8. Die sieben Brüder mit den Wundergaben.

[118] Ein König hatte eine einzige Tochter, die er gern an einen passenden Mann verheiraten wollte. Aber sie wollte davon nichts wissen. Sie hatte eine Laus gefangen, die sie sehr werth hielt und immerfort fütterte. Als sie nun von ihrem Vater immer mehr wegen des heiratens gedrängt wurde, nahm sie die Laus, die sehr gross geworden war, schnitt ihr den Kopf ab, stellte sie mitten in den Hof und liess allenthalben ausrufen: »Den Mann, der erkennt, was für ein Thier dies ist, den will ich zum Manne nehmen«. Als diese Nachricht bekannt geworden war, befahl der König, es sollten sich alle Jünglinge der vornehmen aus allen Gegenden versammeln und sich Mühe geben, damit sich zeigte, wer im Stande sei zu erkennen, dass es eine Laus sei, und als Preis die Tochter des Königs zur Frau zu bekommen. Darauf hin strömte alles, was tapfer und vornehm war, zusammen, aber erstaunlicher Weise konnte niemand die Laus erkennen. Endlich erschien der Teufel, der sie wirklich erkannte; und nach Recht und Billigkeit musste man ihm den goldenen Apfel zuwerfen und die Prinzess zur Frau geben. Der König war darüber sehr froh, weil er von einer grossen Last befreit wurde, und blieb ohne Sorgen.

Als der Teufel das Mädchen bekommen hatte, begann er sie zu quälen und zu plagen, und nach einigen Tagen nahm er sie heimlich und gieng mit ihr fort, ohne zu sagen, wohin er gieng; und er brachte sie sehr weit fort, und zwar unter die Erde, an einen Ort, wo sie sich ihm öffnete, wenn er hinein und heraus stieg. Das Mädchen hatte nur eine Taube bei sich, die sie von zu Hause mitgenommen hatte und mit der sie sich ein wenig zu zerstreuen pflegte. Wie sie nun jetzt, vom Teufel unter der Erde eingeschlossen, so leiden musste, fasste sie den Plan, dem Könige durch die Taube davon Mittheilung zu machen. Sie schrieb auf ein Stückchen Papier,[118] band dieses der Taube ans Bein und liess sie fliegen zu einer Zeit, wo die Erde geöffnet war. Als die Taube auf der Oberwelt war, flog sie gradezu nach der Heimat der Prinzess und liess sich auf dem Königspalast nieder. Nachdem man den Brief sah, nahm man ihn der Taube ab und las ihn mit grosser Betrübniss. Als der König, der bis auf diesen Tag wegen des Verlustes seiner Tochter sehr bekümmert war, diesen Brief sah, den sie in Thränen und Leiden geschrieben hatte, da versammelte er, obgleich sie den Ort nicht angab, an dem sie sich befand, alle ersten seines Reiches, Herren und vornehme, und die Häupter seines Heeres, sprach zu ihnen von seinem grossen Schmerze und sagte ihnen endlich: »Ich will, dass ihr meine Tochter findet, wo sie auch sei; seht hier den Brief, den sie durch ihre Taube gesandt hat«. Da nun nicht darin stand, an welchem Orte sie sich befand, wagte niemand zu versprechen sie aufzufinden.

In dieser Versammlung war auch eine alte Frau anwesend, welche sieben Söhne hatte. Diese kam auf den Gedanken, wenn ihre Söhne, welche sehr grosse Naturgaben hatten, sich alle zusammen thäten und gemeinsam sich an das Unternehmen machten, vermöchten sie ohne Zweifel das Mädchen zu finden; und sie überlegte, ob sie vorher dem Könige davon sagen sollte oder nicht. Diese Jünglinge hatten jeder eine besondere Gabe, aber alle sieben lebten getrennt, ohne einander zu kennen, so dass der Bruder den Bruder nicht kannte und keiner von ihnen wusste, dass er noch Brüder habe. Der erste von ihnen hatte die Gabe, dass er bis zum Himmel fliegen konnte; der zweite konnte seinen Schäferstab bis zum Himmel werfen und traf damit; der dritte hatte so feine Ohren, dass er bis unter die Erde hörte; der vierte hatte einen eisernen Stab: wenn er mit dem wohin schlug, entstand an dem Platze ein Palast; der fünfte hatte so starke Schultern, dass er mit ihnen die ganze Erde aufheben konnte; der sechste hatte so starke Hände, dass er, wenn etwas auch noch so schweres selbst vom Himmel herab fiel, es mit seinen Händen auffangen konnte; der siebente hatte so scharfe Augen, dass er auch unter die Erde bis auf den Grund sah.

Die sieben Jünglinge also hatten diese Gaben, die wir[119] aufgezählt haben, und die alte dachte darüber nach, auf welche Weise sie im Stande wäre sie zusammen zu bringen. In dieser Absicht nähte sie ein Hemd, und jedesmal, wenn einer ihrer Söhne zu ihr kam und fragte: »Für wen ist dieses Hemd?«, sagte sie zu ihm: »Es ist für dich, und an dem und dem Tage kannst du kommen und es abholen«. Das sagte sie zu allen und bestellte sie so alle auf einen Tag. Als sich nun an diesem Tage alle versammelten, einer nach dem andern, sahen sie einander an, ohne sich zu kennen, und waren sehr erstaunt. Da sprach die Mutter zu ihnen: »O meine Kinder, ihr alle seid meine Söhne und ihr alle seid Brüder aus einem Mutterleibe; warum sollt ihr so getrennt von einander leben wie fremde?« Sie sagte noch vieles andre zu ihnen, bis sie sie überzeugte, so dass sie sich erhoben und unter Freudenthränen einander küssten. Dann schickte sie sie aus, die Prinzess zu suchen, zuerst aber mussten sie zum Könige gehen und den Brief des Mädchens lesen. Da sie nun in dem Briefe nicht angab, wo sie sich befand, nahmen sie die Taube mit und liessen sie vor sich herfliegen, und sie giengen nach, wohin dieselbe sie führte.

Sie waren schon ziemlich weit gegangen, immer der Taube nach, da kamen sie an einen Ort, wo die Taube anfieng Zeichen zu machen und mit dem Schnabel und den Flügeln auf die Stelle hinzuzeigen, wo sich das Mädchen befand. Wie sie diese Zeichen sahen, näherte sich der dritte Jüngling der Taube und legte sein Ohr an die Erde, um zu hören, ob unter der Erde ein Geräusch vernehmbar sei; da hörte er die Stimme des Mädchens, tief unter der Erde, und alle waren über die Massen erfreut, dass sie die Prinzess gefunden hatten. Nun überlegten sie, wie sie dieselbe aus so grosser Tiefe herausholen könnten. Es kam der siebente und spähte mit seinen Augen auf der Erde, um zu sehen, wo sich das Mädchen befände; er entdeckte ihren Aufenthaltsort und beschrieb ihn seinen Brüdern, damit diese ihre Künste in Bereitschaft setzen könnten. Der fünfte stemmte seine Schultern an die Erde, dort wo der siebente den Ort mit seiner Begrenzung angegeben hatte, und warf die Erde mitsammt dem Mädchen hoch empor. Da erhob sich der sechste mit geöffneten Armen und fieng[120] das Mädchen bei ihrem Sturz aus der Höhe mit seinen Händen auf. Dann machten sie sich hocherfreut auf, um zum Könige zurückzukehren. Aber der Teufel setzte ihnen sogleich nach und machte eine solche Hitze hinter ihnen, dass die Prinzess beinahe verbrannte. Sie konnte es nicht mehr aushalten und rief: »Wehe, ich verbrenne!« Sogleich fasste der vierte seinen eisernen Stab und schlug mit ihm nach seiner Gewohnheit auf die Erde, und sogleich entstand ein Palast, in welchem sie sich einschlossen und gegen die Hitze schützten. Als der verfolgende Teufel sah, dass sie in dem Palast eingeschlossen war, bat er die Jünglinge, sie möchten ihn ein wenig einlassen, bloss um das Mädchen zu sehen; aber sie gestatteten es ihm nicht. Dann bat er sie, sie möchten ihn bloss ihren Finger durch ein Loch sehen lassen. Das erlaubten sie nach vielen Bitten; wie aber das Loch geöffnet war, fasste er ihren Finger, zog daran das ganze Mädchen heraus und flog mit ihr in seinen Palast hoch in den Wolken. Da zerstörte der vierte seinen Palast mit dem eisernen Stabe, und der zweite traf den Teufel mit einem so starken Wurf, dass er ihn ganz zerschmetterte. Hierauf flog der erste in die Höhe und erhob sich so hoch, bis er das Mädchen fand; er nahm sie in seine Arme und brachte sie zu seinen Brüdern. Nachdem sie so mit Mühe sich vor dem Teufel gerettet hatten, zogen sie ohne Sorgen ihre Strasse weiter, bis sie zum Könige kamen.

Als der König die Rettung seiner Tochter erfuhr, war er so erfreut, dass er den Befehl gab, alle ersten und vornehmen und das ganze Heer solle ihnen entgegen ziehen und sie mit grossen Ehren empfangen, so dass von allen Seiten die Leute zusammen strömten, um das zu schauen. Die Prinzess bat ihren Vater, er möge ihr erlauben einen von diesen Jünglingen zu wählen und zum Manne zu nehmen. Als der König ihr diese Erlaubniss gab, wählte sie den vierten mit dem eisernen Palast1 und heiratete ihn, und sie lebten in Freuden und Ehren.

Nicht ein Märchen habe ich euch erzählt, sondern ich wollte euch täuschen.


