Die Heugabel

[42] Es kam einmal ein Bauer zu seinem Nachbarn und bat ihn recht inständig, er möchte ihm doch helfen beim Heueinführen. Denn er habe so gewaltig viel auf den Wiesen liegen, daß seine Leute allein nicht imstande seien, alles heute noch einzubringen. Der Nachbar aber machte dicke Ohren und schlug ihm die Bitte ab.[42]

Nachmittags, als der Bauer sein Heu zu einem Haufen zusammengerecht hatte, kam ein Wirbelwind und trug das Heu bei Putz und Stengel hinweg. Der Bauer hatte das Nachsehen und wurde so ärgerlich, daß er die Heugabel in die Höhe warf und schrie: »Weil der Teufel das Heu fortgetragen hat, soll er die Gabel auch dazunehmen.« Und richtig, wie die Gabel aus seinen Händen fuhr, flog sie lustig auf und davon.

Bald darauf erkrankte der Nachbar. Er mußte lange Zeit das Bett hüten, und die Leute sagten schon herum, daß er in keiner guten Haut stecke. Der Bauer hörte freilich auch von der Krankheit seines Nachbarn, er ging aber gar nie hin, um ihn zu besuchen. Die Krankheit wurde alleweil ärger, und alle Leute, die den Kranken sahen, schüttelten den Kopf und meinten: »Holla, mit dir ist's Matthäus am letzten.«

Wie der Bauer in einem fort hörte, daß es mit dem Nachbarn so schlimm stehe, ging er in sich und dachte: Kopf machen ist nie fein g'wesen. Er verzieh ihm, ging ihn besuchen und fragte mit dem freundlichsten Gesicht um allerlei: »Wie geht's? Wo tut's weh? Was sogn denn die Dokter? Konn dir gor koaner helfen?«

Auf diese Frage schaute ihn der Kranke wehmütig an und sagte: »Na, Dokter konn mar koaner helfen, ober du konnst mar helfen.« Während er das sagte, schob er das Federbett beiseite und zeigte dem Nachbarn eine Heugabel, die in seiner Hüfte stak. Der Nachbar erschrak zuerst, zog aber die Heugabel schleunigst heraus, und der Kranke konnte bald aufstehen und seine Arbeit tun wie zuvor.


(mündlich bei Meran)

Quelle:
Zingerle, Ignaz und Joseph: Kinder- und Hausmärchen aus Süddeutschland. (Regensburg 1854) Nachdruck München: Borowsky, 1980, S. 42-43.
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