Zur Einführung.

[7] Das Erklärungsbedürfnis ist ein machtvoller Seelentrieb im Menschen. Es forscht nach den Gründen der Erscheinungen und ihren Zusammenhängen, es sucht Antwort auf die tausend Fragen, die ihm von überall her aus Welt und Leben erklingen, es ist jener Trieb, als dessen höchste Steigerung sich Religion und Wissenschaft entwickelt haben.

Auch der Volksgeist hat diesen Forschertrieb. Gleich dem Kinde, das unermüdlich nach dem Warum aller möglichen Dinge fragt, sucht er die Rätsel des Daseins auf, und selbst die rohe Denkart primitiver Stämme begnügt sich nicht damit, die gegebenen Tatsachen einfach als solche hinzunehmen: sie will sehen, was dahinter liegt: Ursachen, Kräfte, Wesen und Kern.

Vor allem ist es die Natur, die das Nachsinnen anregt. Das Volk kennt sie und liebt sie, sein ganzes Innenleben hängt an ihr, und es hat ein feines Beobachtungstalent, das die hervorstechenden Merkmale, namentlich der Tiere und Pflanzen, mit Sicherheit herausfindet. Zwar reicht seine Kenntnis der Natur nur gerade so weit, wie sein Verkehr mit ihr, und abergläubische Scheu, Herzenseinfalt oder Urteilsmangel trüben zuweilen den Blick. Aber andererseits ist die Fülle scharfer, sinniger und liebevoller Naturbeobachtung bewundernswert; es gibt vielerlei Dinge, über deren Art und Aussehen der ungelehrte Mann besser Bescheid weiß als der gelehrte. Von dieser Vertrautheit mit der Natur ist nur ein kleiner Schritt zur Naturerklärung. Nun kann und will aber das ungeübte Denken keine Wissenschaft treiben, keine Begründungen geben, die Gültigkeit hätten, keine Beweise führen. Viel leichter ist eine märchenhafte Ursache gefunden. Sie reizt die künstlerische Fähigkeit des Volkes, und mit warmem Empfinden, gedankenvollem Ernst oder frischem Humor, manchmal freilich mit krausen, ja läppischen Einfällen geht es daran, sich seine eigene Naturdeutung zu gestalten. Und so entstehen die Sagen, in denen der Ursprung oder die Eigenart von Naturtatsachen aus erdichteten Begebenheiten abgeleitet wird. Von ihnen gilt jenes Wort, mit dem die Brüder Grimm eine treffliche Wegweisung zum Verständnis ihrer deutschen Sagen gegeben haben:[8]

»Um alles menschlichen Sinnen Ungewöhnliche, was die Natur eines Landstriches besitzt, oder wessen ihn die Geschichte gemahnt, sammelt sich ein Duft von Sage und Lied, wie sich die Ferne des Himmels blau anläßt und zarter feiner Staub um Obst und Blumen setzt. Aus dem Zusammenleben und Zusammen wohnen mit Felsen, Seen, Trümmern, Bäumen, Pflanzen entspringt bald eine Art Verbindung, die sich auf die Eigentümlichkeit jedes dieser Gegenstände gründet und zu gewissen Stunden ihre Wunder zu vernehmen berechtigt ist.«

Die älteste Naturerklärung, das ist unzweifelhaft, geschah in sinnvollen Mythen, in die des Glaubens ganze Kraft gelegt war. Sie folgten der Naturanbetung. Jedes Volk hat sie auf der Kindheitsstufe ersonnen und innerlich erlebt.

Schon frühzeitig entstanden auch die Sagen, indem die Mannigfaltigkeit der Natur den Menschen zum Sehen und Erkennen anleitete und seinen Schaffensdrang weckte. Und während er nun den beobachtenden Geist und das fühlende Herz denen zuwandte, die ihm unter allen Geschöpfen am nächsten standen, den Tieren, da erwuchs ihm als köstlicher, unvergänglicher Besitz das Tiermärchen. »Das echte Tiermärchen«, das ist auch ein Wort Grimmscher Prägung1, »kennt nur die unschuldige und freie Lust an der Poesie: es will zunächst nur ergötzen und überläßt es seiner inneren Kraft, in dem rechten Augenblick auf das Gemüt des Menschen zu wirken.«

Erst später entsteht auf dem Boden der Sage die Fabel. Beide verbindet eine so enge Verwandtschaft, daß ihre Grenzlinien sehr oft ineinander übergehen und es kaum möglich ist, sie zu scheiden. Zwar heißt es: die Fabel belehrt, das Märchen unterhält. Aber die belehrende Idee fehlt doch auch dem Märchen nicht, und es gibt Fabeln, deren Moral wir durchaus nicht als den ausklingenden Akkord empfinden. Mag sie auch äußerlich hinzugefügt sein, sie tritt hinter den Stoff zurück. In dem Augenblick aber, wo der lehrhafte Charakter verschwindet, ist das Märchen fertig. Diese Wandlung vom Lehrhaften zum Märchenhaften ist nicht selten in der Volksüberlieferung zu beobachten. In der Gunst der Völker hat allezeit die Poesie der beiden älteren Gattungen, des Naturmythus und der Natursage, höher gestanden, als die Didaktik der jüngeren. Und so kommt es, daß gar manche Fabel im Volksmund zur Natursage wurde. Ursprünglich lehrhaft gemeint, diente sie nunmehr vorwiegend zur bloßen Ergötzung, gleich dem Märchen. Somit ist denn eine ganz neue Schicht von Natursagen entstanden, die nichts zu tun hat mit jenen älteren, und wir erhalten das eigentümliche Bild, daß die aus der Sage hervorgegangene[9] Gattung wieder zu dieser zurückkehrt. Zu den Faktoren aber, die die Fabel zur Sage umschaffen, gehört die Deutung des naturgeschichtlichen Ursprungs, die sich häufig an die Stelle der Moral setzt, um so häufiger, je größer die Vorliebe der Völker für solche Ursprungsgeschichten ist.

Doch nicht nur die Fabeln erhalten dadurch ein wesentlich verändertes Aussehen. Auch Märchen, Schwänke und Legenden werden zur poetischen Ausdeutung natürlicher Dinge und Vorgänge benutzt. Es ist psychologisch höchst interessant, zu beobachten, wie naturerklärende Wanderstoffe und Wandermotive fortwährend Anstoß geben zur Neubildung und Umbildung von Traditionen, so daß sich die Sagengeschichte auf diesem Gebiete ungemein bewegt und lebensvoll gestaltet.

Die naturdeutenden Sagen zerfallen demnach in zwei von Grund aus verschiedene Gruppen:

1. Die rein naturdeutenden (ätiologischen) Sagen, d.h. solche, die aus dem Bedürfnis der poetischen Naturerklärung hervorgegangen und lediglich zu diesem Zwecke erfunden sind. Die Erfindung hat in ihrem ganzen Aufbau, vom Anfang bis zum Ende, nichts anderes als das eine Ziel im Auge: das Warum der Naturerscheinung zu beantworten. Diese Sagen sind religiös oder zur Ergötzung bestimmt, ein Ausdruck innigen Naturgefühls.

2. Die willkürlich naturdeutenden (willkürlich ätiologischen) Sagen, d.h. solche, die ursprünglich zu andern Zwecken als dem der poetischen Naturerklärung erfunden und infolge der Vorliebe für die poetische Naturerklärung umgestaltet sind. Die Erfindung hat in ihrem ganzen Aufbau keineswegs die Naturdeutung im Auge, sondern es wird plötzlich – zumeist am Schlüsse – das Thema verlassen und mit oft überraschender Wendung zum naturgeschichtlichen Ursprung übergegangen.

Solche Wendungen ergeben sich bisweilen zwanglos, und es hat einen besonderen Reiz, die ästhetischen Beweggründe aufzudecken, aus denen die Varianten hervorgegangen sind. Oft findet man sinnige oder witzige Einfälle, Erzeugnisse einer Künstlerlaune, die mit dem Stoffe spielt. Oft freilich versucht sich an des Künstlers Stelle der rohe Handwerker, dem es am nötigen Geschmack fehlt, etwas Rechtes zu schaffen.

Soweit es sich nun bei den willkürlich naturdeutenden Sagen um Schlüsse handelt, die auf der Vorliebe für poetische Ursprungsgründe beruhen und nach dem Muster der rein ätiologischen Sagen ersonnen sind, darf man getrost behaupten: ihre Anzahl ist so groß, daß sie zu den formelhaften Schlüssen zu rechnen sind. Es käme sonach zu den fünf Gruppen, die Robert Petzsch aufgewiesen hat, noch eine sechste hinzu.[10]

Sehr reich an willkürlicher Ätiologie sind die biblischen Legenden dieses und des folgenden Bandes. Man wird ganze Seiten finden, in denen die Naturerklärung mit keiner Silbe erwähnt ist; sie enthalten Entwicklungsreihen, die nach Ursprung und In halt nichts mit ihr zu tun haben, – plötzlich tauchen aber Abwandlungen auf, die das unterscheidende Merkmal der Deutung aufweisen, und man staunt, wie unermüdlich die Sage mit diesen phantastischen Füttern arbeitet, mit wie bunter Mannigfaltigkeit sie als Ausputz apokrypher Erzählungen verwendet werden. Mehr noch als die Kultusreligion bedarf die Naturreligion der Ätiologie. Wer jemals die Sagen wilder Völker durchforscht hat, wird wissen, daß einem auf Schritt und Tritt die Deutung begegnet, oft als Rest altmythischer Vorstellung, oft auch als junge Ausschmückung.

Diese naturerklärenden Sagen, die ich der Kürze halber einfach Natursagen nenne, verdienen die besondere Aufmerksamkeit der Wissenschaft.

In erster Linie stellt sich meine Sammlung in den Dienst der Geistesgeschichte der Menschheit, zu deren wichtigsten Abschnitten die Geschichte der Sagen und Märchen gehört. Eine solche ist ebenso erwünscht wie notwendig. Erfreulicherweise ist durch Sammeln und Sichten der Stoffe, durch Erforschen ihrer Herkunft und Verbreitung, durch kritische Einsicht in ihr Wesen schon ein stattliches Stück Arbeit getan, aber mehr noch bleibt der Zukunft vorbehalten. Die Hauptschwierigkeit ist dabei die, daß sich zuverlässige Ergebnisse nur mit Hilfe eines reichen, wenn nicht vollständi gen Materials gewinnen lassen und daß dieses wiederum – weit zerstreut, wie es ist – für jeden einzelnen Stoff jedesmal neuen Aufwand von Zeit und Kraft erfordert. So rückt die Arbeit nur langsam von der Stelle, und der zusammen fassende Überblick wird außerordentlich erschwert. Es schien mir daher ratsam, nicht die Geschichte eines einzelnen Märchens, sondern die einer ganzen Gruppe ins Auge zu fassen. Und da die Natursagen verhältnismäßig übersehbar sind und ein im wesentlichen scharf umgrenztes Gebiet darstellen, so bot sich die Möglichkeit, ein leidlich umfassendes, für die Geschichte und Kritik jedenfalls ausreichendes Material gerade dieser Gruppe zusammenzubringen. Gestützt auf ein solches Material darf man dann versuchen, die Entwicklungsgesetze, denen diese Sagen unterliegen, aufzuspüren und ebenso wie das Wesen, so auch den Ursprung und die Wanderung der Stoffe zu ergründen. Damit würde gewiß auch der vergleichenden Märchenkunde gedient sein. Zwar handelt sich's hier zumeist nicht um Märchen, wohl aber um Volkstraditionen, die diesen sehr nahe stehen und oft sogar gleich sind. Denn sie beruhen auf einer ähnlichen Betätigung der Phantasie, wie die Märchen. Und vollends die Frage der Herkunft und Verbreitung – sie bietet hier wie dort dieselben Aufgaben. Beide Male wird der Nachweis Wechselseitiger[11] Kultureinflüsse unter den Völkern verlangt. Weitreichende Geisteserzeugnisse, wie die indischen Jātakas oder die äsopischen Fabeln, spielen beide Male dieselbe bedeutungsvolle Rolle. Die Hauptfrage, inwieweit Sagenübereinstimmung bei verschiedenen Völkern auf Wanderung der Stoffe oder auf Ähnlichkeit geistiger Funktionen zurückzuführen sei, läßt sich bei den Natursagen leichter lösen als bei den Märchen.

Eins hat die Erforschung der Natursagen vor der Märchenkunde voraus: sie führt noch tiefer als jene in die Völkerpsychologie und Religionsgeschichte hinein. Bildet doch gerade die Naturanschauung, die die Sagen entweder erzeugte oder sich mit ihnen verknüpfte, einen Hauptbestandteil des Denkens und Fühlens der Völker. Weite Perspektiven werden sich von selbst öffnen, wenn man die Tier- und Pflanzensagen und die von Himmel und Erde in Verbindung mit dem Glauben und Kultus betrachtet. Endlich sei auf die lohnende Aufgabe hingewiesen, die sich der ästhetischen Kritik aus der Scheidung des Nationalen vom Internationalen ergibt.

Zunächst indessen ist nur der Grund gelegt, auf dem weitergebaut werden kann. Möchte er künftiger Arbeit wert erachtet werden!

Fußnoten

1 Wilhelm Grimm, Tierfabeln bei den Meistersängern (1855) S. 20 = Kleine Schriften IV, 388.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912.
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