3. Kapitel.

Die Erschaffung Evas.

[114] Die Sage von dem nichtsnutzigen Hunde, der den noch unbelebten Körper Adams dem Teufel preisgibt, hat ihr Gegenstück in einer Sage von der Erschaffung Evas aus einem Hundeschwanz. Diese Sage, die ursprünglich nichts mit dem Hunde zu tun hatte, hat erst durch Vermengung mit der Adamssage ihre besondere Gestalt erhalten. Als Urform betrachte ich eine bulgarische Erzählung, die offenbar in engem Zusammenhang mit den oben behandelten dualistischen Legenden steht. Nicht nur weist ihre Heimat darauf hin, sondern mehr noch ihr Inhalt. Denn auch hier handelt[114] es sich um die Gegnerschaft Gottes, Michaels und Satans, sowie um die Schädigung des göttlichen Werkes während der Abwesenheit des Schöpfers. Es wird nämlich folgendes berichtet:

Als Gott Vater den ersten Menschen aus Ton geschaffen hatte, welcher Adam hieß, blies er über ihm; dieser belebte sich und wurde ein lebendiger Mensch wie wir. Danach sprach der Herr bei sich: »Ich muß diesem Manne eine Gefährtin geben, damit er mit jemand sprechen kann und sich nicht langweilt.« Er rief einen Engel und sprach zu ihm so: »Höre, was ich dir jetzt sagen werde, mein Engel. Du wirst dich von hier in den Obstgarten zu Adam begeben, und du wirst ihn eingeschlafen finden. Dann nimm ihm ganz sachte eine Rippe aus seiner linken Seite und bringe sie mir; aber gib wohl Acht, daß du ihn nicht aufweckst.« Der Engel verneigte sich vor dem Herrn und lief dann in den Obstgarten zu Adam, welcher schlief; er nahm ihm ganz sachte eine Rippe heraus, ohne daß dieser bemerkte, was vorging, und brachte sie dem Herrn. Aber dieser war gleichfalls eingeschlafen, und da der Engel ihn nicht zu wecken wagte, blieb er an der Tür stehen und wartete, bis er aufwachen würde.

Aber da kam der Teufel die Treppe herauf, er tritt zu dem Engel heran und spricht zu ihm: »Warum bleibst du an der Tür stehen anstatt hereinzukommen?« Und der Engel antwortete ihm: »Ich fürchte mich, den Herrn zu wecken.« – »Und was hältst du da in der Hand?« – »Das ist die Rippe Adams.« – »Ich bitte dich, lieber Engel, laß sie mich untersuchen; wie sieht sie ausDer Engel gab sie ihm ohne Mißtrauen, aber der Teufel brachte sich sogleich in Sicherheit, und der Engel mußte hinter ihm herlaufen. Der Teufel lief mit der Rippe in der Hand hierhin und dorthin, während der Engel ihn verfolgte, um sie ihm zu entreißen. Endlich verkroch sich der Teufel in ein Loch, und der Engel packte ihn bei dem Schwanze. Der Teufel suchte zu entkommen, aber der Engel zog, ihn am Schwanz, und er zog so lange, bis er ihn ausgerissen hatte, während der Teufel sich in dem Loche versteckte. »Und was werde ich nun dem Herrn sagen?« klagte der Engel, indem er zurückkehrte.

Als er vor Gott ankam, fand er ihn noch immer schlafend. »Wir wollen ihn wecken,« sprach der Engel bei sich, »und mag er mir antun, was er will, wenn er mir nur nicht sagt: warum hast du mich nicht vorher geweckt?« Und er fing an zu rufen: »Herr, Herr!« und der Herr sprach zu ihm, noch mit geschlossenen Augen: »Wohlan, packe dich! laß mich ruhig schlafen, und was du in der Hand hast, mag werden, was ich gesagt habe.«

So wurde aus dem Teufelsschwanz ein Weib und erhielt den Namen Eva.


  • Literatur: Šišmanov, Nr. 26 = Strauß, die Bulgaren S. 45 = Sbornik za nar. um. IX, Abt. 3, 155.

[115] In einer Variante finden wir, wie so häufig, statt des Teufels die Schlange eingesetzt; außerdem fehlt Gottes Schlaf. Sie lautet:


Als Gott die Frau schuf, nahm er eine Rippe von Adam und legte sie auf die Erde, während er die Wunde wieder zunähte. Die Schlange aber bemächtigte sich ihrer heimlich, und da sie damals noch Füße hatte, so lief sie schnell davon. Gott schickte darauf Michael, um sie zu verfolgen. Der Erzengel glaubte sie schon sicher zu haben, denn er hatte sie bei den Füßen ergriffen, aber die Schlange ließ ihm die Füße in den Händen und riß sich mit einem Kuck los.

Der Erzengel war ganz bestürzt und ging hin, um dem lieben Gott sein Mißgeschick zu erzählen. Der liebe Gott, der dadurch in der Schöpfung gehindert war, überlegte einen Augenblick, nahm die Füße der Schlange, blies hinein und schuf so unsere Stammutter. Darum ist die Frau so falsch, und darum haben seitdem auch die Schlangen keine Füße mehr.


  • Literatur: Rolland, Faune populaire III, 34.

Der Erzengel Michael erscheint auch in einer russischen Version (aus dem Kreise Kaniov). Hier kommt aber statt des Teufels der Hund und frißt das Weib auf, so dass ein zweites geschaffen werden muß:


Gott machte den Mann aus Erde und das Weib aus Teig und stellte sie meiner Treu! zum Trocknen an die Sonne [vgl. Adams Erschaffung]. Und dem Michael befahl er aufzupassen. Michael paßte auf und paßte auf. Endlich verguckte er sich auf irgend etwas. Da kam ein Hund und fraß das Weib auf. Gott legte hierauf die Seele in den Mann, nahm ein Endchen von seiner Rippe und machte ein zweites Weib daraus. Den Mann nannte er Adam. Das Weib benannte der Mensch selbst Eva.


