C. Die Entstehung der Berge.

[51] In den bulgarischen Sagen findet sich nirgends die Einzelheit, die in der europäisch-asiatischen Tradition vielfach vorkommt, daß aus Meersand, der in des Satans Munde verborgen lag und zu wachsen begann, Berge und Hügel entstanden seien, während Gottes Erde eben war. Da dieser Gedanke iranisch ist (vgl. S. 8), so leuchtet wiederum ein, daß nicht bogomilische oder andere Apokryphen oder die mündlichen Sagen der Bulgaren irgendwelchen Einfluß auf rassische und weiterhin finnisch-türkische Varianten ausgeübt haben, sondern direkter östlicher Einfluß anzunehmen ist.

I. Die wesentlichen Züge, die in allen Versionen dieser besonderen Sagenform von der Entstehung der Berge wiederkehren, finden sich bei dem kleinrussischen Volke in Österreich-Ungarn.


Ursprünglich war unter dem Himmel überall Wasser. Eines Tages gab Gott einem Erzengel namens Satanail den Befehl, in das Meer unterzutauchen und vom Grunde desselben mit den Worten »im Namen Gottes« eine Handvoll Sand emporzuholen. Satanail tat, was ihm befohlen wurde. Beim Erfassen des Sandes sagte er aber nicht »im Namen Gottes!« sondern »in meinem Namen!« Die Folge davon war, daß der Sand während des Emportauchens des Teufels aus der Hand desselben gänzlich verschwand und er Gott auch nicht ein Körnchen Sand überbringen konnte. Gott wußte das und schickte Satanail noch einmal auf den Meeresgrund hinab. Doch auch diesmal tat Satanail seinen Willen. Nun wurde Gott sehr böse und schickte Satanail zum dritten Male um den Sand. Aus Furcht vor der Strafe Gottes sprach Satanail diesmal im Namen Gottes! konnte aber nicht umhin, auch unter seine Zunge ein wenig Sand zu nehmen, um mit ihm dasselbe zu tun, was Gott mit der Handvoll Sand beginnen werde.

Gott wußte auch diesmal, was Satanail getan hatte. Er sagte aber nichts, sondern nahm ihm den Sand aus der Hand, formte daraus einen Fladen, legte diesen auf die Oberfläche des Meeres und segnete ihn ein. In demselben Augenblicke begann der Sandfladen sich nach allen Seiten hin zu erweitern. Dies dauerte so lange, bis er mit seinen Rändern den untern Rand des Himmelsgewölbes berührte.

Gleichzeitig mit dem Fladen begann auch das bißchen Sand unter der Zunge des Erzengels Satanail sich nach allen Seiten zu erweitern, und Satanail wäre sicherlich erstickt, wenn er nicht angefangen hätte, auf der Erde hin und her zu laufen und den Sand aus seinem Munde auszuspeien. Infolge dieses Ausspeiens bildeten sich auf der Erde die Berge und die Felsen. Sonst wäre es auf der Erde ganz eben geblieben.

So blieb der Erzengel Satanail zwar am Leben. Gott strafte ihn aber dadurch, daß er ihn verfluchte, vom Himmel verjagte und in die Hölle verbannte, wo er von den Teufeln auf den Thron erhoben wurde.

Darum ist die Erde heilig, die Berge und insbesondere die Felsen aber sind ein Werk des Teufels. Darum kann auf denselben auch kein Getreide gedeihen, und darum halten sich die Teufel mit Vorliebe auf den Bergen und Felsen auf, auf welchen sie mit den Hexen ihre Zusammenkünfte abhalten.

Ztschr. f. österr. Volkskunde VII 17, mitget. v. Gregor Kupczanko.

[52] Fast völlig mit dieser Version übereinstimmend ist eine Fassung bei Tereščenko, byt. russk. naroda V, 44 f. = Afanasiev, poet. vozzr. 11,458 = Ralston, Russian Folktales. p. 329. Es fehlt jedoch das Motiv der Anrufung Gottes. Der Teufel denkt einfach, er wolle auch so eine Erde schaffen und stopft sich den Mund voll. Gott schafft ein ebenes Festland, der Teufel, der eine Zeitlang schweigend zugesehen hat, versucht zu sprechen, verschluckt sich und flieht, von Donner und Blitz verfolgt. Wo er hustet, entstehen Berge.

