Der Schiffbrüchige.

[24] Dieses Märchen liegt in einer jetzt in der Eremitage zu St. Petersburg aufbewahrten Abschrift aus der Zeit vor dem Jahre 2000 v. Chr. vor. Sein Held, der die Erzählung selbst vorträgt, war von dem Könige nach den Bergwerken auf der Sinai-Halbinsel geschickt worden, hatte aber unterwegs Schiffbruch erlitten. Von der ganzen Bemannung des Schiffes vermochte nur er sich zu retten und gelangte auf eine Geisterinsel, von der ihn nach einiger Zeit ein zufällig hier anlegendes Schiff wieder nach Aegypten brachte. Dabei fuhr es aber nicht, wie man erwarten sollte, nach der Nordspitze des roten Meeres, sondern kam den Nil hinab gefahren. Diese sonderbare Behauptung beruht auf einer im Altertume weit verbreiteten Annahme, der zufolge sich ein Nilarm in das rote Meer ergoß. Man glaubte, von dem Meere aus, diesen in das Innere Afrikas herauf, und dann den ägyptischen Nil wieder hinunterfahren zu können, so daß man über Aethiopien und Assuan nach Theben und Memphis gelangte.[25]

Der Schiffbrüchige hatte gleich nach seiner Heimkehr seine Erlebnisse dem Könige berichtet. Dieser hatte ihm gütig zugehört, ihn aber für alles weitere an einen hohen Beamten verwiesen. Das kam dem Helden bedenklich vor, er fürchtete, der König könne ihn noch nachträglich wegen des verlorenen Schiffes zur Rechenschaft ziehen, und so hielt er es für klüger, dem Beamten die Sache nochmals vorzutragen und ihn um seine Fürsprache bei dem Pharao zu bitten. Diese Bitte enthält der Papyrus, dessen Uebersetzung hier folgt und der vollständig erhalten geblieben ist.


* * *


Ein vortrefflicher Diener spricht: Froh sei dein Herz, mein Herr, denn wir erreichten das Heimatland. Man ergriff bereits den Schlägel und trieb den Pflock ein, um das Schiff, dessen Spitze an das Land anstieß, festzubinden. Man hat gejubelt und die Götter (dankend) angerufen, ein jeder hat seine Genossen umarmt. Unsere Matrosen kamen gesund zur Heimat, keiner von unseren Schiffssoldaten fehlt. Wir haben die äußersten Enden von Aethiopien erreicht, dann fuhren wir an der Insel Bigeh (südlich von Assuan) vorüber. Jetzt kommen wir in Frieden an und das Land, das wir erreichten, ist unsere Heimat.

Höre mich denn jetzt an, oh mein Herr, denn ich habe keinen Fürsprecher! Wasche dich, gieße Wasser auf deine Finger, dann trage deine Bitte (zu meinen Gunsten dem Pharao) vor, eröffne dem Könige dein Herz und, wenn du bittest, verzage nicht. Denn wenn der Mensch den[26] Menschen retten soll, dann muß seine Rede seine Trauer andeuten (gerade so wie sonst der Trauernde als Zeichen seines Kummers sein Angesicht zu verhüllen pflegt). Handle so, wie dein Herz es dir rät, dann wird deine Rede mir Ruhe geben!

Nun will ich dir genau erzählen, wie es mir selbst ergangen ist! Ich war nach den (auf der Sinai-Halbinsel gelegenen) Bergwerken Pharaos ausgezogen, ich war in See gestochen in einem hundertfünfzig Ellen langen und vierzig Ellen breiten Schiffe, das mit hundertfünfzig der besten Soldaten Aegyptens bemannt war. Die hatten den Himmel gesehen und hatten die Erde gesehen (waren also weit herum gezogen) und ihr Mut übertraf die Kühnheit der Löwen. Sie hatten erklärt, der Sturm werde nicht kommen und kein Schrecknis werde eintreten. Aber, als wir auf dem Meere waren, da kam der Sturm, und als wir uns (um ihm zu entgehen) dem Lande näherten, da erhob sich der Wind und hob die Wellen bis zu einer Höhe von acht Ellen. Ich riß ein Stück Holz los, aber das Schiff und alle seine Bemannung gingen zu grunde, kein Einziger von ihnen blieb übrig.

Dank einer Strömung des Meeres kam ich an eine Insel. Dort brachte ich drei Tage einsam zu, nur mein eigenes Herz leistete mir Gesellschaft. Ich schlief in einer Art Laube im Gestrüpp, wo mich das Dunkel umfng. Dann setzte ich meine Beine in Bewegung, um etwas ausfindig zu machen, das ich in meinen Mund stecken konnte. Ich fand Feigen und Trauben, allerhand vorzüglichen Schnittlauch, verschiedene[27] Früchte und allerhand Melonen, Fische und Geflügel. Kurz, es gab nichts, was nicht auf der Insel gewesen wäre. Ich sättigte mich und legte einen Teil von dem Ueberflusse, mit dem meine Hände beladen waren, auf die Erde. Dann grub ich ein Loch, machte Feuer an und richtete einen Scheiterhaufen für ein Brandopfer für die Götter her.

Da vernahm ich ein donnerndes Getöse und dachte, es sei eine Woge des Meeres. Die Bäume zitterten und die Erde erbebte. Da entblößte ich mein Angesicht (das ich vor Schrecken mit meinem Gewände verhüllt hatte) und bemerkte eine Schlange, die herankam. Sie war dreißig Ellen lang, ihr Bart war zwei Ellen lang, ihre Glieder waren mit Gold eingelegt, und sie hatte die Farbe des echten Lapislazuli. Sie machte vor mir Halt und öffnete den Mund und sprach zu mir, der ich vor ihr auf dem Bauche lag: »Wer brachte dich, wer brachte dich, du Kleiner, wer brachte dich? Zögerst du mir zu sagen, wer dich nach dieser Insel brachte, dann werde ich dir klar machen, was du (für ein kraftloses Wesen mir gegenüber) bist. Kannst du mir nicht etwas berichten, was ich bisher noch nicht hörte und was ich bisher noch nicht wußte, dann sollst du durch eine Flamme so zugerichtet werden, daß dich niemand mehr sehen kann.«

Dann nahm mich die Schlange in ihren Mund, brachte mich an ihren Ruheplatz und legte mich dorthin ohne mich zu verletzen. Ich war heil und gesund und nichts (von meinen Gliedern) war mir geraubt worden. Dann öffnete sie ihren Mund und sprach zu mir, der ich vor[28] ihr auf dem Bauche lag: »Wer brachte dich, wer brachte dich, du Kleiner, wer brachte dich zu dieser Insel, die im Meere liegt und deren Ufer durch Wogen gebildet werden?«

Da erwiderte ich der Schlange, indem ich (in ehrfurchtsvoller Stellung) meine Arme tief vor ihr herabhängen ließ, und sprach zu ihr: »Ich zog auf Befehl Pharaos nach den Bergwerken aus in einem hundertundfünfzig Ellen langen und vierzig Ellen breiten Schiffe, das mit hundertundfünfzig Matrosen bemannt war, die man aus den besten Leuten in Aegypten ausgewählt hatte. Die hatten den Himmel gesehen und hatten die Erde gesehen und ihr Mut übertraf die Kühnheit der Löwen. Sie erklärten, der Sturm werde nicht kommen und kein Schrecknis werde eintreten. (Verglich man sie untereinander so) übertraf ein jeder immer noch seinen Genossen an Herzhaftigkeit und Kraft seines Arms, kein Feiger war unter ihnen. Als wir auf dem Meere waren, da kam der Sturm, und als wir uns dem Lande näherten, da erhob sich der Wind und hob die Wellen bis zu einer Höhe von acht Ellen. Ich riß ein Stück Holz los, aber das Schiff und alle seine Bemannung gingen zugrunde, keine Einziger blieb übrig (und war bei mir) während der letzten drei Tage. Nun bin ich bei dir, denn ich wurde von einer Meereswoge nach dieser Insel gebracht.«

Da sprach die Schlange zu mir: »Fürchte dich nicht, fürchte dich nicht, du Kleiner, mache kein betrübtes Gesicht! Wenn du zu mir gelangt bist, so ist es geschehen, weil Gott dich am Leben ließ. Er brachte dich zu dieser Geisterinsel.[29] Es gibt (auf der ganzen Welt) nichts, was nicht auf dieser Insel wäre, sie ist angefüllt mit allen schönen Dingen! Siehe! Du wirst einen Monat nach dem anderen hier verbringen, bis du vier Monate auf dieser Insel verbracht haben wirst. Dann wird ein mit Matrosen bemanntes Schiff aus deinem Vaterlande kommen und du wirst mit ihnen in dein Vaterland ziehen können und wirst (einst) in deiner Vaterstadt sterben«.

»Eine Freude ist es für den, der traurige Dinge durchgemacht hat, wenn er (nach überlebtem Leid) imstande ist, seine Schicksale zu erzählen. Zu diesem Zwecke (damit du es später berichten kannst) will ich dir mitteilen, was auf dieser Insel geschieht. Ich lebe hier mit meinen Brüdern und umgeben von meinen Kindern. Im ganzen sind wir, nämlich meine Kinder und meine Brüder, fünfundsiebzig Schlangen. Dabei gedenke ich nicht eines jungen Mädchen, das mir auf zauberhafte Weise gebracht wurde. Siehe! Ein Stern fiel herab, und da kamen die Leute, die in dem Feuer (des Sternes) waren, aus ihm heraus, und das Mädchen war da. Ich war nicht bei den Feuerleuten, ich war nicht unter ihnen, denn, siehe, dann wäre ich durch die Leute umgekommen. Ich fand das Mädchen allem unter den Leichen (der Feuerleute, die aus der Sternschnuppe herauskamen und die sich wohl gegenseitig umbrachten, da keiner dem andern den Besitz des Mädchens gönnte. Von dem Mädchen ist auffallenderweise im ferneren Verlaufe des Märchens keine Rede mehr)«.

»Nun, fasse Mut, lasse dein Herz stark sein, denn du wirst deine Kinder umarmen, du wirst[30] deine Frau riechen (d.h. küssen). Du wirst dein Haus wiedersehen und solches Wiedersehen ist schöner als alle anderen Dinge, du wirst deine Heimat erreichen und in ihr in Mitte deiner Brüder weilen können.«

Da warf ich mich vor der Schlange nieder auf meinen Bauch, ich berührte den Boden vor ihr (und sagte): »Das, was ich dir auf deine Anrede zu antworten habe, ist folgendes: Ich werde dem Pharao von deiner Macht erzählen, ich werde ihm deine Größe auseinander setzen, ich werde dir Schminke, heiliges Oel, Pomade, Parfüm, Weihrauch von der Art, die man in den Tempeln verwendet und die jeden Gott zu erfreuen vermag, bringen lassen. Dann werde ich alles erzählen, was ich durch deine Güte zu schauen vermochte, und man wird dich in meiner Heimatstadt angesichts der Edlen des ganzen Landes als einen Gott preisen. Ich werde für dich Stiere schlachten und sie im Feuer verbrennen, ich werde für dich Vögel töten, ich werde Schiffe zu dir herbringen lassen, die mit allen Schätzen Aegyptens beladen sind, wie man das für einen Gott tut, der in einem fremden Lande, das die Menschen nicht kennen, weilt und die Menschen liebt.«

Da lachte die Schlange über das, was ich sagte, da sie an das dachte, was sie in ihrem Herzen wußte, und sagte zu mir: »Du bist nicht reich an Myrrhen, denn alles, was du besitzest, ist gewöhnlicher Weihrauch. Ich aber, ich bin der Fürst des Landes Punt (am südlichen roten Meer, aus dem die Aegypter ihre besseren Weihraucharten bezogen), ich habe in meinem eigenen[31] Lande Myrrhen. Nur das heilige Oel, das du mir bringen zu lassen versprachest, das ist auf dieser Insel nicht häusig. Aber (du brauchst es doch nicht zu schicken), denn, wenn du von hier fortgegangen sein wirst, dann wirst du diese Insel niemals wieder erblicken, denn sie wird sich in Wasserwogen verwandeln.«

Und siehe da! Ein Schiff kam, wie die Schlange es vorhergesagt hatte. Da ging ich hin und versteckte mich auf einem hohen Baume und erkannte diejenigen, die im Schiffe waren (als Aegypter). Nun ging ich hin, um ihr dies mitzuteilen, aber ich fand, daß sie es bereits wußte, denn sie sagte mir: »Heil, Heil, mein Kleiner, wohlauf nach Hause! Du wirst deine Kinder wiedersehen. Möge dein Name in schönem Ansehen stehen in deiner Heimatstadt; das ist es, was ich dir wünsche. Da warf ich mich vor ihr nieder auf den Boden und streckte meine Arme vor ihr aus, sie aber gab mir Geschenke: Myrrhen, heiliges Oel, Pomade, Parfüm, edles Holz, Schminke, Tierschwänze, sehr vielen Weihrauch, Elefantenzähne, Windhunde, Hundskopfaffen, Meerkatzen, allerhand schöne Schätze. Das alles lud ich auf das Schiff, dann warf ich mich auf den Bauch, um die Schlange anzubeten.« Da sprach sie zu mir: »Wohlan! In zwei Monaten wirst du dich deiner Heimat nahen, du wirst deine Kinder umarmen und später wirst du frisch in deinem Grabe weilen (mit anderen Worten: nach deinem Tode ist dir die Auferstehung und ein ewiges Leben in deinem Grabe sicher).«

Dann ging ich an das Ufer hinab zu dem Schiffe. Ich rief die Soldaten, die auf dem[32] Schiffe waren und pries am Ufer stehend den Herrn dieser Insel und mit ihm diejenigen Wesen, die auf der Insel wohnten und alles, was zu ihnen gehörte. Dann fuhren wir nilabwärts zu dem Wohnsitze Pharaos; im zweiten Monat gelangten wir zum Wohnsitz Pharaos entsprechend all den Worten, welche die Schlange gesprochen hatte. Ich ging hinein (in den Palast) zum Pharao und überreichte ihm die genannten Gaben, die ich von der Insel mitgebracht hatte. Er lobte mich angesichts der Edlen des ganzen Landes, er machte mich zu seinem Diener und ich hatte Zugang zu den Vornehmsten seiner Umgebung.

Und nun blicke auf mich, der ich Aegypten wieder erreicht habe, der ich so viel gesehen und erduldet habe. Erhöre mich, denn es ist schön, die Menschen zu erhören. Der Pharao hat mir gesagt: »Wohlan, werde ein geschickter Mensch, mein Freund,« (und es heißt doch im Sprichworte:) Man gibt doch einem Vogel nicht Wasser am Morgen des Tages zu trinken, an dem man ihn abschlachtet. (Also wird der Pharao mir auch fernerhin gnädig gesinnt sein, wenn du dich bei ihm für mich verwendest).

So ist denn (dieses Märchen) vollendet von seinem Anfange bis zu seinem Ende, wie man es in einem (alten) Buche vorgefunden hat. Es schrieb es aber hier nieder ein Schreiber mit geschickten Fingern, namens Ameni-amenâa, dem Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge!

Quelle:
Wiedemann, Alfred: Altägyptische Sagen und Märchen. Leipzig: Deutsche Verlagsactiengesellschaft, 1906, S. 24-33.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Das neue Lied und andere Erzählungen 1905-1909

Das neue Lied und andere Erzählungen 1905-1909

Die Sängerin Marie Ladenbauer erblindet nach einer Krankheit. Ihr Freund Karl Breiteneder scheitert mit dem Versuch einer Wiederannäherung nach ihrem ersten öffentlichen Auftritt seit der Erblindung. »Das neue Lied« und vier weitere Erzählungen aus den Jahren 1905 bis 1911. »Geschichte eines Genies«, »Der Tod des Junggesellen«, »Der tote Gabriel«, und »Das Tagebuch der Redegonda«.

48 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon