Der Sohn des Sultans und der Sohn des Kaufmanns.

[88] Der Sohn eines Sultans und der Sohn eines Kaufmanns waren gute Freunde. Sie machten ihre Gänge gemeinschaftlich und spielten immer zusammen.

Eines Tages kam ihnen in den Sinn, einen grossen Fischzaun1 am Strande zu errichten. Als derselbe fertig war, gingen sie nach Hause. Jeden Morgen kehrten sie dahin zurück, um nach den Fischen zu sehen. Wenn sie Fische vorfanden, pflegte des Sultans Sohn die schönsten für sich zu nehmen. Das gefiel dem Sohn des Kaufmanns nicht, denn sie trugen die Unkosten zu gleichen Teilen, jeder hatte die Hälfte des Geldes dazu beigetragen. Der Kaufmannssohn dachte bei sich: »Wir haben zwar nur zum Zeitvertreib die Fische gefangen, wir wollen sie nicht verkaufen, denn wir haben Geld, wir wollen keinen Fischhandel betreiben, aber trotzdem, wie stelle ich es nur an, dass wir den Ertrag des Fischzaunes teilen?« Er sprach zu dem Sohne des Sultans: »Lass uns den[88] Fischzaun zur Hälfte teilen, so dass jeder seinen Teil hat; wenn dann in den meinigen mehr Fische hineinkommen, so ist es mein Glück, kommen in den Deinigen mehr, so ist es Dein Glück.« Der Sultanssohn willigte ein und sie teilten den Zaun.

Der Kaufmannssohn hatte Glück mit seinem Zaun, es gingen viele Fische hinein. In denjenigen des Sultanssohnes kamen nur wenig. Als der Sultanssohn merkte, dass in den Zaun des Kaufmannssohnes viele Fische kamen, wurde er neidisch, stand Morgens früher auf als der Sohn des Kaufmanns und ging hin und nahm die Fische desselben heraus und brachte sie auf seine Seite. Wenn dann der Sohn des Kaufmanns kam, fand er nur wenig Fische vor, aber dort bei dem Sultanssohn waren viele.

Da kam ein Mann und sagte dem Sohn des Kaufmanns: »Dein Zaun fasst mehr Fische, aber der Sultanssohn steht gewöhnlich früher auf, kommt hierher und stiehlt die Deinigen.« Das hörte der Kaufmannssohn und er sprach: »Ich habe keine Lust, mich mit meinem Freunde der Fische wegen zu zanken. Schon das erste Mal, als ich zu ihm sprach, gefiel es mir nicht, Fische von meinem Freunde, dem Sultanssohn, zu verlangen.« Er kümmerte sich nicht mehr um den Fischzaun, ging seiner Wege und übergab ihn einem andern. Dann sprach er zu seinem Freunde: »Ich mag den Fischzaun jetzt nicht mehr.« Der Sultanssohn ahnte nicht weshalb. Aber auch er liess alsbald seinen Fischzaun liegen.

So lebten sie viele Tage dahin, ohne zu spielen. Eines Tages sprach der eine: »Wir wollen Karten spielen im Kaffeehause.« Sie gingen in ein Kaffeehaus und trafen vier Leute beim Kartenspiel an. Sie traten dem Spiele bei.[89]

Während sie spielten, überlegte der Sultanssohn: »Was kann ich meinem Freunde wohl sagen, damit er sich gekränkt fühle?« Dann nahm er den König und warf ihn auf das Spielbrett und sprach: »Der König gilt mehr.« Diese Worte musste der Kaufmannssohn so und so oft während des Spiels hören, und das kränkte ihn. »Warum« sagt dieser »der König gilt mehr?« Er stand ganz betrübt auf und ging weg.

Als er nach Hause kam, schaute ihn sein Vater an und merkte sofort, dass er beleidigt worden war. »Was hast Du gethan, mein Sohn? Worüber hast Du Dich geärgert?« Er sprach: »Ich habe nichts gemacht.« »So ärgere Dich nicht, mein Sohn! Warum hast Du Dich geärgert? Was wünschest Du? Mein Sohn, Du hast Geld; alles was Du wünschest, bekommst Du, weshalb bist Du noch betrübt?« Er erwiderte: »Nein, deshalb bin ich nicht betrübt, mein Freund hat mich geärgert. Wir haben Karten gespielt und jedes Mal, wenn wir spielten, nahm er den König, warf ihn auf das Spielbrett und sprach: ›Der König gilt mehr.‹« Sein Vater sprach: »Das ist es also, was Dich ärgert? Das nächste Mal nimm das Ass und sage ihm: ›Reichtum ist die Leiter.‹«2

Sie spielten wieder Karten. Als der Sultanssohn spielte und sagte: »Der König gilt mehr«, da warf der andere das Ass auf das Spielbrett und sagte: »Reichtum ist die Leiter.« Der Sultanssohn erschrak und sagte: »Wie kommt es, dass Du zu mir sagst, Reichtum ist die Leiter, die zu allem führt?« Er erwiderte dem Sultanssohn; »Warum sagst Du zu mir, ›der König gilt mehr?‹« Dieser[90] sprach: »Ich bin ein König, ich kann machen, was ich will.« Die Leute, welche zugegen waren, erschraken und sprachen: »Wartet, wir wollen Euch versöhnen.« Sie hörten beide darauf, und die Leute brachten die Versöhnung zu stände und sie vertrugen sich wieder.

Sie spielten ein anderes Mal. Der Sultanssohn spielte wieder den König und sprach: »Der König gilt mehr.« Der Kaufmannssohn spielte und warf ihm das Ass zu und rief sich brüstend: »Reichtum ist die Leiter.« Der Sultanssohn sprach: »Warum sagst Du,« »Reichtum ist die Leiter?« Er entgegnete ihm und sprach: »Warum sagst Du,« »der König gilt mehr?« Da erwiderte jener; »Ich kann in diesem Lande Recht sprechen und in jedem andern.« »Und ich kann machen, was ich will«, sprach dieser, »denn ich besitze Vermögen. Ich kann sogar Deine Schwester heiraten.« Da sprach der Sultanssohn zu ihm: »Du kannst meine Schwester nicht heiraten.« »Ich kann Deine Schwester wohl heiraten«, entgegnete der Kaufmannssohn. Der Sultanssohn lachte ihn aus und sprach: »Ein Kaufmann kann nie die Tochter eines Sultans heiraten.«

Sie stritten und stritten, bis sie schliesslich folgende Bedingungen vereinbarten. Der Sultanssohn sprach zu dem Kaufmannssohn: »Wenn Du im stände bist, meine Schwester zu heiraten, so soll mein Land und meine Sultanswürde auf Dich übergehen und Du sollst regieren.« Der Kaufmannssohn sagte: »Wenn Du meine Schwester wirst heiraten können, so soll mein ganzes Vermögen Dir gehören.« Sie holten Zeugen herbei, jeder von denselben unterschrieb als Zeuge und sie nahmen ihre Schriftstücke an sich. Sie vertrugen sich zunächst wieder und gingen dann ihres Weges.[91]

Der Sultanssohn liess sich ein Schiff bauen, er wollte zu seinem Vergnügen reisen. Seinem Freunde hatte er nichts davon gesagt. Es dauerte so und so viele Tage bis das Schiff fertig war und drei Tage später wollte er abreisen. Da kam jemand und sagte zu dem Kaufmannssohne: »Hast Du erfahren, wann Dein Freund abreisen will?« Der Kaufmannssohn war sehr erstaunt und fragte ihn: »Welcher von meinen Freunden?« Er erwiderte: »Der Sohn des Sultans.« Jener sprach: »Ich habe nichts vernommen, dass er reisen will, von wem hast Du es gehört?« Er antwortete: »Ich weiss es schon lange, er hat ein Schiff gebaut und will zu seinem Vergnügen reisen, morgen lässt er es vom Stapel und übermorgen reist er ab.«

Das kränkte den Kaufmannssohn und er stand auf und ging zu seinem Vater. Als sein Vater sah, dass seine Augen ein verändertes Aussehen hatten, erkannte er sofort, dass er gekränkt worden. Der Sohn begab sich in sein Zimmer und weinte sehr. Er blieb da bis zur Essenszeit, da fragte sein Vater: »Wo ist mein Sohn?« Man antwortete: »Dein Sohn ist dort in seinem Zimmer.« Er stand auf, ging nach seinem Zimmer hin, fand aber den Riegel von innen vorgeschoben. Er rief ihm zu: »Mein Sohn, öffne die Thüre.« Er stand auf und öffnete. Der Vater sprach zu ihm: »Was fehlt Dir, bist Du krank?« Er erwiderte: »Nein, ich bin gesund.« Der Vater sprach: »Sage mir die Wahrheit.« Sein Sohn antwortete: »Vater, ich bin gesund, aber ich habe ein Anliegen; wenn Du mich wirklich lieb hast, werde nicht böse.« Er fragte: »Was willst Du denn, mein Sohn?« Er sagte: »Der Sohn des Sultans hat ein Schiff bauen lassen, er will auf Reisen gehen, aber mir hat er nichts davon gesagt; wohlan, mein Vater, wenn Du mich wirklich[92] liebst, so möchte ich von heute auf morgen ein Schiff haben und übermorgen früh damit abreisen.« Der Vater erwiderte: »Ist es nur das? Ist es das, was Dich ärgert? Lass genug sein, ärgere Dich nicht, stehe auf und gehe zum Essen; wenn Du willst, soll das Schiff bis morgen fertig sein.«

Sein Vater machte sich auf, begab sich auf seine Pflanzungen und versammelte alle seine Leute und sprach zu ihnen: »Ich will ein Schiff haben, bis morgen soll es fertig sein, damit mein Sohn reisen kann.« Und zu dem Meister sprach er: »Wenn Du es bis morgen fertig bringst, gebe ich Dir, damit Du eigenen Handel treiben kannst, was Du Dir wünschest.« Sie machten sich daran und bauten das Schiff. Am nächsten Tage war es beendigt. Der Sultanssohn hatte nichts davon erfahren. Es wurde Ladung eingenommen von allem, was es nur gab, ebenso alle Sorten von Proviant. Sie liessen das Schiff vom Stapel und der Kaufmannssohn reiste ab. Der Sultanssohn erfuhr nun, dass der Sohn des Kaufmanns ein Schiff in einem Tage hatte bauen lassen und am nächsten Tage abgereist sei. Daher befahl er sofort seinen Leuten, sein Schiff vom Stapel zu lassen, Proviant und Kohlen einzunehmen und seinem Freunde zu folgen.

Er traf ihn auf dem Meere. Als er ihn traf, stieg er zu ihm an Bord und sprach zu ihm: »Bitte, lass uns nebeneinander fahren.« Und weiter sprach der Sultanssohn: »Bitte, wir wollen auch zusammen essen.« Der Kaufmannssohn erwiderte: »Ja, aber einen Tag essen wir bei mir, den andern bei Dir.« An den Tagen, an welchen sie bei dem Sultanssohn assen, gab es keine schönen Speisen, aber wenn sie bei dem Kaufmannssohn assen, da wurden alle Sorten guter Gerichte gekocht.[93]

Als sie so und soviele Tage auf See waren, ging dem Kaufmannssohne sein Proviant zu Ende. Er sprach zu dem Sultanssohn: »Bitte, überlass mir die Hälfte von Deinem Proviant für mein Schiff gegen Zahlung, denn mein Proviant geht zu Ende.« Der Sultanssohn weigerte sich jedoch, dem Sohn des Kaufmanns etwas abzugeben. Dieser konnte zuerst die Speisen der Matrosen nicht essen, aber schliesslich hielt er es standhaft aus und ass die Speisen derselben. Am dritten Tage, nachdem er ihm gesagt, dass der Proviant zu Ende ginge, gingen auch die Kohlen aus und er sprach zu dem Sultanssohne: »Gieb mir etwas Kohlen ab, meine sind zu Ende.« Jener erwiderte: »Ich gebe Dir nichts«, und fuhr davon. Der Sohn des Kaufmanns musste mit gehisstem Segel weiterfahren. Der Sultanssohn aber kehrte schnell in seine Heimat zurück. Bei sich dachte er: »Der Sohn des Kaufmanns wird dem Hunger erliegen.«

Als er ankam, sagte er: »Der Sohn des Kaufmanns ist gestorben; er trug mir noch auf, bevor er starb, dass ich seine Schwester heirate.« Die Schwester desselben sagte jedoch: »Nein, ich heirate keinen Sultanssohn.« Dieser sprach: »Ich werde Dich heiraten, denn Dein Bruder hat Dich mir vermacht.« Die Schwester weigerte sich und sprach: »Du heiratest mich nicht, ich werde meinesgleichen, einen Kaufmannssohn, heiraten.« Der Sultanssohn erwiderte ihr: »Wenn Du bis morgen nicht mit Dir zu Rate gegangen bist, dass ich Dich heirate, so wirst Du übermorgen mein Land verlassen und Dein Vermögen werde ich an mich nehmen.«

Am nächsten Tage kam der Sohn des Kaufmanns plötzlich an. Als er in den Hafen eingelaufen war,[94] fragten ihn die Leute: »Hast Du dem Sultanssohn gesagt, dass er Deine Schwester heirate?« Er antwortete: »Nein, das habe ich ihm nicht gesagt.« Die Leute fuhren fort: »Der Sohn des Sultans hat bei seiner Rückkehr gesagt, Du seiest gestorben und habest ihm kurz vor Deinem Tode als Vermächtnis hinterlassen, dass er Deine Schwester heirate.« Er erwiderte: »Er ist ein Lügner.«

Der Richter liess den Sohn des Sultans holen und sprach zu ihm: »Warum hast Du vor dem Gesetze gelogen und gesagt, der Sohn des Kaufmanns sei gestorben, und er habe Dir als Vermächtnis hinterlassen, dass Du seine Schwester heiratest?« Er erwiderte: »Er hat mir nichts gesagt, es ist nur mein Wunsch, seine Schwester zu heiraten.« Der Sohn des Kaufmanns sprach darauf zu dem Richter: »Sage dem Sohne des Sultans jetzt, ich habe ihm verziehen, denn ich verstehe die Klugheit seiner Handlung.« Und er verzieh ihm.

Der Sohn des Kaufmanns begab sich nun nach Hause, schrieb einen Brief, schickte denselben der Schwester des Sultanssohnes und bat, sich um sie bewerben zu dürfen. Dieselbe liebte bereits den Kaufmannssohn und liess ihm die Antwort zukommen: »Ich willige ein, aber ich will nicht, dass jemand es erfährt, bis wir den Bund schliessen; wenn sie es dann erfahren, so ist es gut, das hat nichts zu sagen.«

Am nächsten Tage antwortete sie ihm mit einem Briefe und sagte ihm: »Uebermorgen gehe ich auf mein Landhaus, um mich zu erholen, komme dahin und bringe den Richter mit, damit er unsern Bund schliesse.«

Am nächsten Tage liess sie Wagen und Pferde herrichten und fuhr mit ihrem Gefolge nach dem[95] Landhause. Der Sohn des Kaufmanns begab sich ebenfalls dahin. Sie bereiteten ein grosses Fest und assen. Der Kaufmannssohn traf mit der Schwester des Sultanssohnes zusammen und er rief den Richter herbei und dieser schloss ihren Ehebund.

Der Kaufmannssohn kehrte bald darauf nach Hause zurück und rief den Sultanssohn und sprach zu ihm: »Ich habe Deine Schwester geheiratet.« Dieser erwiderte: »Du bist ein Lügner, Du kennst meine Schwester gar nicht.« Er antwortete: »Ich kenne sie.« »Wie heisst sie denn?« fragte jener. Er antwortete: »Ihr Name ist Fatuma.« Da stutzte der Sultanssohn und die Angst überkam ihn und er sprach: »Ich glaube Dir noch nicht, bringe mir Zeugen, die zugegen waren, als Du die Ehe geschlossen hast.« Er liess den Richter und drei Zeugen rufen. Als der Sultanssohn sie fragte, sagte der Richter: »Deine Schwester hat den Sohn des Kaufmanns geheiratet.« Und die Zeugen gaben ihr Zeugnis eben dahingehend ab. Da vernichtete er sein Schriftstück mit den aufgesetzten Bedingungen. Und der Kaufmannssohn sprach zu ihm: »Hebe Dich weg aus meinem Lande, Deine Herrschaft ist abgethan.«

1

Ein Zaun am Meeresstrande, in welchen die Flut die Fische hineintreibt, so dass sie bei Ebbe nicht wieder hinaus können und dann gefangen werden.

2

D.h. der Weg, das Mittel, durch das man alles erreichen kann.

Quelle:
Velten, C[arl]: Märchen und Erzählungen der Suaheli. Stuttgart/Berlin: W. Spemann, 1898, S. 88-96.
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