Kriegszeiten

[286] Der Ahnherr war eine durch und durch konservative Natur. Die französische Revolution mit ihren Folgen erschütterte ihn fürchterlich; als er die Hinrichtung Ludwigs XVI. erfuhr, hat er sich einen ganzen Tag eingeschlossen, kein Wort gesprochen und keinen Bissen gegessen. – Da konnten die französischen Soldaten, die bald darauf das Land überschwemmten und die kleine Stadt besonders stark heimsuchten, keine willkommenen Gäste für ihn sein. Die gute Hausfrau trug oft schwere Sorge, ob sein tiefer Groll nicht einmal durchbreche durch die unbeweglich[286] ernste und feierliche Haltung, mit der er die ungebetenen Besucher aufnahm und beherbergte.

Das vielgestaltige, bewegte Leben und Treiben, das sie mit sich brachten, hatte aber, zumal für den rührigen Geist der Ahnfrau, etwas Aufregendes, das das Gefühl der Trauer und des Widerwillens nicht recht zum Bewußtsein kommen ließ. Auch müssen die zusammengewürfelten französischen Truppen oft einen komischen, buntscheckigen Anblick gewährt haben. Schuster und Schneider durften nicht feiern, Schuhe gehörten unter die ersten Requisitionen der einziehenden Truppen; auch war der Appetit vortrefflich, so viel sie auch über »die schwäbisch Fressen« schimpfen mochten. Die Ahnfrau sorgte stets, durch gute und reichliche Küche sie bei guter Laune zu erhalten.

Einmal aber hat sie viel Sorge durchgemacht. Es waren vier ziemlich unedel aussehende Offiziere im Haus einquartiert, deren freches Auftreten der Hausherr nur mit Mühe ertrug. Einer unter ihnen, der etwas Deutsch verstand und den Dolmetscher der übrigen machte, kam mit beglückender Miene zu den Töchtern des Hauses: »Heut abend groß Ball, schön Ball; Sie mitkommen, ich Sie tanzen lassen!« So tanzlustig die Mädchen auch sonst sein mochten, diesmal waren sie gar nicht aufgelegt, und der Vater erklärte kurzweg: »Meine Töchter tanzen auf keinem Franzosenball.« Der Dolmetscher verstand das schon und erklärte es den andern. Diese erhoben ein Geschrei und ein Säbelgeklirr, daß es Mutter und Töchtern angst und bange ward; endlich stürmten alle vier fort. Da kam nach einer Weile der Hofrat: »Hört, das Ding kann bös gehen! Die Offiziere haben sich beim Obersten beklagt; der nimmt's als Beleidigung der französischen Ehre und speit Feuer und Flamme. Er will die Mädchen mit Militär abholen lassen, wenn ihr sie nicht gutwillig zum Balle schickt; er droht mit Plündern und was allem. Seid gescheit und führt sie selbst hin, so wird gewiß den Mädchen kein Leid widerfahren!« Die Mutter bat, der Hofrat sprach zu; der Vater selbst sah ein, daß da nichts zu machen war, und gab zähneknirschend seine Einwilligung und den Mädchen Befehl, sich anzukleiden.[287]

Nie wohl ist ein Ballstaat von jungen Damen unlustiger ins Werk gesetzt worden als diese. Die hochgesinnte patriotische Auguste verlangte, daß man in Trauer gehen sollte; die trotzige Sophie schlug die alten Hauskleider vor, um seine Geringschätzung recht zu zeigen; Karolinchen aber meinte, man müsse sich doch anständig anziehen, es könnte dem Papa Verdruß machen. Ob sie dabei nicht ebensoviel an ihr hübsches Gesicht und an minder patriotische und mehr geputzte Freundinnen dachte als an den Papa, das sei dahingestellt. Die Schwestern ließen sich auch umstimmen und fanden in kleidsamen blauen Kattunkleidern die richtige Mitte zwischen zu festlicher und zu alltäglicher Tracht. Wie sie abzogen zum Ball, seufzte aber Auguste ganz tragisch: »Wenn das die Kaiserlichen wüßten!«

Die Offiziere hatten ihre Empfindlichkeit vergessen und erschienen im höchsten Putz, dessen ihre zusammengelesenen Uniformen fähig waren, um die Damen auf den Ball zu geleiten. Der Papa aber im feierlichsten Staatskostüm mit Haarbeutel und Buckeln war neben der Mutter schon bereit, die Töchter unter seine Fittiche zu nehmen, und schritt an ihrer Seite voran mit so tiefernster Miene, als gehe es zur Leiche und nicht auf einen Ball.

Es ging übrigens alles gut vonstatten; die Franzosen benahmen sich ganz anständig und waren flinke Tänzer, so daß die jungen Damen sich in etwas mit ihrem Geschick aussöhnten. Wenn nicht an der Tür des Ballsaals Wachen mit gezogenen Säbeln aufgestellt gewesen wären, um etwaiges Entweichen der Damen zu verhüten, so hätte man glauben können, es sei ein Ball wie ein andrer.

Ein komisches Zwischenspiel war es, als der Dolmetscher die im Gang zuschauende Magd des Hauses absandte, um seinem Bedienten zu befehlen, daß er ihm seinen Mantel bringe. – »Er spielt grad' Karten und mög' ihn nicht bringen,« meldete diese, zurückkehrend. – »Er ihn muß bringen, tout de suite!« schrie der Offizier. Die Magd kam zum zweitenmal zurück: »Es sei ja erst acht Tag', daß Sie den Mantel g'stohlen haben,« berichtete[288] sie; »da werden Sie noch nicht so dran gewöhnt sein.« Wütend, mit gezogenem Degen stürzte er hinaus, muß aber Gründe gehabt haben, seinen unverschämten Bedienten zu schonen; er kam bald zahmer zurück, mit dem bestrittenen Mantel auf dem Arm, zwischen den Zähnen fluchend: »Sacré chien! Ich muß haben meinen Mantel, ich!«

»Einmal aber«, erzählte die Ahnfrau, »hab' ich doch auch durch die Franzosen einen Hauptspaß gehabt. Was nicht Platz finden konnte von dem Volk in den Quartieren der Stadt, das speiste alles im Schwanen, die Stadt mußte Tag für Tag hundert Gulden dafür bezahlen. Nun fiel es den Herren einmal ein, sämtlichen Honoratioren der Stadt eine Ehre anzutun und sie mit ihren Frauen zur Tafel zu laden; ist eine teure Ehre gewesen, die Stadt hat's ebenfalls zahlen müssen. Du hättest meinem Mann sein Gesicht sehen sollen, mit dem er den weißen Staatsfrack mit den großen Perlmutterknöpfen anzog: der beste Wein wäre davon zu Essig worden. Mir hat das Ding ein bißchen Spaß gemacht, ich dachte, das erlebst du so bald nicht wieder; es lächerte mich, daß die Kerle so unverschämt waren, einen auf ihr gestohlenes Gut noch zu Gaste zu laden. Merken lassen durfte ich mir's freilich nicht, ich zog mich aber ganz staatsmäßig an und setzte ein Tafelaufsätzchen von Atlas auf mit Rosen.

Als wir in den Schwanen kamen, mußte man im Vorzimmer warten. Der General, der ein wenig Deutsch konnte, bekomplimentierte uns, und man mußte sich paarweise aufstellen; der General schritt voran in den Speisesaal mit der Frau Oberamtmännin am Arm; ich glaub', ich hätt's auch nicht übel genommen, wenn er mich geführt hätte, obgleich es ein Franzose war. Die Tafel war prächtig gedeckt, aber nur für die Damen. ›Die Damen nehmen Platz!‹ kommandierte der General, das geschah; was aus den Herren werden sollte, wußte man noch nicht. ›Jeder Herr stellt sich hinter den Stuhl seiner Dame!‹ kommandierte er wieder; die haben aufgeschaut! Das war noch keinem von unsern Männern passiert, daß er hinter seiner Frau Stuhl stehen mußte! Der General aber fing[289] an, die andern mußten nachfolgen; die Offiziere stellten sich hinter die ledigen Damen, wir hatten unsre Mädchen daheim gelassen. Ich setzte mich, als müsse das so sein; konnte aber gar nicht aufsehen vor Lachen, wenn mir's einfiel, daß mein eigener leiblicher Mann, den wir daheim alle ehrten und bedienten, wie sich's für den Herrn vom Hause gehört, da hinter mir stehe wie ein Bedienter. Ich bot ihm ganz vornehm und gnädig den Suppenteller hinauf; da stand er, bolzgerade wie ein preußischer Grenadier, und hatte er vorher ein Gesicht geschnitten, so schnitt er jetzt noch ein ärgeres; ich guckte ihn nur ein klein wenig von der Seite an, und wie er sah, daß mir's so lustig vorkam, so lächerte es ihn auch ein klein bißchen; wie er mir aber den Teller wiedergebracht hatte, ward es ihm doch zu bunt, er ging davon und suchte sich in der Nebenstube etwas zu essen. Daheim sprach er kein Wörtchen davon; wenn er aber guter Laune war, so durft' ich ihn später wohl daran mahnen: ›Weißt nimmer, Alter, wie du mir so nett den Teller präsentiert hast?‹«

Auch traurigere Szenen gingen in dieser bewegten Zeit an dem hellen Blick der Ahnfrau vorüber. Im Gasthof neben ihr hatte sich ein französischer Oberst einquartiert mit seiner jungen Frau, einer feinen, schönen Dame von so ganz anderm Aussehen als die sonstigen Mamsellen, welche die glorreiche Armee zu begleiten pflegten. Der Oberst wurde weiter beordert und mußte die arme junge Frau allein krank zurücklassen. Das Herz der Ahnfrau war von tiefem Mitleid mit der Fremden bewegt, der es in dem geräuschvollen Wirtshaus gerade an der Pflege fehlte, die Kranken am wohlsten tut. Sie besuchte sie täglich und opferte die noch gesparten Schätze ihrer Speisekammer, um ihr Erquickung zu verschaffen. Sie verstanden einander kein Wort; aber die Fremde konnte doch die Sprache der treuen deutschen Augen lesen und die sanfte Pflege der geschickten Hand empfinden, und sie schloß sich mit kindlicher Innigkeit an sie an. Stundenlang saß die deutsche Frau schweigend am Bette der Kranken, deren schwarze Augen so innig vertrauend in ihre blauen blickten, daß sie wohl glaubte,[290] sie denke vielleicht einer fernen Mutter dabei. Der Zustand der Leidenden verschlimmerte sich rasch, und ihr Ende nahte sichtlich, noch ehe der abgeschickte Bote den Obersten erreichen konnte. Aber ein rastloses Verlangen schien die Sterbende zu quälen, und soweit die Ahnfrau mit des Arztes Hilfe sich mit ihr verständigen konnte, galt es mehr noch dem letzten Trost ihrer Kirche als dem abwesenden Gatten.

Da war guter Rat teuer; weder ein Feldprediger noch sonst ein katholischer Geistlicher war in der Nähe zu finden, und einen protestantischen wies sie mit wahrem Abscheu zurück. Schon saß der Tod auf ihren Lippen und noch diese peinliche Unruhe im Auge. Die gute Ahnfrau konnte sie nicht so sterben lassen. Da nahm sie das große, schöne eiserne Kruzifix,[291] das als wertes Erbstück in der Familie bewahrt wurde, und brachte es als letzten Trostversuch der Kranken. Da leuchtete das erstorbene Auge auf, und ihr Erstaunen, daß auch die Ketzerin das heilige Bild mit Ehrfurcht und Andacht betrachte, zeigte, welch seltsame Begriffe die arme Frau vom Glauben der Fremden gehabt. Man mußte das Kreuz auf dem Bett ihr vorhalten, sie faltete die Hände und flüsterte mit leiser Stimme einige Worte – wohl ihre Beichte, und ihr seliges Lächeln im Tode sagte, daß ihr auch die Absolution nicht gefehlt. – Die Ahnfrau schmückte sie für den Sarg, in dem erst der verzweifelnde Gatte sie wiedersah; sie hob von ihren prächtigen schwarzen Haaren zum Andenken auf und pflegte treulich das einsame Grab.

Allmählich verlief sich der Franzosenstrom; der Ahnherr lebte auf im Befreiungskrieg. Russen, Österreicher, Preußen zogen als willkommene Gäste durch. Mit den Österreichern stand sich die Familie sehr gut, und die Ahnfrau berichtete sogar gern, was für vornehme Herren bei ihnen gewohnt hatten und wieviel Ehre sie ihr erwiesen.

»Einmal war ich weit draußen ganz am Ende der Markung auf unserm Acker und habe Ölmagen (Mohn) gebrochen, den größten Sack voll, und wartete nur noch auf den Knecht, der ihn heimfahren sollte. Da kam der Herr General, der damals bei uns im Quartier war, in seiner prachtvollen Chaise dahergefahren; all mein Lebtag habe ich kein so flottes Gefährt mehr gesehen, innen mit Samt, außen glänzend wie ein Spiegel mit gemalten Wappen und Goldverzierungen. ›Was schaffen S' da allein?‹ fragte er. ›Fahren S' mit mir heim!‹ – ›Danke, Euer Exzellenz,‹ sagte ich, ›ich kann den Sack da nicht allein stehen lassen; wo alles voll Soldaten läuft, da ist nichts sicher.‹ Er lachte, und ich merkte, daß ich einen Reißer gemacht. ›Wissen S' was?‹ sagte er gutmütig, ›den Sack packt mein Kutscher hintenauf, und Sie sitzen 'rein.‹ Mußte der Kutscher den garstigen Ölmagensack hinten auf die Staatskarosse packen! Er hat wahrscheinlich tüchtig geflucht, aber auf slowakisch, ich hab's nicht verstanden, und ich fuhr in Pracht[292] und Herrlichkeit wie eine Prinzessin mit dem General bis vors Haus, daß alles die Fenster aufriß.

Ein andermal ist mir das Staatmachen nicht so gut bekommen. Ich war im Flachsrupfen auf dem andern Acker, auch weit genug von der Stadt; dazumal, wo man noch sparen konnte, trug man in besseren Kleidern vorn, wo es die Schürze bedeckte, ein eingesetztes Stück von selbstgewobenem Barchent, um Stoff zu ersparen. Da es nun sehr heiß war und die Sonne mir auf den Rücken brannte, zog ich, um das Zeug zu schonen, mein Kleid verkehrt an; das hatte ich aber im Amtseifer ganz vergessen. Wie ich nun eben fertig war, kommt der Graf Serbeloni daher, der in unsrer Nachbarschaft einquartiert war und oft zu uns kam. ›Ah, Madame,‹ sagte er, ›wir gehen einen Weg, Sie erlauben, daß ich Ihnen meinen Arm anbiete.‹ Nun war ich zwar das nicht gewöhnt, aber ich sah es immer gern, wenn die Herren galant sind; so ließ ich mir's gefallen. Zuerst war ich in Verlegenheit, dann aber unterhielt ich mich sehr gut mit dem Herrn Grafen und zog in einer Glorie an seinem Arm durch die Stadt; ich hörte wohl die Leute hinter uns lachen, aber ich dachte, das geschehe aus lauter Verwunderung. Wie wir aber ans Stadtschreibers Haus vorbeikommen, springt das Nanele herunter und winkt mir; ich will's alleweil noch nicht verstehen, bis sie mir in die Ohren düsemet (flüstert): ›Ach, Frau Syndikussin, wissen Sie's denn nicht, daß Sie Ihren Rock verkehrt anhaben und den Barchentpletz hinten?‹ Da war meine Glorie zu Ende; ich versicherte dem Herrn Grafen, daß ich da drin ein Geschäft habe, und lief recht künstlich rückwärts, daß er den Schaden nicht merken sollte; weiß nicht, ob er ihn wahrgenommen. Ich ging eine gute Weile nachher immer durch Hintergäßchen, und mein Mann, der mich vom Rathaus aus so in Pracht und Eitelkeit hatte daherziehen sehen, hatte sein Pläsier an meiner Demütigung; wenn ich ihn mit dem Franzosengastmahl necken wollte, so sagte er: ›Sei nur still, sonst komm' ich mit dem Grafenspaziergang!‹

Galante Leute sind freilich auch oft die Franzosen gewesen. Da drüben bei den Jungfer Schneidemänninnen war ein gar[293] netter, artiger Leutnant einquartiert, er führte sie auch auf den Ball; sie waren aber dazumal schon alt und alleweil wüst; so wollte, außer dem Leutnant, der sie gebracht, kein Mensch mit ihnen tanzen. Der wußte in seiner Herzensgüte gar nicht, was er ihnen alles zuliebe tun solle; er brachte ihnen Braten, Biskuit und zuletzt gar Kirschen, was noch die größte Rarität war. Die Jungfern hatten sich unten im Saal gesetzt; wie sie den Leutnant mit den Kirschen sehen, schlägt Gustel, die älteste, ihr weißes Ballkleid sorgfältig hinauf, um es zu schonen, ebenso den weißen Rock darunter, bis ein grau kölschener Rock kam, und schrie dem Offizier aus allen Kräften, daß man's durch den ganzen Saal hörte, zu: ›Da her, Herr Leutnant, da her!‹ Nun hatte er genug und ließ sich nimmer sehen.

Heutzutage sind freilich die Frauenzimmer feiner,« schloß die Ahnfrau; »wenn ich aber allemal wieder in die Garnisonsstadt komme und sehe die Fräulein so an der Wachtparade und auf Spaziergängen an den Offizieren vorbeitänzeln und hinter den kleinen Sonnenschirmchen so schalkhaft hervorgucken, so muß ich allemal denken, das heißt eben auch: ›Da her, Herr Leutnant, da her!‹, nur in feinerer Manier als bei der Gustel Schneidemännin.«

Am Ende aber zog der willkommenste Gast von allen, der goldene Friede, und mit ihm Freude und Gedeihen in das vielbedrängte Haus des Ahnherrn ein. Die vergrabenen Kleinodien und Schatzgelder wurden aus dem Keller geholt, Gärten und Felder mit neuem Fleiß und Eifer bestellt. Statt fremden Kriegsvolks rückten jetzt als fröhliche Einquartierung die studierenden Söhne des Hauses mit einem Geleite flotter Kameraden ein, die alle im gastlichen Hause willkommen waren.

Dazwischen kamen kleine und große Herzensangelegenheiten der aufgeblühten Töchter, die nicht so tragisch endeten wie der stille Herzenstraum der Mutter. Die Söhne gingen ihren Weg, erstarkend in eigener Kraft, und der Ahnherr erlebte noch die Freude, sich als Gast des eigenen Sohnes zu sehen. Fast schien es, als ob die alte Geschichte vom Kroatenähne noch einmal in der Familie neu aufgelegt werden sollte. Unter den Kaiserlichen,[294] die im Quartier gelegen, war auch ein österreichischer Hauptmann gewesen, der in seiner treuherzigen, etwas linkischen Weise den Töchtern des Hauses viel Aufmerksamkeit bewiesen hatte. Mit August, dem jungen Theologen und Vetter des Hauses, dem stillen Verlobten der jungen Karoline, hatte er sich sehr befreundet; doch dachte man kaum mehr an ihn, als nach Beendigung des Kriegs ein Brief an Vetter August kam. »Mein lieber Herr Geistlicher! Ich möchte gern eine heiraten von Ihren Jungfer Cousinen; die welche weiß ich gerade nicht; nicht die, welche Sie selber wollen; sie gefallen mir aber alle, und seien Sie so gut und halten mich an bei derjenigen. Ich sei ein braver Soldat, ein schöner Bursch und ein ehrlicher Kerl, und für den Fall, daß tot, ist gut gesorgt.«[295]

Dieser Antrag machte den drei Mädchen viel Spaß; jede wollte der andern die Ehre lassen, bis endlich Klärchen, die jüngste, auftrat. Man hatte sie von den scherzhaften Beratungen ausgeschlossen; sie hatte aber das Nötige an den Türen erhorcht und alles für Ernst gehalten. Sie erklärte mit vielem Edelmut, wenn keine von den Schwestern wolle, so müsse eben sie das Opfer werden und den Österreicher nehmen, es könnte ja sonst wieder Krieg geben. Sie war recht gekränkt, daß man ihr Opfer verschmähte und noch obendrein ihren Edelmut verlachte. Ich glaube, der Österreicher hat keine Antwort erhalten.

Quelle:
Ottilie Wildermuth: Ausgewählte Werke. Band 1, Stuttgart, Berlin und Leipzig 1924, S. 286-296.
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