VII. Der Ursprung der Sage.

[107] Um die Frage nach der Heimat all dieser Sagen zu lösen, gilt es zunächst, aus den verschiedenen Varianten die relativ beste Form herauszufinden und diese dann auf ihre Herkunft zu prüfen. Es ist nun auffällig, daß der Pelz des Hundes in der überwiegenden Mehrheit der Sagen als Teufelspelz erscheint oder daß der Hund selbst ein unreines Tier genannt wird, während es andrerseits auch heißt: Gott habe dem Hunde, den der Teufel durch Frost unschädlich gemacht hatte, das Fell geschenkt, damit er in ähnlichen Fällen nicht zu frieren brauche und sein Amt besser verwalten könne. Und diese Version findet sich bei den russischen Raskolniks und in der Ukraine, wiewohl gerade in Rußland die Unreinheit des Hundes besonders betont wird! Auch im Altai, wo der Hund sich gewöhnlich als vom Teufel verführt zeigt, gibt es die Umkehrung, daß der Hund schuldlos an dem teuflischen Vorhaben ist: er hat ihn nicht sehen können (oben S. 106). Und die Wotjaken sagen, daß der Hund deshalb beliebt bei ihnen sei, weil er den Bösen vertreibe.

Der offenbare Widerspruch, der hier vorliegt, ist wesentlich für die Geschichte der Sage. Offenbar ist die widerspruchslose Fassung, in welcher Gott das Fell verleiht, die allein echte und ursprüngliche. Die Gründe, weshalb die Unreinheit des Hundes und der teuflische Ursprung des Felles an die Stelle jenes Echten getreten ist, sind ohne weiteres einzusehen. Zeigt doch schon die türkische Version zur Genüge, daß nichts anderes als die bloße Verachtung des Tieres1 den Sageninhalt in solcher Weise beeinflussen konnte. Umgekehrt läßt sich nicht einsehen, wie man in Rußland dazu hätte kommen sollen, Gott statt des Teufels einzusetzen, falls dieser etwa der ursprüngliche Geber des Hundefelles gewesen wäre.

Und nun ist auf einmal ein Fingerzeig für die Auffindung der Heimat unserer Sage gegeben. Wo findet sich der Gedanke, daß der Hund ein Gott heiliges Tier gewesen sei? Wo erscheint er als Gottes Wächter? Im Vendidad (Fargard XIII) nennt Ormuzd sich den Schöpfer des Hundes, wobei ausdrücklich hervorgehoben wird, daß er ihn mit einem Kleide versehen[107] habe und mit einem Körper, der zum Kampf gegen »den Turanier« (= Räuber, Dieb) Kraft habe. Im übrigen ist ihm ein langer Abschnitt gewidmet, in welchem unter anderm auch seine Wachsamkeit gelobt wird. Lehrreich ist besonders Fargard XV, wo fünf Sünden aufgezählt sind, durch welche der Mensch ein Sünder wird. Die zweite davon ist: »Wenn jemand einem Hunde, der für das Vieh oder das Dorf gehört, nicht zu benagende Knochen oder heiße Speisen gibt. Wenn sie diesen Knochen in die Zähne bringen oder in die Gurgel. Wenn diese heißen Speisen den Mund oder die Zunge verbrennen. Wenn er (der Hund) sich dadurch verwundet.« Zum dritten ist sündig: »Wer eine trächtige Hündin schlägt oder scheucht.« In demselben Fargard wird bestimmt, daß eine niederkommende Hündin von dem Zunächstwohnenden mit Nahrung zu versorgen ist. (Avesta, übers. v. Spiegel, Bd. I, S. 208 f.) In solcher Weise tritt die Fürsorge für den Hund im ganzen Avesta auffallend hervor; sie kommt geradezu der Fürsorge für den Menschen gleich.

Im Bundehesh, Kap. XIV, wird der Hund das beste Haustier genannt. Er übertreffe den Menschen in drei Dingen: er hat seine eignen Schuhe, sein eignes (natürliches) Kleid und sieht nicht auf eignen Vorteil. Das Geschöpf Ahrimans dagegen ist der Wolf. Denn wie er überhaupt der reinen Schöpfung des Ormuzd seine unreine entgegensetzt, so auch dem Hunde, dem Erhalter der Herden, den Wolf, ihren Zerstörer.

Es steht ferner fest, daß der Hund ein treuer Begleiter des indischen Yama ist, der als Gottheit und König der glückseligen Väter im Jenseits zwei Hunde (Ehni, S. 59, 83 ff.) oder auch einen allein (Ehni, S. 86) zur Bewachung seines Wohnsitzes aufgestellt hat. Ihr Auftrag ist, den Frommen zum König zu geleiten, den Unwürdigen aber zurückzuschrecken. Nun ist aber Yama identisch mit Yima, dem iranischen König der goldenen Zeit, der, ehe er der Sünde verfällt, Unsterblichkeit und göttliche Majestät besitzt, und dieser Yima ist der Stammvater der Menschheit, der die Erde mit Geschöpfen aller Art sich füllen läßt (Fargard II). So ist es denkbar, daß der göttliche Menschenschöpfer und sein Hund aus indisch-iranischem Altertum in mongolische und andere Sagen gelangt ist.

Eine Bestätigung dieser Hypothese gewinnen wir von einer anderen Seite her. Welche Bewandtnis hat es mit der Verunreinigung, die der Teufel an dem Körper des Menschen vornimmt? Ist die Erklärung der veränderten Haut des Menschen (bei den Buräten und Wogulen) der eigentliche Zweck unsrer Sage gewesen? Offenbar nicht. Diese Erklärung ist aus einer andern Sagengruppe (s. Kap. 8) hierher geraten. Darf die Entstehung der Krankheiten (insbesondere des Hustens) als der ursprüngliche Gedanke gelten? Er findet sich nur vereinzelt im Slawischen und Ungarischen. Die Mordvinen dagegen verbinden ihn mit einem zweiten Gedanken: daß[108] nämlich die böse Seele vom Teufel eingelegt worden sei, und dieser Gedanke wird fast ausschließlich betont. Er scheint die Hauptsache zu sein. In der Tat, die Erklärung der Krankheitsursachen kann nur als eine verhältnismäßig junge Zutat angesehen werden. Es handelt sich bei dem Zwiespalt zwischen Gott und dem Teufel sicherlich um mehr, als bloß um den Körper: es handelt sich um die innere Reinheit des Menschen, durch deren Zerstörung dem Teufel die Macht über ihn zufällt. Daher heißt es bei den Türken: er wollte die Sünde mit seinem Speichel einimpfen; daher bei den Tscheremissen: das Innere wurde durch ihn unrein; daher bei den Jakuten: das Innere ist Dreck und Kot (wobei man übrigens sieht, daß es nicht darauf ankommt, ob die Verunreinigung durch Speichel geschieht oder durch Schmutz). Und wenn im Altaischen und im Großrussischen übereinstimmend gesagt wird: daher sei der Speichel im Innern des Menschen unrein, so ist diese Auffassung der Sagenidee zwar recht äußerlich, aber immer noch besser als die Sage vom Husten.

Wenn aber die Gestalt des Hundes iranisch ist, so muß auch die Idee der Verunreinigung iranisch sein. Und sie ist es. Der Bundehesh (Kap. XV) berichtet ausdrücklich, daß Ahriman das erste Menschenpaar »befleckte«. Nachdem nämlich gesagt ist, daß Meshia und Meshiâne mit ihrer ersten Rede ihren Schöpfer Ahura gepriesen haben, heißt es weiter: »Hierauf lief der Feind in ihren Sinn und befleckte ihr Denken, und sie logen dann: Ahriman hat geschaffen Wasser, Erde, Pflanzen, Tiere und alles andere.«

Diese Beschmutzung im geistigen Sinne ist in der Volkstradition durch eine symbolische Tat des Teufels anschaulich dargestellt und dem schlichten Verständnis der Menge klar gemacht worden, wobei gewiß noch eine zweite Stelle des Bundehesh mitgewirkt hat. Nach Kap. III ist Ahriman der Erzeuger von Krankheiten, durch die er das eingeborne Rind und den Urmenschen, den »reinen Mann« Gaya maretan, zugrunde richtet. So vereinigten sich die Vorstellungen vom heiligen Hunde des Ormuzd, vom Wächterhunde des Yama, vom Menschenerzeuger Yima und von dem Feinde des Menschen Ahriman zu einer Sage, deren einleuchtende, leicht faßliche Idee der Anlaß ihrer weiten Verbreitung wurde.2 Da sie überdies in der kosmogonischen Sage Aufnahme fand, gewann sie einen noch festeren[109] Lebenshalt, und so gelangte sie durch die verschiedenen Stämme, die dem iranischen Einfluß unterworfen waren, einmal bis zu den Jakuten, das andre Mal bis nach Rußland. Auf anderem Wege, über Armenien, empfingen die balkanischen Bogomilen ihre dualistischen Sagen, wobei es jedoch nicht ausgeschlossen ist, daß auch der direkte östliche Strom bis zu ihnen den Weg fand.

Fußnoten

1 Über die Auffassung, daß der Hund ein unreines Tier sei: v. Negelein, Ztschr. f. Volksk., XIII, 263, und Grupp, Mythologie u. Religionsgeschichte, II, S. 9696, 11071.


2 Eine interessante Parallele hierzu finde ich im Tractat Sanhedrin, fol. 39 a (Wünsche, Babyl. Talmud, II, 3, S. 69): Ein Magier sprach zu Amemar: »Die Hälfte deines Körpers nach oben zu gehört Ormuzd, und die andere Hälfte nach unten zu gehört Ahriman.« Dieser entgegnete ihm: »Wenn dem so wäre, wie würde Ahriman dem Ormuzd gestatten, das Wasser (die Exkremente) durch sein Gebiet ziehen zu lassen!« (Damit wollte Amemar den persischen Dualismus, den der Magier selbst in der Bildung des menschlichen Körpers nachweisen wollte, ins Lächerliche ziehen.) Die oben behandelte Sage ist im Grunde nichts anderes als eine Darstellung dieser Zweiherrschaft von Ormuzd und Ahriman.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 110.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Prinzessin Brambilla

Prinzessin Brambilla

Inspiriert von den Kupferstichen von Jacques Callot schreibt E. T. A. Hoffmann die Geschichte des wenig talentierten Schauspielers Giglio der die seltsame Prinzessin Brambilla zu lieben glaubt.

110 Seiten, 4.40 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon