O Mensch, ist das dein Dank?
(Undank ist der Welt Lohn)

[281] Ein armer Jäger verließ eines Tages sein Dorf, um sich irgendwo im Busch aufzuhalten und da Wild zu erlegen, damit er es verkaufen und seine Schulden bezahlen könnte. Während er so im Walde lebte, machte er sich eines Tages auf und ging auf die Jagd. Wie er so dahinging, gelangte er an einen Ort, wo er ein undeutliches Sprechen hörte, ohne daß er sah, was es war. Er blickte rings um sich, sah aber immer noch nicht, wo geredet wurde. Da sagte er: »Jetzt will ich aber wohl aufhorchen, um zu hören, wo dieses Sprechen ist.« Da hörte er es zu seiner Linken und sagte: »Vielleicht ist da die Unterwelt (das Totenreich), wovon man erzählt: Sei es zum Tode oder zum Leben – ich habe ja meine Flinte – ich will gehen und sehen, was es ist, daß ich etwas zu erzählen habe, wenn ich heimkomme.« Als er etwas vorwärts gegangen war – wobei er gute Acht auf seine Flinte hatte – sah er eine große Grube vor sich, aus der das undeutliche Gerede kam. Da sagte er: »Ja, es ist, wie ich sagte: an der Unterwelt bin ich angekommen.« Als er vorsichtig vollends bis an die Grube gelangt war, hörte er sagen: »Herr Jäger, schieße deine Flinte nicht ab, laß mich erst etwas sagen!« Als der Jäger das hörte, fürchtete er sich, daß ihm die Haut schauerte. Er blickte hinunter in die Grube und sah darin einen Menschen (Tagmann), einen Leoparden, eine Schlange und eine[282] Ratte. Und der Tagmann sagte zum Jäger: »Du siehst das Unglück, in das ich geraten bin! Ich und ebenso diese Beißtiere sind in diese Grube gefallen, und ich habe niemand, der mir heraushilft. Darum bitte ich dich, hilf mir heraus, und ich werde mich einmal dafür erkenntlich zeigen; und nicht nur ich, sondern wir alle, die wir in dieser Grube liegen, haben uns verbunden: wer immer uns heraushilft, dem werden wir unsern Dank entrichten. Deshalb bitte ich dich, hilf uns!« Der Jäger sagte: »O Mensch, Tagmann, wo ist deine Erkenntlichkeit?« Der Tagmann sagte: »Hilf mir, und ich werde dir danken.« Da half ihm der Jäger heraus.

Da sagte auch der Leopard zu dem Jäger: »Herr Jäger, hilf mir heraus, und ich werde dir einst danken!« »Du Leopard, wo ist dein Dank? Wenn ich dir heraushülfe, so würdest du mit meinen Schafen oder Ziegen und meinen Hühnern dir gütlich thun.« Der Leopard sagte: »Hilf mir heraus, und ich werde dir erkenntlich sein.« Da half der Jäger dem Leoparden heraus.

Auch die Schlange sagte: »Herr Jäger, hilf mir heraus, und ich werde dir einst danken.« Der Jäger sagte: »O Schlange, warst nicht du es, die meinen Bruder biß, daß er starb und heute noch die Schuld von seiner Leichenfeier auf mir lastet, was mich auch hierher trieb? An der Armut, die mich umringt, bist du vor allem schuld. Wenn der Schlange Eier verfaulen, was ist dann verdorben? Dir kann ich nicht heraushelfen!« Aber die Schlange sagte: »Hilf mir heraus, und ich werde dir einstmals danken.« Da half ihr der Jäger heraus.

Auch die Ratte sagte zu dem Jäger: »Herr Jäger,[283] hilf mir, und auch ich werde dir erkenntlich sein.« Der Jäger sagte: »Auch du, Ratte, wo ist dein Dank? Die Palmnüsse, die ich steckte, um einst davon etwas an meiner Schuld abzutragen, die hast du alle ausgescharrt; du bist mit daran schuld, daß es mir so hart gegangen ist.« Aber die Ratte sagte: »Hilf mir heraus, und ich werde dir einmal danken.« Und der Jäger half ihr heraus.

