I. Abwendung schlimmer Folgen des Nachahmungsversuches.

a) Umschmelzen im Ofen.

[155] 1. Sizilianisches Märchen.


a) Petrus sucht die Wunderkur des Heilandes nachzumachen. Der Herr hatte zu einem Manne, der ihn bat, seinen altersschwachen Vater gesund zu machen, gesagt: »Stecke ihn in einen heißen Ofen, und dein Vater wird wieder jung wie ein Knabe werden.« Als Petrus später einen traf, der bei dem Herrn Hilfe für seine todkranke alte Mutter suchte, machte er es wie der Meister und sagte: »Stecke deine Mutter in den heißen Ofen, und sie wird gesund werden!« Aber die alte Mutter wurde zur Kohle verbrannt. Glücklicherweise kam der Heiland dazu und[155] befreite Petrus dadurch aus seiner Verlegenheit, daß er die Frau zum Leben zurückrief und in ein junges, schönes Mädchen verwandelte.


  • Literatur: G. Pitrè, Fiabe novelle e racconti pop. sic. 3, 123. Crane p. 186.

b) Ein Maurer, namens Pipetta, der im Spiel alles Geld bis auf zwei Soldi verloren hatte, machte sich auf die Wanderschaft und traf Jesus in der Gestalt eines armen Greises auf dem Wege. Beide kamen in eine Stadt, deren König eine große Belohnung dem versprach, der seinen kranken Sohn wieder gesund machte. Jesus ließ den Ofen heizen und warf den Knaben hinein, daß er zu einer Handvoll Asche verbrannte. Dann nahm er das Häuflein Asche heraus und rief: »Stehe auf!« Die Asche bewegte sich. Als er zum dritten Male gerufen hatte: »Stehe auf!« kam ein sehr schöner, lockiger und gesunder Knabe zum Vorschein. Pipetta versuchte später allein eine solche Heilung; aber sie mißlang. Er sollte vor Gericht gestellt werden und wurde erst durch Jesus, der hinzukam und den Knaben wieder belebte, aus seiner Notlage befreit.


  • Literatur: A. de Gubernatis, Le tradizioni pop. di S. Stefano di Calcinaja 169.

2. Aus Lothringen.


Der Herr kommt mit einem Soldaten zu einer 80 Jahre alten, sehr reichen Witwe. Sie hatte die Hälfte ihres Vermögens dem versprochen, der sie wieder jung machen könnte. Der Herr bietet sich an, sie zu verjüngen, tötet sie, verbrennt dann ihren Leichnam, wickelt die Asche in eine Leinewand und macht damit einmal die Runde um einen Brunnen. Sofort steht die Dame wieder auf ihren Füßen, voller Leben und Gesundheit, und geht, als ob sie fünfzehn Jahre alt wäre. Einer anderen alten Frau erweist der Herr die gleiche Wohltat und erhält dafür dieselbe Belohnung. Später trennen sich die Wanderer, der Soldat setzt seine Reise fort und will auch eine Frau verjüngen; aber sie wird nicht wieder lebendig, und er soll eingesperrt werden. Glücklicherweise erscheint der Herr im richtigen Augenblick und bringt die Frau zum Leben zurück.


  • Literatur: Cosquin, Contes pop. de Lorraine 1, 285.

b) Umschmieden.

3. Inhalt einer mittelenglischen Legende von der junggeglühten Frau, vgl. Kurz1, Jahresber. d. Städt. Realsch. zu Gotha 1908, S. 3.


In Ägypten lebte ein reichbegüterter Schmied, der sehr geschickt in seinem Handwerk war, aber sich auch sehr rühmte wegen seiner Geschicklichkeit. Er nannte sich einen Meister ohnegleichen. Um ihn für seinen Übermut zu strafen, kam eines Tages der Herr Jesus in seine Schmiede und beauftragte ihn, für gute Bezahlung eine Stange aus Stahl zu schmieden, die einen Blinden den richtigen Weg führen könnte. Der Schmied entgegnete: »Ich glaube, du bist von Sinnen. Wenn jemand blind ist, braucht er einen Menschen, der ihn führt. Wie kann eine Stange, die selbst nicht sehen kann, einem Blinden den Weg zeigen?« Unser Herr erwiderte: »Ich kann eine solche Stange machen; ich kann auch alte Leute wieder jung machen.« »Fürwahr,« fiel ihm der Schmied ins Wort, »ich[156] habe eine alte Schwiegermutter, die schon seit mehr als 40 Jahren nicht mehr gehen kann. Wenn du sie jung machen könntest, wäre ich froh.« Der Herr forderte ihn auf, sie zu holen. Der Schmied ging eiligst zu ihr und verkündete ihr, daß sie verjüngt werden sollte. Aber diese hielt ihn für toll und sagte ihm, er solle sie liegen lassen. Ohne sich um ihre Widerrede zu kümmern, trug sie der Schmied in die Werkstätte. Der Herr befahl ihm, ein Feuer zu machen, um sie zu verbrennen. Als sie das hörte, schrie sie laut auf und verwünschte die beiden Männer. Trotz ihres Sträubens legte sie der Schmied auf des Herrn Geheiß in die Esse und blies den Blasebalg, bis sie rotglühend wurde. Bei alledem fühlte sie keinen Schmerz. Als sie ganz verbrannt war, legte sie der Herr auf den Amboß und bearbeitete sie mit dem Hammer. Dann befahl er ihr aufzustehen, und sie sprang auf. Sie war jetzt eine schöne junge Frau, die erst 30 Jahre alt zu sein schien. Ihr Gesicht war lieblich anzusehen, und ihr Körper war so schön und gesund, daß in Ägypten ihresgleichen nicht war. Die Frau dankte dem Herrn und pries seine Kunst. Als der Herr fortgehen wollte, bot ihm der Schmied Geld, wenn er ihn auch seine Kunst lehrte; aber der Herr sprach: »Das kann nicht geschehen. Sei nicht zu kühn, damit du nicht gedemütigt wirst.«

Nachdem der Herr fort war, wollte der Schmied trotzdem diese neue Kunst auch probieren. Er ging, um seine Frau zu holen, die blind war und nicht gehen konnte. Sie wollte nichts davon wissen, verbrannt zu werden, verwünschte ihn und drohte, ihm die Augen auszureißen, wenn er sie anrührte. Als er dennoch Hand an sie legte, stieß sie nach ihm mit den Füßen, würgte ihn an der Kehle, daß er blutete, und schlug nach ihm mit einem Hammer, den sie erwischte. Endlich brachte sie der Schmied trotz ihrer verzweifelten Gegenwehr in das Feuer, legte Kohlen auf und blies die Glut zur hellen Flamme an. Dann nahm er die verkohlte Frau heraus und legte sie auf den Amboß. Aber beim ersten Hammerschlage fielen ihr beide Arme weg. »Vielleicht hat sie nicht genug Hitze gehabt,« sagte er unfroh und tat sie wieder ins Feuer, legte mehr Kohlen auf und blies, daß die Funken stoben. Dann hämmerte er sie auf dem Amboß. »Werde jung, Frau!« rief er, aber nun fielen auch die Beine von ihr. Als er merkte, daß sie tot war und nicht mehr lebendig gemacht werden konnte, war er sehr unglücklich und rannte wie wahnsinnig dem Herrn nach. Bald erreichte er ihn und bat flehentlich um Hilfe. Allein der Herr erwiderte: »Ich habe dir doch gesagt, du sollst dich dieser Kunst enthalten und nicht zu verwegen sein.« Er ließ sich aber doch erweichen, ging zurück, segnete den verkohlten Leichnam und sprach: »Stehe auf!« Da stand die Frau auf, sie war jung und schön und dankte Gott auf den Knien. Der Schmied holte seine Schwiegermutter, und alle drei lobten und priesen Gott. Der Herr warnte ihn wieder und sagte: »In deinem Handwerk sollst du der Meister sein, und keiner, sei er auch noch so geschickt, soll es dir gleichtun; aber gib acht, daß du keine Leute mehr verbrennst.«

Dann ging der Herr fort und tat noch mehr Wunder in verschiedenen Ländern.


4. Aus Rußland.


a) Ein Dämon verwandelt sich, um seinem Herrn, einem Schmiede, für erlittene Mißhandlungen einen Streich zu spielen, in einen Jüngling, tritt als Lehrling bei dem Schmiede ein und macht in Abwesenheit seines Meisters eine vorüberfahrende reiche Dame dadurch jung, daß er sie im Schmiedeofen bis auf die Knochen verbrennt und in einen mit Milch gefüllten Bottich wirft, aus dem drei Minuten später die Frau jung und schön emporsteigt. Sie fährt nach Hause und[157] beredet ihren Mann, sich auch verjüngen zu lassen. Dieser fährt zu dem inzwischen heimgekehrten Schmied und zwingt den ahnungslosen Meister durch Drohungen zur Verjüngungskur. Da der Lehrling nirgends zu finden ist, so läßt sich der Schmied heimlich vom Kutscher sagen, wie es der Lehrling gemacht hat, und beginnt die Kur. Aber nichts kommt aus der Milch zutage, nur die verkohlten Knochen des Herrn findet man darin. Der Schmied wird zum Galgen geführt, aber von dem Dämon befreit, der gegen das Versprechen, nicht mehr mißhandelt zu werden, den Herrn lebend herbeibringt.


  • Literatur: Ralston, Russian Folk Tales 2, 57. Inhaltsangabe von Kurz S. 6.

b) Aus dem Gouvernement Grodno (Weißrussisch).


Es war einmal ein Schmied, dessen Schmiede stand an der Poststraße und nahe dem Kruge. Er hatte viele Gehilfen und sprach zu ihnen: »Stehet früh auf, und was wir herstellen wollen, soll selbst der Teufel nicht fertig kriegen.« Dem Teufel aber war das verdrießlich; er verwandelte sich in einen Menschen und ging zum Schmied. Der brachte ihm einen Sessel herbei und fragte den Teufel: »Was ist dein Anliegen?« Der Teufel erwiderte: »Ich bin gekommen, bei dir Dienst zu nehmen, und möchte mir für den Weg einiges erarbeiten.« Der Schmied sagte zum Teufel: »Arbeite nur, und wenn du es verdienst, so wirst du deine Groschen schon erhalten.« [Der Teufel tritt den Dienst an und leistet mehr als alle andern Gehilfen.] Da brachte einst ein alter Herr [pan, hier wohl gleich »Gutsbesitzer«] eine Arbeit, man stellte ihm einen Sessel hin, er setzte sich und schaute dem Teufel zu, wie der arbeitete. Der Herr sagte: »Jede Arbeit bringt ihr fertig, nur aus einem Alten einen Jungen machen – das könnt ihr nicht.« Der Teufel aber stieß den Schmied in die Seite und sagte: »Doch, es geht.« Da meinte der Herr: »Wer mich zu einem Jungen umarbeiten könnte, dem würde ich die Hälfte meines Vermögens geben.« Und der Herr machte mit dem Schmied einen Vertrag, daß er in einen Jüngling verwandelt werden solle und dann die Hälfte seines Vermögens dafür abgeben werde. Der Teufel nahm einen Hammer, schlug den Herrn auf die Stirn und rief dann die Gehilfen; die packten jenen und legten ihn aufs Feuer, durchglühten ihn ordentlich, hoben ihn auf den Amboß, hämmerten ihn zurecht und putzten ihn mit den Feilen. Der Teufel ergriff den Herrn, warf ihn auf die Erde – und ein junger Herr saß da. Der nahm den Schmied mit sich und gab ihm, obwohl er die Hälfte versprochen hatte, nur ein Viertel seines Vermögens. Als der Schmied zurückgekehrt war, sprach der Teufel: »Gib mir den Lohn für meinen Dienst,« und jener gab ihm einige Groschen, der Teufel aber ging davon. Nicht weit vom ersten Herrn lebte ein anderer. Als der es hörte, daß sie jenen aus einem Alten zu einem Jungen gemacht hatten, fuhr auch er hin.

Nachdem er angelangt war, bat er gar nicht erst: »Verwandelt mich wie jenen Herrn,« sondern sagte gleich: »Jede Arbeit bringt ihr fertig, nur aus einem Alten einen Jungen machen, das könnt ihr nicht.« Da meinte der Schmied: »Aber wir haben den ersten Herrn in einen Jüngling verwandelt.« Der Herr machte mit dem Schmied seinen Vertrag. Der Schmied nahm einen Hammer, erschlug den Herrn und rief seinen Burschen, daß sie ihn ergreifen sollten. Die packten ihn und legten ihn aufs Feuer, da fing der Herr an zu stinken; sie nahmen ihn dann aus dem Feuer heraus – da ging er in Stücke; nun nahmen sie ihn und warfen ihn auf die Erde. Als aber des Herrn Leute kamen und ihn erschlagen sahen, ergriffen sie den Schmied und führten ihn zum Gericht; dort verurteilte man ihn dazu, erschossen zu werden. Nachdem man ihn zum Ort der Hinrichtung geführt hatte,[158] band man ihn an einen Pfahl und ging davon. Der Teufel erblickte den Schmied und sprach: »Wozu bist du hierher gekommen?« Der Schmied antwortete: »Ich bin ins Elend geraten, ich wollte ebenso einen alten Herrn in einen Jungen verarbeiten, brachte es aber nicht zustande.« Da meinte der Teufel: »Warum hast du deinen Arbeitern gesagt, was wir Großes vollbringen wollen, das der Teufel selbst nicht fertig bringt? – aber jetzt, schau, hast du nicht einmal das fertig gebracht, was der Teufel konnte.« Da fing der Schmied an zu bitten: »Erbarme dich meiner, ich will es niemals wieder tun.« Da nahm der Teufel den Schmied, stellte dafür eine Strohpuppe2 hin und ging davon. Und dann kamen sie und schössen und schössen und schössen, aber es war niemand da, der fiel. Sie gingen hin und schauten nach, da war es nur eine Strohpuppe. Der Schmied aber ging heim in seine Schmiede. [Dort wird er nochmals ergriffen und zum Erhängen verurteilt. Der Teufel rettet ihn wiederum auf die gleiche Weise, sagt ihm aber, er solle nie mehr in seine Schmiede zurückkehren. Seither lebt der Schmied herrlich und in Freuden.]


  • Literatur: Šejn, Materialy dlja izučemja byta i jazyka russkago naselenija sěvero-zapadnago kraja 2, 144 (= Sborn. otd. russk. jaz. islov. Imp. Ak. Nauk. T. LVII, St.-Pet. 1893).

c) Variante aus dem Gouvernement Novgorod.


Der Teufel will Rache nehmen an einem Schmied, der in seinem Hause ein Bild des Teufels stehen hat und es im Vorbeigehen anzuspucken pflegt. Er verdingt sich als Schmiedegeselle auf drei Jahre, nach deren Ablauf er schmieden darf, was er will. Am letzten Abend vor diesem Termin übernachtet ein Greis in der Schmiede; den nimmt der Geselle am nächsten Tage und schmiedet ihn jung. Trotz des Verbotes hat der Schmied den Vorgang beobachtet, will an seiner Mutter das gleiche vollbringen und wirft sie ins Feuer. Der Geselle und der Junggeschmiedete laufen durch das Dorf, schreien den Leuten zu, was geschehen ist, und verschwinden. Der Schmied wird in Ketten in die Stadt geführt.


  • Literatur: Živaja Starina 4, 1891, 12.
    Die Teufelsrache für Mißachtung des Bildes ist in Rußland häufig, so bei Afanasjev, Legendy Nr. 31, Etn. Obogr. 4, 1892, 2. u. 3. Buch, S. 72 f., wo ein Maler vom Teufel hineingelegt wird. Der Teufel stiehlt Gold von Heiligenbildern, das beim Maler gefunden wird. Der Schluß erinnert an die vorige Variante. Der Teufel läßt sich für den Maler, der bereut und Genugtuung verspricht, hängen – aber am nächsten Tage findet man am Galgen nur einen Strohwisch.

d) Sage der Imeretier, Südkaukasus.


Einst lebte ein uralter Zar, der jedesmal ausspuckte, wenn er das Wort »Teufel« hörte. Dafür wollten die Teufel sich rächen. Einer von ihnen wird Gesell bei einem Schmied und verpflichtet sich, drei Jahre zu dienen. Nach zwei Jahren kommen zwei hinfällige Greise in die Stadt und fragen die Schmiede, ob nicht einer von ihnen sie in junge Leute verwandeln könne: alle weigern sich, eine solche Arbeit zu übernehmen, nur der Geselle des einen Meisters will sie ausführen, weil er Ähnliches schon bei seinem früheren Brotherrn gelernt habe. Die Greise werden nun ins Feuer geworfen, auf den Ambos gelegt und jung gehämmert. – Das Gerücht von diesem Wunder gelangt zum Zaren. Er befiehlt dem Gesellen auch ihn zu verjüngen, wird von jenem ins Feuer geworfen und verbrennt jämmerlich.


  • Literatur: Sborn. material. dlja opis ... kavk. 13, 2, 27/28.

[159] 4. Aus Iudicarien (Welschtirol).


Christus und Petrus kommen zu einer Schmiede, auf deren Tür die prahlerische Aufschrift steht: Der Meister über alle Meister. Christus beschließt den Übermut zu strafen. Erst verwandelte er Petrus in ein steinaltes Männchen, trat dann mit ihm in die Werkstätte ein und sprach zum Schmied: »Da Ihr Euch Meister über alle Meister nennt, werdet Ihr wohl auch imstande sein, meinen Begleiter jung zu schmieden.« Der Meister erklärte natürlich, daß dies über seine Kunst hinausgehe. »Gut,« sprach der Herr, »dann erlaubt Ihr mir wohl, daß ich es selbst probiere.« Der Meister, den das Jungschmieden interessierte, war damit zufrieden. Der Herr nahm nun den greisen Jünger und warf ihn in die funkensprühende Esse, dann trat er den Blasebalg und schürte fleißig Kohlen zu. Als St. Peter hiervon glührot wie ein Stück Eisen geworden war, legte ihn der Herr auf den Amboß und hämmerte ihn am ganzen Leibe, bis er erkaltet war. Dann warf er ihn auf den Boden und siehe – St. Peter sprang flink auf seine Füße als schmucker, blühender Jüngling. Sodann nahmen sie von dem erstaunten Meister Abschied. Dieser aber dachte: was einer kann, können alle! eilte in die obere Stube und holte seinen fast hundertjährigen Vater aus dem Bette in die Werkstätte. Dort tat er mit ihm, wie Christus vorher mit Petrus getan. Aber der Alte wurde in der Esse nicht glührot, sondern kohlschwarz, und auf dem Amboß zerfiel er unter dem Hammer in tausend kleine Stücke. Der Schmied war in Verzweiflung. Händeringend lief er dem Heiland nach und bat ihn flehentlich, seinen Vater wieder lebendig zu machen. Der Heiland verwies ihm nun seinen Hochmut, dann belebte er den verkohlten Leichnam. Als er wieder zum Hause hinausschritt, war das prahlerische Schild entfernt.


  • Literatur: Hörmann, Zschr. d. Ferdinandeums 1870, S. 226.

5. Aus Italien (Venetien).


Bei einem Schmiede, der sich auf seine Kunst über die Maßen viel einbildet, spricht »unser Herrgott« mit dem hl. Peter vor und bittet um die Erlaubnis, eine kleine Schmiedearbeit zu verrichten. Sie wird ihm gewährt. Er »ergriff eine Zange, packte damit den hl. Petrus(!) und hielt ihn in die Esse, bis er ganz rotglühend war. Hierauf zog er ihn heraus und hämmerte ihn von allen Seiten, und in weniger als zehn Minuten stand der alte Apostel mit seiner Glatze in einen wunderschönen Jüngling mit schönem Haarputz umgeschmiedet da.« [Kaum sind die beiden fortgegangen, so holt der Schmied seinen alten kranken Vater aus dem Bett und steckt ihn trotz seines Bittens und Schreiens in die Feueresse] »brachte aber nichts heraus als ein Stück verkohltes Bein, das beim ersten Hammerschlag zerfiel.« [Erschrocken eilt er den zwei Männern nach, klagt ihnen sein Leid und bittet sie, ihm zu helfen.] Da lächelte unser Herrgott gnädig und sprach: »Gehet getröstet nach Hause, Ihr werdet Euren Vater gesund und lebend, aber wieder als alten Mann finden...« Seit der Zeit war sein Hochmut verschwunden.


  • Literatur: Widter u. Wolf, Jahrbuch f. roman. Lit. 7, 28.

6. Aus Frankreich.


Christus, Petrus und Johannes sind zusammen auf der Wanderschaft. Da sagt der Herr plötzlich zu Petrus: »Du mußt heiraten, Petrus.« »Ich soll heiraten, Herr, so alt ich bin?« »Ja, das mußt du.« »Aber wen soll ich denn zur Frau nehmen.« »Das erste Mädchen, dem wir auf unserm Wege begegnen werden.«[160] »Sei es so, da du es willst.« Nach kurzer Zeit begegnen sie einem häßlichen, schmutzigen Mädchen, einer Meiereimagd, mit Holzschuhen und Kuhschmutz an den Füßen. »Nun, Petrus,« sagt der Herr, als er sie sah, »hier ist deine zukünftige Frau.« Petrus sträubt sich, aber der Herr hält ihm vor, daß er selbst nicht mehr jung und schön sei. Schließlich erlaubt er ihm, das nächste Weib, das ihm begegnen würde, zur Frau zu nehmen. »Das will ich eher,« sagt Petrus, »denn ich meine, es wird schwer halten, Schlimmerem zu begegnen.« Die zweite ist aber noch viel scheußlicher – der Herr erlaubt Petrus, die dritte zu nehmen, aber das ist eine wahrhafte Hexe. »Sieh, Petrus,« sagt der Herr, »das ist deine Frau.« Der arme Petrus seufzt tief, wendet sich ab und sagt kein Wort. »Da du die andern, die vielleicht mehr wert waren, verachtet hast, wirst du nun diese nehmen. Im nächsten Ort werdet ihr heiraten.« So gehen sie weiter, von der Alten begleitet, die trotz ihres Alters und Elends glücklich ist, daß sie nun heiraten soll. Aber Petrus will nicht neben ihr gehen und sie nicht ansehen, und der Herr scherzt mit ihm, er solle doch höflich sein und seiner Frau den Arm geben. Aber Petrus geht traurig hinterher.

Sie kommen nun zu einem Schmied, der ist im Lande weitberühmt, und man wendet sich nicht anders an ihn als mit Anreden wie: großer Schmied, du erster aller Schmiede. Der Herr fragt ihn: »Erlaubst du, Schmied, daß ich auf deinem Amboß einen Stahl härte? Denn ich bin auch ein Schmied.« Der Schmied erwidert nichts darauf, und sein Gehilfe erklärt dem Herrn, wie er sich zu verhalten habe und den Meister anreden solle. Da nahm der Herr den Hut ab und sagte: »Heil Schmied, Meister Schmied, du erster aller Schmiede, würdest du so gut sein und mir erlauben, auf deinem Amboß einen Stahl zu härten?« »Mit Vergnügen, da du jetzt redest, wie es sich gehört,« antwortet der Schmied. Die alte und schwache Mutter des Schmiedes wärmt sich am Feuer, Christus bittet sie, etwas fortzugehen, nimmt Petrus' Braut und wirft sie in den Schmelzofen. »Jesus, was machst du, du Böser,« ruft die alte Mutter erschreckt, als sie dies sieht. »Laß mich nur, Großmutter, beunruhige dich nicht, es wird zum Guten, wie du gleich sehen wirst.« »Nun gut,« denkt Petrus, »so bin ich die alte Hexe los.« Bald zieht der Herr die Alte mit der Zange aus dem Ofen und sagt: »Kommt, nehmt jeder einen Hammer und schlagt gut!« Das tun sie auch alle, und Petrus besonders schlägt herzhaft zu. Der Herr tut sie dreimal ins Feuer und klopft sie danach auf dem Amboß. Dadurch verliert Petrus' Braut ihren Höcker und sonstige Mißgestaltungen und wird zu einem jungen, schönen und anmutigen Mädchen, daß alle Umstehenden ganz verwundert sind. »Nun, Schmied, Meister Schmied, du erster aller Schmiede, kannst du das auch machen?« fragt der Herr. Dieser antwortet nicht und kann sich kaum von seinem Erstaunen erholen. »Nun, wenn du dich auch den Meister und ersten aller Schmiede nennen läßt, so scheint mir, du hast jetzt doch deinen Meister gefunden.« »Möglich, aber wir werden sehen, ich kann nicht glauben, daß es einen Schmied in der Welt gibt, der etwas arbeiten kann in seinem Handwerk, was ich nicht auch machen kann.« Christus, Petrus und Jo hannes gehen nun mit dem hübschen Weibe davon, und Petrus ist sehr glücklich. Kaum sind sie fort, so packt der Schmied seine Mutter und wirft sie ins Feuer. Als er sie aber dann auf den Amboß legt und das Blut unter den Hämmern hervorspritzt, ist er verzweifelt, stürzt den Fremden nach und klagt dem Herrn Jesus sein Unglück. Der Herr stellt sich erstaunt. Der Schmied sei ja doch ein so großer Meister! Endlich läßt er sich aber durch dessen Bitten erweichen und schickt ihn nach Hause, wo er seine Mutter gesund antreffen würde. »Aber ein andermal sei bescheidener[161] und sage nicht, daß du keinen Meister auf der Erde hast.« Und Petrus? Davon sagt die Geschichte nichts, aber er wird wohl geheiratet haben, denn ich habe von Petrus' Sohn gehört, ja es gibt sogar eine hübsche Geschichte über ihn.


  • Literatur: Luzel, Légendes chrétiennes de la Basse-Bretagne I, 1887, 1. Teil, Nr. VII, S. 22–30.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 155-162.
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