnsucht dem Ende des Badeaufenthaltes entgegen, wo sie heim durften; heim! Der Baron hatt eine gewußt, welcher Zauber in dem Worte liegt, ehe seine Heimat so belebt und verschönt war von dem Hauch eines jungen, warmen Lebens, das alle Schätze, die ihm Gott verliehen hatte, hingab im Dienste der Liebe.

Der Instinkt des Herzens mehr als Überlegung hatte Elisabeth gelehrt, daß ein bloßes Sonntagsleben, geteilt zwischen Musik, Lektüre, leichten Studien und Phantasiearbeiten nicht hinreiche, um ein Dasein befriedigend auszufüllen; sie hatte sich einen Beruf geschaffen unter den Bewohnern des Dorfes, an denen die wohlwollende Absicht des Barons früher so oft gescheitert war. An die Alten hatte auch sie sich nicht gewagt, denn sie hatte nicht die Energie, den Leuten die Wahrheit zu sagen und in Verhältnisse einzugreifen, die ihr fremd waren. Sie begann mit Kindern, mit den Kleinsten, für die sie einen leeren Saal im Erdgeschoß ihres Schlosses eröffnete; der Kreis erweiterte sich allmählich, sie zog sich Gehilfinnen heran unter den größeren Mädchen, und Frau Schmeckenbächerin selbst ließ sich herbei, einmal ohne Begleitung eines Individuums[314] einen Ferienaufenthalt in Ellershausen zu nehmen und mit ihrer aristokratischen Schere, die schon fürstliche Roben zugeschnitten, zweckmäßige Jacken und Kleidermuster für die Dorfmädchen zu schneiden und die Gewandtesten darunter die nötigen Handgriffe zu lehren.

Was Elisabeth halb als Spiel begonnen, wurde freilich bald ernstliche Arbeit und brachte Mühe, Verdruß und Schwierigkeiten mit sich; aber die Baronin hielt sich tapfer, gestützt und getragen von der herzlichen Teilnahme ihres Gatten, der gern, wenn sein Kopf zu müde war für tiefe Studien, Lieder und Geschichten auswählte oder dichtete für die verschiedenen Kinderkreise und die Rechnungen für ihre Arbeitsschule führte.

Wie schön und genußreich wurden dadurch die stillen Feierstunden, wo sie als gelehrige Schülerin dem geliebten Lehrer lauschte und seine Strenge so liebenswürdig fand wie seine Güte, wo sie gemeinsam sich ergehen konnten in den Zaubergärten der Poesie, der Musik, wo ihre Seele ruhte im tiefsten, innigsten Einklang über die heiligen Wahrheiten des Lebens. Die Mama Regierungsrätin durfte ihre Nachsicht nie bereuen und kehrte stets mit neuer Befriedigung von jedem Besuch bei »ihrer Tochter, der Baronin«, nach Hause zurück, wenn ihr auch die eigentliche Quelle dieses Glücks verborgen blieb.

So ist denn Elisabeths Leben ein Leben von ungetrübtem Sonnenschein, voll edler Beschäftigungen und idealer Genüsse? Ach nein, auch die Sonntage wurden manchmal unterbrochen von langen trüben Stunden und endlosen Nächten, die Elisabeth an dem Lager ihres Gatten verwachte in verhaltenen Tränen, in tiefer Angst vor dem plötzlichen Tod, den die Ärzte als möglich prophezeit.

Wohl war er ihre geistige Stütze, ihr Leiter und ihr Halt auf dem Weg zum höchsten Ziel; aber es gab auch Zeiten, wo das Leiden, die Schwäche des Körpers seine Seele verdunkelten. Wenn ein Pulsschlag regen Lebens durch die Völker zog, wenn Genossen seiner Jugend in tatkräftigem Wirken, in neuen Bahnen auf dem Gebiet des Wissens die Lorbeern pflückten, die der Traum seiner Jugend gewesen, und er mußte[315] in tatenloser Stille, als der Pflegling seiner Frau, daheim bleiben, – da konnte selbst ihre sanfte Stimme, ihr lieblicher Gesang nicht immer den Dämon der Schwermut bannen. Und wenn er sie bat: »Oh, bete du für mich, daß Gott mir auch eine Stunde Gesundheit, volles, kräftiges Lebensgefühl schenkt!«, und ihre innigen Gebete blieben unerhört, – da flossen wohl in der Einsamkeit ihres Zimmers heiße Tränen des Mitleids, wie sie sie nie geweint um eigenes Leid; und wenn sie aus fröhlichen Familienkreisen kam, wo ein kräftiger Mann mit gesunden Kindern scherzte und spielte, da konnte doch oft die eigene Heimat sie still dünken und die Zukunft einsam.

Aber die Sonne inniger Liebe, starken Glaubens bricht siegreich durch jede Nacht; sie fühlt sich geliebt, wie selten ein Weib geliebt ward, sie weiß, daß in jedem Morgen- und jedem Abendgebet ihr Gatte Gott dankt für sie als für seinen höchsten Segen.

Und wenn es Stunden gibt, die schwersten und bittersten ihres Lebens, wo selbst ihre warme, reiche Liebe dem Gatten nicht alles vergüten kann, so erhält sie eben das demütig und führt beide immer wieder zur rechten Quelle alles Trostes. Immer tiefer, immer reicher haben sie hier schöpfen gelernt, immer mehr versteht sie Mariens Worte: »Das schönste Los ist, das uns lehrt, am unmittelbarsten in Gottes Augen zu schauen,« und durch all die leisen Schatten und stillen Tränen, die ihr Erdenglück noch begleiten, tönen ihr wie heiliger Orgelklang die Worte: Ein Brautstand für die Ewigkeit.

Ernst, der Seminarist, hat nun seine Studien beendet; er ist Pfarrgehilfe im Dorf Ellershausen und der schönen Burgfrau treuer Gehilfe bei ihren Reformen im Dorfe. Elisabeth ist noch das Ideal seiner Gedanken, die Dame seiner Lieder, ohne daß sie oder sonst eine sterbliche Seele je etwas davon geahnt haben. Aber es ist ein stilles Lieben, ein schmerzloses Entsagen ohne Wunsch und ohne Klage. Er hat ein Märchen gelesen von der weißen Wasserrose, die ein Schwan von fern umzieht mit leisem Gesang. Er gedenkt nicht zu vergehen im[316] Singen wie der Schwan; er gedenkt der weißen Blume, die nie sein eigen wird, wert zu bleiben in frischem kräftigem Leben. Und wenn er dereinst der Braut, von der er noch nicht weiß, wo sie für ihn erblüht, ein reines und unentweihtes Herz entgegenbringt, eine warme Seele für das Schöne und Edle, nicht verkühlt und nicht befleckt vom Hauch der Welt, so dankt er es der weißen Blume, die es nie geahnt hat und nie erfahren wird, was sie ihm geworden.[317]

Quelle:
Ottilie Wildermuth: Ausgewählte Werke. Band 2, Stuttgart, Berlin und Leipzig 1924, S. 229-318.
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