I. Der Einzug in Jerusalem.

[195] »Da sie nun nahe bei Jerusalem kamen gen Bethphage an den Ölberg, sandte Jesus seiner Jünger zween und sprach zu ihnen: Gehet hin in den Flecken, der vor euch liegt, und bald werdet ihr eine Eselin finden angebunden und ein Füllen bei ihr; löset sie auf und führet sie zu mir. Und so euch jemand etwas wird sagen,[195] so sprechet: der Herr bedarf ihrer; so bald wird er sie euch lassen. Das geschah aber alles, auf daß erfüllt würde, das gesagt ist durch den Propheten, der da spricht: Saget der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen der lastbaren Eselin. Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und brachten die Eselin und das Tüllen und legten ihre Kleider darauf und setzten ihn darauf. Aber viel Volks breitete die Kleider auf den Weg; die andern hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Das Volk aber, das vorging und nachfolgte, schrie und sprach: ›Hosianna dem Sohne Davids; gelobet sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!‹«


  • Literatur: Matth. 21, 1–9; vgl. Marc. 11, 1–10, Luc. 19, 29–38, Joh. 12, 12–15.

Die Poesie dieses Berichtes, der mit dem Jubel Jerusalems einen wundervollen Gegensatz zu der Bitterkeit des Leidens schafft, ist in der Volkssage noch weiter ausgeschmückt worden. Sehr nahe lag es, die bekannte Sage vom Esel als Reittier (oben S. 23 und 94) auch hier wieder zu verwenden, und es entstand folgende Sage:


1. Aus Niedersachsen.


Als der Heiland nach Jerusalem reiten wollte, wandte er sich an das Pferd und fragte es, ob es ihn nach der Stadt tragen wollte. Das Pferd aber war eben mit Fressen beschäftigt und antwortete: »Erst will ich fertig fressen.« Zur Strafe dafür muß es seitdem immer fressen, ohne doch jemals satt zu werden, und wird nur müde. Darauf wandte sich der Heiland an den Esel und fragte, ob er ihn tragen wollte. Der war auch gleich bereit dazu und trug ihn nach Jerusalem.

Als Zeichen des bereitwilligen Gehorsams hat der Heiland dem Esel das Kreuz auf den Rücken gegeben, das immer dunkler gefärbt ist als der übrige Rücken.


  • Literatur: Schambach und Müller, niedersächs. Sagen u. Märchen S. 320.

2. Aus Luxemburg.


Auf einem Esel hielt Jesus seinen feierlichen Einzug in Jerusalem, fünf Tage vor dem Passionsfeste. Der Esel, stolz auf seine Rolle, nahm für sich selbst einen großen Teil der Ehren in Anspruch, die Jesus erwiesen wurden, und bat um eine besondere Gunst, um eine Auszeichnung, welche ihm erlauben würde, das Andenken daran auf künftige Geschlechter zu vererben.

»Unvernünftiges Tier,« sprach Jesus zu ihm, »bitte doch nicht um eine Gunst, die für dich bald zu einer Last werden wird. Du hast bisher nur dem Triumphe des Gottessohnes beigewohnt, aber du wirst nächstens seinen Leiden und Schmerzen beiwohnen, du wirst ihn verhöhnt und geschlagen sehen. Ein unterscheidendes Merkmal wird dich unter den übrigen Tieren kenntlich machen, und du wirst deinerseits verfolgt und verachtet werden bis zum Ende deines Geschlechtes.«

Der Esel war taub gegen diese weisen Worte: er wollte und erhielt, worum er gebeten hatte. Seitdem haben alle Esel auf dem Rücken ein deutliches Kreuz gezeichnet: ein langer grauer Streifen, dunkler als das Haar ihres Körpers, zieht sich über die Mitte des Rückens und wird in der Höhe der Schultern von einem anderen Streifen im rechten Winkel geschnitten.


  • Literatur: Revue des trad. pop. 12, 230.

[196] 3. Aus den Niederlanden.


Die Sage vom Eselskreuz seit dem Einzuge wird bezeugt Ons Volksleven 12, 99.


4. Englische Sagen.


Daß der Esel zur Erinnerung an Christi Einzug in Jerusalem das Kreuz auf dem Rücken trägt, wird bezeugt von Brand-Hazlitt, popular antiquities of Great Britain 3, 310 Nr. 7; Hardwicke's Science Gossip 1867, 177 (aus Yorkshire); Folklore Record 1, 46:


Eine Mutter verweigerte Medizin für ihr fieberkrankes Kind, da sie nur Vertrauen zu dem Mittel hatte, es dreimal unter dem Bauch eines Esels durchzuziehen. Als sie einen Grund für diesen Glauben angeben sollte, sagte sie: »Es ist etwas daran, daß Christus auf einem Esel nach Jerusalem geritten ist, und an dem Kreuz auf dem Rücken des Esels, das vorher nicht da war, aber seit der Zeit immer zu sehen ist.« (Aus Westsussex.)


Ein interessantes Beispiel willkürlicher Variantenbildung erzählt Charlotte Sophia Burne, Shropshire Folklore p. 209 (London 1883):


Ein alter Mann in Edgmond, der einen weißen Esel hatte, behauptete, daß Christus auf einem weißen Esel in Jerusalem eingezogen sei (vgl. Buch der Richter v. 10). Seitdem seien die weißen Esel allein davon ausgenommen, das Kreuz zu tragen.


5. Französische Sagen.


Bezeugt durch: Fréd. Pluquet, contes pop ... de Bayeux p. 37; Desaivre, croyances, présages ... p. 23; Rolland, Faune pop. 4, 250:

Der Esel hat oft Christus tragen dürfen, auch bei seinem Einzug in Jerusalem. Aus Dankbarkeit hat Jesus ihm das Zeichen des Kreuzes auf den Rücken gegeben.

»In ganz Frankreich bekannt«.


6. Variante aus Ungarn.


Die zwei rötlichen Streifen auf des Esels Rücken rühren vom Blute Christi her, den sie blutend auf den Esel setzten.


  • Literatur: Arany-Gyulai, Magy. Nepköltési Gyüjtemény 1, 509 = Revue des trad. pop. 7, 484.

Auch das Streuen der Palmen wird mit naturdeutendem Zusatz erzählt.


1. Von der Stechpalme sagt man in Zürich: Als Christus in Jerusalem einzog, streute man ihm Palmen auf den Weg. Als man aber ›kreuzige!‹ rief, wuchsen der Palme, von der man damals die Zweige abgeschnitten, Dornen, und es entstand die Stechpalme. Wie der ewige Jude fort und fort wandern muß, ohne zu rasten, so muß die Stechpalme Winter und Sommer grünen.


  • Literatur: Wolfs Zeitschr. f. deutsche Myth. 4, 174 = Perger, Pflanzensagen 255.

2. Von der Zwülinden (= Seidelbast) heißt es in Steiermark, sie hätte eine besondere Kraft, weil dem Heiland, als er seinen feierlichen Einzug in Jerusalem hielt, Palmen aus Zwülinden gestreut wurden, er also selbst darüber gewandelt ist.


  • Literatur: Baumgarten 1, 155.

[197] Christliche Umbildung altgermanischen Glaubens. Über die Stechpalme als Teufelspflanze s. Natursagen 1, 171 (Donars blitzsichere Pflanze? vgl. u.S. 203). Der giftige Seidelbast, ahd. ziolinta, war des Kriegsgottes Zio heilige Pflanze; siehe Grimms Myth.4 S. 165 mit Nachtr., Söhns4 S. 20, vgl. auch Natursagen 1, 200. Eine andere Sage unten S. 208.

Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 195-198.
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