Als nun der Jäger allen herausgeholfen hatte, schickte er sich an, in sein Dörflein zu gehen. Da rief ihn die Schlange und sagte: »Herr Jäger, komm!« Und er kam. Die Schlange sagte zu ihm: »Da nimm diese Arzneikugel und diese Blätter und nimm sie überall hin mit dir, wohin du gehst; und wenn jemanden eine Schlange gebissen hat, selbst wenn er schon gestorben ist, wende die Arznei bei ihm an, so wird er mit dem Leben davonkommen, und du bekommst Geld dafür, deine Schulden zu bezahlen.« Der Jäger sagte: »Guten Morgen, ich danke dir.« Aber der Leopard und die Ratte sagten: »Wir werden dir ein andermal unsern Dank abstatten.«

Der Tagmann aber sagte: »Ich möchte vorerst mit dir gehen und dein Dörflein sehen.« Und so gingen sie miteinander. Der Mensch Tagmann hielt sich etwa drei Tage auf, und der Jäger bewirtete ihn, wie es sich[284] gehört: darnach ging er seines Weges. Nach etwa drei Tagen gedachte der Jäger in den Wald zu gehen. Als er aber vor seine Wohnung hinauskam, sah er ein Tier, das der Leopard erbeutet und dahin gelegt hatte. Er ging und nahm es. Am nächsten Tage, als er wieder gehen wollte, konnte er wieder ein solches Tier an sich nehmen. Und so ging es fort, drei Wochen lang. Einen Teil des Fleisches verkaufte er, einen Teil aß er. Nach etwa drei Wochen wollte der Jäger eben in den Wald gehen, da begegnete er dem Leoparden. Als er ihn sah, griff er nach seiner Flinte, um auf ihn zu schließen. Aber der Leopard sagte: »Herr Jäger, schieße nicht, hast du nicht seit etwa drei Wochen die Tiere gesehen, die ich gefangen und dir hingelegt habe?« Der Jäger sagte: »Ich habe sie gesehen.« Der Leopard: »Das war mein Dank.« Der Jäger: »Guten Morgen, ich danke dir!« Und der Leopard ging seines Weges.

Etwa drei Tage darauf lag der Jäger in seiner Hütte von Palmzweigen. Da sah er, als er sich erhob, daß eine Ratte Erde aufgeworfen hatte und seine Matte und der Boden des Häuschens davon voll war. Er sagte: »Ist etwa das der Ratte Dank, daß sie mir meine Hütte über dem Kopf zusammenfallen läßt? Jetzt will ich aber die Ratte kriegen, wo sie auch ist!« Und so holte er ein Grabeisen, um die Ratte auszugraben. Wie er so gräbt, da sieht er, daß da ein großer Steinkrug in der Grube steht, mit Gold angefüllt, das die Ratte geholt und dem Jäger gebracht hat. Der Jäger nahm ihn an sich und hob ihn wohl auf. Es war dies das Gold eines großen Königs in der Stadt des armen Jägers, daß die Ratte[285] durch Graben im Boden bis in sein Gemach dort geholt und nun dem Jäger gebracht hatte. Nach etwa drei Tagen kam die Ratte, dem Jäger zu sagen: »Hast du den Dank, den ich dir abgestattet, gesehen?« Der Jäger sagte: »Ich habe ihn gesehen; guten Morgen, ich danke dir, ich danke dir!« Und die Ratte ging ihres Weges. Der König seinerseits suchte gehörig nach seinem Gold, das ihm abhanden gekommen war, und als er es nicht fand, ließ er ab, darnach zu forschen.

Dieweil das Gold verwendet zu werden begehrt, stand es gar nicht lange an, und der arme Mann wurde ein gar reicher Mann, dessen Dörflein voll war von Sklaven und Sklavinnen, daß es von ihnen wimmelte.

Als der Mensch Tagmann solches hörte, sagte er: »Ich will doch gehen und diesen meinen Freund besuchen.« Er machte sich auf und ging. Als er dort ankam, sah er, daß der Jäger wirklich sehr reich geworden war. Da kam dem Tagmann der Neid, und er sagte bei sich: »Wie ist doch mein armer, geringer Genosse so reich geworden! Es wird wohl des Königs Gold, welches abhanden gekommen ist, sein, das er gestohlen hat und von dem er so reich geworden ist. Deswegen werde ich zum Könige gehen und es ihm sagen, daß er es ihm abnimmt und ich ihm wieder gleich bin.«

Und der Mensch Tagmann machte sich auf, ging zu dem König und sagte: »Dein Gold, das verloren ging, hat der Jäger gestohlen. Ich bin sein guter Freund, ich weiß das alles ganz gut.«

Da ließ der König den Jäger greifen und ihn, sein Weib, seine Kinder, seine Sklaven und Sklavinnen[286] und alle seine Habe in sein Gehöfte bringen. Auch des Königs Gold befand sich wirklich darunter. Als sie anlangten, wurde der Jäger in den Block geschlagen und eine Gerichtssitzung veranstaltet, die Sache zu verhandeln.

Der König brachte seine Sache vor und sagte: »Jäger!« Dieser antwortete und sagte: »Mein Herr!« Der König: »Kennst du den Menschen Tagmann, der da sitzt?« Der Jäger: »Ich kenne ihn.« König: »Was ist er dir?« Jäger: »Er ist mein guter Freund.«

König: »Dann gilt also (das Sprichwort): Wenn dein Stuhl, darauf du sitzest, gegen dich zeugt, so bezweifelt man's nicht. Ich war ruhig daheim, da kam der Mensch Tagmann und sagte mir, mein Gold, das abhanden kam, habest du gestohlen. Deswegen habe ich dich verhaften und herbringen lassen. Das ist's, was ich zu sagen habe.« – Da antwortete der Jäger: »O Mensch, Tagmann, ist das dein Dank? So hat man also in der That ein Recht, zu sagen: Der Mensch hat keine Erkenntlichkeit! Undankbarer! Gedenke des Einstmals! Tagmann, was habe ich dir Böses gethan, daß ich dich (auf den Armen oder dem Rücken) trug, daß du Leben sehest, und du mich nun trägst, daß ich den Tod sehen soll.«

Während der Jäger noch redete, sandte man einen Boten, dem König zu sagen: »Großvater, erhebe dich schnell, denn eine Schlange hat deinen Sohn gebissen, und er ist am Sterben; deswegen komm schnell und laß des[287] armen Jägers Sache einstweilen anstehen.« Da brachen der König und alle seine Leute zusammen auf und gingen an den Ort, wo sich sein Sohn befand. Den Jäger übergab er den Scharfrichtern zu bewachen; falls sein Sohn sterbe, werde er den Jäger töten zur Bestattung seines Sohnes. – Als sie gegangen waren, sagte der Jäger zu den Scharfrichtern: »Ach, wenn ich nicht im Block läge, so würde ich ihn, selbst wenn er schon gestorben wäre, wieder zum Leben bringen! Denket aber nicht, weil ich im Block liege, so mache ich nur schöne Worte.« Da lief einer der Scharfrichter schnell zum König und sagte ihm dieses. Als er hinkam, hatten die Baumwurzelmänner (die Arzneikundigen) alles Mögliche versucht, aber es stand gar nicht gut. Da ließ der König den Jäger aus dem Block befreien und herbringen. Als der Jäger da war, sagte er: »König, laß die Arzneimacher alle ihre Arzneien wegthun, daß ich die meinige anwende, und ihr werdet sehen, ob's dann nicht aufhört.« Der König that also. Der Jäger aber trug, wohin er immer ging, die Arznei, welche ihm die Schlange gegeben, in sein Lendenkleid geknüpft, bei sich, und nun löste er den Knoten auf, schabte etwas von der Arznei ab und ließ es den von der Schlange Gebissenen lecken, und auf der Stelle wurde er wieder gesund. Da sagte der König: »Jäger, sag mir an, was irgend du verlangst, und ich werde es dir geben!« Der Jäger sagte: »Ich begehre gar nichts als den Kopf des treulosen Menschen Tagmann, der über mich log, als ob ich dein Gold gestohlen hätte.« Der König sandte hin und ließ dem Menschen Tagmann den Kopf abschneiden, dem Jäger aber gab er sein Geld, Weib und[288] Kinder, Sklaven und Sklavinnen und all seine Habe zurück, und derselbe kehrte wieder zurück zu seinem Dorf.

Deswegen sagt man im Sprichwort: »Das ist des Menschen Dank!« (= Undank ist der Welt Lohn!) und in einem anderen Sprichwort heißt es: »Wenn dich dein Freund dahin trägt, wo du Leben findest, trägst du ihn nicht dahin, wo er den Tod findet.«

Quelle:
Seidel, A. (Hg.): Geschichten und Lieder der Afrikaner. Berlin: Verein der Bücherfreunde, Schall & Grund, 1896, S. 281-289.
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