[121] Vgl. Dozon Nr. 4, Pio S. 104, Basile, Pentamerone, 1, 5, Schneller, Märchen und Sagen aus Wälschtirol, Nr. 31.

Alle diese M. beginnen damit, dass eine Laus oder – im Pentamerone – ein Floh von einem Könige oder einer Königstochter gefunden, verwahrt und gefüttert wird. Zu ausserordentlicher Grösse herangewachsen, wird das Thier getödtet, und dann wird das getödtete Thier oder dessen abgezogene Haut den Freiern der Königstochter vorgelegt, und nur den soll oder will sie heiraten, der das Thier erräth. Der Teufel oder im Pentamerone – ein Uoreo löst die Aufgabe und führt die Königstochter mit sich fort. In den drei erstgenannten Märchen befreien 7 mit wunderbaren Eigenschaften begabte Brüder die Königstochter; in dem tiroler thuen es 4 Männer, die nicht Brüder sind. – In Dozons albanischem M. haben die 7 Brüder folgende Eigenschaften: 1 hört bis in die weiteste Entfernung; 2 vermag durch seinen Befehl die Erde zu öffnen; 3 kann einem etwas unbemerkt entwenden; 4 wirft einen Schuh bis ans Ende der Welt; 5 braucht nur zu sagen, dass ein Thurm da sein soll, und alsbald ist er da; 6 schiesst jeden Gegenstand aus höchster Höhe herab; 7 fängt, selbst wenn etwas aus dem Himmel herabfällt, es mit seinen Händen auf. – Von den 7 Brüdern des griechischen M. hört 1, wenn er sein Ohr an die Erde legt, was in der Unterwelt vorgeht; 2 hebt mit seinen Händen die schwerste Last empor; 3 kann einen schlafenden, ohne dass ders merkt, berauben; 4 trägt auf seinen Schultern die schwerste Last; 5 klopft mit der Hand auf die Erde, und alsbald steht ein Thurm von Eisen da; 6 trifft mit seinem Pfeile, was er will; 7 fängt in seinen Armen auf, was vom Himmel fällt. – Im Pentamerone hört 1 dreissig Meilen weit; 2 macht, wenn er spuckt, ein grosses Seifenmeer; 3 macht, wenn er ein Stückehen Eisen hinwirft, ein Feld von geschliffenen Scheermessern; 4 macht, wenn er ein Spänchen hinwirft, einen dichten Wald; 5 macht, wenn er Wasser auf die Erde spritzt, einen gewaltigen Strom; 6 wirft einen Stein hin, und ein fester Thurm steht da; 7 trifft eine Meile weit mit seiner Armbrust. – Im tiroler M. sieht 1 sehr scharf; 2 hört sehr scharf; 3 hebt geräuschlos Thore aus; 4 geht so leise, dass ihn der mit dem scharfen Gehör kaum hört.

Zwei von G. Pitrè, Fiabe, Novelle e Racconti popolari siciliani, I, 196 f.u. 197 f. nur im Auszug mitgetheilte M., in denen 7 mit wunderbaren Eigenschaften begabte Brüder eine Königstochter von einem Zauberer, den sie hat heiraten müssen, befreien, habe ich oben nicht mit genannt, weil sie nicht wie die obigen beginnen, vielmehr wird in ihnen der Zauberer der Mann der Königstochter, weil er einen Graben zu überspringen oder eine sehr schwere Kugel sehr hoch zu werfen im Stande gewesen ist.

Es gibt noch zahlreiche, zum Theil ähnliche M. von Brüdern mit wunderbaren Eigenschaften, die eine geraubte Jungfrau wieder[122] gewinnen; da sie aber den obigen M. ferner stehen, so genüge hier ein Verweis auf meine Anmerkung zu einem serbischen M. im Archiv für slavische Philologie V, 37.

Ebenso gibt es auch noch manche M., die damit beginnen, dass die Hand einer Königstochter nur dem zu Theil werden soll, der erräth, dass die Haut, womit ein Kasten überzogen oder eine Trommel überspannt ist oder woraus ein Paar Schuhe gemacht sind oder die über die Thür genagelt ist, von einer Laus oder einem Floh oder einer Wanze ist; der weitere Verlauf dieser M., von denen nur Beispiels halber Gonzenbach Nr. 22 und Bladé, Contes pop. rec. en Armagnac, S. 11 genannt sein mögen, hat mit den obigen nichts zu thun.

Schliesslich sei noch bemerkt, dass die Brieftaube unseres alb. M. auch in dem griechischen und dem wälschtiroler vorkömmt, bei Pitrè I, 197 aber der Brief einer Schwalbe anvertraut wird.

R.K.

1

So im Text (me palásin e hékurtẹ); wol »mit dem eisernen Stab«.

Quelle:
Meyer, Gustav: Albanische Märchen. In: Archiv für Litteraturgeschichte, 12 (1884), S. 118-123.
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