Hundertfünfte Geschichte

[96] geschah: Rabbi Jauchenen ben Sakai. Dem träumt wie sein Schwesterssohn sollt ein Schaden leiden um siebenhundert Goldgulden. Un das träumt ihm an der Nacht da Roschhaschone (Neujahr) ausging. Da ging Rabbi Jauchenen zu seinem Schwestersohn un sagt: »Lieben Leut gebt mir Geld, denn es sind Leute vorhanden, die gern Zdoke (Almosen) hätten.« Un er redet mit den Freunden, daß er von ihnen das Geld sollt nehmen das ganz[96] Jahr lang. Als da nahm Rabbi Jauchenen von ihnen ein ganz Jahr das Geld zu Zdoke (Almosen), bis die siebenhundert Goldgulden, un hat es eingenommen bis auf zehn Gulden, die sie noch nit haben ausgegeben, das ganze Jahr lang, von dem Mal an, daß es ihm geträumt hat, bis wieder zum andern Roschhaschone. Wie es nun das Jahr um war, so war es am Erew Jomkipur (Vorabend des Versöhnungstages). Da schickt der Kaiser nach ihnen, sie sollten flugs zu ihm kommen. Da derschraken sie gar sehr, denn sie forchten sich vor einem großen Knaß (Strafe, Schaden), un gingen zu ihrem Vater, Rabbi Jauchenen, un fragten ihn um eine Ezeh (Rat) wie sie ihm tun sollten. Da sprach Rabbi Jauchenen: »Ferchtet euch nix. Ihr werdet keinen großen Schaden leiden, nit höcher als um siebenzehn Gulden.« Da sagten sie wider: »Wie weißt du es?« Da sagte er wider: »Ich hab es im Cholem (Traum) gesehen.« Un sie gingen vor den Kaiser, so waren sie um siebenzehn Gulden gestraft. Da sagten sie wieder: »Lieber Vater, so du es ja gewußt hast, daß wir um siebenzehn Gulden kommen sollen, hättest du es uns gesagt, so wollten wir sie alle siebenhundert Goldgulden auf einmal haben gegeben, zum allerersten, daß du sie hättest alle zu Zdoke gegeben.« Da sagt Rabbi Jauchenen wider: »Ich will es euch sagen: wenn ich euch hätt sollen alle siebenhundert Goldgulden auf einmal angeheischen haben, so hättet ihr das Geld mit gutem Willen nit gegeben, so viel auf einmal, un es wär euch keine Mizwe (Guttat) gewesen. Aber weil ich allemal bin mit wenig zu euch gekommen, so habt ihr sie gern gegeben. Denn man soll die Zdoke (Almosen) mit gutem Willen geben, sonst ist ihm die Zdoke keine Mizwe gerechnet. Aderabe (umgekehrt) is sie ihm für eine Awere (Sünde) gerechnet.« Un darauf hat gesagt Rabbi Jehauschue: »Wer seine Augen verhält vom Zdoke (Almosen) geben, daß er den armen Leuten keine Zdoke gibt, so is gleich gerechnet als wenn er avaudas soroh (fremden Göttern) dient. Warum? Es steht bei der Zdoke geschrieben: Sei gehütet leicht (vielleicht) wird es sein zu dir eine schalkhaftige Sach mit deinem Herzen, daß du nit willst Zdoke geben. Un bei dem Götzendienst steht auch geschrieben: Der Mannen Ausgang is schalkhaftig. Was meint dieses Wort? Sie haben einen Götzendienst gedient. Auch steht bei der Zdoke: Wer nit Zdoke gibt, is gleich als wenn er fremden Göttern dient.«

Quelle:
Allerlei Geschichten. Maasse-Buch, Buch der Sagen und Legenden aus Talmud und Midrasch nebst Volkserzählungen in jüdisch-deutscher Sprache, Nach der Ausgabe des Maasse-Buches, Amsterdam 1723, bearbeitet von Bertha Pappenheim, Frankfurt am Main: J. Kauffmann Verlag, 1929, S. 96-97.
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