Zuschrifft bey der ersten Auflage

[562] Dem Durchlauchtigsten Fürsten und Herrn, Herrn ERNST AUGUST, Herzogen zu Sachsen, Jülich, Cleve und Berg, auch Engern und Westphalen, Landgrafen in Thürinringen, Marggrafen zu Meissen, Gefürsteten Grafen zu Henneberg, Grafen zu der Mark und Ravensberg, Herrn zu Ravenstein, Ihro Römis. Kayserl. Majest. würklichen commendirenden General über die sämtliche Cavallerie, auch Obristen über ein Regiment Cuiraßiers, und über ein Regiment Infanterie etc.


Meinem Gnädigsten Fürsten und Herrn.


Durchlauchtigster August!

so hoch dein Purpur prangt;

So viel du Ehr und Macht durch die Geburt erlangt!

So scharf dein Angesicht und Auge Fürstlich strahlet;

So viel man dir an Furcht, an Ehr und Liebe zahlet;

So groß ist auch die Huld und Großmuth die dich schmückt.

Wer Dich Durchlauchtigster! das erstemahl erblickt

Fällt meinen Worten bey, und muß mit mir bekennen,

Du seyst Trajan, August, ja Titus selbst zu nennen.

Was aber sag ich viel von deinem hohen Geist,

Den du durch Werk und Wort vor jederman beweißt?

Du bist ein kluger Fürst/ und ein gelehrtes Wissen,

Hat deine Fürsten-Brust ganz zu sich hingerissen.[562]

Du kennst der Weisheit Schmuck; du schliessest mit Vernunft;

Siehst alles gründlich ein, und folgest nie der Zunft,

Die sich an Thorheit labt, und falsche Gründe lehret:

Indem dein Ohr nur das, was rein und gründlich, höret.

Du fragst, du forscht und prüfst was der und die versteht;

Wie richtig jener denkt, wie weit der andre geht.

Du bist gelehrt und klug, und von besondern Gaben:

O! möchte doch die Welt viel solche Fürsten haben!

Es sieht dein hoher Geist in tiefe Sachen ein;

Du lößest Wörter auf, die andern Rätzel seyn.

Du sinnest selbst was aus; giebst Kennern aufzurathen;

Kurz: Deinen hohen Geist sieht man aus deinen Thaten.

Da du dich nun o Held! in edlen Künsten übst,

Was Wunder, wenn du auch gelehrte Männer liebst?

Du rühmest ihren Fleiß, und weist sie hoch zu schätzen

Wenn sie sich nur bemühn, was kluges aufzusetzen.

Dieß weis die ganze Welt; ich muß es auch gestehn;

Ich habe dieses Glück auch oft von dir gesehn.

Du hast ein Blat von mir sehr gnädig durchgelesen,

Ob ichs gleich nicht verdient, und auch nicht werth gewesen.

Durchlauchster! diese Gnad reizt jetzt auch meinen Kiel,

Daß ich mein Bergwerks Stück, und neues Saitenspiel,

Auch wiederum vor dir in tiefster Demuth bringe.

Und abermahls so frey vor deinen Ohren singe.

Ich widme dir hiermit dieß gegenwärtge Blat,

Obs gleich sehr wenig Kunst und Zierde in sich hat.

Jedoch den größten Schmuck durch dich mein Held! erlanget.

Weil es Durchlauchtigster! mit deinem Namen pranget.

Vergib der kühnen Hand, wenn sie mit recht gethan.

Die Pflicht befahl es mir; die Ehrfurcht trieb mich an.

Du ließt mir ja zur Fahrt viel Glück und Gutes sagen,

Drum such ich, dir den Dank vorjetzo abzutragen.

In Unterthänigkeit reich ich dir dieses Stück,

Mein Herzog! schenke ihm nur einen holden Blick,

Nimm es so liebreich an; wie allezeit geschehen,

Und laß mich fernerhin dein Antliz gnädig sehen.
[563]

Quelle:
Sidonia Hedwig Zäunemann: Poetische Rosen in Knospen, Erfurt 1738, S. 562-564.
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