XXIV.
Ißa oder Jesus,

[258] des Sohns Meriem's oder Maria's, der Tochter Omran's. Maria hatte das zehnte Jahr ihres Alters erreicht, ohne die gewöhnlichen Erscheinungen der Mannbarkeit, die sich bey den Bewohnerinnen der heißen Himmelsstriche gewöhnlich im siebenten oder neunten Jahre einstellen. Zweymal hatte der Mond gewechselt, doch hatte sie noch keinen Mann erkannt. Im dritten Monde ihrer Mannbarkeit erschien ihr Gabriel mit fröhlicher Botschaft; er blies ihr in den Aermel des Kleides, und sie empfieng den Herrn Jesus. Nach den glaubwürdigsten Ueberlieferungen erschien Gabriel in der Gestalt Jussuf's, eines Zimmermanns und Handlangers im Hause Maria's, woraus die Ungläubigen Anlaß genommen zu Lästerungen der Reinheit Maria's, die doch durch Gottes Wort, den Koran selbst, bewähret ist. Ahsanet ferdschiha. Sie bewahrte ihre Jungfrauschaft.

Als die Zeit der Geburt herannahte, gieng sie hinaus aufs Feld. Die Wehen ergriffen sie am Fuße eines abgedorrten Palmbaumes, wo sie entbunden ward von Jesus.

Verschmachtend vor Hunger und Durst bereute sie, hiehergekommen zu seyn. Da erscholl aus dem Baume eine Stimme, und sprach vernehmlich die folgenden im Koran vom Himmel gekommenen Worte:

[259] Schüttle den Palmbaum, daß er seine Früchte weich und süß fallen lasse auf dich.

Maria blickte zum Boden, woher die Stimme zu kommen schien, und erblickte einen sprudelnden Quell; sie blickte in die Höhe, und der Baum war mit grünem Laubwerk und goldnen Datteltrauben geschmückt. Sie aß die abgefallenen Datteln und trank vom Quell. Die Dattel ist weich und hitzig von Natur, eine vortreffliche Nahrung für Kindbetterinnen, die sich seit Maria's Niederkunft, dem Winke des Himmels zufolge, davon vorzugsweise nähren.

Mit neuen Kräften gestärkt erhob sich Maria, und gelobte dem Herrn als Dankgebet ein dreytägiges Stillschweigen, denn damals war es der Gebrauch, aus Andacht Stillschweigen zu geloben, so wie man heute Gebet und Fasten gelobt. Sie nahm das Kind und trug es in den Tempel, dem Herrn zu heiligen. Die Priester und Schriftgelehrten nahmen große Aergerniß an der Erscheinung, sie machten dem Vater Maria's, und besonders dem Propheten Zacharias, als ihrem Verwandten, bittere Vorwürfe, daß er das Mädchen nicht besser gehütet habe. Zu Maria selbst sprachen sie: Schwester Aarons, wo hast du das Kind gefunden? Sie hießen sie Schwester Aarons, weil ihr Stammbaum bis zu Aaron und Moses hinaufstieg.

Maria, welche dem Herrn dreytägiges Stillschweigen[260] gelobt, antwortete nur mit Zeichen, auf das Kind in ihren Armen hinweisend, das sie fragen sollten.

Da sprachen die Priester und Schriftgelehrten unter einander: Was meint die unser zu spotten, daß ein unmündiges Kind Red' und Antwort geben soll für sie? Jesus aber öffnete den Mund und gab selbst Zeugniß von Maria's Unschuld und seiner Sendung. Seine ersten Worte waren: Ich bin der Diener Gottes. Diese Worte haben die Ungläubigen in der Folge verdreht und behauptet, Jesus habe gesagt: Ich bin Gottes Sohn, woraus so vieler Irrthum entstanden. Nach dem Koran sprach Jesus folgendermaßen:

Ich bin Gottes Diener, der mir das Buch gesendet und mich zum Propheten gesetzt, der mich gesegnet, wo ich immer bin, der mich meiner Mutter gehorsam und keineswegs böse und widerspenstig erschaffen hat.

Der mir das Buch gegeben, nämlich das Evangelium, das Jesus schon in Mutterleib vom Himmel empfieng und auswendig hersagte, nach der Meinung der vornehmsten Ausleger.

