56. Das Mädchen im Kasten

[258] Es war einmal eine arme alte Frau, die hatte einen Sohn. Als er herangewachsen war, sprach sie zu ihm: »Mein Sohn, wir sind kleine Leute; jetzt, wo du erwachsen bist, mußt du dich umsehen, einen Dienst zu finden, damit wir leben können; denn ich kann dir nicht mehr zu essen geben.« Der Sohn sah ein, daß seine Mutter recht hatte, und sagte zu ihr: »Mütterchen, für schwere Arbeit bin ich nicht; aber wir wollen meinem Paten schreiben, der Kaufmann in Smyrna ist, er solle mich aufnehmen, damit ich gut leben kann und auch dir schicken kann, daß du durchkommst.« Also schrieben sie an den Paten, und der war von ganzem Herzen einverstanden, den Jüngling aufzunehmen. Die Mutter machte ihm Kleider und schickte ihn mit einem Schiffe nach Smyrna. Als er zu seinem Paten kam, nahm der ihn freundlich auf und stellte ihn in seinem Laden an; und da er ledig war, gab er ihm Geld, und der Jüngling ging einkaufen und kochte das Essen.

Eines Tages, als er in der Ladentür saß, sah er einen Lastträger, der einen Kasten trug und rief: »Ich verkaufe diesen Kasten; wer ihn kauft, wird es bereuen, und wer ihn nicht kauft, wird es auch bereuen.« Als der Jüngling das hörte, dachte er: »Was sagt der Mann da? Was ist das mit dem Kasten? Ich will ihn nehmen«; und sprach zu dem Lastträger: »Für wieviel gibst du den Kasten?« Der antwortete: »Für fünfhundert Piaster.« Der Jüngling hatte so viel Geld nach und nach von seinem Lohn erspart, gab es dem Lastträger und bekam den Kasten; den stellte er ohne Wissen seines Paten in einen Winkel des Ladens.

Am folgenden Tage war Sonntag, und der Jüngling machte sich auf und ging einkaufen; darauf ging er in die Kirche und dachte bei sich: »Wenn ich aus der Kirche komme, gehe ich und bereite das Essen.« Als er aus der Kirche nach Hause[259] kam, fand er das Essen fertig, und zwar so gut, wie es der beste Koch nicht hätte machen können, und er sprach bei sich: »Sieh an, der Pate hat selbst das Essen bereitet, als ich nicht da war.« Sowie der Pate kam, richteten sie an und setzten sich zum Essen; und der Pate, als er das gute Essen sah, sprach zu Konstantin – so hieß der Jüngling: »Mein Sohn, ich wette, heute hat nicht einmal der König ein so gutes Essen. Du bist der beste Koch im Lande geworden.« Der Jüngling aber dachte bei sich: »Aha! Der Pate hat das Essen selbst bereitet und jetzt neckt er mich«, errötete ein wenig und schwieg.

Am nächsten Tage kaufte er wieder ein, Fische, ließ sie zu Hause und ging in den Laden; sobald die Mittagszeit käme, wollte er wiederkommen und sie kochen. Als er dann seine Geschäfte erledigt hatte, ging er nach Hause und fand die Fische gekocht, und zwar so schön, daß die ganze Nachbarschaft davon duftete. »Aha,« dachte er, »der Pate hat wieder meinen Dienst verrichtet.« Der Pate kam zu Mittag, sie setzten sich zum Essen, und ihm gefiel das Essen so gut, daß er nicht wußte, wie er den Jüngling loben sollte.

Da nun der Jüngling sah, daß sein Pate tat, als wisse er von nichts, geriet er in Zweifel; am nächsten Tage ging er wieder einkaufen und trug es nach Hause, aber anstatt in den Laden zu gehen, versteckte er sich in einem Schrank. Da sah er, wie aus dem Kasten ein Mädchen heraus kam, so schön, daß das ganze Haus von ihrer Schönheit erglänzte. Sowie sie draußen war, schürzte sie sich und fing an zu kochen. Von ihrem Anblick wurde er so hingenommen, daß er sich nicht halten konnte; er kam leise heraus, fiel ihr zu Füßen und sprach: »Bist du ein Engel oder ein Mensch, wie du hier stehst?« Sie antwortete: »Ich bin ein Mensch, fürchte dich nicht! Als ich in dies Land kam, sah ich dich und verliebte mich in dich, weil du so schön bist. Ich bin die Tochter des Königs von Ägypten, und eines Tages, als ich nach Smyrna gekommen war, um dort den Sommer zuzubringen, sah ich dich und liebte dich sehr. Als ich wieder zu meinem[260] Vater nach Ägypten kam, wollte er mich verheiraten; da ich aber dich liebte und wußte, daß mein Vater mich dir niemals geben würde, sagte ich zu ihm: Ich will mich nicht verheiraten. Da wurde er zornig und befahl einem seiner Leute, mich in einen Kasten zu stecken und mich heimlich weit von Ägypten zu verkaufen. Ich sagte aber dem Manne, er solle mich nach Smyrna bringen und mich an dich verkaufen. Nun wollen wir warten und sehen, was mein Vater tun wird, denn er hat kein andres Kind.«

Als Konstantin so erfuhr, daß das Mädchen eine Königstochter sei, fiel er ihr zu Füßen, sie aber hob ihn auf und küßte ihn, und sie heirateten sich heimlich, ohne daß der Pate es wußte. Am andern Tage suchte Konstantin ein Schiff und sprach zu dem Kapitän: »Ich werde dir einen Kasten geben; auf den gib gut acht, wie auf deinen Augapfel und bringe ihn meiner Mutter.« So gab er ihm den Kasten, und der Kapitän brachte ihn zu Konstantins Mutter mit einem Brief, den er geschrieben hatte, daß in dem Kasten seine Frau sei. Die Mutter nahm sie freundlich auf und liebte sie sehr.

Eines Tages stand ein Jude vor dem Hause der Alten, und als er das schöne Mädchen sah, ergriff ihn die Versuchung, sie zu gewinnen, und eines Tages, als er sah, daß sie unter die Tür trat, kam er mit Waren zum Kauf; aber als das Mädchen ihn sah, ging sie hinein. Der Jude kam nun Tag für Tag vorbei, um sie zu sehen; sie verbarg sich; er schickte Leute, die mit ihr reden sollten, sie aber wies sie ab. Da wurde der Jude ärgerlich und schrieb einen Brief an Konstantin: »Deine Frau läßt ohne Wissen deiner Mutter alle jungen Männer ins Haus und ist ein schlechtes Weib.« Als Konstantin das vernommen hatte, geriet er in so großen Zorn, daß er sogleich Smyrna verließ und zu seiner Mutter ging. Das Mädchen sah ihn vom Fenster aus, kam schnell herab, machte die Tür auf und küßte ihn. Dort bei der Tür floß ein großer Strom vorbei. Als nun die Tür aufging und Konstantin seine Frau sah, ward er so zornig, daß er nicht[261] abwartete sie zu fragen, ob es wahr wäre, was der Jude ihm geschrieben hatte, sondern er packte sie gleich und warf sie in den Fluß. Darauf ging er hinein zu seiner Mutter und fragte sie über die Frau. Die erzählte ihm dann, was der Jude gemacht hatte um die Frau zu bekommen, daß die ihn aber verhöhnt habe. Da war Konstantin nahe daran, sich das Leben zu nehmen, ging aber zum Flusse und stellte Leute an nachzusehen, ob seine Frau ertrunken sei; doch nirgends entdeckte man sie. Da wandte er sich ab und floh wie wahnsinnig ins Weite.

Als das Mädchen in den Fluß fiel, hatten Fischer ihre Netze ausgeworfen, zogen sie halbtot heraus und hüllten sie in einen Mantel. Dort kam ein Türke vorbei und fragte die Fischer, ob sie keine Fische hätten. Sie antworteten, sie hätte nichts gefangen, nur eine Frau. Als der Türke sie sah, gewann sie sein Herz, und er kaufte sie von den Fischern für fünfzigtausend Piaster. Als sie zu sich gekommen war, sah sie neben sich einen Türken; dann erinnerte sie sich, was sie erlitten hatte und sprach zu dem Türken: »Was willst du jetzt mit mir machen? Wenn du mich nimmst und es sieht mich ein andrer, der stärker ist als du, so wird der mich nehmen. Aber weißt du, was wir tun wollen? Gib mir Kleider von dir, daß ich mich als Mann anziehen kann, so daß keiner mich als Frau erkennen kann; so kannst du mich behalten.« Er willigte ein, sie nahm seine Kleider, trat hinter einen Busch und kleidete sich um. Dort stand das Pferd des Türken, und als sie sich umgekleidet hatte, stieg sie auf und sprengte davon. Der Türke merkte, daß sie lange brauchte und ging nachsehen; fort war sie. Da ging der Arme auch von dannen, noch dazu halb nackt und ohne Pferd.

Sie nun ritt Stunde um Stunde von Berg zu Berg, bis sie in der Nacht, ohne es zu wissen, nach Ägypten kam, dem Lande, wo ihr Vater gebot. Da die Tore der Hauptstadt verschlossen waren, und es schneite und regnete, sank sie draußen vor dem Tore nieder. Nun war in Ägypten in den Tagen der König gestorben, und da er keinen Thronfolger hinterlassen[262] hatte, versammelten sich die Minister und sandten aus, die Tochter des Königs zu suchen, die verloren gegangen war, wie der König fälschlich gesagt hatte. So suchten sie einige Tage, fanden sie aber nicht, und da das Land einen König brauchte, sprachen sie: »Da einmal kein Kind aus dem Blut des Königs vorhanden ist, so soll man nach dieser schlimmen Nacht voll Schnee und Kälte, in der einer, der draußen liegt, umkommen müßte, den zum König machen, den man zuerst außerhalb des Tores der Hauptstadt findet.« Am andern Morgen nun sah das Mädchen, das von gar nichts wußte, als Mann gekleidet und halbtot vor Kälte war, wie sich das Tor auftat und die Zwölf herauskamen. Da stieg sie gleich zu Pferd und hielt sich zur Seite, um sie vorbeizulassen. Sie aber, als sie einen schönen jungen Mann sahen, fielen ihm zu Füßen, brachten ihn in den Palast und setzten ihn zum König ein.

Da sie weise war und niemand wußte, daß sie eine Frau war, regierte sie das Königreich so gut, daß alle sie liebten wie den lieben Gott, und sie war bei dem Volk so beliebt, daß man ihr Bild an allen Quellen des Landes anbrachte, damit es alle sähen, die kämen Wasser zu schöpfen. Nun befahl das Mädchen heimlich ihren Leuten, sie sollten auf jeden achten, der käme Wasser zu holen, und wenn sie einen bemerkten, der seufze, sobald er ihr Bild sähe, den ergreifen und in den Palast bringen und ihn bewachen, bis sie es ihnen sagte. Eines Tages kam der Jude vorüber, der den Brief an ihren Mann geschrieben hatte, und als er seine Augen auf das Bild fielen, seufzte er. Als das die Leute des Königs bemerkten, ergriffen sie ihn und brachten ihn in den Palast. Am andern Tage kamen die Fischer vorbei, auch die seufzten, als sie das Bild sahen, und man brachte sie in den Palast. Darauf kam nach einigen Tagen der Türke da vorbei, und auch den ergriff man, als er seufzte. Wieder nach einigen Tagen kam auch ihr Mann vorbei, und als er das Bild sah, rief er aus: »Ach, wie gleicht es ihr! Ach, daß ich dich verloren habe«, brach in Tränen aus und wehklagte, und so brachte man auch ihn in den Palast.[263]

Als nun das Mädchen sah, daß alle, die sie haben wollte, beisammen waren, befahl sie eines Tages, daß die Minister zusammenkommen sollten, um ihnen ein Urteil zu verkünden, das sie fällen werde. Also versammelten sich alle, und sie als König saß in der Mitte. Darauf ließ sie alle die herbringen, die man gefangen genommen hatte und befahl, daß keiner reden sollte, dem sie es nicht sagte. Nun fing der König an und sprach: »Jude, warum hast du geseufzt, als du das Bild an der Quelle sahst? Gib acht, lüge nicht, sonst lasse ich dir sogleich den Kopf abschlagen.« Der Jude antwortete: »Was soll ich dir sagen, Herr König; ich erkannte, daß das Bild eine Frau ist.« Danach erzählte er die volle Wahrheit, wie er den Brief geschrieben habe, weil das Mädchen ihn nicht zum Manne nehmen wollte. Als er fertig war, sagte sie zu ihm: »Gut, du hast die Wahrheit gesagt, setz dich auf die Seite.« Da wollte ihr Mann, als er aus dem Munde des Juden hörte, welche Verleumdung der auf seine Frau geworfen hatte, auf ihn losstürzen; aber der König sagte zu ihm: »Bleib zur Seite und rühre dich nicht, sonst geht es dir schlecht.« Da zog er sich zurück. Darauf fragte der König die Fischer: »Was hattet ihr denn, daß ihr seufztet«? und sie antworteten: »Wir haben diese Frau aufgefangen und sie an einen Türken verkauft.« – »Und du,« sprach der König zu dem Türken, »was hattest du?« – »Ich«, antwortete er, »bin der, der sie gekauft hat, aber sie ging mir davon und ließ mich sogar, ehe ich sie recht gesehen hatte, ohne Kleider stehen und nahm mir auch mein Pferd weg.« Da wurden die Minister stutzig und betrachteten den König, der aber gab ihnen ein Zeichen, sie möchten sich nicht rühren. Darauf sprach sie zu ihrem Mann: »Und du, warum hast du geseufzt?« – »Ach, ich Unglücklicher,« antwortete er mit Tränen in den Augen, »ich war ihr Mann, und jetzt ist sie für mich verloren.« – »Nein,« sagte sie, »du hast sie nicht verloren. Wartet ein wenig, ich komme gleich wieder.« Sie ging hinein und kleidete sich in Frauenkleider, wie sie sie hatte, als sie bei ihrem Manne war, und kam so wieder[264] heraus. Als sie sie erblickten, rissen alle die Augen weit auf, die Minister erkannten die Tochter des Königs, ebenso auch ihr Mann und die übrigen das Mädchen. Zuerst kam der Mann, fiel ihr zu Füßen und bat sie, ihm zu verzeihen. Sie hob ihn auf, küßte ihn und setzte ihn an ihre Seite. Den Fischern gab sie Geld, dem Türken sein Eigentum, und dem Juden, den die Minister hängen lassen wollten, verzieh sie, befahl ihm aber, binnen vierundzwanzig Stunden ihr Reich zu verlassen. Nun verkündete der Ausrufer, daß die Königstochter gefunden sei; es wurden große Feste gehalten, Konstantin wurde König, und sie aßen und tranken bis zum heutigen Tag.

Quelle:
Leskien, August: Balkanmärchen. Jena: Eugen Diederichs, 1915, S. 258-265.
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