Sechzehnte Erzählung.
([240] Cap. XCVIII. nach † p. CIV. sq. kurz bei Û p. 412. sq.)

Es war einmal in Rom ein mächtiger Kaiser, Martius genannt, der aus besonderer Zuneigung seines Bruders Sohn bei sich erzog, des Name Fulgentius war. Nun lebte aber bei diesem Martius auch noch ein Ritter, der sein Reichsverweser war, und dabei Onkel[240] des Kaisers, der beneidete jenen Fulgentius und sann Tag und Nacht darüber nach, wie er den Kaiser und diesen Jüngling auseinander bringen könnte. Nun kam der Reichsverweser eines Tages zum Kaiser und sprach zu ihm: mein Gebieter, da ich Euer treuer Diener bin, so halte ich es für Pflicht Euere Hoheit zu warnen, denn ich habe etwas gehört, was Eure Ehre angeht, allein die Sache ist von der Art, daß sie zwischen uns Beiden, mir und Eurer Majestät geheim bleiben muß. Da sagte der Kaiser: lieber Freund, sage an, was das ist. Mein theurer Herr, antwortete der Ritter, Fulgentius, Euer Vetter und Blutsverwandter, hat Euch auf eine wunderliche und schändliche Weise in Euerem ganzen Reiche in Verruf gebracht, denn er hat gesagt, Ihr hättet einen stinkenden Athem, und es sey der Tod für ihn, Euch den Becher zu kredenzen. Das mißfiel dem König aber gar sehr, er gerieth vor Zorn fast außer sich und sprach zu ihm: mein liebster Freund, sage mir die reine Wahrheit, ob mein Athem stinkig ist, wie jener sagt. Mein Herr, entgegnete der Ritter, Ihr könnt mir glauben, nie habe ich mein Lebtage einen süßeren Athem gerochen, denn der Eurige ist. Da sagte der Kaiser: guter Freund, ich bitte Dich, sage mir, auf welche Weise ich ihm diese Sache beweisen mag. Da antwortete der Ritter und sprach: mein Herr, Ihr sollt die Wahrheit recht wohl kennen lernen: wenn er Euch den nächsten Morgen den Becher einschenken wird, werdet Ihr sehen, daß er Eueres Athems wegen sein Gesicht von Euch abwenden wird, und das ist der sicherste Beweis, den Ihr von dieser Sache haben könnt. Wahrhaftig, sprach der Kaiser, ein besserer Beweis ist nicht möglich. Sobald das der Reichsverweser gehört hatte, begab er sich stracks zu Fulgentius, nahm ihn bei Seite und sprach also zu ihm: theuerster[241] Freund, Du bist mein naher Verwandter und sogar Neffe des Kaisers, meines Herrn, darum, so Du mir dankbar seyn willst, will ich Dich auf einen Fehler aufmerksam machen, über den sich mein kaiserlicher Herr oft beklagt und gedenkt Dich darum von sich zu schicken (es sey denn, daß Du ihn bald ablegst), und das wird ein großer Vorwurf für Dich seyn. Da sprach Fulgentius: ach guter Herr, um dessen Willen, der am Kreuze gestorben ist, saget mir, warum mein Herr so sehr gegen mich aufgebracht ist, denn ich bin ja bereit meinen Fehler in Allem, was ich kann und vermag, zu verbessern und mich ganz Euerem klugen Rathe zu fügen. Da antwortete der Ritter: Dein Athem ist so übelriechend, daß ihm kein Trank mehr schmeckt, so widerlich ist ihm der stinkende Geruch Deines Mundes. Da sagte Fulgentius zum Reichsverweser: wahrlich, das habe ich bis jetzt noch nie bemerkt, aber was meint Ihr denn zu meinem Athem, saget mir, ich bitte Euch, die Wahrheit. Wahrhaftig, antwortete der Ritter, er stinkt abscheulich und faulig. Und Fulgentius glaubte ihm Alles, was er gesagt hatte, und ward bekümmert in seinem Herzen und bat den Reichsverweser um seinen Nach und seine Hilfe in diesem schlimmen Falle. Da sprach selbiger also zu ihm: wenn Du meinem Rathe folgen willst, will ich die Sache zu einem guten Ende bringen, aber Du mußt thun, was ich Dir sage. Ich rathe Dir nur das Beste, und also warne ich Dich, daß wenn Du dem Kaiser, meinem Herrn, den Becher kredenzest, Du Dein Gesicht von ihm abwenden magst, auf daß er Deinen stinkenden Athem so lange nicht riechen kann, bis Du Dich mit einigen Mitteln dagegen versehen haben wirst. Darüber freuete sich Fulgentius sehr und schwor ihm, er wolle thun nach seinem Rathe. Nicht lange nachher[242] ward befohlen, der Jüngling Fulgentius solle seinen Herrn bedienen, wie es seine Gewohnheit war, und plötzlich wendete derselbige sein Gesicht von seinem kaiserlichen Herrn hinweg, wie ihm der Reichsverweser gesagt hatte. Als aber der Kaiser die Wendung seines Kopfes bemerkte, da stieß er den Fulgentius mit seinem Fuße gegen die Brust und sprach also zu ihm: o Du schlechter Gesell, nun sehe ich wohl, daß das wahr ist, was ich von Dir gehört habe, und darum gehe mir sofort aus den Augen, auf daß ich Dich nie mehr an diesem Orte wieder sehen mag. Damit fing der Jüngling Fulgentius bitterlich an zu weinen, ging seines Weges und entfernte sich aus seinen Augen. Wie das geschehen war, da rief der Kaiser seinen Reichsverweser zu sich und sprach zu ihm: wie mag ich diesen Buben aus der Welt schaffen, der mich also geschändet hat? Der antwortete: mein theuerster Herr, Ihr sollt Euer Vorhaben aufs Beste bewerkstelligen können. Denn ich halte hier in der Nähe, ohngefähr drei Meilen weit, Ziegelbrenner, die täglich ein großes Feuer anmachen, um Ziegel zu brennen und Kalk zu machen, darum sendet diese Nacht zu diesen hin, mein theurer Herr, und laßt ihnen bei Todesstrafe befehlen, daß wer zu ihnen des Morgens früh zuerst kommen wird und also sagt: mein Herr befiehlt Euch seinen Willen zu thun, daß sie den nehmen und in den Ofen stecken und verbrennen: und diese Nacht befehlet diesem Fulgentius, daß er früh Morgens zu Euern Arbeitern gehe und sie frage, ob sie vollzogen haben Eueren Willen, der ihnen befohlen ward, oder nicht: und dann werden diese nach Euerem Gebote ihn in das Feuer werfen, und derselbe eines elenden Todes sterben. Dein Rath ist wahrhaftig gut, antwortete der Kaiser, darum rufe diesen Buben Fulgentius zu mir.[243] Und wie der junge Mensch nun vor des Kaisers Angesicht hintrat, da sprach dieser zu ihm: ich befehle Dir bei Verlust Deines Kopfes, daß du morgen in der Frühe aufstehest und zu meinen Kalk- und Ziegelbrennern hingehest, und zwar bevor die Sonne aufgeht, schon drei Meilen von diesem Hause weg und bei ihnen bist, und sie in meinem Namen beauftragst zu vollziehen mein Gebot, sonst sollst Du selber den schimpflichsten Tod sterben. Da antwortete ihm Fulgentius: mein Herr und Gebieter, so mir anders unser Herrgott das Leben läßt, will ich Euerem Willen nachkommen, und müßte ich bis an der Welt Ende laufen. Sobald aber Fulgentius einmal diesen Auftrag erhalten hatte, konnte er vor Sorgen nicht schlafen, weil er zeitig aufbrechen mußte, seines Herrn Befehl zu vollziehen. Der Kaiser sendete aber um Mitternacht einen reitenden Boten zu den Ziegelbrennern und ließ ihnen bei Todesstrafe anbefehlen, daß wer zu ihnen zuerst des Morgens früh kommen und sagen werde, wie schon erzählt ist, den sollten sie fassen und binden und in das Feuer werfen und bis auf die Knochen verbrennen lassen. Dem antworteten die Ziegelbrenner: es soll geschehen. Hierauf kehrte der Bote wieder nach Hause zurück und meldete dem Kaiser, sein Gebot werde fleißig erfüllt werden. In des andern Morgens Frühe aber stand Fulgentius auf und bereitete sich zu seinem Marsche, wie er aber schon unterwegs war, da hörte er die Glocke zur Kirche läuten, weshalb er erst hinging seine Andacht zu verrichten, allein zu Ende des Gottesdienstes fiel er in einen tiefen Schlaf und schlief eine lange Weile so fest, daß weder der Priester noch ein Anderer ihn aufwecken konnte. Nun wünschte aber der Reichsverweser von Herzen gern von seinem Tode zu hören, begab sich also um zwei Uhr zu den Arbeitern[244] und sprach zu ihnen: Ihr Leute, habt Ihr gethan nach des Herrn Gebot oder nicht? Die Ziegelbrenner antworteten ihm und sprachen: wahrlich, wir haben bis jetzt seinen Befehl noch nicht erfüllt, aber jetzt soll es geschehen, und damit legten sie Hand an ihn. Da schrie der Reichsverweser: Ihr guten Leute, laßt mir das Leben, denn der Kaiser befahl ja den Fulgentius vom Leben zum Tode zu bringen. Die aber sprachen zu ihm: so hat uns der Bote nicht berichtet, sondern er hat uns gesagt, daß wer zu uns zuerst in der Frühe käme und so sagen werde, wie Ihr gesprochen habt, den sollten wir nehmen und in den Ofen stecken und zu Asche verbrennen: und damit schleuderten sie ihn in das Feuer. Und wie er bereits verbrannt war, da kam Fulgentius zu ihnen und sprach: Ihr guten Leute, habt Ihr meines Herrn Befehle vollzogen? Ei freilich, sprachen sie, darum gehet hin zum Kaiser und meldet es ihm. Da sprach Fulgentius: lasset mich um Christi Willen sein Gebot wissen. Sie aber sprachen: es ist uns bei Leibesstrafe befohlen worden, wir sollten den Mann, der zu uns in der Frühe käme und also spräche, wie Du gesagt hast, nehmen und in den Ofen werfen: aber vor Dir kam der Reichsverweser, und darum haben wir an ihm des Kaisers Gebot vollzogen und er ist bis auf die Knochen verbrannt. Wie das Fulgentius hörte, dankte er Gott, daß er ihn also vom Tode errettet hatte, nahm also Abschied von den Arbeitern und kehrte in den Palast zurück. Wie ihn aber der Kaiser sah, gerieth er ganz außer sich vor Zorn und sprach also zu ihm: bist Du bei den Ziegelbrennern gewesen und hast Du mein Geheiß erfüllt? Freilich, mein gnädiger Herr, bin ich dort gewesen, allein als ich hinkam, war Euer Befehl schon vollzogen. Wie ist das möglich, fragte der Kaiser. Wahrlich, sprach Fulgentius, Euer[245] Reichsverweser kam vor mir dahin und sprach also zu ihnen, wie ich sagen sollte, da nahmen sie ihn und warfen ihn in den Ofen, und wenn ich eher gekommen wäre, würden sie also mit mir gethan haben, und darum danke ich Gott, daß er mich vor dem Tode behütet hat. Da sagte der Kaiser: rede die Wahrheit auf die Fragen, welche ich Dir vorlegen werde. Da sagte Fulgentius zum Kaiser: Ihr habt an mir noch keine Falschheit gefunden und darum wundere ich mich sehr, warum Ihr mich zu solch einem Tode bestimmt habt. Denn ich weiß recht wohl, daß ich Eueres Bruders Sohn bin. Da sprach der Kaiser zu Fulgentius: das ist gar nicht zu verwundern, daß ich Deinen Tod auf den Rath meines Reichsverwesers angeordnet habe, da Du mich ja in meinem ganzen Lande also beschimpft hast, da Du sagtest, mein Athem stinke so greulich, daß es Dein Tod sey ihn zu riechen, und als Beweis dafür Dein Gesicht abwendetest, als Du mir meinen Becher reichtest, und das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen: darum habe ich für Dich einen solchen Tod bestimmt, und Du mußt dennoch sterben, wenn ich nicht eine bessere Entschuldigung von Dir höre. Da antwortete Fulgentius also und sprach: ach mein theurer Herr, so es Eurer Hoheit gefällt mich anzuhören, will ich Euch mit einem arglistigen und schlauen Plane bekannt machen. Sage an, sprach der Kaiser. Euer Reichsverweser, versetzte Fulgentius, der nunmehro todt ist, kam zu mir und sprach, Ihr hättet ihm gesagt, ich hätte einen stinkigen Odem, und derohalben rieth er mir, ich solle, wenn ich Euch Eueren Becher reiche, mein Angesicht von Euch abkehren: und ich rufe Gott zum Zeugen an, daß ich nicht lüge. Wie das der Kaiser hörte, glaubte er ihm und sprach: o mein lieber Neffe, nun sehe ich durch das weise Gericht Gottes, durch welches[246] der Reichsverweser verbrannt ist, wie seine eigene Gottlosigkeit und Neid über ihn gekommen sind, weil er solche Bosheit gegen Dich angestellt hat, und darum sollst Du dem Allmächtigen Gott danken, daß er Dich also vom Tode gerettet hat.

Quelle:
Gesta Romanorum, das älteste Mährchen- und Legendenbuch des christlichen Mittelalters. 3. Auflage, Unveränderter Neudruck Leipzig: Löffler, Alicke 1905, S. 240-247.
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