I. Der Ursprung von Petrus' Glatze.

[172] In Hans Sachsens Meisterlied vom 12. Dez. 1551: St. Peter auf der Hochzeit (Fab. u. Schw. 5, Nr. 774) wird folgendes erzählt:


Christus ist zu einem Begräbnis gebeten und fragt Petrus, ob er mitkommen wolle; Petrus zieht es vor, auf eine Hochzeit zu gehen, wiewohl der Herr ihn warnt, daß die Bauern auf Hader lauern und ihm Ungemach bereiten. Petrus geht, und Christus hängt ihm heimlich eine Sackpfeife hinten an den Mantel. Als Petrus nun ins Wirtshaus tritt, fordern die Bauern ihn zum Aufspielen auf. Petrus schilt sie, daß sie ihn für einen Sackpfeifer halten. Es kommt zu ernsthaftem Streit, bei dem ihm die Bauern die eigene Sackpfeife am Kopf zerschlagen. Petrus wird

gerawffet so glaczet,

Darumb man in noch glaczet malt.


Diesem Meisterlied stellt sich ein anderes von Seb. Hilprant zur Seite, das am 10. Februar 1552 gedichtet ist (abgedruckt in Boltes Montanus S. 483 ff.).


[Christus warnt Petrus, zur Hochzeit zu gehen, vielmehr soll er ihm zu einem Leichenbegängnis folgen. Aber:]


Er wolt nicht folgen, ging auf die hochzeite.

Der herr dete im ein gute schalckheite,

Das er am mantel druge

Ein sackpfeif hinden dran.

Ins wirtshauß er bald zuge,

In empfing frau und man.

Sie sprachen: Pfeif auf, mach ein danz!

Wir wöllen frölich springen.

Petrus sach sie an zornig gantz,

Marret ob diesen dingen,

Hiß sie voll lauren, narren und vol dropffen.

Bald deten sie im seinen kopff zerklopffen

Mit feusten, und sein hare

Raufftens im auß mit gwalt.

Rupfften in platet gare.

Drum man in glatzet malt.


Dieses Thema, daß die Hochzeit dem Leichenbegängnis vorgezogen wird, ist ursprünglich eine Episode des Märchens von dem, der das Leberlein gefressen hat (vgl. Bolte, zu Montanus' Wegkürzer Kap. 5).

Der Schluß, daß St. Peter kahlköpfig wurde, stammt aus einem andern Schwank. Vgl. Hans Sachsens Meistergesang vom 15. April 1551:


Warumb sant Petter glaczet ist.


[172] Christus und Petrus kommen zu einer Bäuerin, ihr Korn zu dreschen. Sie schlafen in einem Bett. In aller Frühe weckt sie die Frau und packt, als es zweimal vergebens gewesen ist, zuletzt den vorn liegenden Petrus beim Kopf und zaust ihn, worauf sie aufstehen und den ganzen Tag dreschen. Abends legt sich Petrus hinten ins Bett. Am andern Morgen weckt die Frau wieder dreimal, und weil sie nun den hinten liegenden strafen will, rauft sie wiederum Petrus.


Darumb malt man noch ueberal

Sant Petter gar glaczet vnd kal,

Seit die pewrin in also ruepft.


Christus hält dann ein Wachslicht an die Garben, und die Körner schlüpfen aus den Ähren. Die Bäuerin will es nachmachen, und der Stadel zusamt dem Hause brennt ab.


  • Literatur: Fab. u. Schw. 5, Nr. 719; über die Verbreitung des Stoffs siehe Bolte, Kochs Zschr. f. vgl. Littgesch. 7, 453; 11, 69.

Auch in diesen Schwank gehört der Witz von der Entstehung der Glatze, der sich in der Volksüberlieferung selten (z.B. in Welschtirol, Zschr. d. Ferdinandeums 1870, 228) findet, ursprünglich nicht hinein, sondern ist Nachbildung nach dem Schwank von dem Mann mit einem alten und einem jungen Weib; die Alte zupft die grauen, die Junge die schwarzen Haare aus.


Darfan der man zw lecz wart glat vnd kale

Vnd glaczet vber ale.

Da sint herkumen von

Al glaczet kale mon.


  • Literatur: Hans Sachs, Fab. u. Schwänke 3, Nr. 16; Meistergesang vom 6. Jan. 1530 Wan her die kalen mender kumen. Vgl. ebenda 2, Nr. 242 (Spruchgedicht). Quelle: Steinhöwels Äsop Nr. 113 (Oesterley S. 257). Dazu Burkhard Waldis hg. von H. Kurz zu Bd. 3, 83 S. 136 und Oesterley zu Kirchhof, Wendunmut 7, 67 (Bd. 5, S. 165). Jacques de Vitry, Exempla Nr. 201. Etienne de Bourbon 1877, S. 389. Notices et Extraits 28, 424. Landsberg, Proverbes du peuple arabe 1, 217 (1883).

Eine Parallele zu der willkürlichen Benutzung des Motivs von dem Ursprung der Kahlköpfigkeit findet sich in den Niederlanden. Petrus will dem Herrn einen frischgebackenen Kuchen verheimlichen (vgl. oben S. 111) und verbirgt ihn unter dem Hut; der heiße Kuchen brennt ihm die Haare weg, und so wurde St. Peter der erste Kahlkopf. (Mont en Cock, Vlaamsche Vertelsels S. 129.)

Über die legendarische Kahlköpfigkeit von Petrus und Paulus vgl. Samuel Krauß, Das Leben Jesu S. 223: »Nach den katholischen Πράξεις Πέτρου καὶ Παύλου (Lipsius AAG. II, 1, 297) war Paulus kahlköpfig, so daß selbst der Schiffer Dioskoros in Rom für Paulus gehalten und hingerichtet wurde, weil er kahlköpfig war. Von einer calvities des Petrus spricht Hieronymus (Comm. in Gralat. I, 18 t. VII, 394 Vallarsi) nach dem Periodos des Clemens (Lipsius AAA. Proleg. X n. 8). Woher diese Vorstellung? Ich glaube, man wollte damit diese Apostelfürsten dem Propheten Elischa gleichstellen, der einen Kahlkopf hatte (2. Kön. 2, 23). Die[173] christliche Typik konnte sich selbst auf solche Kleinigkeiten verlegen. Man hielt ja Johannes den Täufer und Jesum für Elia, und im Toldoth (dem jüdischen ›Leben Jesu‹) haben wir die Figur Elia-Paulus. Man brauchte nur von Elia zu Elischa abzuschweifen und die Kahlköpfigkeit auch den Elia-Figuren beizulegen. Vielleicht soll gar Petrus Elia, Paulus Elischa sein oder umgekehrt .... In der Tonsur kennt man bekanntlich zwei Arten, die man Tonsur des Apostels Paulus und Tonsur des Apostels Petrus nennt.«

Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 172-174.
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