  • Literatur: Čubinskij, Trudy I, 154, Nr. 4.

Diese Version ist wertvoll. Denn wenn auch das Auffressen des ersten Weibes eine Verderbnis ist, die sich sonst nirgends findet1, so erkennen wir andererseits deutlich die Entstehung der Variante. Wir erkennen die Sage von Michael, dem die Rippe entrissen wird, und die Sage vom Hunde, der dem Teufel zu der Schädigung des Menschen verhilft. Der[116] pflichtvergessene Hund, der dort den Teufel an Adam heranließ, macht sich hier selber an diesen heran, eine in der Sagengeschichte ganz gewöhnliche Rollenverschiebung.

Diesen Zusammenhang mit der Adamssage zeigt noch klarer eine ungarische Fassung, in der aber Michael fehlt und Gott selber erscheint:


Gott hatte den Hund zur Bewachung des ersten Menschen ausgeschickt, als dieser noch keine Seele in sich trug. Der Hund ließ aber den Teufel an den noch leblosen Menschen heran, und als Gott kam, lief er davon. Gott setzte dem Hunde nach und riß ihm den Schwanz ab, woraus er dann das Weib erschuf. Deshalb haben die Weiber viele Flöhe.


  • Literatur: Strauß, die Bulgaren 45 = Sbornik za nar. umotv. IX, 155.

Daß Gott selbst dem Hunde nachläuft, berichtet auch eine Version aus Lotmerg in Steiermark.


Als Gott den Adam aus Erde geformt, lehnte er ihn an einen Zaun zum Trocknen, hauchte ihm eine Seele ein, und Adam ward lebend. Er hätte gern geheiratet. Da befahl ihm Gott einzuschlafen und nahm ihm im Schlafe eine Rippe. Gott war damals ein bißchen zerstreut und schaute herum. Währenddem stahl der Hund die Rippe. Gott lief dem Hunde nach, konnte ihm aber das Rippenstück nicht mehr abjagen, sondern erwischte nur ein Stückchen vom Hundeschwanz, und nun erschuf er aus dem Hundeschwanz das Weib. Also darum bewegen alte Weiber ihre Zunge wie der Hund seinen Schwanz.2


  • Literatur: Krauß, Sitte und Brauch der Südslawen S. 184, wo verwiesen wird auf Izviestje kr. gimn. u. Varažd. 1874/75. Narodn. prip. priobćuje M. Valjavec S. 45. Vgl. auch Krauß, Ἀνθρωποφυτεία 1, Nr. 15.

Übrigens geht hieraus hervor, daß die Sage von dem zum Trocknen hingelegten Adam und die Sage von Adams Rippe sich nur notdürftig verbinden ließen. Eins von beiden: die Rippe oder Adams Trocknung würde besser fehlen.

Es ist denn auch in andern Varianten nur noch von der Rippe, aber nicht mehr von der Bewachung des trocknenden Adam die Rede. So in folgender unga rischen Sage:


Als Gott den Adam erschaffen hatte, nahm er ihm aus der linken Seite eine Rippe heraus und legte sie auf die Erde. Hierauf entfernte sich Gott, um Kot zu holen, womit er das Loch in Adams Seite zustopfen wollte. Inzwischen raubte der Hund die Rippe und wollte davonlaufen, aber Gott schnitt ihm den Schwanz ab und formte daraus Eva. Und so ist es denn auch: Ob du ein Geheimnis an die Zunge des Weibes bindest oder an den Schwanz des Hundes – es bleibt sich gleich!


  • Literatur: Strauß 46 = Kálmány, Világunk alakulásai 30. = Ethnolog. Mitt. aus Ungarn II, 6.

Das klingt nun freilich schon ganz anders als jene bulgarische Sage, von der wir ausgingen, und doch ist noch immer eine Übereinstimmung vorhanden, nämlich in der Situation. Dort schlief Gott, und während dieser[117] Zeit, wo der Teufel sich unbewacht fühlte, fand der Raub der Rippe statt. Hier benutzt der Hund einen unbewachten Augenblick, wo Gott sich entfernt hat, für seine Tat. Ähnliches findet sich in folgenden Parallelen:


Als Gott Adam geschaffen hatte, schläferte er ihn ein und nahm ihm eine Rippe heraus, welche er auf einen Baumstumpf legte; dann steckte er sich seine Pfeife an. Er wollte aus dieser Rippe eine Frau machen. Da er aber schon etwas alt war, so beeilte er sich nicht sehr bei seiner Arbeit. Während Gott seine Pfeife rauchte, kam ein Hund, nahm die Rippe und lief davon. Gott verfolgte ihn und erwischte ihn in dem Augenblick, wo er über einen Bach springen wollte, am Schwanze. Während des Ziehens sprang er, und der Schwanz blieb in Gottes Händen zurück. Und da Gott nicht über den Muß konnte, um sich die Rippe wieder zu holen, machte er aus diesem Hundeschwanz das erste Weib.


  • Literatur: Lettisch. Revue d. trad. pop. II, 485.

Als Gott die Welt erschaffen hatte, wollte er seine Schöpfung mit etwas Edlem beschließen und schuf den Menschen Adam. Es lebte nun Adam im Paradiese, und obwohl er alles vollauf hatte, so empfand er doch immer eine gewisse Langeweile. Da erfuhr der Herr, daß sich Adam langweile – von wegen einer Frau, seht ihr! – und er beschloß, ein Weib zu erschaffen und sie Adam als Gattin zu geben. Als nun dieser einst schlief, streckte der Herr seine Finger nach ihm hin, öffnete ihm die Brust, nahm von dort eine Rippe heraus, legte diese hinter sich und begann, das Loch in der Brust wieder zuzumachen. Im selben Augenblick kam der Hund, welcher frisches Fleisch gerochen, herbeigerannt, und ehe der Herrgott sich versehen, hatte er die Rippe ergriffen und lief davon. Gott machte sich an die Verfolgung, der Hund aber entkam mit der Rippe. Gott packte ihn am Schwanze, aber der Schwanz riß ab. Was sollte Gott nun tun? Er konnte doch Adam nicht noch eine Rippe herausnehmen! Deshalb nahm er den Schwanz und machte daraus Eva. Deshalb haben auch die Frauen die Haare so lang, wie beim Hunde der Schwanz ist.


  • Literatur: Ukrainisch. Žitje i Slovo 1895, I, 373, Nr. 33. Etnograf. Zbirnyk XII, S. 24, Nr. 20.

Im wesentlichen gleichlautend schließt sich hier eine vlämische Fassung an:


Als unser Herr Adam geschaffen hatte, wollte er auch eine Frau für ihn machen. Er ließ Adam in einen tiefen Schlaf fallen und zog ihm eine Rippe aus dem Leib. Er legte die Rippe neben sich auf die Erde und gedachte sein Werk zu beginnen, als auf einmal von dem Geruche angelockt ein Hund angelaufen kam, der die Rippe ins Maul nahm und mit ihr davonlief. Unser Herr lief natürlich hinterher, so schnell seine alten Beine es zuließen, aber ach! der Hund war ihm viel zu flink und kroch durch einen Zaun, so daß Gott ihn grade noch am Schwanze packen konnte. Der Hund seinerseits zog und zerrte so stark, wie man nur kann, so daß endlich sein Schwanz losriß und Gott ihn in der Hand behielt. Hallo, nur gemach! sagte er, ich werde wohl auch daraus eine Frau zustande bringen. Das tat er denn auch. Und so kommt es, daß die Frau aus einem Hundeschwanz gemacht ist.


  • Literatur: Mont en Cock, Vlaamsche Vertelsels 448.

Auch ein altes niederländisches Schwankbuch, De Geest van Jan Tamboer (Amsterdam 1668, S. 183), erwähnt diese Erschaffung der Weiber.[118] »Daerom«, heißt es dort, »staense noch op alle hoecken en kaffen als de Honden kaf, kaf, kaf, en waer de mans te Biere gaen, loopen sy se stracks na, gelijck de Honden haet maester doen, en sy zijn oock met de vloon ghequelt, 't welcke sy van de honden natuere behonden hebben.«3

Übereinstimmend lautet der Schwank in einem deutschen Buche, auf das mich Johannes Bolte freundlichst aufmerksam gemacht hat: Mancherley Historien und Geschichten oder Zeit-Verkürtzer Augspurg 1675, Bl. D 7a (Berlin, Kgl. Bibl. Yt 9641).

Erwähnt ist die Sage auch in Zincgref-Weidners Apophthegmata (Amsterdam 1655) IV, S. 414, wo ein Doktor Langenberg genannt wird, »der ein Schmähbuch von den Weibern geschrieben und in dem behaupten wollen, daß die Weiber von einem Hundsschwanz gemacht«.

Eine rumänische Variante geht über den Augenblick, in dem der Raub geschah, kurz und oberflächlich hinweg, indem sie sagt:


Als Gott Adam die Rippe aus dem Leibe nahm, kam ein Hund und schnappte sie ihm weg. Da setzte ihm Gott nach, konnte ihn nur am Schwanze fassen und riß ihn aus. Mißmutig warf er ihn auf die Erde und rief: »Es werde ein Weib.« Und so entstand die Frau aus dem Schwanze eines Hundes, während der Hund wütend davonlief. Daher die Wut bei den Hunden.


  • Literatur: Gaster, Magazin f.d. Lit. des Auslandes 1879, 596.

Auch eine portugiesische Version bringt nur die Umrisse der Sage:


Als Gott Eva schaffen wollte, nahm er Adam eine Rippe. Aber ein Hund kam und trug sie weg. Gott verfolgte ihn, packte ihn beim Schwanze und machte das Weib daraus, indem er sagte:


Tanto vale facer Eva

De uma costella de Adão

Como do rabo de um cão.


Leite da Vasconcellos, trad. pop. 200.


Entstellt ist folgende Legende aus S. Stefano di Calcinaia bei Florenz:


Adam war eingeschlafen. Der Hund trug eine seiner Rippen davon. Adam rannte hinter dem Hunde her, um sie wiederzubekommen, brachte jedoch nichts zurück als des Hundes Schwanz, der ihm in der Hand blieb. Daraus erschuf Gott das Weib.


  • Literatur: Gubernatis, Die Tiere in der Mythologie, S. 369, Anm. 3.

Uns Deutschen ist die Sage aus einem Spruchgedicht Hans Sachsens4 vom Jahre 1557 geläufig. Dort wird erzählt, daß Gott, nachdem er die Rippe des schlafenden Adam neben sich gelegt und die Wunde mit Erde verklebt hatte, seine Hände vom Blute reinwaschen wollte, um danach Eva zu schaffen. Indem lief ein Hund daher und raubte die Rippe. Gott eilte ihm mit dem Messer nach, erwischte ihn beim Schwanz und schnitt ihn ab.[119]


Von dem hund kamen auf die stünd

Noch her alle stumpfende hünd.


Gott machte nun aus dem Hundsschwanz Eua, das weib, mit langem har vnd schön von leib. Dreierlei Art haftet seitdem dem weiblichen Geschlechte an: Wie der Hund mit dem Schwanz schmeichelt, wenn er etwas haben will, so liebkost auch die Frau mit dem Manne, wenn sie etwas von ihm begehrt. Erhält sie aber ihren Willen nicht, so fängt sie an, wie ein Hund zu bellen. Und als drittes Erbteil des Hundeschwanzes sind ihr die Flöhe verblieben.

Statt des gierigen Hundes raubt in der magyarischen5, portugiesischen6 und belgischen7 Sage die nicht minder gierige Katze die Rippe, aus der Gott das Weib schaffen wollte; Gott haschte nach ihr und nahm ihr den Schwanz, aus dem er dann Eva formte.

Anderswo wieder kommt der Affenschwanz vor. So spielt in einer Variante der obigen vlämi schen Sage der Affe die Rolle des Hundes, und darum, fügt man hinzu, haben die Affen keinen Schwanz (Mont en Cock, p. 449, Anm.).8

Wichtiger erscheint mir eine Sage, die bei den Arabern von Algier kursiert. Sie berichtet, daß, als Gott das Weib erschaffen wollte, Satan sich bemühte, sein Beginnen zu vereiteln. Zu diesem Zweck hetzte er einen Affen auf, und als Gott die Rippe, die er dem ersten Manne entnommen hatte, auf die Erde legte, bemächtigte sich ihrer das Tier und lief davon. Der Schöpfer ahnte einen Streich des Teufels, und um nicht von ihm in Gegenwart der Engel, die dem Vorgange beiwohnten, besiegt zu werden, schickte er Gabriel zur Verfolgung des Räubers aus. Er ergriff ihn beim Schwanze in dem Augenblick, wo der Flüchtling in einem Dickicht verschwand, und zog aus Leibeskräften. Der Affe, an einen Baum geklammert, leistete Widerstand, so gut, daß in einem gegebenen Moment der Schwanz abriß; er verschwand, und Gabriel hatte nichts Besseres zu tun, als Gott seine Trophäe zu überbringen. Um nicht zurückzubleiben, beseelte der Schöpfer diesen Schwanz in Ermangelung der Adamsrippe; er formte daraus eine Frau, die die Schwächen des Tieres bewahrt hat, von dem sie genommen ist: die Bosheit, die Schadenfreude, die Lüge.


  • Literatur: Revue des trad. pop. IV, 403, Nr. 38.

[120] Man sieht, daß diese Sage wieder in engerem Zusammenhang mit der eingangs erwähnten bulgarischen Urform steht, indem der Teufel als Widersacher des Erzengels erscheint und dieser nach vergeblicher Verfolgung seines Gegners mit dem abgerissenen Affenschwanz zu Gott zurückkehrt.

Eine andere Version berichtet ein deutscher Erzähler, dem Charles Marelle in seinem Buche »Affenschwanz et cetera«, S. 9 [Herrigs Archiv 76, 233] gefolgt ist.


Anfangs hatte Adam einen schönen, langen und biegsamen Affenschwanz. Als nun Gott beschloß, ihm eine Gefährtin zu geben, die Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem Bein wäre, schnitt er Adam jenen Schwanz ab und formte daraus ein hübsches menschliches Wesen, das er ihm als Ersatz für sein Anhängsel darbot. Unglücklicherweise konnte das neue Geschöpf seinen Ursprung nicht verleugnen: sie schäkerte, hüpfte, schlängelte sich um Adam herum und ließ ihm keinen Augenblick Ruhe. Gott sah ein, daß Adam mit einer solchen Gefährtin niemals zu etwas kommen werde. Wenn er ein ernsthafter Mensch werden sollte, so bedurfte er offenbar eines ernsthaften Weibes. Und so schuf er denn ein zweites Weib aus der Rippe Adams. Mit dieser war er zufrieden, und wiewohl er sich sagte, daß er erst beim dritten Male etwas Vollkommenes zustande bringen würde, eine Königin des Himmels und der Erde, so be gnügte er sich vorläufig mit dieser Schöpfung. Die Nachkommen der beiden Even aber bevölkern jetzt die Welt, die guten und anstelligen neben den nichtsnutzigen, die wir noch heute als Affenschwänze bezeichnen. (Verkürzt.)


Der gleiche Witz von Adams Affenschwanz findet sich im Weißrussischen, wo erzählt wird:


Als Gott Adam erschuf, erschuf er ihn mit einem Schwanz. Dann aber überlegte er sich, daß es nicht gut sei, wenn der Mensch gleich allem Getier einen Schwanz habe. Da schickte er über Adam einen Schlaf, schnitt ihm den Schwanz ab und legte ihn neben ihn. Daraus entstand dann das Weib – Eva.


  • Literatur: Federowski, Lud białorusski I, 781.

Auch Thomas Moore hat diese Version gekannt. Ein Gedicht, das er später9 unterdrückt hat, lautet:


They tell us that woman was made of a rib

Just picked from a corner so snug in the side;

But the Rabbins swear to you that this is a fib,

And 'twas not so at all that the sex was supplied.[121]


The old Adam was fashioned, the first of his kind,

With a tail, like a monkey, full yard and a span,

And when nature cut off this appendage behind,

Why, then woman was made of the tail of the man.


If such is the tie between women and men,

The ninny who weds is a pitiful elf,

For he takes to his tail, like an idiot, again,

And makes a most damnable ape of himself.


Yet if we may judge as the fashion prevails,

Every husband remembers the original plan,

And knowing his wife is no more than his tail,

Why, he leaves her behind him as much as he can.


Die Sage vom Teufels-, Hunds- oder Katzenschwanz ist bisher nur beachtet worden von Johannes Bolte, Ztschr. d. Vereins f. Volksk. XI, 255, Anm. 3, Georg Polívka (ebda. XVI, 212)10 und A.L. Stiefel, der in der Nürnberger Festschrift »Hans Sachs-Forschungen«, S. 137 f., eine interessante Hypothese über die Quelle des Hans Sachsischen Gedichtes aufgestellt hat.

Hans Sachs spricht nämlich – wie auch Thomas Moore – von einer rabbinischen Tradition. Der von ihm redend eingeführte Herr will sie »von aim juedischen rabi guet vernummen« haben; »es ste geschriebn in irm Dalmuet«. Nun findet sich aber nach Stiefels Versicherung weder im Talmud noch im jüdischen Sagenschatz die Hundssage; nur im Tractat Erubin, fol. 18 a, (vgl. Berachoth fol. 61 a) wird das in der Genesis (II, 22) gebrauchte Wort für Rippe als »Schwanz« (Verlängerung des Rückgrats) gedeutet. [Hierzu stimmen die drei letzten Versionen.] Und im Bereschit Rabba, Parascha XVIII, Kap. 2, 22 (Giuseppe Levi, Parabeln, Legenden u. Gedanken aus Talmud u. Midrasch, S. 346)11 heißt es, daß Gott bei Erschaffung des Weibes gesagt habe: Ich mag sie nicht aus dem Kopfe erschaffen, damit sie nicht ihren Kopf stolz erhebe, nicht aus dem Auge, damit sie nicht neugierig sei, nicht aus dem Ohre, damit sie nicht horche,[122] nicht aus dem Munde, damit sie nicht geschwätzig sei, nicht aus dem Herzen, damit sie nicht zänkisch werde, nicht aus der Hand, damit sie nicht alles mit der Hand betaste, nicht aus dem Fuße, damit sie nicht herumlaufe; ich will sie aus einer verborgenen Stelle an Adam, und zwar aus einer solchen machen, die er, wiewohl er selbst ganz nackt ist, doch bedeckt hält. Bei jedem Gliede, das er an ihr erschuf, sprach er zu ihr: »Sei ein frommes, bescheidenes Wesen!« Und dennoch finden sich alle jene Fehler an ihr.12

»Man sieht also,« sagt Stiefel, »die Schöpfung Evas bildet im Talmud wiederholt Gegenstand der Erörterung.« Und er vermutet: »Zu Anfang des 16. Jahrhunderts hatte der Reuchlin-Pfefferkornsche Streit über den Talmud eine Reihe von Flugschriften gegen den Talmud hervorgerufen, worin viele Dinge aus dem Talmud in tendenziös entstellter Form und zwar von getauften Juden – ein solcher war Pfefferkorn selber – verbreitet wurden. In einer solchen Flugschrift mag Sachs die Pseudo-Legende gelesen haben.« Es ist dies ja immerhin möglich. Der Ursprung der Tradition selbst ist aber, wie die Entwicklungsreihe der oben angeführten Sagen gezeigt haben wird, anderswo zu suchen. Mit rabbinischen Ansichten hat er nichts zu tun, und nur böswillige Absicht einer aufgeregten Zeit konnte – falls Stiefel recht hat – eine Tendenz gegen die Juden hineinlegen. Wenn andrerseits Bolte in dem angeführten Aufsatz auf die enge Verwandtschaft dieser Tradition mit den Märchen vom Ursprung der bösen Weiber hingewiesen hat, so ist sein Standpunkt insofern völlig richtig, als sich der boshafte Spott bei Hans Sachs und in einigen Varianten ganz unzweideutig gegen die Frauen richtet. Von Anfang an freilich ist die Bosheit weder ausgesprochen, noch hat sie der Sage innegewohnt. Sie enthielt lediglich den dualistischen Gedanken der vom Teufel gestörten Gottesschöpfung und zeigte, wie der Schöpfer sich in der Verlegenheit wohl oder übel helfen mußte. In der Adamssage sahen wir, daß Gott sich mit einem Teufelsstreich abfand, so gut es eben ging: er krempelte den bespieenen Adam um, ohne jedoch die Unreinheit vom Menschen abzuwenden. In der Evasage[123] bleibt ihm nichts weiter übrig, als mit dem vorlieb zu nehmen, was der Teufel zurückgelassen hat. Das Weib wird dadurch eine Schöpfung von recht niederem Wert. Beide Sagen entsprechen also jener Vorstellung, die wir schon oben kennen gelernt haben, daß der Teufel kein ohnmächtiger Gegner des Herrn, ja unter Umständen noch mächtiger ist als er. Wie aber dieser Dualismus vielfach so abgeschwächt wurde, daß der Teufel als unfähiger Nachahmer Gottes, als persona comica gedacht wurde, so hat sich auch an die Stelle der dualistischen Tendenz die satirische gesetzt, aber wohlgemerkt: nur in einigen Varianten. In der rumänischen z.B. wird die Hundswut mit jener Sage in Verbindung gebracht. (Vgl. die Adamssage, wo der Speichel des Teufels die Wildheit des Hundes erzeugt, Strauß, S. 20; oben S. 103.) Auf die satirische Ausgestaltung haben möglicherweise solche Märchen eingewirkt, wie Bolte sie in seiner erschöpfenden Weise behandelt hat. Aber auch unabhängig von ihnen konnte sie sich leicht entwickeln. Ich darf hier auf eine interessante Stelle in dem Rechtsstreit zwischen Mensch und Tier bei Kalonymos (S. 68) hinweisen, wo die Ähnlichkeit des menschlichen Charakters mit dem des Hundes in folgender Weise bemerkt wird:

Die Hunde bewog, die Nachbarschaft der Kinder Adams aufzusuchen und in ihre Häuser und Zimmer zu treten, ihr natürlicher Charakter, die Ähnlichkeit der Eigenschaften, ferner die ihrer Natur eigentümliche Schärfe und Stärke böser Begierden und schlechter Eigenschaften, die sie mit den Adamskindern gemein haben. (Folgt Schilderung derselben.) Alle diese üblen Eigenschaften aber besitzen auch die Menschen, so daß die Hunde in ihnen nach dieser Seite hin ihre eigene Gattung wiederfinden. Die Ähnlichkeit dieser beiderseitigen Eigentümlichkeiten und Naturanlagen bewog nun die Hunde, sich von den Kindern ihrer Gattung, den Raubtieren, zu trennen, mit den Menschen zusammenzuwohnen und ihnen gegen ihre eigenen Stammesgenossen Beistand zu leisten.

Aus ähnlichen Gedanken heraus hat sich der Schluß, wie wir ihn bei Hans Sachs und andern finden, zugespitzt. Und so wurde die dualistische Sage zum satirischen Schwank.

Als Anhang zu diesem Thema seien noch folgende russische Schwänke mitgeteilt:


I.

Einst ging der Herr mit dem hl. Petrus auf Erden herum. Da sagt der hl. Petrus zu Gott: »Herr, du hast gar vielerlei Menschen erschaffen, aber Litwiner gibt es nicht.« Da sagte Gott: »Schaff sie dir!« Da nahm Petrus Weizenmehl, knetete daraus einen Kloß, aus dem Kloß aber machte er einen Menschen und stellte ihn in die Sonne zum Trocknen. Da kam vom Teufel her ein Hund, der fraß den Menschen. Der hl. Petrus blickt sich um – es ist kein Mensch da. Er ergreift den Hund und fängt an, ihn an die Erde zu schlagen. Jedesmal, wenn er ihn an die Erde haut, kommt aus dem Hund ein[124] Litwiner. Er hatte schon gehörig viel herausgeschlagen, als der Herr zu ihm sagte: »Warte mal, genug! Wohin soll man mit ihnen?« – Da sagte Petrus: »Eh, Herr! Sie werden genug Platz haben, sowohl oberhalb wie auch unterhalb der Dessna


  • Literatur: B.D. Grinčenko, Etnogr. Materialy I, 122.

II.

Es ging und ging der Apostel Petrus auf der Erde umher und sah, daß niemand da war, dem er predigen konnte; es waren noch wenig Menschen da. Da machte er sich daran, Menschen zu erschaffen: die Kosaken aus Lehm, die Soldaten aus Weizenmehl. Deshalb wollte er Kosaken und Soldaten schaffen, damit jemand da wäre, der den Christenglauben vor Tataren und Ungläubigen schützen könnte. Die Kosaken stellte Petrus in einer Reihe auf, um sie zu trocknen, die Soldaten ebenso in einer Reihe jenen gegenüber. Wie sie getrocknet waren, begann Petrus an jeden Kosaken heranzutreten und ihn anzublasen, so daß er lebend wurde. Während er mit den Kosaken zu tun hatte, merkte ein Hund, daß es von den Soldaten nach etwas Gebackenem rieche, und begann, an allen Soldaten herumzunagen. Bekanntlich sind ja die Hunde gefräßig. Petrus eilt nun zu den Soldaten – ei, siehe da, das ist schlimm. – »Na warte, du Teufelsglaube (sie)! Ich werde es dir schon beibringen!« Und leise, leise macht er sich von hinten, hinten an den Hund heran. (Er besaß aber einen sehr schönen eisernen Stock.) Da ergriff er den Hund am Schwanz, begann ihn nun mit dem Stock zu bearbeiten, so zu bearbeiten, daß der Hund anfing, Soldaten auszuleeren, und für jeden, welchen er gefressen, gleich zehn oder gar hundert. Deshalb gibt es auch wahrscheinlich an hundertmal mehr Soldaten als Kosaken.


  • Literatur: Ethnograph. Sbornik II, 10–11.

III.

Als Gott die verschiedenen Völker schuf und bereits den Großrussen, den Franzosen, den Tataren, den Nagaizen fertig hatte, sollte auch der Pole geschaffen werden. Aber die Erde reichte nicht zu. Gott machte ihn also aus Teig und legte ihn in die Reihe der übrigen. Als er sich darauf entfernt hatte, kam der Hund gerannt und beschnüffelte einen nach dem andern. So geriet er auch an den Polen und fraß ihn auf. Gott kehrte nun zurück und blies allen die Seele ein, und sie fingen an zu gehen. Nur der Pole fehlte. »Wo ist der Pole?« fragte Gott. – »Der Hund hat ihn gefressen.« Alsbald suchte der Herr den Hund und fand ihn auf einer Brücke [›most‹]. Er schlug ihn dort, und heraus kam Herr von Mostovicki. Er schlug ihn zu Boden [semna], und heraus kam Herr von Semnacki. Er schlug ihn auf den Bauch [brucho], und heraus kam Herr von Bruchovicki. Und sie fingen an zu laufen.


  • Literatur: Dragomanov, Malorussk. predanja S. 194, Nr. 35.

IV.

Als Gott alle möglichen Völker schuf, knetete er den Adligen (Schljachten) aus Teig, den Rutenen aber aus Lehm. Er formte sie und stellte sie in die Sonne zum Trocknen. Als der Hund nun dahin gelaufen kam, rührte er den Rutenen nicht an, denn er war aus Lehm, den Schljachten aus Teig aber fraß er ganz auf. Da hieß Gott den Engel, den Hund an den Ohren zu nehmen und ihn an den Baum zu schlagen. Es schleuderte der Engel den Hund an eine Weide (russ. Werba) – aus dem Hund sprang der Schljachtiz Werbitzky[125] (Von der Weide) heraus; er warf ihn an eine Birke (Berjosa) – heraus sprang Von der Birke (Berjosovsky); er warf ihn an eine Buche (Buk) – es sprang Bukovsky heraus; aus einer Esche (Javor) – Javorsky usw.


  • Literatur: Zbirnyk XII S. 24, Nr. 21, vgl. V, 113, Nr. 3.

V.

Als Gott einen Menschen aus Erde gemacht hatte, bildete der Teufel einen aus Teig. Der Hund aber fraß den Teigmenschen, und der Teufel ward böse und packte ihn beim Schwanze. Vor Angst ließ der Hund einen Wind von sich, und das Teufelsprodukt kam wieder heraus. Die Nachkommen dieses Produktes sind die Bojaren (Aristokraten), vom göttlichen Menschen aber stammen die Mužik (das niedere Volk).


  • Literatur: Aus dem Gouv. Wilna. Etnogr. Obozrěnie VI, 139 f.

VI.

Ein Bulgare nahm einen dicken Baum, um aus demselben zwei Achsen zu machen; als er das Holz ausgearbeitet hatte, nahm er einen Bohrer und fing an zu bohren; in dieser Zeit kamen vom Dorfe Leute zu ihm, um zu sehen, was er machte. Er bohrte mit dem Bohrer in das harte Holz, und das Holz sprach: »Tepnr, Tepn, Tepn, Tecpn!« Die Leute sagten: »Was machst du da? Das Holz spricht ja so wie ein Menschenkopf!« Als er diese Worte hörte, kam ihm an, zu sagen: »Tepn, Tepn ebo Tepn, Tepk, Tepn, ebo Tepk!« Als er so sprach, beendete er das Bohren, und aus dem Holze entstand durch Gottes Segen ein Mensch, welcher sprach: »Tepn, Tepn, da bin ich Tepk!« (= Grieche = dreimal). Als er das ausgesprochen hatte, ging er zum Flusse neben dem Dorfe, setzte sich nieder und verwunderte sich, indem er sprach: »More, was für ein großes Wasser!« Die Dorfleute, die das hörten, gaben ihm dann noch den Namen »Moralia«. Aus dem Holze, welches für einen Wagen bearbeitet wurde, entstanden die Griechen und die Morali. Ja, so sage du, Bruder Marko, den Griechen gelegentlich, sie sollen sich was darauf einbilden, daß ihren ersten Kopf ein Bulgare machte, – den sie an Schlauheit aber übertreffen. Als sich der Kopf des Griechen zeigte, gingen dem Bulgaren die Augen auf; er tat die Holzspäne und Abfälle in ein Faß und rollte sie. Die Dorfleute sagten: »More, was walzest du die Holzspäne und Abfälle? Was willst du aus ihnen machen?« Als er diese Frage hörte, kam es ihm an, zu sprechen: »Vlak, Vlak, das ist ein Vlaf (Walach), Vlak, Vlak, das ist ein Vlaf!« Als er diese Worte ausgesprochen hatte, entstand ein Walache, welcher sprach: »Vlak, Vlak, da bin ich Walach von Holzspänen und Abfallen, Zinzi, Zinzi!« Als die Bulgaren diese Worte hörten, gaben sie ihm den Namen »Zinz«. So wurden auch die Walachen durch die Hände des Bulgaren gemacht und »Vlasi i Zinzari« (Walachen und Zinzaren) getauft, da die Griechen aus dem Holzstamm und die Walachen aus den Holzspänen, Schatten und Abfällen von dem Bulgaren gemacht wurden.


  • Literatur: Strauß, Bulgaren, S. 55 f. = M.K. Cepenkov (Prilep), Sbornik XI.

VII.

Als Gott mit der Zeit alle Völker erschaffen hatte, blieb noch ein ungeformter Lehmhaufen zurück, aus dem ein Slowak hätte geformt werden sollen. Da bat der hl. Petrus, Gott möge ihm erlauben, daß er auch ein Volk erschaffe.[126] Die Bitte wurde ihm gewährt, und er begann nun, den Lehm zu formen und anzubohren, wobei der Bohrer im Lehm den Ton: Rač, Rač, Rač! hören ließ. »Also soll dies Volk Račz (= Raizen) heißen!« rief geärgert der hl. Petrus, und seit dieser Zeit gibt es auch Raizen in der Welt.


  • Literatur: Ethnol. Mitt. aus Ungarn II, 1890–92, S. 8, mitget. von Kálmány.

Variante:


Als Christus und Petrus bei Preßburg an der Donau wandelten, fiel es letzterem auf, daß Gott allerlei Völker habe auf Erden, nur keine Raizen. Christus erlaubt ihm, welche zu schaffen. Er bohrte sich einen aus einem Deutschen, der gerade am Donauufer seine Notdurft verrichtete. (Ebda.)

Fußnoten

1 Möglicherweise liegt hier eine Erinnerung an Lilith, die erste Frau Adams, vor; vgl. hierzu noch eine andere Version bei Čubinskij, ebd. Nr. 5: »Gott erschuf den Menschen aus Weizenmehlteig. Danach stellte er ihn zum Trocknen in die Sonne. Ein Hund nahm ihn und fraß ihn. Daher machte Gott einen Menschen aus Lehm, hauchte ihm eine Engelsseele ein und gab ihm einen Hornkörper, damit er weder verwese noch Kälte zu fürchten brauche. Sodann schickte er ihm einen Schlaf und erschuf währenddem aus Blumen ein Weiblein und legte es neben Adam. Als dieser erwachte und sah, daß das Weib nicht so sei, wie er, sprach er zu Gott: Ich will keine aus Blumen Geschaffene, sondern eine, wie ich bin. Darauf schickte Gott ihm einen noch festeren Schlaf, nahm ihm eine Rippe, machte Eva daraus und legte sie neben Adam. Als dieser erwachte und bemerkte, daß sie ebenso war, wie er, fragte ihn Gott, welches Weib ihm besser gefalle. Adam erwiderte: Besser ist es schon, du lassest mir diese aus meiner Rippe. Gott sagte: Mir scheint, daß die aus Blumen geschaffene besser ist. Ich werde sie meinem Sohne als Mutter geben. Und Gott versetzte sie in den Himmel.« – Im Etnograf. Zbirnyk XII, Nr. 12 heißt es: Die erste Frau Adams wurde in eine Sahlweide (ruth. Eva-iva) verwandelt. Erst in der Verbannung erschuf ihm Gott aus der Rippe die zweite Frau.


2 Krauß führt diesen Satz als neuslowenisches Sprichwort an (ebda.).


3 Eine obscöne Fortsetzung, daß der Mann aus dem Katzenrücken geschaffen sei, kann hier füglich übergangen werden.


4 Fabeln u. Schwänke, hrsg. v. Götze, I, 522, Nr. 182; vgl. II, XVII = Keller, IX, 303.


5 Strauß, 8. 45 = Kálmány, Világunk, S. 23.


6 Leite da Vasconcellos, ebda.


7 Harou, Mélanges, S. 111, sagt freilich nur: On dit qu'Eve ... provient de glaise, de sucre, de vinaigre et d'une queue de chat.


8 In Hermann Schraders »Bilderschmuck der deutschen Sprache« findet sich folgende Sage, die angeblich im Talmud stehen soll: Es jammerte den Schutzengel Adams, daß von der Erde, aus welcher der Stammvater der Menschen gebildet war, noch hie und da Überreste umherlagen, und er bat Gott, solche zu minder edlen Gebilden verwenden zu dürfen. Dies ward ihm gestattet. Er nahm den Ton und bildete zuerst einen Affen. Der aber konnte nicht warten, bis der Schwanz fertig war, und entschlüpfte auf einen Baum. Nun machte der Engel den Hund und gab ihm den bereits fertigen Affenschwanz, der von feinerer Erde war. Daher liegt des Hundes physiognomischer Ausdruck weniger im Gesicht als im Schwanze. Dieser hängt nieder in Traurigkeit, ringelt sich bei dem Gefühl der Kraft, steht straff und steif in der Entrüstung und wedelt bei Freude, Liebe und Schmeichelei. – Diese Geschichte, die auf einer verworrenen Mengung von Hunds- und Affenschwanzsagen beruht und in einem falschen Bericht von der Erschaffung des Hundes (statt des Weibes) gipfelt, steht nach einer brieflichen Mitteilung des vorzüglichen Talmudkenners Wünsche nicht im Talmud.


9 Es steht in der Ausgabe der Works 1826, p. 467 unter der Überschrift: The rabbinical origin of woman. Vgl. Birch, Notes and Queries VI, Ser. IV, 302 (1881).


10 Er führt noch einen mir unzugänglichen Beleg für die Erschaffung aus dem Hundsschwanz an: Zapysky tov. im. Ševčenka 39, Misc. S. 5.


11 Hierzu wäre noch aus Grünbaums »Neuen Beiträgen«, S. 56, anzufügen, daß, weil diese Rippe verborgen ist, deshalb auch die Frau in der Verborgenheit keusch, häuslich und zurückgezogen lebe. Auch aus den syrischen Autoren bringt Grünbaum, S. 58, Belegstellen, worin der Grund angegeben wird, weshalb Gott Eva aus Adams Rippe erschuf, nämlich deshalb nicht aus seinem Kopfe und auch nicht aus der Erde, damit sie sich nicht die Herrschaft über ihn anmaße und damit sie demütig, keusch, schamhaft und züchtig sei, das Gesicht verschleiert und den Kopf verhüllt, wozu die Stelle 1. Kor. 14, 34 angeführt wird. Dasselbe wird – nur etwas ausführlicher – auch im Bienenbuche (ed. Budge), S. 22, gesagt.

Vgl. auch Aug. Wünsche, Die Erschaffung des Weibes nach jüdischer und moslemischer Sage (Wiss. Beil. d. Lpz. Ztg. 1905, Nr. 67 vom 8. Juni). Außer den auf die Rippe bezüglichen rabbinischen Vorstellungen gehören noch andere ihrer Ansichten hierher, namentlich die, daß Adam androgyn erschaffen und dann von Gott zersägt worden sei. Dazu Ztschr. d.D. Morgenl. Ges.. 25, S. 86; Rönsch, Buch der Jubiläen, S. 261.


12 Eine indische Sage, die nicht nur die Fehler, sondern das ganze Naturell des Weibes, seine körperlichen und geistigen Eigenschaften symbolisiert, darf hier als Parallele angeführt werden:

Als der Schöpfer das Weib erschaffen wollte, machte er die Wahrnehmung, daß der zu seiner Verfügung stehende Stoff bei der Schöpfung des Mannes bereits aufgebraucht war. Da nahm er die Windungen der Schlange, das Sichfestklammern der Kletterpflanzen, das Zittern des Grases, die aufrechte Haltung des Schilfrohres, den Samt der Blume, die Leichtigkeit des Blattes, den Blick der Gazelle, die Heiterkeit des Sonnenstrahles, die Tränen der Wolken, die Unbeständigkeit des Windes, die Weichheit der Daunen, die Süße des Honigs, die Grausamkeit des Tigers, die sengende Hitze des Feuers, die erstarrende Wirkung des Eises, das Schwatzen der Elster, mischte alle diese Elemente zusammen und bildete das schöne Weib.

Aug. Wünsche, Die Erschaffung des Weibes nach jüdischer und moslemischer Sage. Wiss. Beil. d. Lpz. Ztg. 1905, Nr. 67 (8. Juni).


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 127.
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