Siebzehnte Erzählung.
([247] Cap. XCIX nach † p. LXXXVIII. sq. kurz bei Û p. 414. sq.)

Es war einmal in Rom ein mächtiger Kaiser, der hatte des Königs von Jerusalem Tochter zur Frau genommen, eine gar seine Dame, die Allen, die sie sahen, gar liebreizend erschien, allein sie lebte schon lange Zeit mit dem Kaiser, ohne daß sie ihm ein Kind gebar. Darum waren die Edeln des Reiches gar sorgenvoll, weil ihr Herr keinen Erben hatte, seine Person zu beschützen. Nun begab es sich einmal, daß dieser Anselmus nach dem Abendessen im späten Abend in seinem Garten spatzieren ging und selbst darüber nachsann, wie er keinen Erben hätte und der König von Apulien ihn beständig bekriegte, und er nicht einmal einen Sohn besäße, das Land in seiner Abwesenheit Zu vertheidgen, das machte ihm sehr viel Sorgen, und er ging in sein Kämmerlein und schlief alsbald ein. Da kam es ihm vor, als sähe er ein Gesicht im Schlafe, wie der Morgen heller wäre, als gewöhnlich, und der Mond an einer Seite blässer sey, als an der andern. Und nachher sah er einen zweifarbigen Vogel, und bei diesem Vogel standen zwei Thiere, welche diesen kleinen Vogel mit ihrem heißen Athem sättigten, und hinter ihnen kamen noch mehrere Thiere, und wie sie ihre Brust an den Vogel gelegt hatten, gingen sie ihres Weges: dann kamen noch andere Vögel, die süß und lieblich sangen, worüber aber der Kaiser[247] aufwachte. In der Frühe des andern Morgens überdachte aber Anselmus sein Traugesicht und wunderte sich, was es bedeuten möge. Darum berief er die Philosophen und Stände seines Reichs zu sich und theilte ihnen seinen Traum mit, und befahl ihnen bei Leibesstrafe, ihm die Bedeutung desselben anzugeben, wer ihm aber eine richtige Deutung desselben geben könne, dem verhieß er eine gute Belohnung. Da sagten sie: theurer Herr, theilet uns Eueren Traum mit, und wir wollen Euch sodann verkünden, was er bedeutet. Also erzählte ihnen der Kaiser denselben vom Anfange bis an's Ende, wie oben geschrieben steht. Wie das die Philosophen gehört hatten, da antworteten sie ihm frohen Muthes und sprachen: Herr, das Traumgesicht, welches Ihr geschaut hattet, bedeutet Gutes für das Land: Ihr sollt erfahren, was es ist. Der Mond, der auf der einen Seite blässer ist, denn auf der andern, bedeutet die Kaiserin, die durch die Empfängniß eines Sohnes, den sie von Euch bekommen, einen Theil ihrer Farbe eingebüßt hat. Der kleine Vogel bedeutet den Sohn, den sie gebären soll. Die zwei Thiere, welche diesen Vogel füttern, darunter sind die weisen und reichen Männer dieses Landes zu verstehen, denen Euer Sohn gehorsamen soll. Die andern Thiere aber, welche mit ihrer Brust diesen Vogel umringen, bedeuten viele andere Nationen, welche ihm ihre Huldigung darbringen sollen. Die Vögel aber, welche so süß den kleinen Vogel ansangen, bedeuten die Römer, welche sich über die Geburt desselben freuen und singen werden. Das ist die richtige und wahrhaftige Deutung Eueres Traumes. Wie das der Kaiser gehört hatte, da war er gar sehr erfreut, und bald darauf kam die Kaiserin darnieder und ward von einem Sohne entbunden, bei dessen Geburt gar große und wundervolle[248] Freude herrschte. Wie das der König von Apulien hörte, dachte er also bei sich: wahrlich ich habe mein Lebtage gegen den Kaiser Krieg geführt, und nun hat er einen Sohn, wenn der das Mannesalter erreicht haben wird, da wird er die Unbilden rächen, die ich seinem Vater zugefügt habe: darum dürfte es besser seyn, hin zum Kaiser zu senden und ihn um Waffenstillstand und Frieden zu bitten, damit sein Sohn nichts wider mich haben kann, wenn er das männliche Alter erreicht haben wird. Wie er also bei sich gesprochen hatte, schrieb er an den Kaiser und bat ihn um Frieden. Wie aber der Kaiser sah, daß ihm der König von Apulien mehr aus Furcht, denn aus wahrer Zuneigung geschrieben hatte, schrieb er ihm wieder, daß, so er ihm gute und hinreichende Sicherheit für die Erhaltung des Friedens geben wolle, und sich verbindlich mache, ihm sein Lebtage Dienst und Huldigung zu weihen, sey er geneigt ihm Frieden zu gewähren. Wie der König den Inhalt des kaiserlichen Schreibens gelesen hatte, berief er seinen Rath zusammen und forderte ihn auf, ihm bezüglich hierauf so gut als möglich zu rathen. Die aber sagten ihm: es dürfte gut seyn, dem Willen und Befehlen des Kaisers in allen Dingen nachzukommen. Fürs Erste, daß er wünscht, von Euch Sicherheit für den Frieden zu erhalten, müßt Ihr ihm antworten: ich habe eine einzige Tochter und der Kaiser nur einen Sohn, darum soll eine Heirath zwischen Beiden zu Stande gebracht werden, denn das wird eine ewig dauernde Bürgschaft des Friedens seyn. Endlich fordert er noch Huldigung und Tribut, und es wird gut seyn ihm auch hierhin zu gewähren. Also sendete der König seine Boten an den Kaiser und ließ ihm sagen, er wolle seine Wünsche in allen Dingen erfüllen, so es seiner Hoheit gefalle, daß sein Sohn und des Königs Tochter[249] mit einander verheirathet würden. Alles das gefiel aber dem Kaiser wohl, und er sendete ihm die Antwort zurück, daß, wenn seine Tochter eine reine Jungfrau geblieben sey von ihrer Geburt bis auf diesen Tag, so wolle er in diese Heirath willigen. Darüber freute sich aber der König sehr, denn seine Tochter war eine reine Jungfrau. Darum, als das schriftliche Schutz- und Trutzbündniß untersiegelt war, rüstetete der König ein feines Schiff aus, in welchem er seine Tochter mit vielen edeln Rittern und Damen und großen Schätzen an den Kaiser schickte, um dessen Sohn zu ehelichen. Und als sie nun in die See gestochen waren, gen Rom zu, da erhob sich auf einmal ein so fürchterlicher und erstaunlicher Sturm, daß das Schiff an einem Felsen scheiterte und Alle bis auf die junge Prinzessin ertranken, welche ihre Hoffnung und Zuversicht also fest auf Gott gesetzt hatte, daß sie gerettet ward. Wie nun nach drei Stunden das Ungewitter aufhörte, da schwamm die Dame in dem zerbrochenen Schiffe, welches umgestürzt war, fort über die Wellen, als sie auf einmal ein ungeheurer Wallfisch verfolgte, bereit sie und das Schiff zu verschlingen. Allein das junge Fräulein schlug, als die Nacht kam, mit einem Steine Feuer an, wodurch das Schiff gänzlich erleuchtet ward, und darnach wagte sich der Wallfisch aus Furcht vor dem Lichte nicht an dasselbe. Als aber der Hahn zu krähen anfing, da war die Prinzessin so ermüdet von dem greulichen Ungewitter und Seesturm, daß sie einschlief, und nach einer kleinen Weile löschte das Feuer aus. Da kam der Wallfisch und verschlang die Jungfrau. Wie sie aber aufwachte, und sich im Wallfischbauche eingeschluckt fand, da schlug sie Feuer an und verwundete mit einem Messer den Wallfisch an vielen Stellen, der, als er sich verwundet fühlte, nach der Gewohnheit[250] dieser Thiere, dem Lande zuzuschwimmen begann. Es lebte aber zur selbigen Zeit in der Nähe der Küste ein edler Graf, Namens Pirris, der gerade zu seiner Erholung am Meeresufer lustwandelte. Der sah, wie der Wallfisch an's Land kam, kehrte schnell nach Hause zurück und versammelte eine große Menge Männer und Weiber, begab sich hierauf wieder an den Ort und kämpfte mit dem Wallfisch, verwundete ihn sehr gefährlich, und als er ihn getödtet hatte, da schrie das Mägdlein in seinem Bauche mit lauter Stimme und sprach: o Ihr edlen Freunde, habt Erbarmen und Mitleid mit mir, denn ich bin eine Königstochter und eine reine Jungfrau geblieben vom Tage meiner Geburt an bis auf den heutigen. Wie das der Graf hörte, da wunderte er sich sehr, öffnete aber die Seite des Wallfisches und fand darin die junge Prinzessin und nahm sie heraus: und wie sie in Freiheit gesetzt worden war, da erzählte sie ihm, wessen Tochter sie sey und wie sie all ihr Gut im Meere verloren, und daß sie an eines Kaisers Sohn verheirathet werden sollte. Wie das der Graf gehört hatte, da ward er sehr vergnügt und tröstete sie und behielt sie bei sich, bis sie sich ganz erholt hatte. In derselbigen Zeit aber sendete er Boten an den Kaiser und ließ ihn wissen, auf welche Weise die Königstochter gerettet worden sey. Da war der Kaiser hoch erfreut über ihre Erhaltung, hatte großes Mitleid mit ihr, begab sich selbst zu ihr hin und sprach: ach Du gutes Mägdlein, aus Liebe zu meinem Sohne hast Du vieles Weh erdulden müssen, nichts desto weniger will ich Dich aber auf die Probe