V. Der Mensch ist Gottes Geschöpf und wird vom Teufel beschädigt.

[95] Es gibt jedoch auch andere Sagen, in denen die Schöpferkraft Gottes in rein monotheistischer Beleuchtung erscheint: Gott schafft und belebt den Körper. Dualistisch ist dagegen die Idee, daß der Teufel ihm entgegenarbeitet und das Werk stören oder gar zerstören will.[95]

In dem von Barsov herausgegebenen Texte einer Handschrift des 16. Jahrhunderts, der sich »Von dem Tiberiasmeere« betitelt (vgl. Kap. I), heißt es, nachdem die Weltschöpfung erzählt ist:


Und dann schuf der Herr das Paradies auf der Ostseite, und er beschloß, den ersten Menschen Adam zu schaffen, und er machte seinen Körper aus sieben Bestandteilen: den Körper (das Fleisch?) aus Erde, die Knochen aus Stein, das Blut aus Meer, die Augen aus Sonne, die Gedanken aus Wolken, den Atem aus Wind, die Wärme aus Feuer. Und der Herr ging in den Himmel hinauf zu seinem Vater, um die Seele für Adam zu holen. Satan wußte nicht, was anzustellen: er stach mit den Fingern in den Körper Adams. Und der Herr kam zu seiner Schöpfung, zum Körper Adams, und sah diesen voll Stiche, und er sprach: »O Teufel, wie wagtest du meiner Schöpfung das anzutun?« Und der Teufel sagte: »Herr, wenn der Mensch das Gefühl bekommt (?), daß er krank geworden, so soll er deiner gedenken.« Der Herr kehrte die Wunden Adams nach innen, und davon rühren die Krankheiten her. Satan bewirkte es, daß, wenn jemand den Schmerz fühlt, er den Seufzer: Oh, oh, Herr erbarme dich! ausstößt. Der Herr brachte Adam ins Leben und gab ihm im Paradies die Gewalt über alle Vögel, Raub- und Haustiere (Jagić, Slav. Beiträge S. 45).


Dieselbe Erzählung steht in einer aus dem 18. Jahrhundert stammenden Handschrift, die sich in der Sammlung Grigorovsči in Odessa befindet.


Auch dort heißt es, daß Gott den leiblichen Menschen Adam aus den verschiedenen Bestandteilen schuf, daß der Teufel die Arbeit störte und der Herr die Störung wieder gut machte, worauf er schließlich den vom Himmel gebrachten Geist in Adams Körper legte und diesen ins Leben rief (Jagić, S. 46).


Hier ist zunächst eine aus dem Volksmund aufgezeichnete Sage aus Bulgarien, dem eigentlichen Sitze des Bogomilismus, als Parallele anzuführen:


Gott merkte, daß die Menschen, die er geschaffen hatte, widerstandsfähiger und kräftiger sein müßten, und darum machte er sie aus Lehm und legte sie in den Schatten, dem Winde ausgesetzt, dann an die Sonne, um sie trocknen zu lassen. In diesem Augenblicke kam der Teufel, und um das schöne Werk Gottes zu verderben, machte er mit einem Stocke Löcher in ihren Körper, indem er sie hier und da durchbohrte. Als Gott kam und sah, was der Teufel gemacht hatte, dachte er daran, wenigstens die Form seines Werkes zu retten. Er sammelte also Gras und verstopfte damit die Löcher und Poren, von denen der Körper des Menschen durchsetzt war, und endlich überzog er ihn mit Lehm. So heilte er den Menschen und brachte ihn wieder in Ordnung. Aus den Kräutern, die er dem Körper beigemischt hatte, wurden Arzneien, derart, daß, wenn man sie dem Menschen gibt und er krank ist, die Heilung erfolgt. Dies ist der Ursprung der Heilkraft gewisser Pflanzen.


  • Literatur: Schischmanoff, Nr. 25; Sbornik, za nar. umotv. II, 165 und X, 56.

Eine verwandte Sage, die für die folgende Untersuchung außerordentlich wichtig ist, berichtet von einer anderen Beschädigung wie folgt:


Nachdem Gott die Erde geschaffen hatte, ging er an die Erschaffung des Menschen. Nachdem er einen wunderschönen Körper geschaffen hatte, ließ er[96] ihn eine Zeitlang liegen, damit er fähig werde, die Seele aufzunehmen. Er selbst entfernte sich. Da kam der Teufel und sah, was Gott geschaffen hatte, und sah den Menschen schön und rein daliegen. Er erboste, dachte nach und bespie dann den Menschen. »Was hast du da getan?« fragte Gott. »Was denn!« sagte der Teufel, »wozu hast du ihn so schön geschaffen? Wenn er so bliebe, würde er von meiner Existenz nichts ahnen. Aber so wird er sich auch meiner erinnern.« Gott sah, daß der Teufel ihm sein Werk verpfuscht hatte. Aber es half nichts. Was Gott einmal gemacht hat, wird nicht neu geschaffen. Aber der Herr konnte den Menschen nicht in bespieenem Zustande lassen und kehrte die bespieene Seite nach innen. Und jetzt ist unser Körper umgedreht. Was draußen war, ist drinnen, mit alledem, was der Teufel bespieen hat, und alle Krankheiten fangen innen an.


  • Literatur: Großrussisch. Barsov I, S. 5.

Vergleiche hierzu die Varianten aus der Südwestukraine (Uschitzer Kreis):


1. Gott erschuf den Menschen aus Erde und ließ ihn in die Welt. Der erste Mensch war sehr schön, und der Teufel war mißgestaltet. Da fing er an, den Menschen um die Schönheit zu beneiden. Bei passender Gelegenheit kam der Teufel zum Menschen und bespie ihn. Gott erbarmte sich des Bespieenen und hat allen Speichel, der den Menschen bedeckte, in seine Eingeweide gelegt. Seit jener Zeit spuckt der Mensch und kann doch nicht alles ausspucken.


  • Literatur: Čubinskij, Trudy I, 145 Nr. 2.

2. Der Satan kann alles machen, doch unter der Bedingung, daß Gott es erlaubt und segnet; so z.B. hat der Satan den Menschen aus Lehm geklebt und ihn so gelungen gemacht, daß der Herrgott nur zu segnen und eine lebendige Seele zu geben brauchte. Als der Satan den Menschen zusammengeklebt hatte. stellte er ihn aufrecht hin, und dann bespuckte er ihn allenthalben. Seitdem spuckt der Mensch noch jetzt und hustet.


  • Literatur: Ebenda, Nr. 1.

Beide Varianten sind entstellt, indem die Beschädigung des Menschen nicht vor seiner Beseelung stattfindet (Var. 1) und der Teufel sein eignes Geschöpf verdirbt (Var. 2).

Eine lettische Variante knüpft an den bekannten Streit an, den Gott und der Teufel über den Besitz der Menschheit führen (vgl. Kap. 1). Sie erzählt:


Als Gott den Menschen erschaffen hatte, wollte ihn der Teufel für sich in Anspruch nehmen. Darüber entstand zwischen ihnen ein Streit, den Gott durch folgenden Vorschlag schlichten wollte: Sie sollten beide ein Stück vorangehen, und wem der Mensch dann folgen würde, dem solle er gehören. Der Mensch ging Gott nach. Der Teufel wollte vor Wut platzen, er blieb deshalb zurück und rächte sich am Menschen, indem er ihn mit seinem Speichel bespie. Aber je mehr er spie, um so näher rettete sich der Mensch zu Gott. So wurde der Mensch zwar Gottes Eigentum, aber er war vom Speichel des Teufels übel zugerichtet. Gott, der ein großer Schlaukopf war, krempelte den Menschen um, die häßliche Seite nach innen, und die hübsche nach außen. So entstanden aus Teufelsauswurf und Speichel die Eingeweide des Menschen.


  • Literatur: Lerchis-Puschkaitis VII, S. 1194 Nr. XI, 141.

[97] Wo ist der Ursprung jener Sagen zu suchen? Die Antwort auf diese Frage wird sich erst dann geben lassen, wenn wir eine neue Gruppe untersucht haben, die mit der vorigen aufs engste verknüpft ist.

Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 95-98.
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