Hundertneunundsiebzigste Geschichte

[193] geschah in den Tagen des Rabbi Jehude Chossid. Da war ein Hegmon (Bischof) zu Salzburg, der war ein großer Rosche (Bösewicht). Der sagt einmal zu seinen Jauezim (Räten): »Ich hab gehört, wie zu Regensburg is ein köstlicher Jud, der soll gar viel können. Un is gar wol gehalten unter den Juden un Christen. Das kann ich nit leiden, daß ein Jud soll so eine große Herrschaft haben. Ich will mich gen Regensburg machen un will mich unterstehn, daß ich soll ihn töten mit meiner eigenen Hand un will es sonst keinem vergönnen, der es tun soll. Denn die Leut halten ihn für einen heiligen Jud. Un wenn man ihn fragt, das bescheidet er ihnen alles. Un er soll ein Prophet sein. Derhalben will es sich nit schicken, daß ein solcher Jud soll leben bleiben, un daß er eine solche Gewalt sollt haben. Derhalben seid gerüstet, ihr lieben Diener, wenn ich euch werde fordern, daß ihr gerüstet seid. Denn ich weiß den andern Juden kein größeres Leid anzutun, als daß ich ihren Propheten ums Leben bring. Da will ich euch sehen lassen, daß seine Kunst gar nix is. Un sein Gott kann ihn vor meiner Hand nit beschirmen.« Nun, nit lang dernach macht sich der Rosche (Bösewicht), der Hegmon auf, un ging mit seinen Knechten nach Regensburg zu. Un hat viel Ritter un Grafen bei sich. Un wie er nahe an Regensburg kam, so teilt er sein Volk in zwei Teile. Dieweil wollt er in die Stadt in die Judengaß gehn, zu dem Juden in sein Haus un wollt ihn töten. »Denn ich will nit mehr als selbdritt zu ihm gehn.« Da sagten seine Räte: »Gnädiger Fürst un Herr, wir müssen wol tun, was ihre fürstliche Gnaden will haben, aber wir haben gehört, wie er ein köstlicher Mann is. Vielleicht werdet ihr ihm nit können beikommen. Vielleicht bringt er uns alle um das Leben. Derhalben seht euch wol vor, daß es euch nit fehlt un mißglückt.« Doch wollt sich der Hegmon nit daran kehren un nahm ein Messer un steckt es in sein Stiebel. Damit wollt er den Chossid töten. Un sprach zu seinen Rachowim (Wagenführern): »Ich will selbdritt zum Juden gehn. Un wenn ihr ein Geschrei hört, macht euch all zu Pferd damit wir[193] uns dervon können machen un von einer Gewalt können derwehren.« Wie nun der Hegmon seinen Anschlag hat gemacht, also hat es der Chossid schon gewußt, un er sagt wider seine Bocherim (Schüler), daß ein solcher Rosche kommt, un hätt sich unterstanden mich, Gott bewahre, zu töten, un er wär schon auf dem Weg, daß er schon käm. Da sagt der Chossid wider seine Bocherim: »Wenn der Rosche herein kommt in das Bethhamidrasch (Lehrhaus) un wird euch fragen, wer der Meister unter euch is, da zeigt ihr auf mich, derwartend, daß euch keinem nix geschieht, denn ihr sollt sehen wie ich ihn will fällen.« Nun, eh er das Wort hat ausgeredet, so war der Hegmon vor der Tür, un kam in das Bethhamidrasch zu gehn. Un frägt gleich, welches der Meister unter ihnen wär. Da weisten die Bocherim gleich auf den Chossid. Un so bald der Rosche den Chossid sah, da hat der Chossid gemacht, daß der Rosche keine Kraft mehr hat, un konnt ihm nix tun. Da grüßt der Hegmon den Chossid. Da dankt ihm der Chossid wieder. Da hebt der Hegmon mit dem Chossid an andere Schmues (Sachen) zu reden un sprach: »Lieber Meister, ich hab viel von euerer Kunst hören sagen, als daß eueresgleichen nit gefunden wird auf der Erden. Nun bin ich hieher gekommen, derhalben, daß ich euch bitten will, ihr wollt mir ein Teil von euern Kunsten lassen sehen, damit ich euch auch preisen kann unter andern Fürsten un Herren.« Da sprach der Chossid: »Ja, gar gern, gnädiger Herr. Ich bitt, wollt mir meine Kunsten nit für übel annehmen, denn ich bin ein armer Jud un kann nit viel. Doch will ich euch meine Kunsten ein Teil lassen sehen, damit ihr auch von mir sagen könnt.« Un ging hin, un führt ihn mit seinen zwei Jauezim (Räten) in ein Cheder (Zimmer). Da hat er ihm seine Kunsten gewiesen. Da sprach der Chossid wider den Hegmon: »Da will ich euch weisen meine Kunsten. Seht zu jenem Fenster hinein, da werdet ihr viel Kunsten sehen. Un viel schöne Stück sehen.« Also sah der Rosche zu jenem Fenster hinein mit seinem Kopfe. Un wie er seinen Kopf hat zum Fenster hinein gestocken, so macht der Chossid mit Schemaus (Zauber), daß das Fenster je länger je enger war. Daß der Rosche seinen Kopf nit konnt wieder heraus bringen un war schier derstickt geworden im Fenster un die zwei Jauezim, die er hat mitgenommen, die stunden da still un durften sich nit rühren un sahen ihres Herrn großes Leid un konnten es doch nit wenden. Da sprach der Chossid: »Ei, ihr Bösewichter, ihr müßt all miteinander sterben. Ob du schon ein loser Bischof bist, meinst du darum, daß du willst mich um mein Leben bringen? Ah, nein, du hast wol gefehlt. Gott, der Allmächtige, der hat mir's entfleckt, dein böses Herz un deine große Schalkheit. Un ich weiß wol, daß du ein Messer bei dir hast, in deinem Stiebel, da du mich hast wollen mit umbringen. Aber Gott, der Allmächtige, hat mich dervor beschirmt[194] un hat dich jetzunder an dieselbige Statt gebracht. Ich kann dir nit helfen, du mußt sterben. Jetzund laß nun kommen deine zweihundert Mann, die du mit dir hast genommen, un laß dir von meiner Hand helfen. Nein, wahrlich, sie können dir nit helfen, du schalkhaftiger Mann. Was hab ich dir all mein Tag Böses getan, daß du von Salzburg nach Regensburg ziehst un willst mich töten? Gott hat sich heut an dir gerechnet.« Da sprach der Rosche mit Derschrecknis: »Hör zu, oh Meister, über alle Meister, ich bitt, seid mir dasmal gnädig. Denn ich geb mich ganz schuldig gegen euch. Un ich bitt euch um Gnade, laßt mich nit also schändlich sterben. Helf mir Gott, daß ich wieder zu meiner Stadt komme, in mein Land, so will ich meine Juden, die ich vertrieben hab, wieder aufnehmen, un will ihnen viel Gutes tun, all die Tage meines Lebens. Un auch andere Juden, wenn mir's möglich is zu tun. Das sollt ihr gewahr werden. Laßt mich nument mit Frieden wieder in mein Land kommen.« Un wie er nun den Chossid so lang gebeten hat, da antwortet ihm der Chossid un sagt: »Gib mir her deine Hand un belob mir an bei deiner Wahrheit, daß du der Belobnis willst nachkommen un nit mehr brechen an den Juden, so will ich dir Gnade erweisen. Denn ich weiß wol, daß dir deine zweihundert Mann nit haben können helfen. Nun will ich dich aus meinem Bann tun, un will deinen Worten glauben. Derweil du einmal ein gewaltiger Bischof bist, un dir gebührt, daß du deiner Red sollst Kraft geben, aber nit zu brechen an deinem Wort, was du verheißt. Denn du mußt dran gewarnt sein, mehr denn ein anderer, denn du bist von hohem Stamm geboren. Un so du aber deinen Reden keine Kraft gibst, un willst an uns Juden fälschen wie du vor auch gefälscht hast, so sollst du wissen, daß du nit sicher sollst vor mir sein in deinem eigenen Haus. Denn ich kann dich überall finden, gleich wie ich dich da auch hab gefunden.« Da verheißt ihm der Hegmon bei seinem Glauben, un er sollt es auch wol an ihm spüren, daß er all sein Tag Juden Gutes tun wollt. Also ließ ihn der Chossid wieder von sich ziehn. Un wie er nun wieder zu seinem Volk kam, die auf ihn gewartet haben, da fragten seine Leute ihn, ob er den Chossid hätt derschlagen. Da sagt ihnen der Hegmon alle Sachen, wie es ihm gegangen war. So verwundert sich sein Volk gar sehr an dem Juden, daß er ein solcher kunstlicher Mann war. So reitet er mit seinem Volk wieder heim zu haus. Un wie er nach Salzburg kam, da schickt er nach den armen Juden, die er vorher vertrieben hatt, un nahm sie wieder auf. Un er hielt sie wol un macht ihnen kein Beschwernis un hielt sich gar wol mit den Juden. Am. Ende war er sich megajer (bekehrte er sich) un war auch ein Jud un war fromm un war ein Zaddik (Frommer) geheißen. Gott soll uns ihrer beider Sechus (Verdienst) genießen lassen. Omen.

Quelle:
Allerlei Geschichten. Maasse-Buch, Buch der Sagen und Legenden aus Talmud und Midrasch nebst Volkserzählungen in jüdisch-deutscher Sprache, Nach der Ausgabe des Maasse-Buches, Amsterdam 1723, bearbeitet von Bertha Pappenheim, Frankfurt am Main: J. Kauffmann Verlag, 1929, S. 193-195.
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