Die Bemerkung, daß deshalb kein Getreide auf Bergen wächst, fehlt. Sie steht überhaupt sonst nirgends.

Vergleiche auch die kleinrussischen Sagen: Etn. Zbirnyk XII, Nr. 10 und Nowosielski 1,2 f., der aus Rulikowski, Opis powiatu Wasylkowskiego, 169 f., schöpft, ohne ihn indes zu zitieren, und eine Fassung vom Dnjepr (im Istor. Vjestnik 1888, Dec. S. 732) = Veselovskij, S. 56. [Seit der Verstoßung Satanaels, der sich seitdem mit den Seinen über dem Wasser aufhält, gibt es Wassergeister.]


Nur oberflächliche Kenntnis der Sage zeigen folgende Varianten:


1. Eine kaukasische: Die Samen der Erde wachsen dem Teufel so schnell aus dem Munde, daß er ihn öffnen muß. Wo er Erde hinspuckt, entstehen Berge, deshalb zeichnet man ihn mit offnem Munde. Veselovskij 73 = Sbornik materialov dla opisanija ... Kavkaza ... III, otd. 2, S. 98.

2. Eine littauische: Gott ging mit dem Bösen zusammen über dem Wasser und befahl ihm zu tauchen und Erde in der Hand oder im Munde heraufzubringen. Aber aus Gier füllte er sich die Ohren, Nase, Augen usw. Gott schalt ihn, sah ihn nicht mehr an und rechnete ihn zu den »Unguten«. Die Erde, die der Teufel gebracht hatte, säte er aufs Wasser. Es entstand die Erde. – Veselovskij S. 74.

3. Eine russische: Gott schickt den Teufel ins Meer mit dem Auftrag, Sand heraufzuholen, aus dem er nach der Sündflut die Erde neuschaffen will. Es gelingt dem Teufel erst dann, als er den Namen Gottes angerufen hat. Der Teufel verbirgt etwas unter den Nägeln, um dasselbe zu tun, das Gott tun werde. Dieser wirft den Sand nach drei Seiten. Der Teufel verlangt Lohn für seine Mühe. Das ganze ist eine Episode in der Geschichte vom gerechten Noah, der dann den Auftrag erhält, die Erde zu bevölkern. Afanasiev, narodnyja russkija legendy. London 1859.

4. Eine zweite russische: Der Teufel holte Sand vom Meeresgrunde und der Herr ließ daraus die Erde sich ausdehnen, so breit wie ein Ahornblatt. Der Teufel war in der Gestalt des Schwanes, verbarg Erde im Munde und erschuf daraus Sümpfe, Moore und Berge. »Warum hast du solche Berge gemacht,« fragte der Herr, »daß der Mensch sich darauf abmühen muß?« – »O Herr, es ist gut, daß es schwer ist,« antwortete der Teufel, »denn nun wird der Mensch eurer gedenken und mich auch nicht vergessen.« Wenn er keuchend hinansteigt, wird er sagen: Hilf, Herr! wenn er vom Berge hinuntersteigt, wird er auch mich nennen und sagen: Der Teufel hat mich auf diese Höhe gelockt, hier kann man ja Hals und Beine brechen. Das Motiv der menschlichen Ausrufe kehrt in der Sage von der Erschaffung des Menschen wieder (Kap. II).


Dobrovolskij, I, S. 232, Nr. 11. Der gleiche Schluß auch in einer mordvinischen Sage von der Entstehung der Berge (Veselovskij S. 13).[53]


II. Mancherlei Neues bringt eine Erzählung russischer Raskolniks1, die in Esthland aufgezeichnet ist.


Die Erde war bei der Schöpfung ganz mit Wasser bedeckt. Um nun festes Land zu schaffen, schickte Gott den Teufel unter das Wasser und trug ihm auf, vom Grunde des Meeres eine Handvoll Erde zu holen, indem er dabei sage: »Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!« Der Teufel tauchte unter, packte eine Handvoll Sand, sagte aber nichts dabei. Als er an der Oberfläche anlangte, war zu seiner Verwunderung seine Hand leer.

Zum zweiten Male mußte er ins Wasser und füllte seine Hand mit Erde, indem er sagte: »Im Namen des Teufels!« Als er wieder auftauchte, war seine Hand leer, wie vorher, nur etwas Schlamm war unter den Nägeln sitzen geblieben. Er schleuderte denselben von sich, und das Meerwasser wurde an diesen Stellen dick, unrein und übelriechend.

Zum dritten Male tauchte er unter und konnte nicht umhin, jetzt die Worte zu wiederholen, die Gott ihm zu reden befohlen, wollte aber gern etwas von der gewonnenen Erde für sich behalten, brach daher ein Stück ab und Das Übrige gab er ab, und Gott streute es nach »Es wachse und vermehre sich die Erde!«

Alsbald entstanden große Länderstrecken mit weiten Ebenen und hohen Gebirgen, bis endlich die drei Weltteile in ihrer gegenwärtigen Ausdehnung vollendet waren. Zu gleicher Zeit aber wuchs das Stück, welches der Teufel ins Maul gesteckt hatte, so schnell und unaufhaltsam, daß ihm die Backe zu zerspringen drohte. Voller Angst rief er den Herrn um Hilfe an, und dieser gestattete ihm, es auszuspeien. Dies geschah, der Teufel spie es über die drei Weltteile hin; wo aber nur ein Stückchen oder ein Tröpfchen hinspritzte, da entstanden unfruchtbare Stellen, Wüsten, Felsen oder Moräste.


  • Literatur: Rußwurm, Sagen aus Hapsal S. 84, Nr. 83.

Fast wörtlich gleich in der Zeitschrift für deutsche Mythologie IV, 157, aus der Gegend von Pleskow, als Erzählung russischer Raskolniks von Rußwurm mitgeteilt. Doch spricht der Engel schon beim zweitenmal die vorgeschriebenen Worte, die Trübung des Meeres fehlt also.

Der neue Gedanke, daß dem Teufel die Schöpfung der Sümpfe (nicht der Berge) zugeschrieben wird, erscheint auch im weißrussischen (Šejn, Bjelor. narod. piesni S. 428 – 29 = Veselovskij 65). Dort ist auch der Anfang bemerkenswert, worin es heißt, daß der Teufel in einer Blase schwamm, welche zerplatzte (vgl. dazu oben S. 19), danach folgt das Heraufholen der Erde, deren Anschwellen im Munde usw.

Eine Sage der Philipponen2 in Ostpreußen hat eine eigenartige Wendung erhalten.

[54] Als Gott die Welt schaffen wollte, sprach er zu dem obersten Engel: Hol mir die Erde aus der Tiefe des Wassers. Nach drei Tagen brachte er eine Handvoll und hatte auch ein wenig in den Mund genommen, denn er wollte sehen, was Gott täte. Gott streute sie aus und sprach: »Es werde.« Da wuchs die Erde im Munde des Engels. Er schrie, bat Gott um Hilfe und spie auf Gottes Wunsch die Erde aus. Daraus aber erwuchs Tabak und Hopfen.


  • Literatur: Mitget. von F. Tetzner, Globus 76, 1899, S. 191.

III. Eine wesentliche Erweiterung der Sage finden wir in der Ukraine.


Als Gott die Welt erschaffen wollte, sprach er zu dem ältesten seiner Engel, Satanael, mit dem er über das Meer hinwandelte, er solle bis auf den Grund tauchen und ihm eine Handvoll Sand herauf bringen; wenn er sie aber nähme, solle er dabei sprechen: »Ich ergreife dich Erde, im Namen des Herrn.« Als aber Satanael auf dem Grunde ankam, kam ihm ein böser Gedanke, und er sprach: »In des Herrn und in meinem Namen!« Als er aber wieder empor stieg, zerrann ihm der Sand in dem Wasser, und er brachte nichts mit herauf. Der Herr, welcher gemerkt hatte, was vorgegangen war, hieß ihn noch einmal tauchen und verbot ihm, seinen eigenen Namen hinzuzufügen. Er tat es aber dennoch und er brachte wieder nichts mit herauf. Erst beim dritten Male ließ er seinen Namen fort, und nun brachte er den Sand in der offenen Hand herauf. Gott nahm ihn, ging über das Meer hin und streute den Sand aus. Satanael leckte sich die Hand und dachte: »Ich werde für mich ein ganz klein wenig behalten und auch eine Erde machen.« Und als Gott ihn fragte, ob er noch Sand hätte, antwortete er: »Nein.« Nun segnete Gott die Erde nach allen vier Weltrichtungen, und als er sie gesegnet hatte, begann sie zu wachsen. Aber die Erde, die Satanael im Munde hatte, wuchs auch und wurde so groß, daß seine Lippen sich öffneten. Und Gott sprach: »Spuck aus, Satanael!« und er begann zu spucken und auszuwerfen. Und wohin er gespuckt hatte, wuchsen Berge empor, und wohin er ausgeworfen hatte, Felsen. Darum ist unsere Erde nicht eben. Und man sagt, daß Gott es wohl wußte, daß nun Berge und Felsen wüchsen, aber daß sie infolge der Beschwörungen von Petrus und Paulus aufgehört hätten zu wachsen. Da sprach der Herr zu Satanael: »Jetzt muß die Erde nur noch eingeweiht werden. Doch laß sie erst noch wachsen und uns zur Ruhe legen.« Als Gott eingeschlafen war, beschloß Satanael ihn zu ertränken. Er hebt ihn auf und läuft dem Meere zu. Er läuft erst nach Süden, da ist kein Meer! er stürzt sich nach Norden, da ist auch keins zu sehen! er wendet sich nach allen vier Himmelsrichtungen – nirgends ist Meer. Die Erde schien sich schon so ausgedehnt zu haben, daß sie sich mit den Rändern auf den Himmel stützte. Als er sah, daß nichts zu machen war, brachte er Gott an dieselbe Stelle zurück und legte sich neben ihn. Er blieb einen Augenblick liegen, dann weckte er Gott auf und bat ihn, die Erde zu weihen. Und Gott sprach zu ihm: »Mache dir keine Sorge, Satanael! meine Erde ist schon geweiht; ich habe sie diese Nacht nach allen vier Himmelsrichtungen geweiht!«


  • Literatur: Osnova VI, 59–60 = Dragomanov, Mal. Pred. I, 89 = Afanasiev, Poet, vozzr. II, 459 = Revue des Trad. Pop. II, 402 = Strauß, Die Bulgaren S. 13 f.

Interessant ist hier die Verbindung unseres Motivs von der Entstehung der Berge mit dem bulgarischen Motiv vom Ertränken Gottes.[55] Es braucht dies indessen keineswegs aus Bulgarien verpflanzt zu sein, denn wir werden es weiterhin auch in Asien nachweisen. Das Eingreifen von Petrus und Paulus erinnert an die grusinische Sage, in der zwei Engel Michael und Gabriel Gott geradezu überlegen sind.


Eine letzte hierher gehörige Version aus der Ukraine enthält altertümliche Züge, z.B. den Schaum, in dem Satanael schwimmt (vgl. oben S. 18 f.), die Entstehung der Engel und Teufel und die schöpferische Kraft des Speichels. Im ganzen aber stellt sie sich als eine unklare Wiedergabe der landläufigen Form dar.

Nachdem Gott Satanael im Schaum gefunden hat, sagt er zu ihm: »Werde ein Engel, gibt ihm zwei Flügel und heißt ihn fliegen.« Aber er kann es nicht und erhält noch zweimal je zwei Flügel und ein Schwert. Am zweiten Tage schafft Gott den Himmel, am dritten befiehlt er Satanael, aus dem Meere ein Teilchen Erde im Namen Gottes heraufzuholen. Es folgt das Tauchen und der Mißer folg des ungehorsamen Teufels, sowie das Wachsen der Erde in seinem Munde. Er spuckt aus, und es fliegen Teufel heraus, die ihm gleichen (mit 6 Flügeln?). Als er schließlich reinen Speichel ausspeit, fliegen Engel heraus, die schöner sind, als er selbst. Darauf sagt Gott: Wir wollen uns jetzt ausruhen und in den Himmel gehen. Als Gott und die Engel schlafen, will Satan mit den Seinen sie ins Wasser werfen, aber die Erde wächst nach allen vier Seiten. Nachdem die Teufel, hiervon ermüdet, eingeschlafen sind, werfen Gott und die Engel sie ins Wasser und gehen in den Himmel ... Am fünften Tage schafft Gott zwei Riesenfische, welche die Welt stützen.


  • Literatur: Čubinsky I, 143–44.

IV. Lettische Parallelen:


a) Anfangs war nur Wasser und Luft zu sehen, die Erde war noch nicht geschaffen. Da kam Gott der Gedanke, die Erde zu schaffen, und er bat den Teufel, der damals im Wasser lebte, ob er nicht so freundlich sein und ihm vom Grunde des Wassers eine Handvoll Schlamm hervorholen wolle. Der Teufel erfüllte die Bitte Gottes und brachte ihm eine Handvoll Schlamm herauf, aber auch für sich hatte er den Mund mit Schlamm vollgestopft. Gott nahm den Schlamm vom Teufel entgegen, rundete ihn zu, und alsbald begann er zu quellen und gewann Ausdehnung und Aussehen der jetzigen Erde. Auch im Munde des Teufels begann der Schlamm zu quellen, so daß er ihn nicht länger im Munde behalten konnte, sondern ihn über die ganze Erde ausspie. Wo der Teufel hingespien hatte, da erhoben sich Berge. Als Gott sah, daß die Erde groß genug sei, nahm er ihr die Schwellkraft, und die Erde blieb so, wie sie heute ist.


  • Literatur: Lerchis-Puschkaitis VII, S. 1192, Nr. XI, 121.

b) Zu Anfang gedachte Gott die Erde zu schaffen, aber er hatte keinen Stoff. Damals war der Teufel Gottes Diener. Gott gab ihm die Schlüssel des siebenten Himmels und befahl ihm, von dort Schöpfungsstaub herbeizuholen. Der Teufel ging hin, fand den Schöpfungsstaub und brachte ihn Gott. Gott nahm ihn und sprach: »Es werde!« Da begann der Schöpfungsstaub zu schwellen und schwoll und schwoll, bis aus ihm die Erde herausgewachsen war. Doch die neugeschaffne Erde war ohne Berge und Täler. Aber der Teufel hatte von dem Schöpfungsstaub ein wenig entwendet und, ohne daß Gott es bemerkte, in den Mund gesteckt. Als nun Gott sein: »Es werde!« sprach, da schwoll auch[56] der Schöpfungsstaub im Munde des Teufels an, so daß er dem Teufel fast den Mund zerriß. Jämmerlich schreiend lief der Teufel zu Gott, er möge ihn retten. Während des Laufes aber rann die im Munde geschwollene Erde zwischen den Zähnen heraus und wurde zu Bergen. Wie nun der Teufel an jedem Ort den Mund bald mehr, bald weniger geöffnet hatte, so wurden auch die Berge bald größer, bald kleiner. Aber Gott ergrimmte über die Spitzbüberei des Teufels so sehr, daß er ihm sogleich den Dienst kündigte und ihn fortjagte. Der verstoßene Teufel kroch in die Mitte der Erde, schuf sich Feuer (wörtl.: klügelte sich F. aus) und begann die Hölle zu bauen.


  • Literatur: Lerchis-Puschkaitis VII, 1192 Nr. XI, 122.

c) Als die Welt noch nicht erschaffen war, da schwebte Gott mit dem Teufel über dem unendlichen leeren Raum. Während Gott so schwebte, kam ihm einmal der Gedanke, die Welt zu erschaffen. »Hör mal, Teufel,« sagte er, »du kannst schnell fliegen. Flieg nieder in eine weite, weite Ferne. Dort wirst du einen absonderlichen Staub wirbeln sehen. Von dem pack, soviel du kannst, mit der Hand und bring ihn mir.« Der Teufel gehorchte und schoß in die Tiefe. Wenngleich er so schnell wie ein Bolzen hinflog, verging doch eine gehörige Zeit, bis er an die bezeichnete Stelle gelangte, wo der Staub im Wirbel kreiste. Er griff nach ihm, und es gelang ihm denn auch, einiges davon in die Hand zu bekommen. Dann fragte sich aber der Teufel in seinem unzuverlässigen Sinn, was wohl Gott mit diesem Staub machen werde, wozu er ihn brauche. Und da kam ihm der Gedanke, Gott werde ihn vielleicht zu seinem eigenen Besten verwenden, deshalb beschloß er, ein wenig davon für sich zu behalten. Da nun aber der Teufel nichts am Leibe hatte, wo er den Staub hätte verbergen können, so nahm er ein klein wenig davon in den Mund und brachte das übrige in der hohlen Hand zu Gott. Als er wieder bei Gott angelangt war und ihm den mitgebrachten Staub in die Hand geschüttet hatte, da säte es Gott über den Himmelsraum aus und sprach: »Es wachse und gedeihe!« Und siehe da, alsbald erschien unten die schöne, grüne, ebene Erde. Die Bäume wuchsen zusehends, und die Blumen begannen zu sprießen und zu blühen. Aber der Teufel spürte, daß auch in seinem Munde etwas mächtig wuchs. Zwar hielt er ihn mit aller Kraft geschlossen, aber da half nichts, es wuchs und wuchs darin nur um so ärger. Die Backen schwollen ihm wie Berge an, und er wandte sich von Gott ab, damit dieser sein Gesicht nicht sehe. Eine kleine Weile konnte er wohl seinen Mund noch geschlossen halten, aber dann öffnete er sich mit Gewalt, und große Erdklumpen fielen aus ihm auf die neugeschaffene Welt. Diese Erdklumpen, die der Teufel ausspie, sind noch heute überall auf der Erde zu sehen, und man nennt sie Berge.


  • Literatur: Lerchis-Puschkaitis VII, S. 1192 1 Nr. XI, 123.

d) In einer Variante erscheint das bekannte Sagenmotiv vom Wegebauen, das sonst mit Tieren in Verbindung gebracht ist:

Gott schickt den Teufel an den Meeresstrand nach weißem Sand, um auf der Erde weiße Wege anzulegen. Der Teufel tut es, will aber auch für sich eine Handvoll nehmen, um es Gott gleich zu tun. Doch es donnert, und er flieht, ohne seine Absicht ausgeführt zu haben. Unterwegs holt er sich aus dem Morast eine Handvoll Erde und baut damit seine Wege. Die wurden also schwarz, während Gottes Wege schön weiß waren. Denn er hatte sie mit dem weißen Sand gebaut, den der Teufel aus Furcht vor dem Donner hatte fallen lassen.


  • Literatur: Lerchis-Puschkaitis VII, S. 1191, Nr. XI, 111.

[57] V. Eine slowakische Sage stimmt nur im Hauptmotiv mit der vorigen überein und gehört in eine besondere Gruppe,3 die sich möglicherweise aus der Schöpfungssage entwickelt hat.


Am Anfang der Welt flog Gott in der Höhe umher und trug die Erde in seinem Kleide. Und wo er sie hinschüttete, da entstanden Ebenen, Berge und fruchtbare Täler. Der Teufel jagte ihm nach, um seinen Teil zu erhalten, aber er erhielt ihn nicht; da zerriß er das Kleid, und es fielen lauter Felsen heraus. Deshalb sind die Spitzen der Tatra kahl und unfruchtbar.


  • Literatur: Dobšinsky I, 38 u. 39.

VI. Als Ausläufer ohne nähere Motivverwandtschaft, ja ohne Dualismus4 möge hier eine slowenische Sage angefügt werden:


Im Anfang war nichts außer Gott. Er schlief und schlummerte, und der Schlummer dauerte Jahrhunderte, und es war bestimmt, daß er erwache. Das geschah, und Gott fing an, überall umzuschauen. Und wo er hinblickte, erschien ein Stern, und es fing Gott an sich zu wundern, was er mit seinem Auge hervorbrachte. Er wandte sich dahin und dorthin, nirgends war Anfang, nirgends Ende, und unter sich sah er nur das Meer. Da stieg er ins Meer und ließ sich auf den Grund hinab. Als er wieder auftauchte, blieb ein Körnchen Sand unter seinem Nagel. Es fiel und blieb über dem Meere, und daraus wurde unsere Erde. Der Meeresboden ist ihr Vaterland.


  • Literatur: Veselovskij S. 54. Vgl. Krek, I, S. 783 und Bibliographie, Anm. 3. I. Trdina in V. Pacel, Neven VI, S. 60 u. 61; K.I. Erben in: Čas. Česk. Mus. 40, 39. Ders., Sebrane baj. I. Ders.: Slovník naučný 8, 603 b, Dobšinsky, úvahi o slovjenskih povj. 1872, p. 39. Eine ähnliche Geschichte von der Abstammung des Menschen aus Gottes Schweiß s. unten Kap. 2.

Fußnoten

1 Die Raskolniks (Abgetrennten) oder Starowerzen (Altgläubigen) bilden eine zahlreiche Sekte, welche sich durch einfache Gebräuche und Sittenreinheit auszeichnet. Sie verabscheuen den Gebrauch des Tabaks, den sie das Gott mißfällige Kraut nennen.


2 Altgläubige, die sich um 1700 von der russischen Staatskirche trennten. Wiederholt verfolgt und vertrieben, faßten sie im 18. Jahrhundert Fuß am Weißen Meere, im innern Rußland und in Sibirien als Filopani, in der Bukowina als Lippowaner, in Polen als Kaczagy, unter Friedr. Wilh. III. um 1830 in Ostpreußen. Über die Verabscheuung des Tabaks siehe die vorige Anmerkung. Andere Geschichten vom Teufel und dem Tabak siehe Kap. 4.


3 Polnisch: Als Gott die Erde eben erschaffen hatte, veranlaßte der Teufel die Gans, ein wenig Erde zu stehlen. Gott bemerkte es und schickte ihr den Falken nach. Die Gans ließ die Erde fallen. Daraus wurde das Bergland. – Bulgarisch: Gott trug Mehl in einem Sack, und dieser hatte ein Loch. Durch Herausfallen des Mehles entstanden Berge und Hügel. (Sbornik za nar. umotv. V, Abt. 3, 109.)


4 Ein anderes Beispiel für solche Verflüchtigung des Hauptmotivs bietet eine rumänische Sage, die erzählt, Gott habe bei der Erschaffung der Erde in die Hand gespuckt, und aus dem Speichel sei die Erde entstanden. Daher steht die Erde in des Herrn Hand. Şezătoarea III, 25.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 58.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Grabbe, Christian Dietrich

Herzog Theodor von Gothland. Eine Tragödie in fünf Akten

Herzog Theodor von Gothland. Eine Tragödie in fünf Akten

Den Bruderstreit der Herzöge von Gothland weiß der afrikanische Anführer der finnischen Armee intrigant auszunutzen und stürzt Gothland in ein blutrünstiges, grausam detailreich geschildertes Massaker. Grabbe besucht noch das Gymnasium als er die Arbeit an der fiktiven, historisierenden Tragödie aufnimmt. Die Uraufführung erlebt der Autor nicht, sie findet erst 65 Jahre nach seinem Tode statt.

244 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon