Hundertundzwanzigstes Capitel.
Von dem feinen Trug der Weiber und der Verblendung der Betrogenen.

[232] Einst war ein weiser König Darius, der drei Söhne hatte, welche er sehr liebte. Wie er aber sterben wollte, setzte er sein ganzes Erbe seinem Erstgebornen aus, dem zweiten gab er Alles, was er sich während seines Lebens erworben hatte, und dem dritten jüngern Sohne gab er drei kostbare Spielzeuge, nehmlich einen goldenen Ring, ein Halsband und ein kostbares Tuch. Der Ring besaß aber die Eigenschaft, daß der, welcher ihn an seinem Finger trug, sich die Gunst Aller dermaßen gewann, daß er von ihnen Alles, warum er sie bat, bekam. Das Halsband hatte die Kraft, daß der, welcher es auf seiner Brust trug, Alles was sein Herz begehrte und was nur zu haben war bekam, und das Tuch endlich hatte das Eigene, daß wer nur auf demselben saß, und bei sich irgend wo zu seyn wünschte, gleich da war, wo er seyn wollte. Diese drei Spielwerke gab er seinem jüngsten Sohne: er sollte aber vorerst die Wissenschaften treiben, seine Mutter aber sollte sie ihm aufheben und zur gelegenen Zeit ihm übergeben. Gleich darauf gab der König seinen Geist auf und ward mit allen Ehren bestattet. Die beiden ersten Söhne nahmen nun ihre Vermächtnisse in Besitz und der dritte Sohn erhielt von seiner Mutter den Ring, um sich auf eine Schule zu begeben. Seine Mutter aber sprach zu ihm: mein Sohn, erwirb Dir Kenntnisse und hüte Dich vor den Frauenzimmern, damit Du nicht etwa um Deinen Ring kommst.[233] Jonathas nahm aber seinen Ring, begab sich auf die Schule und machte gute Fortschritte in den Wissenschaften. Nach diesem begegnete ihm eines Tages auf der Gasse ein ziemlich hübsches Mägdlein, er ward von Liebe zu ihr ergriffen, nahm sie mit sich und bediente sich sogleich seines Ringes, wodurch er sich die Gewogenheit Aller erwarb und von ihnen erhalten konnte, was er nur wollte. Das Mägdlein aber, seine Geliebte, wunderte sich, wie er so herrlich leben könnte, da er doch kein Geld hatte. Als er daher einstmals sehr guter Dinge war, fragte sie ihn um die Ursache und sagte, es sey kein Geschöpf unter dem Himmel, welches sie mehr liebe, folglich müsse er es ihr sagen. Jener aber, der sich ihre Bosheit nicht überlegt hatte, sagte ihr, die Kraft des Ringes sey so und so u.s.w. Jene aber erwiderte: da Du alle Tage mit Leuten umzugehen pflegst, so könntest Du ihn verlieren, darum will ich Dir ihn treulich aufheben. Hierauf übergab er ihr seinen Ring: da er ihn aber nicht wieder bekommen konnte, weinte er bitterlich, weil er nun nichts mehr zu leben hatte. Er kehrte hierauf zu seiner Mutter, der Königin zurück und meldete ihr den Verlust seines Ringes. Jene aber sprach: mein Sohn, ich habe Dir vorhergesagt, hüte Dich vor Weibern, siehe ich gebe Dir hiermit das Halsband, welches Du sorgsamer bewahren magst, denn wenn Du es verlierst, wirst Du aller Ehre und Vortheile verlustig gehen. Jonathas aber nahm das Halsband und begab sich wiederum auf dieselbe Schule, und siehe da seine Geliebte kam ihm am Thore der Stadt entgegen und empfing ihn voller Freude, er aber behielt sie bei sich wie zuvor. Er trug nun das Halsband auf der Brust und bekam Alles, woran er nur dachte, und stellte wie früher viele[234] Schmäuße an und lebte herrlich und in Freuden. Darüber wunderte sich aber seine Geliebte, weil sie weder Silber noch Gold bei ihm sah: sie dachte also, er müsse irgend ein anderes Spielwerk mitgebracht haben, was sie auch schlau von ihm herausbrachte, so daß er ihr das Halsgeschmeide zeigte und ihr dessen Kräfte mittheilte. Sie aber sprach zu ihm: Du trägst das Halsband beständig bei Dir: in einer einzigen Stunde könntest Du Dir aber so viel denken, was für ein Jahr genug wäre, gieb es mir also aufzuheben. Jener aber versetzte: ich fürchte, daß Du, wie Du meinen Ring verloren hast, so auch mein Halsband verlieren könntest, und so würde ich einen außerordentlichen Verlust erleiden. Sie aber sprach, o Herr, durch den Ring habe ich mir schon die Kunst etwas aufzubewahren angeeignet, ich verspreche Dir auf's Wort, daß ich das Halsband so bewahren will, daß es Niemand von mir forttragen soll. Jener aber glaubte ihren Worten und übergab ihr sein Halsband. Wie aber Alles aufgezehrt war, da verlangte er sein Halsband, und sie beschwor, wie zuvor, es sey ihr heimlich entwendet worden. Wie das Jonathas hörte, weinte er bitterlich und sprach: habe ich nicht den Verstand verloren, daß ich nach den Verlust meines Ringes Dir auch noch mein Halsband übergeben habe? Er machte sich also auf den Weg zu seiner Mutter und berichtete ihr den ganzen Hergang der Sache. Jene aber betrübte sich nicht wenig darüber und sprach zu ihm: o mein lieber Sohn, warum hast Du Deine Hoffnung auf ein Weib gesetzt, von der Du jetzt schon zum zweiten Male hintergangen worden bist. Du wirst nunmehr von Allen für dumm geachtet, lerne doch endlich einmal Klugheit, denn ich habe nun nichts mehr als dieses[235] köstliche Tuch, welches Dir Dein Vater gegeben hat: wenn Du aber auch dieses verlierst, darfst Du nie wieder zu mir kommen. Jener aber nahm das Tuch und begab sich wieder auf seine Schule und seine Geliebte nahm ihn wie zuvor freudig auf. Er aber breitete sein Tuch aus und sprach zu ihr: meine Liebe, dieses Tuch hat mir mein Vater gegeben, und sie setzten sich beide auf dasselbe. Jonathas aber dachte bei sich: o wenn wir doch gleich so weit weg und da wären, wo keine Menschenseele hinkommt, und also geschah es. Denn sie befanden sich am Ende der Welt in einem Walde, der weit entfernt von allen menschlichen Wohnungen lag. Jene aber ward sehr traurig und er schwur zu Gott, daß er sie den wilden Thieren zum Fressen überlassen wolle, wenn sie ihm nicht seinen Ring und sein Halsband wiedergeben würde; sie aber versprach es zu thun, wenn es irgend möglich sey, und auf das Bitten seiner Geliebten sagte ihr Jonathas die Kraft dieses Tuches, daß der, welcher darauf wäre und bei sich dächte, wo er gleich seyn wollte, auch alsbald dort wäre. Hierauf setzte er sich selbst auf das Tuch und legte ihren Kopf auf seinen Schooß: als er aber anfing einzuschlafen, zog sie einen Theil des Tuches, auf dem er saß, an sich und dabei dachte sie: wäre ich doch an dem Orte, wo ich heute früh gewesen bin, und alsbald geschah es also, und Jonathas blieb schlafend in dem Forste zurück. Wie er aber aus seinem Schlafe erwachte und sah, daß ihm sein Tuch von seiner Geliebten entführt worden sey, da weinte er bitterlich und wußte nicht, nach welchem Orte er sich wenden sollte. Er stand also auf, und als er sich durch das Zeichen des Kreuzes geschützt hatte, machte er sich auf den Weg nach einer[236] Straße, durch die er zu einem tiefen Gewässer gelangte, über welches er setzen mußte, welches aber so bitter und heiß war, daß es ihm das Fleisch seiner Füße bis auf den Knochen absengte. Er aber ward sehr traurig, nahm ein Gefäß voll von diesem Wasser und trug es mit sich hinweg. Als er aber weiter gekommen war, fing er an zu hungern, und da er einen Baum sah, so aß er von dessen Früchten und bekam alsbald den Aussatz. Auch von diesen Früchten sammelte er sich einige und nahm sie mit sich. Nachher kam er an ein anderes Wasser, und als er hindurch geschritten war, hatte dasselbe das Fleisch an seine Füße wieder zurückgebracht: also füllte er sich wieder ein Gefäß an mit diesem Wasser und nahm es mit sich. Als er aber wieder weiter ging, fing er abermals an hungrig zu seyn, und da er einen Baum sah, nahm er einige Früchte desselben und verzehrte sie, und wie er durch die erste Frucht mit dem Aussatze behaftet worden war, also ward er durch die zweite wiederum davon befreit. Auch von diesem steckte er einige Früchte zu sich und nahm sie mit sich hinweg. Wie er aber immer weiter fürbaß zog, da sah er ein Schloß vor sich und es begegneten ihm einige Leute, welche ihn fragten, wer er wäre. Jener aber sprach: ich bin ein erfahrener Arzt. Hierauf sprachen sie: der König dieses Landes ist auf jener Burg und hat den Aussatz: wenn Du ihn von diesem Uebel zu heilen vermöchtest, würde er Dir viele Schätze verehren. Jener aber erwiderte: allerdings, das kann ich. Hierauf führten ihn jene zu ihrem König, er gab ihm von der zweiten Frucht zu essen, und er ward von seinem Aussatz geheilt, und von den zweiten Wasser gab er ihm zu trinken, wodurch er ihm das verlorne Fleisch wiederbrachte. Also[237] gab ihm der König viele Geschenke, Jonathas aber fand ein Schiff aus seiner Stadt daselbst und ließ sich durch dasselbe dahin bringen. Alsbald ging ein Gerücht durch die ganze Stadt, daß ein großer Arzt angekommen sey, und da gerade seine Geliebte, welche ihm seine Spielwerke entwendet hatte, auf den Tod erkrankt war, schickte sie nach diesem Arzte. Jonathas aber ward von Niemandem erkannt, kannte sie aber sehr wohl und sagte, daß seine Medicin keine Wirkung thun könne, wenn sie ihm nicht zuvor alle ihre Sünden bekannt, und wenn sie Jemanden betrogen, diesem sein Eigenthum wieder erstattet hätte. Jene aber bekannte mit lauter Stimme, wie sie den Jonathas um seinen Ring, seine Halskette und sein Tuch betrogen und ihn in einer Einöde verlassen hätte, um von den wilden Thieren gefressen zu werden. Wie jener dieses hörte, sprach er: saget mir, Dame, wo sind jene drei Spielzeuge? Jene aber sprach: in meiner Truhe, und sie gab ihm die Schlüssel derselben, und er fand sie darin. Jonathas aber gab ihr von der Frucht jenes Baumes zu essen, von dem er den Aussatz bekommen hatte, und von dem ersten Wasser, welches das Fleisch von seinen Gliedern getrennt hatte, zu trinken, und wie sie davon gegessen und getrunken hatte, vertrocknete sie sogleich, fühlte innerliche Schmerzen und schrie kläglich auf. Jonathas machte sich hierauf mit seinen Spielwerken zu seiner Mutter auf, und das ganze Volk freuete sich über seine Ankunft, er aber erzählte seiner Mutter vom Anfang bis zu Ende, wie ihn Gott von vielen bösen Gefahren erlöst hätte, lebte noch einige Jahre und beschloß sein Leben in Frieden.

Quelle:
Gesta Romanorum, das älteste Mährchen- und Legendenbuch des christlichen Mittelalters. 3. Auflage, Unveränderter Neudruck Leipzig: Löffler, Alicke 1905, S. 232-238.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Grabbe, Christian Dietrich

Hannibal

Hannibal

Grabbe zeigt Hannibal nicht als großen Helden, der im sinnhaften Verlauf der Geschichte eine höhere Bestimmung erfüllt, sondern als einfachen Menschen, der Gegenstand der Geschehnisse ist und ihnen schließlich zum Opfer fällt. »Der Dichter ist vorzugsweise verpflichtet, den wahren Geist der Geschichte zu enträtseln. Solange er diesen nicht verletzt, kommt es bei ihm auf eine wörtliche historische Treue nicht an.« C.D.G.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon