Die Geschichte von den zwei Frauen

Die Geschichte von den zwei Frauen.
Eine Kaffernerzählung.

[163] Es war einmal ein Mann, der zwei Weiber hatte. Die eine Frau hatte keine Kinder, und ihr Mann liebte sie darum weniger als die andere, welche ihm eine Tochter, die sehr schwarz war, geschenkt hatte, außerdem noch verschiedene andere Kinder; aber die waren Krähen. Numbakatali, so hieß die Frau, welche keine Kinder hatte, war meist traurig und niedergeschlagen; gar oft ging sie allein auf das Feld und weinte von Herzensgrund. Einstmals war sie in ihrem Garten und bestellte unter Tränen das Land, als zwei weiße Tauben sich nahe bei ihr niederließen.

Die eine sprach zur anderen:[164]

»Frage doch diese Frau, warum sie weint?«

Da fragte die Taube nach der Ursache ihres Kummers.

Sie erwiderte:

»Ich habe keine Kinder; deshalb liebt mich mein Mann weniger als die andere Frau, die eine Tochter hat und noch andere Kinder, die aber Krähen sind; sie kommen, lachen mich aus und essen mein Korn.«

Die Taube sprach:

»Gehe heim, nimm zwei irdene Töpfe und bringe sie hierher.«

Numbakatali ging und holte die Töpfe.

Darauf pickten die Tauben an den Knien der Frau, bis das Blut aus ihnen floß; dieses fingen sie in den Töpfen auf. Nachdem das Weib den Tauben Korn zum Fressen gegeben hatte, flogen sie davon und Numbakatali trug die Töpfe heim in ihre Hütte und versteckte sie sorgsam in eine Ecke. Von nun an kamen die Tauben täglich, um sich füttern zu lassen, und sagten der Frau jedesmal, sie solle in die Töpfe gucken, um zu sehen, was darin sei. Schließlich, als sie eines Tages wieder nachsah, fand sie zwei Kinder, ein Mädchen und einen Knaben, und beide waren von wunderbarer Schönheit. Die Frau war hocherfreut; aber sie erzählte niemandem von den Kindern. Als diese nun etwas herangewachsen waren, machte sie ihnen einen hübschen Platz in der Hütte zurecht; dort mußten sie bleiben; denn ihre Mutter wollte sie niemandem zeigen. Stets, wenn sie ausging, befahl sie ihnen, unter keiner Bedingung das Haus zu verlassen. So kam es, daß außer ihr und einer Dienstmagd niemand von dem Vorhandensein der Kinder etwas wußte; denn ihr Mann kam niemals zu ihr. Eines Tages jedoch, als die Kinder ziemlich[165] herangewachsen waren und die Frau an den nahen Fluß gegangen war, sprach der Knabe zu dem Mädchen:

»Komm', laß uns gehen und unserer Mutter Wasser tragen helfen.«

Noch hatten sie den Fluß nicht erreicht, als ihnen eine Gesellschaft junger Männer begegnete. Unter ihnen war der Sohn eines mächtigen Häuptlings, der war in das Land gekommen, um sich nach einem hübschen Mädchen umzusehen, das er zum Weibe nehmen würde. Der Name dieses jungen Mannes war Breitbrust; denn er war schön und kräftig gewachsen und hatte eine gewölbte breite Brust, die glänzendes Metall war. Die Männer blieben stehen, als sie die Geschwister kommen sahen, und baten den Knaben um einen Trunk Wasser; aber der Sohn des Häuptlings wollte nur aus des Mädchens Hand das Wasser nehmen; denn ihre Schönheit hatte es ihm angetan; und als sie fortging, paßte er wohl auf, um zu sehen, in welche Hütte sie gehen würde. Dann ging er heim zu seines Vaters Land, um sich von seinem Viehherden die schönsten Tiere zu holen, die er dem Vater des Mädchens zur Morgengabe bot und sprach:

»Gib mir deine Tochter zum Weibe; nimm für sie diese Kühe und Ochsen, die ich von meinen Herden gewählt habe, und wenn du mehr haben willst, so sage es mir.«

Darauf befahl der Mann seiner Tochter, die schwarz war wie Ebenholz, zu kommen, und gab sie dem jungen Freier. Der jedoch sagte:

»Diese ist es nicht, von der ich sprach; das Mädchen, welches ich sah, war heller in der Haut und schöner als diese deine Tochter.«

»Eine andere Tochter habe ich nicht,« erwiderte der Mann; »denn meine übrigen Kinder sind Krähen.«[166]

Da rief der Mann seine beiden Weiber und befragte sie vor dem Häuptlingssohne, ob sie etwas wüßten von einem wunderbar schönen Mädchen, welches von heller Hautfarbe sei. Die Frauen versicherten, ihnen sei nichts bekannt von einem solchen Mädchen. Aber die Dienstmagd ging hernach im geheimen zu Numbakatalis Manne und sagte ihm die Wahrheit. Gegen Abend ging er daher in die Hütte der Frau, um die er schon lange sich nicht mehr gekümmert hatte, und fand bei ihr die Geschwister, die seine Kinder waren. Am anderen Morgen ließ der Mann eine neue Matte vor die Tür der Hütte legen, gebot seinem Weibe, den Geschwistern und der Dienstmagd sich darauf niederzusetzen und rief den jungen Häuptlingssohn. Kaum sah dieser das Mädchen, so rief er aus:

»Diese ist es, die ich zur Frau begehre.«

Darauf blieb er den Tag über dort; aber am Abend ging er wieder heim, holte noch mehr von dem Vieh seiner Herden und gab auch dies noch dem Vater des Mädchens, welches er sehr lieb hatte. Die Frau, deren Tochter so sehr dunkel war, sah, was vor sich ging und war sehr neidisch; denn sie wußte gar wohl, daß ihre Tochter nicht schön war, und daß kein Mann soviel Vieh für sie je zahlen würde als jetzt für das Kind Numbakatalis gegeben wurde. Da sie auf jeden Fall nicht zurückstehen wollte, so tat sie ihr möglichstes, ihre Tochter durch reiche Kleider zu verschönen, immer in der Hoffnung, daß der reiche Freier sie auch zum Weibe nehmen würde. Der Name dieses Mädchens war Malungulaza, d.h. Schwester der Krähen; des anderen Mädchens Name war Mbulukazi, weil sie stets ein Kleid trug, das aus dem weichen Fell des Mbulu gemacht war. Malungulazas Mutter bestürmte ihren Mann mit Bitten, er solle Mbulukazi doch ja nicht ihrem Freier zum Weibe geben, wenn er nicht[167] auch ihre Tochter heiraten wolle. So kam es, daß der junge Mann schließlich einwilligte und beide Schwestern zu seinen Frauen machte. Ehe sie das Land verließen, bekam jede von ihrem Vater einen Ochsen zum Geschenk; Mbulukazi einen schönen, jungen und Malungulaza ein altes, schwaches Tier. So zogen beide denn mit ihrem Manne, und als sie an ihrem neuen Wohnorte anlangten, gab ihr Mann jeder eine Hütte; Mulungulaza mußte aber mit einer zerbrochenen, alten vorlieb nehmen, während für Mbulukazi eine schöne, neue Hütte gebaut wurde. Malungulaza aber ergrimmte und wurde eifersüchtig und neidisch, so daß sie ihrer Schwester nach dem Leben trachtete. Lange sann sie darüber nach, wie sie es wohl am klügsten anfangen könne, Mbulukazi zu töten, ohne daß der Verdacht auf sie fallen könne. Endlich hatte sie einen Plan sich zurechtgelegt. Sie sprach eines Tages zu ihrer Schwester:

»Ich habe gehört, unser Vater sei sehr krank und man glaube, er werde sterben. Es ist daher nur richtig von uns, zu gehen und ihn noch einmal vor seinem Ende zu sehen.«

»Laß uns gehen,« sprach Mbulukazi, und beide machten sich auf den Weg. Ihr Pfad führte sie an einem steilen Abhang entlang, an dessen Fuß ein tiefer See war. Malungulaza legte sich dicht an den Rand des Felsens und gab vor, sie sehe etwas ganz Außergewöhnliches in der Tiefe, das sie ihrer Schwester zeigen müsse. Kaum aber hatte diese sich nieder gelegt, als Malungulaza schnell aufsprang und sie mit geschicktem Stoß in die Tiefe stieß. Dann kehrte das böse Weib heim zu ihrem Manne und erzählte ihm, Mbulukazi sei noch bei ihrem Vater geblieben.

Am folgenden Tage lief der Ochse der Ermordeten[168] laut blökend durch das ganze Dorf, blieb schließlich vor der Hütte Malungulazas stehen und stieß mit seinen Hörnern so lange an dem alten, zerbröckelten Bauwerk, bis es einfiel. Das wunderbare Gebaren des Tieres erregte die Aufmerksamkeit der Leute, und sie sprachen untereinander:

»Was will der Ochse uns sagen? So wild hat er sich noch nie gebärdet!«

Als das Vieh nun spornstreichs zu dem See bei dem Felsen lief, gingen die Männer des Dorfes ihm nach und sahen, wie der Ochse schnüffelnd an dem Ufer entlang ging und schließlich in das Wasser sprang, untertauchte und gleich darauf mit dem leblosen Körper Mbulukazis wieder zum Vorschein kam. Sanft legte er sie auf weiches Gras und leckte sie so lange am Gesicht und am Körper, bis sie zu neuem Leben erwachte. Sobald sie kräftig genug war, erzählte sie, was sich begeben hatte.

Als Breitbrust erfuhr, wie schändlich Malungulaza an Mbulukazi gehandelt hatte, ward er sehr zornig und verließ das böse Weib.

»Denn,« sprach er, »ich habe dich gar nicht zum Weibe begehrt; nur weil deine Mutter darauf bestand, daß ich dich heiraten solle, habe ich es getan. Nun aber kehre zurück zu deines Vaters Kraal!«

Da zog Malungulaza beschämt von dannen; aber Mbulukazi blieb bis an ihr Lebensende die Hauptfrau ihres Mannes Breitbrust.

Quelle:
Held, T. von: Märchen und Sagen der afrikanischen Neger. Jena: K.W. Schmidts Verlagsbuchhandlung, 1904, S. 163-169.
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