57. Die neidischen Schwestern

[265] Es war einmal ein König, der hatte drei Töchter. Nach seinem Tode bestieg ein andrer den Thron, und der ließ an dem Abend, wo er auf den Thron kam, durch einen Ausrufer verkünden, daß niemand mit Licht betroffen werden sollte. Danach verkleidete sich der König und ging allein aus. Als er so hie und da herumging, kam er auch an das Haus der Königstöchter, und als er ganz nahe war, hörte er sie miteinander sprechen. Die älteste sagte: »Wenn der König mich zur Frau nähme, so würde ich ihm einen Teppich machen, auf dem das ganze Heer sitzen könnte und noch Platz bliebe.« Die zweite sagte: »Wenn der König mich zur Frau nähme, würde ich ihm ein Zelt machen, wo das ganze Heer unterkommen könnte und noch Platz bliebe.« Die jüngste sagte: »Wenn mich der König zur Frau nähme, würde ich ihm einen Knaben und ein Mädchen gebären mit einem Stern auf der Stirn und einem Mond auf der Brust.« Als der König das gehört hatte, ließ er am nächsten Morgen die drei Mädchen rufen und nahm sie zu Frauen. Die älteste machte den Teppich, wie sie gesagt hatte, das ganze Heer setzte sich darauf und es blieb[265] noch ein Stück frei; auch die zweite machte das Zelt und das ganze Heer kam darin unter.

Nach einiger Zeit kam die jüngste in Hoffnung, und als ihre Zeit gekommen war, war der König gerade abwesend. Als er zurückkam, fragte er, was sie geboren habe, und die beiden Schwestern antworteten: »Ein Kätzchen und ein Mäuschen.« Als er das hörte, befahl er, sie auf die Treppe zu setzen, daß jeder, der hineinkäme, sie anspeie. Die Schwestern aber legten den Knaben und das Mädchen, die die jüngste geboren hatte, in einen Kasten und schickten ihn mit einer Magd an einen Tränkplatz am Flusse. Eines Tages blies ein böser Wind und warf den Kasten ans andre Ufer. Dort war eine Mühle, in der wohnte ein alter Mann mit seiner Frau; die Alte bemerkte den Kasten, nahm ihn und brachte ihn in die Mühle; sie öffneten den Kasten und sahen den Knaben und das Mädchen mit einem Stern auf der Stirn und einem Mond auf der Brust, nahmen sie sehr verwundert aus dem Kasten und ernährten sie mit dem was sie hatten.

Bald darauf starb die Alte, und es dauerte nicht lange, da traf der Tod auch den Alten; aber in der Sterbestunde rief er den jungen Mann und sagte zu ihm: »Ich tu dir kund, mein Sohn, daß ich in einer Höhle (da und da) einen Zaum habe, du darfst aber die Höhle ehe vierzig Tage um sind, nicht öffnen, wenn du willst, daß der Zaum das vollbringt, was du wünschest.« Als die vierzig Tage um waren, ging der Bursche zu der Höhle, öffnete sie und fand den Zaum. Sobald er ihn in die Hand genommen und gesagt hatte: »Ich will zwei Pferde«, standen die Pferde vor ihm, er stieg mit seiner Schwester auf und sie kamen wie der Wind in das Land ihres Vaters. Dort machte der junge Mann ein Kaffeehaus auf, und das Mädchen lebte in einem Hause allein.

In dies Kaffeehaus ging der König, da es das beste war, und sah beim Eintreten den jungen Mann mit dem Stern auf der Stirn. Von seiner Schönheit hingenommen, blieb der König länger vom Hause fort, als seine Gewohnheit war,[266] und als er nach Hause kam, fragten sie ihn, warum er so lange ausgeblieben war. Er antwortete, daß ein junger Mann ein Kaffeehaus aufgemacht habe, der sei so schön, wie es das eigentlich gar nicht gebe, und das Wunderbarste sei, er habe einen Stern auf der Stirn. Als das die Schwestern hörten, erkannten sie, daß es der Sohn ihrer Schwester sei, wurden sehr ärgerlich und überlegten gleich, wie sie ein Mittel finden könnten, den jungen Mann zu töten. Was taten sie? Sie schickten ein altes Weib zu der Schwester des Jünglings, die sagte zu ihr: »Dein Bruder liebt dich nicht, er sitzt ja den ganzen Tag im Kaffeehaus und läßt sichs wohl sein und dich läßt er allein. Wenn er dich liebte – sag ihm, er solle dir von der Schönen der Erde eine Blume bringen, daß du damit spielen kannst.« Am Abend kam der Bruder nach Hause und fand seine Schwester betrübt. Er fragte sie, warum sie so betrübt sei, und sie antwortete: »Wie sollte ich es nicht sein? Mich läßt du hier eingeschlossen und du gehst hie und da herum. Aber wenn du mich lieb hast, zieh zur Schönen der Erde und hole mir eine Blume daher, daß auch ich eine Freude habe.« Darauf sagte er: »Hab keine Sorge, so lange du mich hast«, nahm sogleich den Zaum, und vor ihm erschien ein Pferd, ein mächtiges Tier, das bestieg er, und auf dem Wege begegnete er einer Kutschedra.

Die sah ihn an und sprach: »Wegen deiner Schönheit tut es mir leid, dich zu fressen, darum schenke ich dir das Leben.« Der Jüngling fragte sie nun: »Wo geht es zur Schönen der Erde?« Darauf antwortete die Kutschedra: »Ich weiß das nicht, mein Sohn; aber zieh zu meiner älteren Schwester.« Er zog nun weiter und weiter und kam zu der älteren Schwester; die kam ihn entgegen und wollte ihn fressen, aber als sie ihn sah, ließ sie ihn wegen seiner Schönheit gehen und fragte: »Wohin willst du?« Er erzählte es ihr und fragte sie: »Weißt du den Weg zur Schönen der Erde?« Aber auch sie schickte ihn weiter zu der ältesten Schwester; die stürzte auf ihn zu und wollte ihn fressen, aber auch ihr tat er wegen seiner Schönheit leid und sie ließ[267] ihn gehen. Dann fragte er sie nach der Schönen der Erde, sie gab ihm Auskunft und sagte: »Wenn du an ihre Tür kommst, kehre die Tür mit deinem Tuche ab, dann wird sie sich öffnen, und wenn du hineingehst, wirst du einen Löwen und ein Lamm sehen, dem Löwen wirf Hirn vor und dem Lamme Gras.«

So ging er und tat alles, wie es die Kutschedra befohlen hatte: er wischte die Tür ab und sie tat sich auf, warf dem Löwen Hirn und dem Lamme Gras vor, und sie ließen ihn sogleich vorbei. So konnte er hingehen und die Blume wegnehmen, und als er sie hatte, kehrte er in einem Augenblick zurück und brachte sie seiner Schwester. Die freute sich und begann mit ihr zu spielen. Aber es war noch kein Tag vergangen, als am nächsten Morgen die Schwestern das alte Weib schickten und fragen ließen: »Hat er dir die Blume gebracht?« Sie antwortete ja und die Alte sagte weiter: »Schön, schön, meine Tochter, aber wenn du auch das Kopftuch der Schönen der Erde hättest, würde es dir noch mehr Freude machen.« Als nun der Bruder nach Hause kam, fing sie an zu weinen und er fragte sie, was ihr wäre. Sie antwortete: »Ich habe wohl Vergnügen an der Blume, aber wenn ich nicht das Kopftuch der Schönen der Erde bekomme, fehlt an meinem Vergnügen etwas.« Er wollte nun seine Schwester nicht unzufrieden lassen, bestieg das Pferd, nahm das Tuch und kehrte damit zu seiner Schwester zurück.

Am nächsten Morgen, als der junge Mann in sein Kaffeehaus ging, erschien auch die alte Hexe wieder, fragte nach dem Tuche und sagte zu dem Mädchen: »Du bist glücklich daran, daß du einen Bruder hast, der dir alles bringt, was du wünschest. Aber um das Leben einer Paschafrau führen zu können, müßtest du noch die Herrin des Tuches haben.« Wiederum machte sich der Bruder zu Gefallen seiner Schwester auf, und als er zu der ältesten Kutschedra kam, sagte sie zu ihm: »Du magst dahin gehen, mein Sohn, aber die Herrin selbst zu bekommen, ist nicht so leicht; paß gut auf, daß du ihren Ring findest, denn darin hat sie ihre ganze Kraft.«[268] Damit machte er sich wieder auf den Weg, trat ein, und als er bei dem Löwen und dem Lamme vorbei war, ging er weiter und kam in das Zimmer der Schönen der Erde. Dort fand er sie schlafend, trat ganz leise heran und nahm den Ring. Dabei wachte sie auf und merkte, daß sie in seiner Gewalt war, da er den Ring genommen hatte. Darauf machte sich der junge Mann mit ihr auf und in einem Nu waren sie zu Hause, und die Schwester freute sich sehr, daß ihr Wunsch erfüllt war.

Am nächsten Tage ging der König wieder in das Kaffeehaus, und als er nach Hause kam, befahl er, ein Abendessen zu richten, denn er hatte den jungen Mann mit seinem ganzen Hause eingeladen. Die beiden Schwestern befahlen aber den Köchen, Gift in die Speisen zu tun und die taten das. Der junge Mann ging samt der Schönen der Erde, die er zur Frau genommen hatte, und seiner Schwester hin, aber sie nahmen keinen Bissen in den Mund, obwohl der König sie nötigte zu essen, denn die Schöne der Erde hatte ihm gesagt, daß die Speisen vergiftet waren. So nahmen sie nur zweimal etwas von des Königs Kompott.

Als die Mahlzeit zu Ende war, sagte der König, es möge jeder eine Geschichte erzählen. Als nun die Reihe an den jungen Mann kam, erzählte er, was er erlebt hatte. Da erkannte der König, daß dieser junge Mann der Sohn der jungen Frau sei, die er auf die Verleumdungen ihrer Schwestern hin hatte auf die Treppe setzen lassen, und sogleich ließ er die beiden hinrichten, nahm die Frau wieder zu sich und den Sohn machte er zu seinem Nachfolger. – Er wurde alt und lebte in Freuden.

Quelle:
Leskien, August: Balkanmärchen. Jena: Eugen Diederichs, 1915, S. 265-269.
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