Witwenstand und Tod

[296] Durch all dies Keimen, Treiben und Reifen in den gesunden Ästen und Zweigen eines kräftigen Stammes wehte ein kalter Hauch: der Todeshauch, und der Hausvater, des Hauses Stütze und Krone, sank nieder vor seinem eisigen Wehen.

Die Ahne hatte in jungen Jahren schon sich vor diesem Feind fürchten lernen; ihr Mann war groß und hager, und man hielt ihn für schwindsüchtig bald nach dem Beginn ihres Ehestandes. »Das war eine schwere Sorge, die auf mir lag,« sagte sie später oft und erzählte dabei wohl einen seltsamen Traum, der ihr sehr wichtig erschien, wie denn überhaupt in ihrer klaren, frischen Seele doch Raum blieb für das geheimnisvolle Gebiet der Träume und Ahnungen. »Wie ich so schwer bekümmert war wegen meines Mannes Brustleiden und fürchtete, er sterbe vor der Zeit von mir und den kleinen Kindern weg, da träumte mir einmal, ich gehe in tiefer Nacht allein auf einem großen, weiten Kirchhof; eine schauerliche Gestalt kam auf mich zu; ich wußte, das war der Tod, und ich schrie in großer Angst: ›O Tod, hol meinen Mann nicht!‹ Der Tod sagte: ›Wenn du mich dreimal um der Wunden Christi willen bittest, so will ich ihn verschonen.‹ Da hob ich an und bat ihn einmal und bat ihn zweimal; wie ich ihn aber zum drittenmal bitten will, so schreit mein kleiner Konrad, und ich wache auf.«[296]

Damals war ihr der Gatte erhalten geblieben; aber als er starb mit sechzig Jahren, meinte sie doch: »Vielleicht er hätte doch noch länger gelebt, wenn ich den Tod zum drittenmal hätte bitten können.«

Der Tod des Gatten war der Wendepunkt im Leben der Ahnfrau; ob auch ihre innere Jugend, ihr lebensvoller Geist sich nach langer und tiefer Trauer wieder aufrichtete an den Freuden und Pflichten der Mutter: es war doch nicht mehr das volle Tageslicht, es war eine friedliche Dämmerung, in der ihr langes und reiches Leben nun verfloß.

Die wohlerzogenen stattlichen Töchter ließ sie ziehen an der Hand der Erwählten, um den eigenen Herd zu gründen; sie durfte ihr Witwenstübchen schmücken, um die blühenden Bräute der Söhne zu empfangen. In jeder Gegend des Landes, im Neckartal, auf der Rauhen Alb, in der Residenz, in abgelegenen Pfarrdörfern stand da oder dort ein eigen Haus für sie, ein Haus, in das sie ihre lakonischen Brieflein, ihre Grüße, ihre Ratschläge sandte; wo sie verweilte mit ihrer Liebe, ihren Sorgen, mit Mitleiden oder Freude.

Sie selber ist allein geblieben, allein mit ihren Erinnerungen, ihrer geistigen Kraft und Regsamkeit. Das große, stattliche Haus diente andern Zwecken, andre Bewohner gingen ein und aus; sie zog sich in ein bescheidenes Quartier zurück, das aber trotz seiner Mansardenwände, an denen die Bilder auf ergötzliche Weise in der Luft baumelten, mit seinen Familiengemälden, der wunderlich gestalteten Spieluhr, den mannigfachen Geräten aus alter Zeit: Tresoren, Taburetten und Gueridonen, eine äußerst gemütliche, unterhaltende Heimat für jung und alt war.

Sie lebte allein mit einer alten Dienerin, die mit den Tugenden auch alle Fehler alter Mägde in sich vereinigte und ernstlich Miene machte, ihre Herrin zu beherrschen. Von den Söhnen und Töchtern, die längst in Ämtern und Würden standen, sprach Susanne stets in höchst vertraulicher Weise: »Warum schreibt wohl der Gottlieb so lange nicht? Ich mein', der Christian dürft' sich auch um einen besseren Platz melden.[297] Jetzt sollt' aber die Auguste doch ein Kindsmädchen nehmen!« Auch waren alle einlaufenden Familienbriefe stets Gemeingut zwischen ihr und der Herrin.

Eine sparsame Seele war sie, die gute Susanne, im Interesse der Herrschaft noch viel mehr als in ihrem eigenen. Sie war imstande, mit der Frau zu grollen, wenn sie ein halbes Schwefelholz weggeworfen, mit dem man doch noch »das schönste Licht« hätte anzünden können, und als ihr diese befahl, dem Boten, der die glückliche Geburt eines Enkels anzeigte, eine noch vorhandene Bratwurst zu geben, ging sie brummend hinaus: »Soll dem Kerl die schöne Wurst geben! Hätt' meine Frau noch mit abfergen (abfertigen) können; so kommt man zu nix!« – Wie sie's angegriffen, sich aus ein Paar abgelegten schwarzen Beinkleidern des Gottlieb noch einen »Gottestischrock« zu machen, weiß ich nicht. Schade, daß sie nicht zum Besten der edlen Schneiderzunft das Geheimnis veröffentlicht hat!

Der guten Susanne war ein schweres Ende beschieden; eine qualvolle, langwierige Krankheit kürzte den Abend ihres tätigen Lebens noch vor der Zeit ab. Die Ahnfrau wollte nichts davon hören, sie in einem Spital unterzubringen. »Sie hat Leid und Freud' mit mir geteilt nicht wie eine Fremde, so soll sie auch nicht sterben unter fremden Händen.« Und so pflegte sie ihrer wie einer Schwester, nicht wie einer Magd. Und als sie die treue Gefährtin nach langen schweren Tagen und Nächten in den Sarg gelegt, behielt sie als einzige Hilfe und Dienerin deren junge rasche Nichte, ein frisches Bauernmägdlein, die sie sich nach eigenem Sinn zustutzen konnte.

Ihr stilles Leben war darum kein einförmiges. Der behagliche Wohlstand, die Frucht des Fleißes und der Sparsamkeit ihrer jungen Jahre, machte ihr möglich, vielen zu dienen und zu helfen. Eingewachsen in alle Verhältnisse des Städtchens, das ihre einzige Heimat war, ja in die der ganzen Gegend, wurde sie für Hohe und Niedere eine treue Ratgeberin.

Da kam einmal die alte Jungfer Kiliane aus der Nachbarschaft, um sich in einer Magdangelegenheit zu besprechen.[298] Dann kam der reiche Bauer Geiger vom nächsten Dorf: »Jetzt, Frau Syndikussin, muß ich Sie auch um guten Rat fragen. Mein großer Bub will heiraten.« – »Nun, Geiger, das ist kein Unrecht; ich glaube, Euer großer Bub' ist dreißig Jahre alt.« – »Ja, aber 's Mädle hat nix.« – »Gar nichts?« – »Ha, das heißt nicht viel.« – »Ist sie aber brav?« – »Grundbrav und fleißig, aber wir wollen's nicht leiden.« – »Aber wenn sie so brav ist, wird's besser sein als viel Geld.« – Nachdem die Ahnfrau lange die schönsten und bündigsten Beweisgründe aufgeboten hatte, um den hartnäckigen Vater umzustimmen, begann dieser wieder: »'s wär' alles recht, Frau, 's hat aber nur noch einen Haken.« – »Ja und der wär'?« – »'s Mädle will net, sie nimmt einen andern.« – »Er dummer Geiger, was läßt Er mich dann so lange schwatzen?«

Nicht immer war der gute Rat der Frau Syndikussin so vergebens aufgewandt, und wo Fremde sein nicht bedurften, da gab's in der eigenen Familie Gelegenheit genug. Da kamen Briefe vom Ober- und Unterland mit Botschaften, wie da ein Urenkelein geboren, dort ein Enkelsohn konfirmiert, hier eine Enkelin Braut geworden, und die freigebige Hand der Ahnfrau durfte nicht ruhen. Wie ein Speditionshaus sah vor Weihnachten ihre Wohnung aus, bis all die zahlreichen Schachteln und Schächtelein ausgesandt und alle bedacht waren: die Enkel mit Backwerk und blanken Talern, die Söhne mit auserlesenem Kirschengeist, die Sohnsfrauen und Töchter mit feinem Flachs.

Dann kamen wieder Danksagungsbriefe, Neujahrs-und Geburtstagsgratulationen; zierliche Gedichte von den Enkelsöhnen, die sie, dankbar für den guten Willen, meist ungelesen beiseite legte und honorierte; schöne Handarbeiten der Enkeltöchter, mit denen aber die gute Ahnfrau nicht so recht wußte, wie sie dran war; denn in ihrer Zeit waren sie noch nicht im Schwang. So begegnete es ihr, daß sie einen gestickten Schemel als Zierat auf die hohe Kommode stellte; einen niedlichen Fußsack, der sie hätte im Winter warm halten sollen, als Bildnis an die Wand hängte und eine Tischdecke, die ihr gar zu[299] schön zu diesem Zweck erschien, als Schal umnahm. Sie selbst lachte am herzlichsten, wenn sich der Irrtum herausstellte.

Auch kamen als noch frischere Lebenszeichen die Kinder selbst und brachten ihre Freuden und Sorgen zu der stets heiteren, stets geschäftigen Ahnfrau, und die Besuche waren, wenngleich eine Freude, so doch auch eine gewaltige Unruhe für die alte Frau, die auf Ehre und Reputation hielt und namentlich vor den Sohnsfrauen gern ihre Kochkunst in vollstem Glanz zeigte, zu welchem Ende denn auch stets in solchen Zeiten ein aufgeschlagenes Kochbuch auf ihrem Nachttisch bereit lag.

Aber recht fröhlich und gemütlich saß sie dann auch wieder im Kreis der Ihren und nahm teil an Taufen und Hochzeiten, Examen, Krankheiten und Genesungen. Für alle Fälle hatte sie ein Geschichtchen in Bereitschaft; jede Begebenheit weckte eine Jugenderinnerung in ihr, da sie, wie die meisten alten Leute, ein viel lebendigeres Gedächtnis hatte für lang' verflossene Jugendjahre als für den eben vergangenen Tag.

Ich habe schon oft gefunden, daß es, selbst in jungen Jahren, leichter sein muß, von einem vollen, befriedigenden Dasein zu scheiden als von einem verfehlten, das doch mehr Todessehnsucht wecken sollte. Ich habe zärtliche Mütter, geliebte Gattinnen mit getrostem Mut dem Tod entgegenblicken sehen; während abgelebte Greise, während einsame Jungfrauen mit getäuschtem Herzen, mit siechem Körper sich krampfhaft ans Leben festklammerten, als ob sie von dem dürren Strauch noch die Blüten hofften, die der Lenz versagt. Nun war der Ahnfrau ein volles, befriedigtes Dasein beschieden gewesen, und so viel Liebes das Leben für sie hatte, so war doch keine Spur von der krankhaften Lebensliebe bei ihr, wie sie oft alten Leuten innewohnt. Sie hatte sich nie weichlich abgewandt von den bitteren Tropfen in ihrem Lebensbecher, darum blieb ihr die Bitterkeit nicht erst auf die Hefe erspart. Wie sie klaren Blickes ins Leben gesehen, so blickte sie ruhig dem Tod ins Auge. Sie hatte neben allem Wirken und Sorgen des Lebens ihr Herz lange heimisch gemacht in dem Lande, zu dem er sie führen sollte.[300]

Von treuen Händen gepflegt, segnend und gesegnet, starb sie, ohne die Leiden eines langen Lagers erfahren zu müssen. Der Mund, der im Leben so reich war an heiteren Scherzworten, floß im Tode über von wunderbaren, herrlichen Segensgrüßen für die Ihren, zum klaren Beweis, daß auch bewegte Wasser tief gründen können. »Aus Gnaden seid ihr selig worden« war der Spruch, den sie sich als Leichentext ausgebeten hatte.

Das war die Ahnfrau im Leben und im Tode. Ich kann nicht erwarten, daß ihr anspruchsloses Bild für andre den Reiz hat, der es für die Ihrigen bekleidet; wenn aber diese einfache Schilderung da und dort eine ähnliche, liebe, verehrte Erscheinung ins Leben ruft, so hat sie ihren Zweck erfüllt.

Quelle:
Ottilie Wildermuth: Ausgewählte Werke. Band 1, Stuttgart, Berlin und Leipzig 1924, S. 296-301.
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