Einheitsgeschosse

[203] Einheitsgeschosse sollen die Eigenarten des Schrapnells und der Granate vereinigen. Naturgemäß ist das nur auf einer mittleren Linie möglich.

Die Schrapnell-, häufig auch die Granatwirkung der Einheitsgeschosse ist geringer als die betreffende Wirkung der Sondergeschosse. Diesem Nachteil stehen aber schwerwiegende Vorteile gegenüber: Einheitliche Munitionsausstattung, erleichterte Ergänzung, größere Freiheit bei der Bekämpfung der verschiedenen Zielarten, einfachere Bedienung. Das Einheitsgeschoß gewinnt um so mehr an Bedeutung, je mehr die Einheitlichkeit der Ausrüstung mit Feldgeschützen verloren geht; ganz besondere Wichtigkeit hat ein Einheitsgeschoß für leichte Feldhaubitzen, die neben ihren Sonderaufgaben den Kampf »Schulter an Schulter« mit der Feldkanone durchführen sollen, deren Munitionsausstattung in Rücksicht auf die große Seelenweite und das hierdurch gegebene Gewicht aber zahlenmäßig nur gering sein kann. Durchgängig sind die Einheitsgeschosse so eingerichtet, daß sie im Aufschlag detonierend Granatwirkung, in der Luft detonierend die Wirkung der Sprenggranate, in der Luft zerspringend die des Schrapnells ergeben. Daneben sind die Zünder der Einheitsgeschosse für Steilfeuergeschütze für den Aufschlag meist mit einer Verzögerungsvorrichtung (»m. V.«) versehen. Der Zünder muß demnach ein Dreifach- oder gar Vierfachzünder sein. Häufig tritt noch eine Einrichtung hinzu, die eine Nah-Schrapnell (Kartätsch-)Wirkung ermöglicht. Bislang sind drei Arten von Einheitsgeschossen besonders hervorgetreten: das Brisanzschrapnell System Erhardtvan Essen, das Granatschrapnell System Fried. Krupp und der Entwurf des Generalmajors z. D. Richter, dem ein Versuchseinheitsgeschoß in Frankreich nachgebildet wurde.

Das Brisanzschrapnell Ehrhardt van Essen (Fig. 1) ist ein Bodenkammerschrapnell, in dessen vorderen Teil eine Brisanzladung mit Rauchentwickler eingefügt ist. Der Zünder ist so eingerichtet, daß der Feuerstrahl der Aufschlagzündung eine darunter befindliche Sprengkapsel zündet. Hierdurch wird die Detonation der Brisanzladung und damit auch die Zündung der Schrapnelladung eingeleitet. Bei Brennzündung wird der Feuerstrahl mittels einer Schallplatte entweder um den Granatteil herum zur Bodenkammerladung des Schrapnellteils oder zum Detonationseinleiter im Geschoßkopf geleitet. Im ersteren Fall schießt die Explosion der Bodenkammerladung die Kugelladung und den Granatteil, diesen als Geschoß für sich, heraus. Letzterer soll die Flugbahn des ganzen Geschosses fortsetzen und beim Aufschlagen detonieren. Im andern Fall wird das Geschoß in der Luft detoniert (Granat-Bz.-Wirkung).

Das Granatschrapnell Fried. Krupp (Fig. 2). Der Granatteil läuft nach unten in eine[203] Hülse aus, die ihm bei der Trennung vom Schrapnellteil die Form eines Pfeilgeschosses gibt. Hierdurch wird seine Flugbahn bis zum Aufschlag möglichst regelmäßig. (Versuche, die Hülse bis an den Stoßboden zu verlängern – an Stelle der losen Büchse mit der dritten Brisanzladung – haben ergeben, daß dadurch der steuernde Einfluß der Hülse beeinträchtigt wird.) Die Bodenkammerladung besteht aus rauchschwachem Pulver, das je nach dem Grade seiner Erregung entweder explodieren oder detonieren kann. Werden die Brisanzladungen beim Aufschlag oder, beim Einstellen der Brennzündung, in der Luft zur Detonation gebracht, so wird der Stoßboden durchbrochen und durch diese heftige Erregung auch die Bodenkammerladung detoniert. Die Gesamtwirkung ist außerordentlich kräftig, vor allem die Breitenwirkung infolge der Anordnung der brisanten Ladungen. Wird die Brennzündung auf Schrapnellwirkung eingestellt, so wird der Zündstrahl durch die enge Zündröhre zur Bodenkammer geleitet. Hierbei wird der Zündstrahl derart gedrosselt, daß er nur eine Explosion, nicht aber eine Detonation der Bodenkammerladung hervorbringen kann. Kugelladung und Granatteil werden wie beim Brisanzschrapnell herausgeschossen.

Der Vorschlag des Generalmajors z. D. Richter [4] geht dahin, die Füllkugeln in den Schrapnells mittels eines brisanten Sprengstoffs, der genügend unempfindlich gegen Stoß ist, z.B. Trotyl oder Ammonal, festzulegen und dem Geschoß einen Zünder zu geben, der imstande ist, je nach Einstellung eine Explosion der Ausstoßladung allein oder eine Detonation der gesamten Sprengstoffüllung hervorzurufen. Im ersteren Fall soll sich der zwischen den Füllkugeln befindliche Sprengstoff in Staub auflösen bezw. nur verbrennen. Englischen und französischen Zeitungsnachrichten aus dem Jahre 1905/06 zufolge soll die französische Heeresverwaltung ein derartiges Einheitsgeschoß erprobt haben [5], Nach Hauptmann Roskoten [6] hat Frankreich für die Feldkanone M. 97 ein Brisanzschrapnell als »Obus Robin« eingeführt (Fig. 3). Die Füllkugeln sollen mit Ammonal, nach andern Angaben die unteren Kugelschichten mit Schwarzpulver festgelegt sein. Wird der Zündstrahl durch die Zündschnur bis zum Geschoßboden geleitet, so wird die Schwarzpulverladung entzündet, die Kugelfüllung und das Ammonal herausgeschossen (Schrapnellwirkung); soll Granatwirkung erzeugt werden, so wird der Zündstrahl zu einem Detonator im Geschoßkopf geleitet und durch ihn das Ammonal detoniert. Das Einlagern der Füllkugeln in brisanten Sprengstoff hat folgende Nachteile: Es können durch die Berührung der Bleikugeln mit dem Sprengstoff hochexplosible Verbindungen entstehen. Die hohe Verbrennungswärme des Sprengstoffs bringt die Bleikugeln zum Schmelzen, die Gewalt der Detonation zerteilt sie. Werden Stahlkugeln angewendet, die infolge ihrer geringen Querdichte wenig geeignet sind, so muß damit gerechnet werden, daß der Stoß beim Abfeuern des Schusses von den Kugeln auf den Sprengstoff übertragen, der Sprengstoff zerstoßen und eine vorzeitige Detonation herbeigeführt wird.


Literatur: [1] General R. Wille, Einheitsgeschosse, Berlin 1910. – [2] Die neuesten Einheitsgeschosse, Deutsches Offizierbl. 1910, S. 906. – [3] Rheinische Metallwaren- und Maschinenfabrik Das Brisanzschrapnell Ehrhardt-van Essen und das Kruppsche Granatschrapnell (nicht im Buchhandel); französ. Uebersetzung in »Revue militaire suisse« 1910, S. 778. – [4] Jahrbücher s.d. deutsche Armee und Marine 1904, Juliheft, S. 1. – [5] Oberstleutnant Heydenreich, Das moderne Feldgeschütz, II. Teil, Leipzig 1906. – [6] Hauptmann Roskoten, Die heutige Feldartillerie, Berlin 1909.

Wille.

Fig. 1.
Fig. 1.
Fig. 2.
Fig. 2.
Fig. 3.
Fig. 3.
Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 9 Stuttgart, Leipzig 1914., S. 203-204.
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203 | 204
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