Hundertundzweiunddreißigstes Capitel.
Von den Menschen, welche die Guten durch ihr schlechtes Leben vergiften.

[257] Es gab einst eine Stadt, in welcher vier in der Arzneikunde wohl erfahrene Physiker lebten, der jüngere übertraf die andern drei so weit an Wissen, daß er alle Kranken, die zu ihm kamen, heilte: hierüber wurden die übrigen von Neid bewegt und sprachen unter sich: wie können wir ihn verderben? sehet, alle Welt läuft zu ihm[257] und wegen ihm können wir nichts mehr gewinnen. Da sprach einer von den dreien: er besucht drei Meilen von hier jede Woche einen Herzog, und am morgenden Tage wird er sich zu ihm begeben: ich will mich außerhalb der Stadt an dem ersten Meilensteine aufstellen, Du am zweiten und der Andere am dritten, wenn er nun die erste Meile gemacht hat, will ich ihm in den Weg treten und mich mit dem Zeichen des Kreuzes bezeichnen, und ein jeder von Euch wird dasselbe thun: er aber wird nach der Ursache dieser Bekreuzung fragen und wir wollen sagen: Du bist aussätzig geworden, und aus Furcht bekommt man den Aussatz, denn Hippokrates sagt: ein Mensch, der sich vor dem Aussatz fürchtet, holt sich ihn. Und wenn er den Aussatz hat, wird Niemand mehr zu ihm gehen: und also geschah es auch.

Quelle:
Gesta Romanorum, das älteste Mährchen- und Legendenbuch des christlichen Mittelalters. 3. Auflage, Unveränderter Neudruck Leipzig: Löffler, Alicke 1905, S. 257-258.
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