Der mich zum Propheten gesetzt, nämlich schon in Mutterleib, oder gleich bey der Geburt. Diesen Vorzug, von Kindesjahren auf das Prophetenthum erhalten zu haben, hat Jesus[261] nur mit Adam gemein. Alle übrigen Propheten, die zwischen ihnen stehen, und selbst das Siegel derselben, Mohammed, der Sohn Abdallah's, haben das Prophetenthum erst lange nach ihrer Geburt, gewöhnlich im vierzigsten Jahre ihres Alters, erhalten.

Die Geburt Jesus war mit Wunderzeichen begleitet; die Götzen stürzten von ihren Altären, ein neues Gestirn erschien am Himmel, welches in Persien für das Gestirn des neuen von Daniel längst voraus prophezeyhten Propheten erkannt ward. Drey Magier kamen, denselben aufzusuchen, und ihm Gold, Myrrhe und Weihrauch zu bringen. So außerordentliche Erscheinungen machten den König des Landes, Herodes, eifersüchtig auf das neugeborne Kind, das er zu tödten befahl. Maria flüchtete sich also mit Jesus und Jussuf, dem Handlanger, nach Aegypten.

Bey einer genaueren Aufmerksamkeit auf die Lebensschicksale der Propheten überzeugt man sich, wie Al-Thabari ganz richtig bemerkt, daß kein großer Prophet sein Leben ruhig in seinem Geburtsorte zugebracht habe, sondern daß dieselben fliehen und wandern, und die Mühseligkeiten der Verfolgung und der Fremde ertragen mußten. So mußte Abraham und Moses und Jussuf fliehen, um sich vor den Nachstellungen Nimrods und Faraons, und der verschwornen Brüder zu retten. Noe und Jonas wanderten über und unter den[262] Wassern. Jesus flüchtete nach Aegypten, und selbst Mohammed nach Medina; nach welcher Epoche noch heute alle Völker des Islams die Jahre berechnen.

Weheb Ibn Menize hat folgende Ueberlieferung [Rand: Enis aldschelis.] von den Kindesjahren Jesus während seines Aufenthalts in Aegypten aufbewahret:

Jesus spielte mit mehreren Knaben des Dorfes, wo sich seine Mutter aufhielt. Einer derselben schlug einen andern im Zanke so gewaltig, daß er todt blieb. Die Knaben, um den Schuldigen zu retten, verstanden sich, den Fremdling Jesus als Thäter anzugeben. Der Richter fuhr ihn an: Hast nicht du den Knaben erschlagen? Lerne erst zu fragen, ehe du richtest, antwortete Jesus, und frage, wie sich's gehört: Wer hat den Knaben erschlagen? Der Richter ließ sich die Zurechtweisung gefallen, und fragte: Wer hat den Knaben erschlagen?

Er selbst wird dirs sagen, antwortete Jesus, nahte sich dem Knaben und rief ihm: Richte dich auf und rede. Der Todte richtete sich auf und gab den Thäter an, der den verdienten Lohn empfieng.

Maria nahm ihren Sohn bey der Hand und sprach: Geh zum Lehrer in die Schule, das ist dir dessen, als mit Knaben spielen. Mutter, antwortete Jesus, der Herr hat mich schon den Pentateuchus und das Evangelium gelehrt, als du mich noch in deinem Schooße trugst.[263]

Das ist wahr, sagte Maria, bey allem dem ists aber besser, in die Schule gehn, als mit den Knaben spielen. Jesus folgte willig seiner Mutter in die Schule.

Der Meister fragte ihn: Wie heißt du? Maria's Sohn. Sohn Maria's, sag': Im Namen Gottes.

Jesus. Im Namen Gottes, des Allgütigen, des Allerbarmenden.

Meister. Sage mir das Ebdschedhewes1 nach.

Jesus. Frage mich lieber um die Erklärung desselben.

Meister. Wohlan: Was will Elif sagen?

Jesus. Elif ist der Anfangsbuchstabe von Allah, Gottes Name, u.s.w.

Als Jesus nach Jerusalem zurückkam und seine Sendung zu predigen anfieng, war er dreyßig Jahre alt. Das Volk verlangte Zeichen der Göttlichkeit seiner Sendung. Jesus verfertigte Vögel aus Thon, nahm sie auf die Hand, blies darauf, indem er Uf sagte, und die Vögel flogen beseelt davon. Es war der Hauch Gottes, aus dem er selbst entstanden, den[264] er mitzutheilen Kraft hatte, und wodurch er nicht nur den Thon beseelte, sondern auch Todte zum Leben erweckte. Denn das Volk, mit diesem Wunder nicht zufrieden, fragte, was er noch mehr könne als Prophet. Ich mache, sprach Jesus, Blinde sehend, Taube hörend, Lahme gehend, Aussätzige rein und Todte lebendig. Um die Wahrheit des Letzten zu erweisen, führten sie Jesus zum Grabe Sem's, des Sohns Noe's, denn kein älteres kannten sie nicht.

Das Grab ward geöffnet, und der Leichnam richtete sich auf. Wer bist du, und wer bin ich? fragte Jesus. Ich bin Sem, der Sohn Noe's, und du bist Jesus, der Geist Gottes. –

Warum ist dein Bart grau, denn er war schwarz, als du starbst. – Du hast Recht, aber aus Schrecken über deinen Ruf, den ich für den Ruf des Todesengels hielt, ward mein Haar grau. –

Wenn du willst, Sohn Noe's, so erfleh ich dir vom Herrn noch einmal so langes Leben. –

Ich danke dir, Geist Gottes, ich habe genug gelebt und ziehe die Ruhe des Grabes vor.

Außer diesen Wundern brachte Jesus auch eines Tages einen gedeckten Tisch vom Himmel herunter, um eine Menge Volks zu speisen. Die ungläubigen Juden, welche über dieses Wunder spotteten, wurden in Schweine verwandelt, so wie andere ihrer Vorgänger, welche die Feyer des Sabbaths entheiliget[265] hatten, in Affen. Ihre Abkömmlinge haben Schweins- und Affengesichter behalten.

Die Juden wollten Jesus kreuzigen, aber Gott schob ihnen einen andern Menschen in Jesus Gestalt unter. Jesus ward nicht gekreuziget, sondern in den Himmel erhoben.

Die Christen waren eben versammelt in Betrachtung der Himmelfahrt, als drey Greise mit ehrwürdigen Bärten als eifrige Christen eintraten. Es war Satan mir zweyen seiner Getreuen. Was meynt ihr von Jesus? sprachen sie. Daß er der Sohn Mariäs, aus Gabriels Hauch erschaffen, der Geist Gottes sey, sprachen sie. Ihr irrt, sprach der Erste:

Wie kann aus einem Hauch ein Kind entstehn? Jesus ist Gottes Sohn. Nein, sprach der zweyte, Gott zeuget nicht mit Menschentöchtern, sondern Jesus ist selbst Gott, der in den Schoos Maria's niederstieg, und sich der Welt offenbarte. Ja wohl, nahm endlich der dritte, Satan selbst, das Wort: Jesus ist Gott, aber auch der Geist, der Maria überschattete, war Gott, wie der im Himmel. Die Versammlung erklärte diese Meinung als kanonisch, sie nahmen die Boten der Finsterniß für Boten des Lichts, und glauben seitdem irrig an drey Götter in Einem.

1

Ebdschedhewes ist der Anfang der arabischen Abc-formel, mit welcher der erste Unterricht beginnt; der Lehrer geht mit Jesus auf diese Art das ganze Alphabet durch, und jeder Buchstabe wird als der Anfangsbuchstabe einer der Eigenschaften Gottes erklärt.

Quelle:
Hammer-Purgstall, Joseph Freiherr von: Rosenöl. Stuttgart/Tübingen: Cotta, 1813, S. 258-266.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Goldoni, Carlo

Der Diener zweier Herren. (Il servitore di due padroni)

Der Diener zweier Herren. (Il servitore di due padroni)

Die Prosakomödie um das Doppelspiel des Dieners Truffaldino, der »dumm und schlau zugleich« ist, ist Goldonis erfolgreichstes Bühnenwerk und darf als Höhepunkt der Commedia dell’arte gelten.

44 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon