Actus primus quasi Prooemium

[402] Im Hintertrakte eines alten Vorstadthauses das sogenannte Speisezimmer der Familie Spuller. In Wirklichkeit zwar auch der Raum, in dem gegessen wird, zugleich aber jener, wo Vater und Sohn schlafen. Das Zimmer ist ziemlich weitläufig und niedrig, hat brauneingelassenen Fußboden und altmodisch blaugemalte Wände, macht aber den Eindruck großer Ordentlichkeit. – In der Hintergrundwand links ein Fenster, durch das man in den Lichthof einer Zinskaserne und schiefgegenüber auf das Milchglasfenster eines Abortes blickt, das abends matt erleuchtet ist. In der Fensternische ein hinfälliger Nähtisch. Rechts in der Hinterwand eine einflügelige, weißgestrichene Tür in die Küche hinaus, die zugleich Vorzimmer ist. Zwischen dieser Tür und dem Fenster ein weißer, schwedischer Ofen, auf dem ein ausgestopfter Rabe steht. – In der Mitte der Links- und Rechtswand je eine Tür. Die linke führt in das Kabinett, wo Mutter und Tochter schlafen, die rechte würde die Verbindung mit dem Zimmer des Zimmerherrn herstellen. Es ist jedoch ein roter Lederschlafdiwan vor sie geschoben. Jenseits der beiden Türen links und rechts ein braunpolierter Kasten. – Ganz vorne rechts steht ein alter Sekretär aus gedunkeltem

Kirschholz, ein Familienerbstück im Empirestil. Er ist aufgeklappt und dient als Schreibtisch und Bücherregal. Oben darauf zwei ziemlich angerußte Gipsbüsten Goethes und Schillers, wie man sie bei italienischen Hausierern wohlfeil zu kaufen bekommt. – Ganz vorne links ein gleichfalls altertümliches Bett, über das eine dunkelrote Decke gebreitet ist. Seine Kopflehne ist verhältnismäßig hoch, die Lehne am Fußende ganz niedrig. – In der Mitte des Zimmers ein runder Tisch mit einigen Sesseln. Darüber eine bronzene Hängelampe mit Petroleumlicht. An den Wänden der farbige Öldruck eines landläufigen Marienbildes, ein Bild des Kaisers und eine Pendeluhr, die nur die Stunde schlägt.

Wenn der Vorhang aufgeht, sitzt Gottfried am Mitteltisch, auf dem er Bücher, Hefte, geometrische Zeichnungen und Behelfe ausgebreitet hat. Er hat den Kopf zwischen beide Fäuste, sich die Ohren zuhaltend, gestützt und lernt beim abendlichen Lichte der Hängelampe. Von rechts aus dem Raume des Zimmerherrn tönt allzudeutlich vernehmbar ein roh auf dem Klavier gehämmerter Gassenhauer von einem Walzer.

Gottfried ist ein junger, hochaufgeschossener Mensch von 19 Jahren, blaß, verbüffelt und schlecht genährt. Seine fast schwarzen Haare sind aus der

Stirne gebürstet, seine Gesichtszüge fremdartig, fast häßlich. Er trägt ein ziemlich zusammengestückeltes Gewand: dunkelblaue Hosen, grauen Rock und Weste, billigen, abgetragenen Schlips und niederen, vorne geschlossenen Kragen, über den der dünne Hals mit dem stark hervortretenden Adamsapfel viel zu weit herausragt. Sein ganzes Aussehen hat, verstärkt durch den unregelmäßigen Bartanflug, etwas Vogelartiges.

Während Gottfried lernt, tritt seine Schwester Marie in einfachem, aber nicht ungefälligem Strassenkleid, mit dem Hut auf dem Kopfe, herein. Sie ist mittelgroß, schmächtig, blaß, bronzeblond, voll sanften Liebreizes, ungefähr 22 Jahre alt und trägt[402] eine schlicht-mädchenhafte Frisur, hat große Augen und feingliedrige Hände und Füße. Sie bringt ein paar Blumen, in Papier eingeschlagen, mit. Während des ersten Hin und Widers des Dialogs legt sie ihre Überkleider ab, bindet eine Schürze um und wickelt die Blumen aus dem Papier.


MARIE deren ganzes Wesen irgendeine freudige Spannung verrät. Guten Abend, Gottfried. Noch lernen?

GOTTFRIED mißvergnügt. Auch das noch! Geschraubt. Guten Abend, mein Goldfasan.

MARIE lächelnd. So steht es heute mit dir?

GOTTFRIED ein wenig nachäffend. Jawohl, so steht es! Es möchte kein Hund so länger leben!

MARIE streichelt ihm den Kopf. Glaub dir's. Armer Kerl.

GOTTFRIED. Und dazu noch das ewige Tastengetrampel dieses besoffenen Idioten, Gestus nach der Tür rechts. dem man nicht einmal »Kusch!« hinüberrufen kann, weil die Miete, die er zahlt, ein Bestandteil des Familieneinkommens ist. Nervös. Ich habe einfach nicht die Nerven, um den pythagoreischen Lehrsatz mit Klavierbegleitung zu studieren!

MARIE. Ich weiß wirklich nicht, warum die Mutter das duldet. Sie könnte dem Zimmerherrn ganz gut nahelegen, daß er weniger Musik macht.

GOTTFRIED. Sag ihr das! Da wirst du schön ankommen. Sie ist ja ganz versessen auf diesen Kerl, weil er einen reichen Vater hat. Am liebsten würde sie dich mit ihm verkuppeln!

MARIE ablehnend. Davon habe ich noch nichts bemerkt.

GOTTFRIED ironisch. Aber geh, Unschuld vom Lande du!

MARIE mit einer gewissen Erregtheit. Jedenfalls habe ich auch noch meinen Willen.

GOTTFRIED vertraulich. Sag mir einmal, Maria, hat dir der Bursche eigentlich noch nie irgendwie nahetreten wollen, hm?

MARIE ärgerlich. Jetzt schweig!

GOTTFRIED trocken. Du bist erregt, du leugnest, dieses genügt mir. Ich werde den Mann erschlagen.

MARIE hell auflachend. Schon wieder eifersüchtig?

GOTTFRIED. Dieses Wort lehne ich ab. Gefühle mit inzestuosem Beigeschmack liegen mir gänzlich ferne.

MARIE. Was heißt das?

GOTTFRIED. Nichts, was du zu wissen brauchst.

MARIE. Auch recht. Jetzt sei aber so gut und räum den Tisch ab!

GOTTFRIED. Wozu? Ich habe noch zu büffeln.

MARIE. Mir scheint, du weißt gar nicht, daß heute dem Vater sein Geburtstag ist. Sie räumt ohne Umstände Gottfrieds Sachen auf den Sekretär hinüber.

GOTTFRIED. O doch! Ich erfuhr es im Laufe des Tages durch eine gehässige Bemerkung unserer Frau Mutter, welche behauptete, daß solche Feste bei armen Leuten keinen Sinn haben, worin ich ihr beipflichte.

MARIE. Das kenn' ich schon. Du legst ihr solche Bemerkungen in den Mund.

GOTTFRIED. Diese Behauptung beruht auf einer psychologisch falschen Beobachtung. Wahr hingegen ist, daß ich bisweilen Mutters geheimsten Gedanken das Gewand meiner klassischen Ausdrucksweise leihe. Aber warum tue ich das, meine Taube?

MARIE während des Tischdeckens. Laß hören!

GOTTFRIED scherzhaft pointierend. Sehr einfach! Käme sie nämlich dazu, ihre Gedanken selbst auszusprechen, so würde dies zumeist ungemütlich und das Familienleben vergiftend sein. Indem ich ihr nun zuvorkomme und meiner Formulierung ihrer Gedanken ein Quentchen meines göttlichen Humors beimenge, bewirke ich, daß die Wechselbälge ihrer Bosheit als gutgeartete Kinder zur Welt kommen, und erziele heitere Wirkungen. Womit ich mir den Dank und die Anerkennung aller Hausgenossen zu verdienen glaube. Dixi.

MARIE. Wahr ist es schon, du bist der einzige bei uns, der einen manchmal zum Lachen bringt. Mach nur heute abends auch gute Stimmung!

GOTTFRIED. Ich will es. Zumal, wie es scheint, ein Geburtstagsmahl gerüstet wird! Wie lauten die köstlichen Gänge?

MARIE. Ich glaube nicht, daß sich die Mutter besonders angestrengt hat. Dafür habe ich Blumen mitgebracht.

GOTTFRIED mit komischer Geschraubtheit. Blumen im mensis Decembris?! Du scheinst außer deinem Monatsgehalt bei der Firma Kohn & Schickele, Verwertung für Textilabfälle, noch andere unehrenhafte Einkünfte zu haben, he?

MARIE übermütig. Hab' ich auch!

GOTTFRIED auf sie zu. Oho, dergleichen verbiete ich! Ich will nicht den Biergeruch[403] fremder Männer von deinen Lippen trinken, falls mich nach ihnen gelüstet. Es kann auch Wein, Tobak oder Karies sein, wonach sie duften. Laß mich dich beschnuppern! Gestus. Ich habe die Nase eines Botokuden. Ich wittere aus deinen Schläfenhaaren, ob es ein Kommis war, der dich geküßt hat, oder ein Leutnant, welcher in der Regel nach Juchten riecht, oder ein Staatsbeamter. Ein solcher entströmt das Odeur von gilbendem Papier, Staub, Tinte und desinfizierten Spucknäpfen. Marie loslassend, mit gesenkter Stimme, leiernd. Womit ich nichts gegen meinen bedauernswerten Vater gesagt haben will, der seit einunddreißig Jahren in jener Atmosphäre der Amtslokale dahinfristet, allwo freudlose Existenzen im Zustande eines pensionsberechtigten Hinsterbens liebreich erhalten werden.

MARIE plötzlich ernst und bekümmert. Findest du, daß der Vater schlecht aussieht?

GOTTFRIED mit posierter Sachlichkeit. Gewiß finde ich das.

MARIE unwillig. Nein, du! Hör jetzt auf zu spaßen!

GOTTFRIED wie oben. Wie sollte dies auch anders sein, da sich der Gute nach seinem letzten Krankenlager keine Schonung gegönnt hat und sicherlich unterernährt ist.

MARIE traurig. Unterernährt, sagst du?

GOTTFRIED skandierend. Unterernährt, sage ich. Mit gesenkter Stimme und grimmigem Humor. Wohingegen unsere Frau Mutter erklären würde: er hat halt keinen Appetit! Womit auch sie in ihrer Art – vor der mich Gott behüten möge – recht hat. Wie aber sollte auch ein Mensch, der täglich zwölf Stunden Bürodienst macht –? Aber lassen wir das.

MARIE bekümmert. Wenn er sich, wie in früheren Jahren, wenigstens an Sonntagen Luft und Bewegung gönnen möchte! Da hat er jetzt noch diese Abschreibearbeit übernommen –

GOTTFRIED mit beherrschtem Ingrimm. Diurnistenarbeit, jeden Tag bis in die Nacht hinein!

MARIE. Und alles für uns, für die Familie. Für sich braucht er nichts, rein gar nichts mehr.

GOTTFRIED verbissen. Und zusehen muß man, zugeben muß man es mit gebundenen Händen! Ein Schulbub sein und den alten verbrauchten Mann arbeiten lassen! Oft treibt es mir die Scham ins Gesicht. – Mit weicherem Tonfall. Hast du bemerkt, daß er sich das Rauchen abgewöhnt hat?

MARIE unsicher. Weil es ihm schadet –

GOTTFRIED. Vielleicht schadet es ihm auch. Aber deswegen läßt er es nicht bleiben.

MARIE bang. Du glaubst, um zu sparen?

GOTTFRIED tief. Ich weiß es, denn manchmal –

MARIE dringlich. Was? Sag es!

GOTTFRIED errötend. Ach, nichts.

MARIE. Sag es! Ich sag' dir dann auch was.

GOTTFRIED erst stockend, dann immer natürlicher. Manchmal, weißt du, hab' ich ihn schon beobachtet, wie er nach dem Nachtmahl jenen Kasten dort aufmacht, als wenn er darin etwas suchte. Dort hat er nämlich noch eine leere Zigarrenschachtel stehen. In die riecht er heimlich hinein und dann – schließt er den Kasten wieder, geht ein paarmal pfeifend durchs Zimmer ...

MARIE bewegt. Das hast du gesehen?

GOTTFRIED eifrig. Zwei-, dreimal schon ... Und dann lächelt er dir immer so schelmisch vor sich hin, als hätte er der ganzen Welt ein Schnippchen geschlagen mit seinem Verzicht. Mit gemachtem Ausdruck, aber echtem Gefühl. Es ist zum Weinen, Maria!

MARIE wehmütig, leise. Hätt' ich doch statt der Blumen ...

GOTTFRIED. O nein! Blumen auf dem Tische des Armen –!

MARIE mit holder Freude. Du, ich habe aber auch etwas sehr Nützliches für ihn! Eine schwarze, dicke Wolljoppe habe ich ihm gestrickt, eine ganz dicke! Weißt du?

GOTTFRIED verschämt. Aha –

MARIE. Sein Winterrock ist nämlich gänzlich kaputt.

GOTTFRIED. Darum trägt er jetzt Anfang Dezember noch immer seinen Sommerüberzieher –

MARIE. Und darunter wird er von morgen an die Wolljoppe anhaben. Selig. Das wird warm sein!

GOTTFRIED leise, tief. Du gutes, liebes Ding, sowas wäre seiner Frau niemals eingefallen. Er hätte eine andere Frau haben sollen. So eine, wie du bist. Ganz genau eine, wie du bist, möchte auch ich einmal haben.

MARIE leise, innig. Ganz die gleiche?

GOTTFRIED nickt mehrmals, zieht Marie an sich und küßt sie auf die Stirne. Aber noch während er sie hält, zwingt er aus seinem Gesichte die Rührung und in seine Worte den geschraubten Ton. Mein Goldfasan – mein Kakadu – meine Taube![404]

MARIE leise. Versprichst du mir, heute abend lieb zu sein, mit allen – auch mit der Mutter?

GOTTFRIED trocken. Ich will mich an die puerilen Zeiten erinnern, wo ich in diese Frau noch buchstäblich verliebt war. Vielleicht gelingt es mir dann. – Da kommt sie! Gott steh' mir bei! Er nimmt von dem Sekretär ein Buch, die Schulaufgabe des Horaz, und beginnt im Auf- und Abgehen zu memorieren.

Exegi monumentum aere perennius

Regalique situ pyramidum altius ...


Da capo.

Die Mutter tritt auf. Sie ist in ärmlicher, aber netter Straßenkleidung, die sie gleich nach dem Eintreten ablegt. Auf den ersten Blick fällt die Ähnlichkeit auf, die Gottfried mit ihr hat. Sie ist ungefähr 46 Jahre alt, mittelgroß, hager, knochig. Ihr verhärmtes Gesicht trägt trotz seines harten Ausdruckes die Spuren einer ehemaligen eigenartigen Schönheit. Man möchte sie mit ihrem reichen schwarzen, doch schon vielfach angegrauten Haar für eine Südslawin, etwa eine Kroatin, halten. Demgemäß ist auch ihre Aussprache des Deutschen etwas fremdartig.


MARIE herzlich. Guten Abend, Mutter.

GOTTFRIED mit übertriebener Freundlichkeit. Gesegneten Abend, Mutter. Memoriert auf- und abgehend halblaut weiter.

MUTTER an den Tisch tretend, den Marie sehr hübsch gedeckt und mit Blumen geschmückt hat, bitter. Schön. Sehr schön. Blumen! – An meinen Geburtstagen wird der Tisch nicht geschmückt.

MARIE lieb, begütigend. Du hältst ja nichts darauf, Mutter.

MUTTER schneidend. Würde mir auch nichts nützen. – Herrisch. Ist beim Zimmerherrn schon aufgeräumt, Bett gemacht, Wasser nachgefüllt? Muß ich das wieder selber richten?

MARIE. Das tu' ich doch immer erst, wenn er abends ausgegangen ist.

MUTTER gereizt. Sind deine Aufgaben schon gemacht, Gottfried?

GOTTFRIED leiernd. Der Mensch hat auch andere Aufgaben als seine Aufgaben zu machen, wofern er nicht die Aufgabe seines Geistes allen anderen Aufgaben vorzieht. Demonstrativ weitermemorierend.

Annorum series et fuga temporum.

Non omnis moriar, multaque pars mei ...


Da capo.


MUTTER noch gereizter. Seit wann wird beim Lernen auf- und abmarschiert?

GOTTFRIED liebenswürdig. Ich tue dies, um die rückwärtige Fassade meiner Hose zu schonen, als welche bereits derart transparent ist, daß ich mir aus ihr kommenden Frühlings werde ein Schmetterlingsnetz anfertigen können. Memoriert weiter.

MUTTER verbissen. Hat sie schon wieder ein Loch?

GOTTFRIED. Eines? Sie verfügt über ein ganzes System von solchen. Burlesk. Würdest du sie des Abends gegen eine Lampe halten, es dünkte dich, einen Blick in die Sternenwelt zu tun. Mit großen Gebärden. Venus – Jupiter – Juno – der Große Bär – Ariadne –!

MUTTER. Ich werde dir geben: Sternenwelt! Sie schlägt nach seinem Gesicht.

GOTTFRIED fängt ihre Hand blitzschnell ab. Es wäre ohnehin nur eine Tiefquart gewesen. Mach dir nichts daraus, Mutter.

MARIE unwillig. Laß ihn doch lernen! Sonst muß er wieder bis in die Nacht hinein büffeln – Sie entfernt sich während der folgenden Szene in die Küche.

GOTTFRIED das Folgende wie eine abgeleierte Rolle herunterschnatternd. Und Petroleum brennen, welches von Tag zu Tag teurer wird! Scandet cum tacita virgine pontifex ...

MUTTER immer mehr in Zorn geratend. Faulenzer! Erst zu lernen anfangen, wenn andere Leute schlafen gehen –!

GOTTFRIED. Und noch immer nichts verdienen, während meine Schwester bereits seit drei Jahren bei der Firma Kohn & Schickele mit siebzig Kronen monatlich angestellt ist; welche sie an jedem Ersten pünktlich an den Familienfonds abzuliefern hat!

MUTTER. Und du? Nicht einmal dein Taschengeld verdienst du dir! Läßt sich noch immer von seinen Eltern erhalten!

GOTTFRIED. Weswegen es gescheiter gewesen wäre, mich ein ehrliches Handwerk lernen zu lassen, auf daß ich das sogenannte Bildungsproletariat nicht um eine hungrige Null vermehre!

MUTTER außer sich. Ja, Handwerker! Schamlos! Mein Vater Offizier, mein Sohn Taglöhner!

GOTTFRIED komödiantenhaft, aber innerlich doch in ehrlicher Verzückung. Taglöhner, Arbeiter, Handwerker! Heilige Dreifaltigkeit ungeahnten Genügens! Des Morgens aufstehen und das[405] Ding vor Augen haben, an das man seine Hände legen wird in Gottes Namen! Seines Schweißes sicher sein am heiligen Mittag, seines Schlummers gewiß des Feierabends! Nicht aufschrecken müssen aus dem Schlafe der Nacht beim Gedanken: morgen wirst du um Dinge gefragt, die dein Gehirn nur aufnimmt, um sie bald – ach, wie bald! – restlos wieder zu erbrechen!

MUTTER höhnisch. So wärest halt Anstreicher geworden! Der Vater deines Vaters war ja auch nichts Besseres.

GOTTFRIED einen Augenblick aufbrausend, dann gleich wieder demütig. Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß du lange lebest und es dir wohlergehe auf Erden.

MUTTER unter seinem Blick etwas unsicher. Daß du das noch weißt!

GOTTFRIED ruhig, grausam. Wie aber dann, wenn einer auf langes Leben verzichtet, seinen Vater ohnehin ehrt und das mit dem Wohlergehen auf Erden sowieso eine faule Sache ist?

MUTTER empört. Dann ist es besser, wenn er hingeht und sich aufhängt, bevor er seinen Eltern noch mehr Auslagen macht.

GOTTFRIED kühl. Was ich jedoch unterlassen werde, um meinem guten alten Vater Kummer und Schande zu ersparen.

MUTTER bitter, aber mit einem Anflug echten Schmerzes. Dem Vater, immer nur dem Vater –

GOTTFRIED nicht ungerührt, tief. Wenn du mir doch den Rat gibst, mich zu erdrosseln, wie soll ich annehmen, daß ich dir damit Kummer bereiten würde, ha?

MUTTER wie oben. Alle die Mühe, die Sorge –

GOTTFRIED. Und das viele Geld –!

MUTTER. Jawohl, soll das vielleicht für nichts verwendet worden sein?

GOTTFRIED ironisch. Gebiete deinen Tränen, Mütterchen! Ich bleibe dir ohnehin erhalten. Denn siehe, mich freut dieses Leben, wenn ich auch – ein Krüppel und wahrscheinlich zum Waffendienste untauglich bin.

MUTTER mit empörtem Mutterstolz. Wieso denn ein Krüppel?

GOTTFRIED. Vielleicht nicht? Sich komisch demonstrierend. Engbrüstig, kurzsichtig, kropfhalsig! Fehlen nur noch die Plattfüße, die Krampfadern und der Leistenbruch.

MUTTER wie oben. Du solltest dich nicht versündigen!

GOTTFRIED mit galanter Verbeugung. Du hättest dich nicht versündigen sollen, liebe Mutter! Da wäre ich wenigstens nicht auf der Welt!

MUTTER. Besser wär's.

MARIE tritt vom Hintergrunde rechts ein und läßt die Türe hinter sich offen. Der Vater kommt!


Sie eilt ein freudiger Erwartung zum Tische und schiebt noch rasch einiges zurecht.

Mutter im Vordergrunde links, Gottfried im Vordergrunde rechts, haben beide den Blick auf die Tür gerichtet. Die Mutter ruhig, Gottfried nicht ohne Anzeichen von Spannung.

Josef Spuller, der Vater, tritt auf. Er hat seine Überkleider schon draußen abgelegt und trägt einen ärmlichen, dunklen Anzug. Spuller ist eine mittelgroße, ursprünglich kräftige Erscheinung, die jedoch reduziert ist. Er hat noch volles, seitwärts gescheiteltes, aber schon ganz silbergraues Haar und ebensolchen Schnurrbart, der ihm ziemlich wirr herabhängt.

Bei seinem Eintritte verweilt er einen Augenblick

unmerklich am Türpfosten lehnend. Es erscheint aber mehr wie ein unbeabsichtigtes Anstreifen. Dann erst tritt er mit mühsam-festen Schritten ins Zimmer. Nun merkt man eine gewisse Unsicherheit in seinem Gange. Er ist auffallend blaß.


SPULLER durch seine Brille lächelnd. Guten Abend, alle.

MUTTER die ihn prüfend ansieht. Grüß Gott, Josef.

GOTTFRIED der beim Anblick des Vaters zusammengezuckt ist, sich aber gleich wieder gefaßt hat, möglichst unbefangen. Willkommen, Vater.

SPULLER unsicher lächelnd. Was seht ihr denn an mir?

GOTTFRIED überstürzt. Nichts. Mühsam lustig. Nicht einmal die siebenundfünfzig Jahre, die du heute alt bist.

SPULLER wehmütig. Heute? Er setzt sich, seine Schwäche beherrschend, auf den Sessel rechts am Mitteltisch. Dann halb für sich. Gerade heute – Lauter. Mein Geburtstag. Sich zusammennehmend. Da soll man ja fröhlich sein! Da Marie ihn von rückwärts stürmisch umschlingt und liebkost, sanft abwehrend. Na, na, Mädel! Ich will ja meinen nächsten Geburtstag auch noch erleben, nicht? Er ergreift ihre Hand mit seiner Linken, die Rechte streckt er der Mutter hin und sagt mit scheuer Freundlichkeit. Mathilde? Gibst du mir nicht auch die Hand?


Mutter reicht ihm in ihrer verschlossenen, scheinbar widerstrebenden Art die Hand, die er[406] küßt. Sie erwidert einen Augenblick seinen melancholisch-fragenden Aufblick. Dann entzieht sie ihm die Hand und macht sich im Zimmer zu schaffen.


GOTTFRIED leise, mit grotesker Förmlichkeit. Lieber Vater, obwohl ich theoretisch der Überzeugung huldige, daß ein Geburtstag im allgemeinen und im besonderen eigentlich eine melancholische Angelegenheit ist, möchte ich praktisch denn doch nicht den einigermaßen seltenen Moment versäumen, um –

SPULLER mit schwachem Lächeln abwinkend. Ich weiß schon, was du sagen willst, Gottfried. Dank' dir. Sei nur fleißig und mach deinen Eltern Freude!

GOTTFRIED den Vater immer beobachtend, grotesk. Amen. Schreiten wir also frohen Mutes zur Bescherung.

SPULLER beinahe ängstlich. Ihr habt euch doch keine Auslagen gemacht, Mutter?

MUTTER herb. Ich nicht. Ich halte das Geld zusammen für ernstere Anlässe.

SPULLER trüb. Hast recht. Braucht nur eins krank zu werden –

MARIE mit einer schwarzen Wolljacke kommend, leuchtend, verschämt. Nur eine Kleinigkeit. Kostet bloß die Wolle. Gestrickt hab' ich's ja selber.

SPULLER mit liebevollem Vorwurf. Wieder in den Nächten!


Marie senkt den Kopf und kniet zu des Vaters Füßen hin.


SPULLER ihre Haare streichelnd. Kind, wie oft hab' ich dich gebeten: keine Nachtarbeit für mich! Was soll denn sonst aus den lieben, armen Augen werden? Unsereins muß auf seine fünf Sinne achtgeben. Kann doch sein, daß einmal so ein Ohr oder Aug' – mehr als bisher! – verdienen muß. Unser Körper ist doch unser Vermögen, nicht wahr?

MARIE lieb-anzüglich. Handelst du auch immer nach dieser Lehre?


Die Mutter hat die letzte Szene zwischen Spuller und Marie stumm und mit einem bitteren Ausdrucke des Ausgeschlossenseins beobachtet und sich während der letzten Rede Spullers unauffällig nach links entfernt.


GOTTFRIED hingebeugt, geheimnisvoll. Weißt du auch, was das für ein Ding ist, Vater, das du in Händen hältst?

SPULLER es lächelnd betastend. Kann mir's schon denken.

GOTTFRIED zu erheitern bemüht. Das glaube ich nicht! Denn dieses Ding ist ein gar mysteriöses Ding. Ist es ein Rock? Nein. Ist es ein Überrock? Nein. Am Ende ist es gar eine Art Mittelding von beiden! Indem es zwar über dem Rock, aber unter dem Überrock getragen werden soll, insonderheit wenn letzterer ein Sommerüberzieher und die Temperatur ziemlich unter Null ist!

SPULLER. Jetzt versteh' ich erst. Dank' dir, Marie! – So gibt es also doch noch immer Geschenke.

GOTTFRIED immer zu erheitern bemüht. Woferne arme Leute überhaupt in die Lage kommen, einander etwas zu geben, was man Geschenk nennen kann.

SPULLER sanft. Wie meinst du denn das, Gottfried?

GOTTFRIED wie oben. Indem nämlich arme Leute bei sogenannten festlichen Anlässen einander nur solche Dinge schenken können, die sie ohnehin auf jeden Fall haben müssen.

SPULLER mit gütiger Überlegenheit. Erlaube einmal! Freust du dich denn nicht, wenn du zum Beispiel zu Weihnachten etwas bekommst, was du notwendig brauchst?

GOTTFRIED ein wenig beschämt. Ich schon, Vater.

SPULLER wie oben. Da bist du doch eigentlich besser daran als die reichen Leute. Denn dir können sogar Sachen eine Freude machen, die jenen gar nichts bedeuten, weil es für sie selbstverständlich ist, sie zu haben. Da hast du doch viel mehr Gelegenheit, dankbar und froh zu sein, nicht? Schau es einmal von dieser Seite an und sag mir dann morgen, was dir dazu eingefallen ist! Lächelt schelmisch vor sich hin.

GOTTFRIED gerne ablenkend, zitierend. Kann euch nicht eben ganz verstehen.

SPULLER.

Das wird nächstens schon besser gehen,

Wenn ihr lernt alles reduzieren

Und gehörig klassifizieren –

MARIE mit holdem Übermut.

Mir wird von alle dem so dumm,

Als ging' mir ein Mühlrad im Kopf herum.


Alle drei in arm-seliger Heiterkeit.


SPULLER. Bravo, unseren Faust können wir! Das ist doch auch eine Art – Millionenbesitz ... Tastet plötzlich vor sich hin und sinkt mit geschlossenen Augen zurück. Das gedämpftfröhliche[407] Lachen Gottfrieds und Maries bricht mit einem Schlage entzwei.

MARIE schnellt empor. Was ist dir denn, Vater?

GOTTFRIED eilig herzu, Spuller umfangend, mit erzwungener Ruhe. Ist euch nicht wohl, Vater?

SPULLER allmählich zu sich kommend. Mir ist – wirklich nicht – wohl, Kinder. Mir war schon nachmittags – im Amt – nicht wohl ...

MARIE springt auf, läuft von einer Tür zur andern und ruft in höchster Angst. Mutter – Mutter!

MUTTER im Hereinkommen, mehr mit bitterem Triumph als Erschrockenheit. Hab' ich mir's doch gedacht!

SPULLER hilflos, vom Fieber geschüttelt. Sei mir nicht bös, Mutter – sei mir nicht bös – ich kann ja nichts dafür – daß ich krank werde –

MUTTER bereits an der Arbeit, ruhig. Ich mach' dir schon dein Bett, Josef.


Marie zieht dem Vater die Schuhe aus.


GOTTFRIED ihn an der Hand haltend, leise, erschüttert. Polarstürme schütteln den armen Körper.

SPULLER. Habt nur keine Angst, Kinder – Mutter! Plötzlich selbst angstvoll. Es wird doch nichts – Gefährliches sein – nichts Gefährliches –?

MUTTER herb. Was kommt, muß getragen werden.

SPULLER. Wie wir schon so vieles zusammen getragen haben.

MUTTER wie oben. Manches. – Das Bett ist gemacht. Komm!

GOTTFRIED bebend. Praesente medico nihil nocet. – Soll ich nicht einen Arzt holen, Mutter?

MUTTER dumpf. Warte, bis man dir's schafft!

SPULLER während er von Mutter und Tochter entkleidet wird, fiebergeschüttelt, flehentlich. Keinen Arzt – keinen Arzt! Nur nicht gleich einen Arzt! Das kostet ja so viel Geld – Geld – Geld! – Mit erschütternd gütiger Stimme. Siehst du, Marie, dein Geburtstagsgeschenk ist doch um ein paar Tage – zu spät gekommen –

GOTTFRIED mit schmerzlicher Ironie in der wankenden Stimme. Vielleicht wäre es doch gut, bisweilen einen Winterrock zu besitzen.


Der Vorhang fällt.


Quelle:
Dichtung aus Österreich. Anthologie in drei Bänden und einem Ergänzungsband, Band 1, Wien und München 1966, S. 402-408.
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