stellen, ob Du verdienst sein Weib zu werden. Wie er das gesagt hatte, ließ er drei Gefäße vor sie hinstellen: das erste war von gediegenem Golde gemacht, ringsherum mit kostbaren Edelsteinen besetzt, aber mit Todtengebeinen[251] angefüllt, darauf aber stand geschrieben: wer mich wählt, findet was er verdient. Das zweite Gefäß war aus feinem Silber gemacht, aber mit Erde und Würmern gefüllt, und hatte folgende Aufschrift: wer mich wählt, soll finden, was die Natur begehrt. Das dritte Gefäß endlich war von Blei, aber mit kostbaren Steinen gefüllt, darauf stand geschrieben: wer mich wählt, findet, was Gott für ihn bestimmt hat. Diese drei Gefäße zeigte der Kaiser dem Mägdlein und sprach: wohlan, liebe Tochter, da sind drei kostbare Gefäße, von denen wähle Dir eins, so dieses aber Dir und Andern Nutzen bringt, dann sollst Du meinen Sohn haben. So Du aber wählen wirst, was weder Dir noch Andern frommt, dann sollst Du nicht mit ihm verbunden werden. Wie das das Mägdlein gehört hatte, hob sie ihre Hände gen Himmel auf und sprach: mein Herrgott, der Du alle Dinge weißt, gewähre mir Deine Gnade zu dieser Stunde für meine Wahl, damit ich des Kaisers Sohn bekommen mag. Und darnach beschaute sie das erste goldene Geschirr, welches auf königliche Weise verziert war, und las die Aufschrift: wer mich wählt, wird finden, was er verdient hat. Da sagte sie: obschon dieses Gefäß ganz kostbar und von purem Golde gefertigt ist, so weiß ich doch nicht, was darin ist, darum will ich mir, mein theurer Herr, dieses Gefäß nicht wählen. Hierauf betrachtete sie das zweite Geschirr, welches von feinem Silber war, und las dessen Inschrift: wer mich wählt, wird finden, was die Natur begehrt. Wenn ich nun bei mir bedenke, ob ich dieses Gefäß wählen soll, so weiß ich auch nicht, was darin ist: wohl weiß ich aber, daß ich darin finden soll, was die Natur begehrt: nun sehnt sich aber meine Natur nach fleischlicher Lust, und darum will ich dieses Gefäß nicht wählen. Als sie nun diese zwei Gefäße betrachtet und[252] eine auf sie bezügliche Antwort gegeben hatte, beschaute sie auch das dritte bleierne Geschirr und las dessen Aufschrift: wer mich wählt, soll finden, was Gott für ihn bestimmt hat. Da dachte sie bei sich selbst: dieses Gefäß ist zwar äußerlich weder reich noch kostbar, allein die Aufschrift sagt: wer mich wählt, soll finden, was ihm Gott bestimmt hat; da nun ohne Zweifel Gott uns nie etwas Böses bestimmt, so werde ich, wenn Gott es will, dieses Gefäß wählen. Wie das der Kaiser gehört hatte, sprach er also: o Du feines Mägdlein, öffne dieses Gefäß, denn es ist voll köstlicher Edelsteine, und siehe zu, ob Du also gut gewählt hast oder nicht. Wie es aber die junge Prinzessin aufgemacht hatte, da fand sie es angefüllt mit dem feinsten Golde und kostbarsten Steinen, wie ihr Der Kaiser gesagt hatte. Darnach sagte der Kaiser: meine Tochter, weil Du also gut gewählt hast, sollst Du meinen Sohn heirathen. Damit bestimmte er ihren Hochzeitstag, und sie wurden mit großem Gepränge vermählt und verblieben in großen Ehren bis an ihr Lebensende.

Quelle:
Gesta Romanorum, das älteste Mährchen- und Legendenbuch des christlichen Mittelalters. 3. Auflage, Unveränderter Neudruck Leipzig: Löffler, Alicke 1905, S. 247-253.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Stramm, August

Gedichte

Gedichte

Wenige Wochen vor seinem Tode äußerte Stramm in einem Brief an seinen Verleger Herwarth Walden die Absicht, seine Gedichte aus der Kriegszeit zu sammeln und ihnen den Titel »Tropfblut« zu geben. Walden nutzte diesen Titel dann jedoch für eine Nachlaßausgabe, die nach anderen Kriterien zusammengestellt wurde. – Hier sind, dem ursprünglichen Plan folgend, unter dem Titel »Tropfblut« die zwischen November 1914 und April 1915 entstandenen Gedichte in der Reihenfolge, in der sie 1915 in Waldens Zeitschrift »Der Sturm« erschienen sind, versammelt. Der Ausgabe beigegeben sind die Gedichte »Die Menscheit« und »Weltwehe«, so wie die Sammlung »Du. Liebesgedichte«, die bereits vor Stramms Kriegsteilnahme in »Der Sturm« veröffentlicht wurden.

50 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon